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<i-public> Das Themenmagazin zur Online-Kommunikation



Buchbesprechung "The Cluetrain Manifesto"



The Cluetrain Manifesto : The End of Business As Usual, David Weinberger, Rick Levine, Christopher Locke, Doc Searls, US-Preisempfehlung*: $23.00 Preis (amazon.de): DM 48,02, Gebundene Ausgabe - 190 Seiten (Februar 2000) Perseus Books; ISBN: 0738202444

Vor wenigen Tagen in einem Seminar. Der Referent stellt das Cluetrain Manifest zur Diskussion. Spontaner Kommentar aus der Runde: "Ich kenn' nur das Kommunistische Manifest". Und damit lag der Zwischenrufer nicht ganz daneben. Denn die Thesen der vier amerikanischen Marketing-Spezialisten haben etwas vom Pathos und Anspruch seines historischen Vorläufers. Nicht genug damit, dass der Aufruf an die Völker der Erde geht, propagiert wird auch das Paradies unbegrenzter Kommunikation. Unternehmen sollten die Trennung von internem Austausch zwischen Mitarbeitern und der externen Kommunikation mit Kunden, Partner oder gleich der ganzen "Öffentlichkeit" freigeben.

Weiterführende Links zum Thema

Das Original
http://www.cluetrain.com

Die Thesen auf Deutsch in unterschiedlicher Übersetzung Artikel über das Manifest

Probleme, Schwierigkeiten, Wünsche und Anregung von Verbrauchern sollten in aller Transparenz und Klarheit vor aller Öffentlichkeit "mit menschlicher Sprache" diskutiert werden. Weg mit der Marketing- und Werbesprache ist deswegen eine zentrale Forderung. Denn diese sei in Worthülsen und Unwahrhaftigkeit erstarrt und werde von der neuen Gesellschaft der New Economy abgelehnt. Nur Unternehmen, die mehr als Geldverdienen im Sinn hätten, könnten künftig noch Kunden gewinnen. Die Autoren schwärmen von einer Welt, in der Firmen partnerschaftlich mit ihren Kunden umgehen.

Wer nun glaubt, dass das Manifest sich darüber hinaus kritisch mit Kapitalismus und Internet auseinandersetzt, täuscht sich. Man kann sogar zum Schluß kommen, dass hier eine noch ausgefeiltere Form von Kapitalismus vertreten wird. Es geht nicht mehr nur darum, Waren oder Dienstleistungen zu handeln, sondern jeder einzelne wird quasi zum (unbezahlten) Mitarbeiter der Unternehmen mit denen er in Kontakt steht.

In den USA wie auch in Deutschland ist die Publikation auf ein enormes Echo gestossen. Und die Listen derer, die sich positiv über das Manifest äußern, lesen sich wie ein Who-is-Who der amerikanischen Wirtschaft. So gesehen werden die Thesen einen Einfluß auf die Kommunikation der Konzerne und Unternehmen haben. Wie er aussehen wird, läßt sich zur Zeit nur erahnen. Jedenfalls werden die Internet-Präsenzen sicher mehr Austausch zulassen. Shell macht es bereits vor (http://www.shell.com).

Ob deswegen für Kunden und Internetnutzer nun wirklich goldene Zeiten anbrechen, kann trotzdem bezweifelt werden. Denn noch ist die Angst groß, Kritik und Probleme öffentlich zu diskutieren. Andererseits stimmt natürlich die These des Manifests, dass man die eigenen Kunden doch besser mit ihrer Meinung auf die eigenen Seiten holt, als sie an "unkontrollierbaren" Stellen diskutieren zu lassen. Die sogenannten Meinungsportale wie zum Beispiel www.ciao.com stellen so gesehen durchaus eine Herausforderung dar.

Welche Bedeutung das Manifest für Kirche hat, ist sicher eine spannende Diskussion, die bisher noch nicht begonnen wurde. Denn viele Forderungen kann Kirche, gerade auch die evangelische, problemlos anerkennen. Allein die teilweise Auflösung von Hierarchien wird die Kirche vor die eine oder andere Schwierigkeit stellen. Wie sagt das Manifest? Diese Entwicklung ist unaufhaltsam, besser man antizipiert sie und gerät damit nicht in noch größere Probleme.

Markus Eisele