17. Oktober 2011
Zum Tod von Dölf Rindlisbacher (23.4.1919-7.10.2011)
Nachruf von INTERFILM-Präsident Hans Hodel
hh. In der Kirche Spiegel-Bern hat am 17. Oktober eine grosse Trauergemeinde Abschied genommen von Dölf Rindlisbacher, der im 93. Lebensjahr verstorben ist und als erster Filmbeauftragter der deutschsprachigen Kirchen der Schweiz mit seinen pionierhaften Initiativen in die Geschichte der protestantischen Medienarbeit der Schweiz eingehen wird. Aufgewachsen im ländlichen Emmental hat er schon früh Interesse am Film gezeigt und sein während des zweiten Weltkrieges absolviertes Theologiestudium in Bern mit Auslandaufenthalten und psychologischen Studien in England und Amerika ergänzt. Er war danach Gemeindepfarrer in Wengen und Bern, wo er u.a. auch am Gymnasium Kirchenfeld unterrichtete. Als 1966 von der Film- und Radiokommission der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschen Schweiz nach langen Debatten die Stelle eines Filmbeauftragten beschlossen wurde, war Dölf Rindlisbacher die geeignete Person für die Übernahme dieser Funktion. Es war vor allem seine in der Jugendarbeit und im Unterricht am Gymnasium erworbene Fähigkeit zum analysierenden und vertiefenden Filmgespräch, welche die damalige Wahlbehörde von ihm überzeugte.
Die Arbeit an der "Basis" ist Dölf Rindlisbacher seit seinem 1967 erfolgten Amtsantritt bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 wichtig geblieben. Der Film sollte in der vielgestaltigen kirchlichen Arbeit (incl. Gottesdienst) vor allem als Mittel zur Verkündigung seine Bedeutung bekommen und erhalten: Wie ist er gestaltet, was ist seine Aussage, wie kann er gedeutet, verstanden und eingesetzt werden? Dazu hat er für kirchliche Mitarbeiter in Heimstätten, Gemeindehäusern und an der Universität zahlreiche Kurse und Visionierungsveranstaltungen, sog. "Filmmessen", durchgeführt. Wichtig war dabei der kontinuierliche und erfolgreiche Ausbau des Angebots von anregenden Kurz- und Spielfilmen im 16mm-Format im Verleih ZOOM, die er sowohl im Ausland wie in der Schweiz (zum Teil im direkten Kontakt mit den Filmemachern) beschaffte. Dazu gehörten u.a. Perlen wie "Charles mort ou vif" von Alain Tanner, "Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner" von Kurt Gloor, "Das zweite Erwachen der Christa Klages" von Margarethe von Trotta und viele andere. Unter den Kurzfilmen gab es nicht wenige, die bei den Verleihkunden über Jahre hinweg als richtige Hits galten. Dabei war die Herausgabe der Verleihkataloge Film-Kirche-Welt, die in Zusammenarbeit mit dem katholischen Verleih Selecta-Film erfolgte, ein unentbehrliches Werbe- und Informationsmittel. In diesem Zusammenhang entsprach der Aufbau einer Film- und Mediendokumentationsstelle, die von den zuständigen DokumentalistInnen immer stärker zu einem Auskunfts- und Beratungsinstrument entwickelt wurde, einer weitsichtigen Strategie.
Dölf Rindlisbacher publizierte in "film und radio" und im "ZOOM-Filmberater" Tagungs- und Festivalberichte, Filmkritiken und Arbeitshilfen zu den angebotenen Filmen, und er bildete Mitarbeiter aus, die in der Lage waren, Filmbeschreibungen und Praxisberichte zu verfassen. In diesem Zusammenhang erschien von ihm im Reinhardt Verlag Basel "Filmarbeit – praktisch" mit einer Einführung in filmkundliche Grundbegriffe, Grundlagen für das Filmgespräch und entsprechenden Modellen.
Im Inland war seine Fachkompetenz u.a. als Vertreter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) in der Eidgenössischen Filmkommission (EFK) und in der Jury für Qualitätsprämien gefragt und fand grosse Anerkennung bei den Filmschaffenden. International engagierte er sich im Leitungsausschuss von WACC Europa, der Weltvereinigung für Christliche Kommunikation, vor allem aber bei der Internationalen kirchlichen Filmorganisation INTERFILM, für die er u.a. 1978 in Bern eine internationale Tagung zum Thema des sozialkritischen Films durchführte. Natürlich war er mehrfach auch Mitglied kirchlicher Festivaljurys (nicht selten als deren Präsident) und initiierte 1973 am Filmfestival Locarno zusammen mit seinem katholischen Partner Ambros Eichenberger und dem damaligen Festivaldirektor Moritz de Hadeln die Einrichtung der ersten Ökumenischen Jury, die 2012 auf ihr 40jähriges Bestehen zurückblicken wird.
Auch wenn er nach seiner Pensionierung für einige Jahre wieder aushilfsweise ins Pfarramt zurückkehrte, so blieb er durch zahlreiche lebendige Erinnerungen zeitlebens verbunden mit seinem prägenden Engagement als Filmbeauftragter, einem besonderen kirchlichen Amt, das er "mit Leib und Seele" ausübte, wie ihm anlässlich seiner Verabschiedung attestiert wurde. Mit besonderem Stolz blickte er u.a. nicht nur gerne zurück auf die Zeit, als er Franz Schnyder, den Regisseur der Gotthelf-Verfilmungen theologisch beraten konnte, sondern vor allem auch auf die Zusammenarbeit mit Peter von Gunten, mit dem zusammen er den an zahlreiche Fernsehanstalten verkauften Film "Der vierte König" produzieren konnte, ein nach der Legende von Edzard Schaper verfilmtes Schattenspiel.
Mit dem Tod von Dölf Rindlisbacher verliert INTERFILM ein Ehrenmitglied, das in seiner Geschichte einen wichtigen Platz behalten wird.
10. September 2011
1. INTERFILM-Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs vergeben
Jury zeichnet brasilianischen Orizzonti-Beitrag "Girimunho" aus
Die erste INTERFILM-Jury beim Internationalen Filmfestival in Venedig – Elisabetta Ribet, Italien, Susanne W. Yngvesson, Schweden, und Karsten Visarius, Deutschland (Präsident) – hat den INTERFILM-Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs an den brasilianischen Film "Girimunho" (Swirl/Der Luftwirbel) von Helvécio Marins Jr. und Clarissa Campolina vergeben. Der Film wurde in der Festival-Sektion "Orizzonti" uraufgeführt.

Der Film erzählt von der 81jährigen Bastu, die in einem kleinen brasilianischen Dorf lebt und sich mit dem Tod ihres Mannes auseinandersetzen muss.
Durch ihre Persönlichkeit, die Weisheit, Humor, Sensibilität und Eigenwilligkeit verbindet, findet sie zu einer Haltung, die Leben und Tod, Individualität und soziale Verbundenheit umfasst.
In einem nuancierten Spiel von Licht und Schatten, Musik und Geräuschen entwickelt der Film eine befreiende Perspektive, in der religiöse Bräuche und Glaubensformen als elementare Dimensionen des Lebens erkennbar werden.
Links:
Festivalinformationen zum Film
Pressekonferenz zum Film auf YouTube
19. August 2011
Neue INTERFILM-Jury in Venedig
Filmpreis zur Förderung des interreligiösen Dialogs
Beim 68. Filmfestival Venedig vom 31.8.-10.9.2011, der Mostra internazionale d’arte cinematografica, wird eine Jury der Internationalen Kirchlichen Filmorganisation INTERFILM erstmals einen Preis zur Förderung des interreligiösen Dialogs verleihen. Der Preis soll Filme unterstützen, die Verständigung, Respekt, Sympathie und Frieden zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschichte und Glaubens stärken. „Angesichts wachsender Spannungen und tief verwurzelter Vorurteile zwischen religiösen Gruppierungen in unterschiedlichen Regionen unserer Welt will INTERFILM mit dem Preis ein positives Zeichen setzen: für unsere gemeinsam geteilten Hoffnungen und Ängste, für die Anerkennung des Anderen als unseren Nachbarn und für das Vertrauen auf die Kraft der künstlerischen Phantasie, Misstrauen und Feindschaft zu überwinden“, heißt es in der Präambel der Preisstatuten. Mit der neuen INTERFILM-Jury folgt die kirchliche Filmorganisation ihrer Zielsetzung, Kino und Kirche, Kulturen und Religionen zu vernetzen.
Die Jury 2011 hat drei Mitglieder: Elisabetta Ribet (Italien), Susanne Wigorts Yngvessen (Schweden) und Karsten Visarius (Deutschland). Elisabetta Ribet ist Pastorin in Venedig, war Mitarbeiterin des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und sammelte multikulturelle Erfahrungen in verschiedenen Zusammhängen. Susanne W. Yngvessen lehrt Ethik, Menschenrechte und Systematische Theologie in Stockholm und hat außerdem Kurse zu Theologie und Film durchgeführt. Karsten Visarius ist Filmjournalist, Executive Director von INTERFILM und Leiter des Filmkulturellen Zentrums der EKD in Frankfurt/Main.
In den vergangenen Jahren hat INTERFILM beim Filmfestival in Venedig eine Reihe von Diskussionsforen veranstaltet, die sich mit dem Filmschaffen Chinas, des Iran und Russlands beschäftigten. In diesem Jahr ist eine Veranstaltung zum aktuellen arabischen Kino geplant. Kooperationspartner dieses Forums sind wie in den Jahren zuvor die katholische Fondazione Ente dello Spettacolo und die Associazone protestante del cinema Roberto Sbaffi.
27. Juni 2011
Ehrenpreis der Interfilm-Akademie für israelisch-palästinensischen Künstler
Filmfest München 2011: Juliano Mer-Khamis posthum ausgezeichnet
Von Pfr. Eckart Bruchner, Interfilm-Akademie
Im Rahmen des Münchner Filmfestes verleiht die Interfilm-Akademie am 2. Juli 2011 den im Zusammenhang mit der Tschernobyl-Katastrophe 1986 etablierten One Future-Preis zum 25. Mal. Bei dieser Gelegenheit ehrt sie posthum den israelisch/palästinensischen Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter Juliano Mer-Khamis für sein Lebenswerk.
Im Zeichen der Grenzüberschreitungen stand das Leben von Juliano Mer-Khamis, Sohn einer jüdisch-israelischen Mutter und eines christlich-palästinensischen Vaters. Als Schauspieler, Regisseur und Theatermacher erlangte er internationale Anerkennung, die er unermüdlich für sein Freedom Theatre in Jenin (Palästina) nutzte. Die Idee des Theaters für Jugendliche geht auf seine Mutter zurück, die während der 1. Intifada das "Theater der Steine" gründete, um traumatisierte Jugendlichen im Flüchtlingslager von Jenin eine Perspektive zu bieten.
In seinem Film "Arnas Kinder"(2003) zeigt Juliano Mer-Khamis, was aus den jungen Schauspielern von damals geworden ist, nachdem das Theater während der 2. Intifada zerstört worden war. 2006 setzte er das Werk seiner Mutter fort und gründete das "Freedom Theatre" in Jenin zusammen mit israelischen und palästinensischen Aktivisten. Das Freedom Theatre ist ein Gemeinschaftstheater, das Kindern und Jugendlichen ermöglicht, ihr Talent und Selbstvertrauen zu entwickeln.
2008 wurde eine Schauspielschule eröffnet. Neben einem großangelegten Filmprojekt und weiteren Gastvorträgen war 2011 auch der Umzug in ein größeres Gebäude geplant. Das Theaterprojekt "Frühlingserwachen" von Frank Wedekind war im Entstehen. Vom Freedom Theatre sollte eine künstlerische und politische Bewegung ausgehen, die gegen die Zwänge der Besatzung ebenso die Stimme erheben sollte wie gegen die Diskriminierung von Frauen und Kindern.
Als ehemaliges Mitglied der israelischen Fallschirm-Brigade und nun Friedensaktivist bekannte er: "Ich bin zu 100 Prozent Palästinenser und zu 100 Prozent Jude". Als Pendler zwischen Haifa und Jenin durch Checkpoints, Mauer und Stacheldraht wurde er am 4. April dieses Jahres vor dem Eingang des Freedom Theatre von Unbekannten erschossen.
Die Interfilm-Akademie ist ein instititutionelles Mitglied von INTERFILM.
Informationen zum One Future-Preis 2011 finden Sie hier.
16. November 2010
Filmfestivals - Ein Archipel glücklicher Inseln?
Ökumenischer Empfang beim 59. Filmfestival Mannheim-Heidelberg
(Mannheim, 16.11.2010/vis) Wie seit Jahren üblich, hatten die Kirchen auch beim 59. Filmfestival Mannheim-Heidelberg zum Ökumenischen Empfang eingeladen. Karl Jung, Dekan der katholischen Kirche, begrüßte die Gäste im Katholischen Stadthaus am Markt. Das Motto des Festivals, „Zeit für Geschichten“, nutzte er zum Brückenschlag zwischen den „Erzählgemeinschaften“ Kino und Kirche: wie die Bibel biete auch das Kino eine Fülle von Geschichten, die sich mit den Erfahrungen und Problemen des menschlichen Lebens beschäftigten. Ein weniger harmonisches Bild des Verhältnisses von Kirche und Kino zeichnete im Anschluss Karsten Visarius, Leiter des Filmkulturellen Zentrums der EKD und Executive Director von INTERFILM. Die kirchlichen Preisträger der vergangenen Jahre seien so gut wie nie in deutschen Kinos gezeigt worden, so seine Beobachtung. Das Kinopublikum sei anscheinend nicht bereit, sich mit Filmen auseinanderzusetzen, die die Nöte der Menschen in der heutigen Welt nicht verleugnen wollten. Festivals kämen ihm vor wie ein Archipel glücklicher Inseln, auf denen welthaltige Filme noch eine Heimstatt fänden.
Diese Vermutung stieß auf entschiedenen Widerspruch von Festivaldirektor Michael Kötz, der spontan zum Mikrofon griff. Der Zuspruch des Publikums zu den Filmen des Festivals belege im Gegenteil, dass die Zuschauer durchaus auch für anspruchsvolle Themen zu gewinnen seien. Einig waren sich beide Redner allerdings in der Kritik an den Strukturen eines Kinomarktes, auf dem Festivalfilme nur selten eine Chance erhalten. Die Ökumenische Jury, die von der Jurypräsidentin Marisa Villareale vorgestellt wurde, kann sich von den Erfolgsaussichten der Filme des Mannheimer Wettbewerbs nicht beeinflussen lassen. Sie orientiert sich an den Jurykriterien, die für den Ökumenischen Filmpreis künstlerisches Können, ethische und soziale Bedeutsamkeit und eine Haltung verlangen, die sich an der Botschaft des Evangeliums messen lassen muss. Für Gesprächsstoff bei dem vom evangelischen Dekan Günter Eitenmüller eröffneten Buffet war danach gesorgt.
Den Text der Rede von Karsten Visarius als PDF finden Sie hier.

Festivaldirektor Michael Kötz beim Ökumenischen Empfang mit Stadtdekan Karl Jung (rechts; Foto: © Norbert Bach)
11. Oktober 2010
Carlos A. Valle wird Ehrenmitglied von WACC
(WACC/vis) Carlos A. Valle, INTERFILM-Präsident 1980-1986, ist für seine Verdienste um die christliche Medienarbeit zum Ehrenmitglied von WACC (World Association for Christian Communication) ernannt worden.
Carlos Valle ist ein methodistischer Pfarrer aus Argentinien. Er lehrte als Dozent in Buenos Aires an der ökumenischen Evangelischen Hochschule für theologische Studien ISIDET und veranstaltete dort Kurse über Medienkommunikation, insbesondere Film und Theologie.
Von 1986-2001 war Carlos Valle Generalsekretär von WACC und organisierte 1989 den ersten WACC-Kongress in Manila auf den Philippinen. Nach seiner Pensionierung kehrte er nach Buenos Aires zurück und betreute dort als Kaplan die Studenten der ISIDET. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und publiziert weiter zu Fragen aus dem Bereich Medien und Kommunikation.
INTERFILM hat Carlos Valle bereits 2004 zum Ehrenmitglied ernannt. Zum 50jährigen INTERFILM-Jubiläum 2005 schrieb er: “Der Film hat menschliche Erfahrungen weiter verbreitet als man zu träumen wagte, und die Theologie sollte davon lernen. Er hat gewiss falsche Hoffnungen geweckt und irreale Welten geschaffen, aber er ermöglichte auch die Teilnahme an zahlreichen menschlichen Welten. Menschen konnten jetzt sehen, wie sie wirklich waren, und wie sie zu sein wünschten. (...) Der Film hat Fragen eröffnet und uns den Menschen in seinem Glanz und seinem Elend gezeigt.“
INTERFILM gratuliert Carlos Valle zu seiner Ehrung.
 Carlos A. Valle (blauer Mantel, Mitte) im Kreis von INTERFILM-Mitgliedern auf dem INTERFILM-Seminar in Örebro (2000)
18. September 2010
INTERFILM in Venedig 2010: Russische Filme der Gegenwart
3. Ökumenische Filmveranstaltung der Mostra del Cinema
Unter dem Titel „Russian Cinema Today – Dreams and Reality“ fand bei der Mostra Internationale d’Arte Cinematografica 2010 am Lido von Venedig zum 3. Mal eine ökumenische Filmveranstaltung statt. In einem Vortrag stellte der international renommierte Filmkritiker und Filmhistoriker Andrej Plachov das gegenwärtige russische Filmschaffen vor. Zur Veranstaltung eingeladen hatten INTERFILM, ihre italienische Mitgliedsorganisation Associazione protestante del Cinema Roberto Sbaffi und die italienische katholische Filmorganisation Fondazione Ente dello Spettacolo, die dafür auch ihre Festivalräumlichkeiten im Hotel Excelsior zur Verfügung stellte.
In einem Grußwort würdigte Festivaldirektor Marco Müller die Erneuerung des russischen Films durch junge Regisseure und Autoren, die ihren sichtbarsten Ausdruck durch den Goldenen Löwen für Andrej Zvjagincevs Film „Die Rückkehr“ (Vosvraschtschenie) in Venedig 2003 gefunden hat. Seitdem, so Müller, ist die Mostra del cinema das wichtigste Schaufenster des russischen Films geworden und hat damit die Berlinale abgelöst, die diese Funktion in früheren Jahrzehnten wahrgenommen hatte. Für seine Verdienste um den russischen Film war Marco Müller im Sommer 2010 mit dem „Orden Družby“ (Orden der Freundschaft) des russischen Staates ausgezeichnet worden. Der aktuelle Festivaljahrgang zeigte mit „Stumme Seelen“ (Silent Souls/Ovsjanki) von Aleksej Fedorcenko wiederum einen russischen Wettbewerbsbeitrag, der den Preis der Internationalen Filmkritik und eine Lobende Erwähnung der SIGNIS-Jury gewann. Der Regisseur war als Gast zur kirchlichen Veranstaltung gekommen und fand sich spontan bereit, auf dem Podium nach Plachovs Vortrag den Fragen des Publikums Rede und Antwort zu stehen.
 Festivalleiter Marco Müller und Karsten Visarius, Executive Director von INTERFILM © Gianna Urizio
Auch Plachov würdigte Zvagincevs „Rückkehr“ (der auch den von INTERFILM vergebenen Templeton-Filmpreis 2004 erhalten hatte) als Ausgangspunkt der jüngsten „Renaissance“ der russischen Filmkunst. Nach der Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit und einer von Mainstream-Produktionen nach amerikanischem Muster beherrschten ökonomischen Rekonstruktion der russischen Filmindustrie stellt diese Renaissance, so Plachov, eine dritte Entwicklungsphase des russischen Films nach der Perestrojka dar, die an kulturelle Muster der Zeit vor der Oktoberrevolution anknüpft und damit auch religiöse und spirituelle Traditionen wiederbelebt. Pavel Lungins „Die Insel“ (Ostrov), der von einem schuldbeladenen, reuevollen und Vergebung suchenden Mönch in einem Kloster im Norden Russlands erzählt, ist das populärste Beispiel für eine solche Wiederbelebung. Auch die zahlreichen Ökumenischen Filmpreise für russische Produktionen im letzten Jahrzehnt zeugen von der künstlerischen Produktivität des russischen Filmschaffens (s.u.).
Aleksej Feorchenko und Andrej Plachov © Gianna Urizio
Im Anschluss an Plachovs Vortrag fand eine Diskussion mit den Gästen der Veranstaltung statt, unter denen Karsten Visarius, Executive Director von INTERFILM, die Verantwortliche für russische Filme der Mostra, Aliona Shumakova, und die Programmdirektorin des Internationalen Filmfestivals „Kinotavr“ in Sotschi, Sitora Alieva, ausdrücklich begrüßte. Mit einem von der Fondazione Ente dello Spettacolo gereichten Imbiss endete das ökumenische Treffen.
Den Festivalbericht von Heike Kühn finden Sie hier.
Einladung zur Veranstaltung (englisch): 
Vortrag von Andre Plachov (Zusammenfassung, englisch): 
Ökumenische Filmpreise für russische Filme seit 2000:
Kak ja provel etim letom (How I Ended This Summer), Pavel Popogrebsky, Russland 2010 (Lobende Erwähnung Yerevan 2010) Drugoje Nebo (Another Sky), Dmitrij Mamulja, Russland 2010 (Ökumenischer Filmpreis Karlovy Vary 2010) Buben Baraban, Aleksej Misgirev, Russland 2009 (Ökumenischer Filmpreis Cottbus 2009) Volchok (Wolfy), Vasilij Sigaryev, Russland 2009 (Lobende Erwähnung Kiev 2009) Yuriev Den' (Der Tag in Yuriev), Kirill Serebrennikov, Russland/Deutschland 2008 (Lobende Erwähnung Locarno 2008) Dikoe polje (Wild Field), Michail Kalatosischwili, Russland 2008 (Ökumenischer Filmpreis Cottbus 2008) Tulpan (Tulip/Tulpe), von Sergej Dwortsewoj, Deutschland/Schweiz/Kasachstan/Russland/Polen 2008 (Lobende Erwähnung Cottbus 2008) Puteschestwije s domaschnimi schivotnymi (Travelling With Pets), Vera Storoschewa, Russland 2007 (Ökumenischer Filmpreis Cottbus 2007) Prostye Vešci (Simple Things), Alexej Popogrebsky, Russland 2006 (Ökumenischer Filmpreis Karlovy Vary 2007) Civil Status, Alina Rudnitskaya, Russland 2005 (Lobende Erwähnung Oberhausen 2006) Parnikovyj Effekt (Greenhouse Effect), Valery Akhadov, Russland 2005 (Ökumenischer Filmpreis Zlin 2006) Babusja (Grandmother), Lidia Bobrova, Russland/Frankreich 2003 (Ökumenischer Filmpreis Karlovy Vary 2003) Cistyj Cetverg (Clean Thursday), Aleksandr Rastorgujev, Russland 2003 (Ökumenischer Filmpreis Leipzig 2003) Vosvrašcenie (The Return), Andrej Svjagincev, Russland 2003 (Ökumenischer Filmpreis Cottbus 2003/Europäischer John Templeton Filmpreis 2003) Suka (Bitch), Igor Voloshin, Russland 2001 (Ökumenischer Filmpreis Oberhausen 2002) Sidet’ v škafu (To Sit in a Wardrobe), Tatjana Detkina, Russland 2001 (Lobende Erwähnung Oberhausen 2002) Sestry (Sisters), Sergej Bodrov, Russland 2001 (Ökumenischer Filmpreis Cottbus 2001)
20. Juli 2010
Karin Achtelstetter als Generalsekretärin von WACC berufen
(WACC/epd/vis) Die deutsche Pfarrerin Karin Achtelstetter ist als neue Generalsekretärin des Weltverbandes für christliche Kommunikation (WACC) berufen worden. Achtelstetter hat umfangreiche internationale Erfahrung im Bereich kirchlicher Kommunikation und Medienarbeit. Gegenwärtig ist sie Direktorin und Pressechefin des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Genf. Davor koordinierte sie die Medienarbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK).
Achtelstetter, die vier Sprachen fließend spricht, hat in Erlangen Theologie studiert und ist ordinierte Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Sie wird ihr Amt in Toronto am 1. November antreten. Sie ist damit Nachfolgerin von Randy Naylor, der nach 10 Jahren an der Spitze von WACC Pfarrer der Parkwoods United Church in Toronto wird.
WACC setzt sich ein für offene, partizipatorische und wahrheitsgemäße Kommunikation und und einen gerechten Medienzugang. INTERFILM ist Mitglied des Weltverbandes und wird seinerseits durch WACC unterstützt.
# mehr zu Karin Achtelstetters Berufung (englisch)
# mehr zu Randy Naylors Abschied von WACC (englisch)
15. Juli 2010
41. INTERFILM-Generalversammlung in Kopenhagen
Hans Hodel als Präsident wiedergewählt
(vis) Die 41. INTERFILM-Generalversammlung trat am 12. Juni 2010 in Kopenhagen zusammen. Sie findet gemäß den Statuten alle drei Jahre statt und wählt dabei den Präsidenten und den Leitenden Ausschuss (Steering Committee), der zwölf Personen umfasst (den Präsidenten eingeschlossen). Den Wahlen voraus ging ein Bericht des amtierenden Präsidenten, Pfarrer Hans Hodel aus der Schweiz, über die Arbeit des Präsidiums und des Leitenden Ausschusses in der vergangenen Amtsperiode, sowie ein Bericht des Executive Directors, Karsten Visarius, über die Zukunftsplanung von INTERFILM.
Der Bericht Hans Hodels verdeutlichte den beeindruckenden Umfang der INTERFILM-Arbeit, erstaunlich vor allem deshalb, weil INTERFILM ohne festangestellte Mitarbeiter auskommen muss. INTERFILM betreut gegenwärtig 18 Jurys bei internationalen Filmfestivals, davon 14 ökumenische Jurys (in Kooperation mit SIGNIS), 3 INTERFILM-Jurys und eine interreligiöse Jury. Darüber hinaus veranstaltete INTERFILM Seminare und Workshops, unterhält eine eigene Website und publiziert die Mitglieder-Zeitschrift INTERFILM Info. Diese Arbeit wird ermöglicht durch das Engagement der Mitglieder des Präsidiums und des Steering Committees, durch die Kooperation mit den Festivals und durch die Partnerschaft mit SIGNIS (Katholische Weltorganisation für Kommunikation), WACC (World Association for Christiian Communication), der KEK (Konferenz der Europäischen Kirchen), und nicht zuletzt durch die Unterstützung der INTERFILM-Mitgliedschaft selbst. Für ihre unentbehrlichen materiellen Zuwendungen dankte der Präsident insbesondere der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt/M und den Reformierten Medien in Zürich.
Im Anschluss erläuterte Karsten Visarius, hauptamtlich Filmreferent im Kulturbüro der EKD, den strukturellen Hintergrund von INTERFILM und die Herausforderungen, denen sich die Organisation ausgesetzt sieht. Nach seiner Einschätzung wird INTERFILM in absehbarer Zeit einen Teil der bisher ehrenamtlich geleisteten Arbeit und der kirchlichen Zuwendungen durch eigene finanzielle Mittel ersetzen müssen. Daraus folgt, dass INTERFILM ein aktives Fundraising aufbauen muss.
In den abschließenden Wahlen folgte die Generalversammlung dem Vorschlag des Präsidiums und des Steering Committees und bestätigte Hans Hodel in seinem Amt als Präsident für weitere drei Jahre. Als Mitglieder des Steering Committee wurden neu gewählt Mikael Larsson (Schweden), Philip Lee (Kanada) und Jolyon Mitchell (Großbritannien).
Nach der Generalversammlung trat das neue Steering Committee zu seiner ersten Sitzung zusammen und wählte dabei die weiteren Präsidiumsmitglieder. Es bestätigte Denyse Muller (Frankreich) und Werner Schneider-Quindeau (Deutschland) als Vizepräsidenten sowie Karsten Visarius als Executive Director. Als Vizepräsident neu gewählt wurde Philip Lee, stellvertretender Programmdirektor von WACC und Redakteur der WACC-Zeitschrift „Media Development“. Er ersetzt Andrew Johnston (Kanada), der sein Amt zurückgegeben hatte.
Die Teilnehmer der Generalversammlung waren am vorausgehenden Tag Gäste bei der Verleihung des "Gabriel", des Filmpreises der dänischen Kirche. Sie fand in Nyborg im Rahmen der jährlichen Landesversammlung der kirchlichen Gemeinderäte in Nyborg statt. Der Gewinner war der Film "Superbror" (Superbrother) von Birger Larsen (Dänemark 2009). Der Preis wird seit 2003 an Filme aus Skandinavien verliehen.
15. Juli 2010
DOGMA and Beyond
Bericht vom INTERFILM-Seminar in Kopenhagen. Von Karsten Visarius
Anlässlich seiner 41. Generalversammlung veranstaltete INTERFILM in Zusammenarbeit mit Jes Nysten, Mitglied des Leitungsausschusses, und Bo Torp Pedersen, Präsident ihrer dänischen Partnerorganisation „Kirke og Film“, vom 10.-13. Juni 2010 ein Seminar unter dem Titel „Dogma and Beyond“. Die Veranstaltung wurde vom Dänischen Filminstitut, der Christian P. Hansen und Frau-Stiftung sowie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) unterstützt. Ihr Thema bezieht sich auf das von vier dänischen Regisseuren – Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kristian Levring und Sören Kragh-Jacobsen, den „Dogma-Brüdern“ – lancierte Manifest „Dogma 95“, das anlässlich des 100. Geburtstags des Films 1995 zehn Regeln für eine Erneuerung der Filmkunst formulierte.
Produktionen, die diesen auch als „Keuschheitsgelübde“ (Vow of Chastity) bezeichneten Regeln folgten, erhielten eine Urkunde, die auch in ihrem Vorspann dokumentiert wurde. Sie verlangen u.a. den Verzicht auf Spezialeffekte, künstliches Licht und Waffengewalt, die Verwendung einer Handkamera und die Arbeit an Originalschauplätzen. Nach der Einladung der beiden ersten Dogma-Filme, „Das Fest“ von Thomas Vinterberg und „Idioten“ von Lars von Trier, zum Festival von Cannes 1998 fand Dogma 95 breite Beachtung in der Filmöffentlichkeit und wurde dort kontrovers diskutiert. Im Jahr 2002 wurde das Dogma-Sekretariat, das die Urkunden ausstellte, geschlossen. Über die Anzahl der Dogma-Filme kursieren unterschiedliche Zahlen. Eine im Internet publizierte Liste, die auf Selbstanmeldungen beruht, nennt 254 Titel, darunter auch offenkundige Blindgänger; bis zur Schließung des Sekretariats waren offiziell 31 Filme registriert worden. Die Impulse der Dogma-Bewegung reichen jedoch über dieses Korpus hinaus.
Einleitend stellte die dänische Filmkritikerin Liselotte Michelsen die Dogma-Bewegung vor. Sie stützte sich dabei auf Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm „The Purified“ von Jesper Jargil (De lutrede, Dänemark 2002), der deutlich die zweideutig-ironische Haltung der „Dogma“-Protagonisten belegt, nicht zuletzt in ihrem Spiel mit religiösen Begriffen und Rhetoriken. Michelsen betonte vor allem zwei Impulse des Konzepts: eine Befreiung der Kamera von der Dominanz der Technik und die Befreiung der Schauspieler von starren Drehbuchvorgaben. Die „Entfesselung“ der (meist digitalen) Handkamera stieß jedoch auch auf Kritik, weil sie den Anspruch auf visuelle Gestaltung, auf die Ausdruckskraft der Bildkomposition preisgibt – mit der Folge, dass sich eine ermüdende Schwemme von verwackelten oder verissenen Filmsequenzen im internationalen, „Dogma“-geadelten Autorenfilm ausbreitete, so der Vorwurf.
Im Rückblick erscheint das Dogma-Manifest vor allem als ein erfolgreiches Marketing-Konzept für mehr oder weniger anspruchsvolle Autorenfilme im Low-Budget-Bereich, als ein Akt der Selbstbehauptung gegenüber der immer stärkeren Konzentration auf das amerikanische Blockbuster-Kino. Dafür stehen auch die 1992 von Lars von Trier und Peter Aalbæk Jensen gegründeten Zentropa-Studios, die, beginnend mit „Idioten“, eine Reihe von Dogma-Filmen produzierten. Peter Aalbæk selbst stellte den Seminarteilnehmern das auf dezentralisierten Produktionseinheiten beruhende Konzept des Unternehmens vor, und Ib Tardini, der mit „Italienisch für Anfänger“ den erfolgreichsten Dogma-Film produzierte, führte über das Studiogelände. Zentropa ist inzwischen die größte unabhängige Filmproduktionsfirma Skandinaviens und hat in mehreren europäischen Ländern Produktionsbüros eröffnet. So wurde u.a. Hans-Christian Schmids „Sturm“ von Zentropa koproduziert.
Eher indirekte Wirkungen der Dogma-Bewegung sah Mikael Larsson, Theologe und Kulturbeauftragter der Schwedischen Kirche, auf Filmemacher in Schweden. In den Filmen von Lukas Moodysson („Fucking Amål“) und Roy Andersson („Songs from the Second Floor“), den beiden profiliertesten Autoren des schwedischen Kinos, spürte er einer vergleichbaren Gesellschaftskritik und ästhetischen Radikalität nach, die sie zu einer Erforschung von Grenzerfahrungen des modernen Subjekts führt. Die Ähnlichkeiten. so Larsson, lassen sich weniger stilistisch, also in einer Anlehnung an die Dogma-Regeln, als in der künstlerischen Selbstdefinition erkennen. (Der Vortrag - in englischer Sprache - findet sich in der Rubkrik "Forum", bitte hier klicken.)
Abschließend stellte Jey Nysten, Pfarrer und Filmkritiker aus Dänemark, den Versuch einer Gesamtbewertung der Dogma-Bewegung zur Diskussion. Er schlug dabei noch einmal den Bogen zu Jesper Jargils Dogma-Dokumentation, an deren Ende Lars von Trier feststellt, der wahre Dogma-Film sei noch gar nicht gedreht worden. Aus dieser Bemerkung, wie so oft bei von Trier eine Mischung von Anmaßung, Ironie und Provokation, entwickelte Nysten ein anspruchsvolles Werkideal, das er als ständigen Antrieb mindestens der künstlerischen Arbeit von Triers versteht. Wie sein Leitstern Carl Theodor Dreyer, vor dessen in den Zentropa-Studios aufbewahrter Teetasse sich die Mitarbeiter abgedrehter Filme früher zu einer Art Filmtaufe versammelten, scheint auch von Trier seine bisherigen Schöpfungen nur als Vorarbeiten zu einem imaginären Hauptwerk zu betrachten. Bei Dreyer war es ein Christus-Film, den er jahrzehntelang vorbereitete und nie vollendete. Lars von Triers nächster Film, so verriet er den Seminarteilnehmern bei einer zufälligen Begegnung in der Zentropa-Kantine, wird den Titel „Melancholia“ tragen.
29. April 2010
Ökumenische Filmpreise bei „achtung berlin – new berlin film award“ 2010
(vis) Beim Festival achtung berlin – new berlin film award (14.-21. April 2010), das Filmschaffenden aus Berlin und Umgebung gewidmet ist, hat eine Ökumenische Jury zum dritten Mal Preise vergeben. Die vier Jurymitglieder verteilten das Preisgeld von 1000.- € auf zwei Filme: „Erklär mir die Liebe“ von Florian Eigner und „Unbelehrbar“ von Anke Hentschel. Die Juryentscheidung basiert auf einem vorab ausgewählten Kontingent der insgesamt 70 Festivalbeiträge aus den Sparten Kurz-, Dokumentar- und Spielfilm. Ein Bericht des Jurymitglieds Johanna Friese über das Festival und die Juryentscheidung findet sich hier.
21. April 2010
INTERFILM-Seminar und Generalversammlung in Kopenhagen
(vis) Vom 10.-13. Juni 2010 veranstaltet INTERFILM in Zusammenarbeit mit seiner dänischen Mitgliedsorganisation Kirke og film ein Seminar in Kopenhagen, das sich den DOGMA-Filmen und ihrer Nachwirkung widmen wird. Im Rahmen des Seminars findet auch die Mitgliederversammlung von INTERFILM statt.
Das Thema des Seminars trägt dem genius loci Rechnung. 1995 veröffentlichten vier dänische Regisseure unter dem Titel „Dogma 95“ ein Manifest, das die Rückkehr zu einer authentischen Form des künstlerischen Ausdrucks im Film forderte. Das Manifest stellte 10 Regeln für die Produktion von Filmen auf, deren Einhaltung durch eine Urkunde im Filmvorspann bestätigt wurde. Diese Regeln verlangen u.a. den Verzicht auf Spezialeffekte, künstliches Licht und Waffengewalt und schreiben die Verwendung einer Handkamera und die Arbeit an Originalschauplätzen vor. Auf dieser Grundlage entstanden Filme wie „Das Fest“ von Tomas Vinterberg, „Idioten“ von Lars von Trier und „Mifune“ von Sören Kragh-Jacobsen. Die Askese, die das Manifest fordert, wurde von den Autoren auch als „Keuschheitsgelübde“ bezeichnet. Damit ist eine religiöse Dimension der Dogma-Ästhetik angedeutet, die sich mit kulturellen Strömungen im skandinavischen Protestantismus in Verbindung setzen lässt.
Dogma 95 ist eng verknüpft mit den Zentropa-Studios in der Nähe von Kopenhagen, deren Besichtigung Teil des Seminarprogramms ist. Außerdem werden die Teilnehmer Gast der Verleihung des Filmpreises der dänischen Kirchen, des „Gabriel“ sein.
Im Anschluss an das Seminar steht die Mitgliederversammlung von INTERFILM, die alle drei Jahre einberufen wird und den INTERFILM-Präsidenten und das Leitungskommittee von INTERFILM wählt. Hans Hodel, der derzeitige Präsident, wird sich noch einmal zur Wahl stellen. Die Mitgliederversammlung wird auch die zukünftige Arbeit von INTERFILM diskutieren.
22. März 2010
1. Kirchliches Filmfestival Recklinghausen
(vis) Mit der Premiere des Dokumentarfilms „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“ von Hajo Schomerus wurde am Freitag, den 19. März, das 1. Kirchliche Filmfestival Recklinghausen eröffnet. Das auf Initiative des Ökumenischen Arbeitskreises Kirche&Kino des Evangelischen Kirchenkreises und des Katholischen Kreisdekanats in Kooperation mit dem Institut für Kino und Filmkultur (IKF) veranstaltete Festival zeigte bis zum Sonntag 11 Spiel- und Dokumentarfilme zu Themen wie Menschlichkeit, Mitleiden, Ethik, Gerechtigkeit und Solidarität.
Im Anschluss an die Vorstellungen fanden Gespräche mit geladenen Gästen, darunter die Regisseure Hajo Schomerus, Zoltan Spirandelli („Vaya con Dios“), Sönke Worthmann („Die Päpstin“) und Feo Aladag („Die Fremde“) statt.
Feo Aladag erhielt für „Die Fremde“ einen mit 2.000.- € von der Stiftung „Protestantismus, Bildung und Kultur“ des Evangelischen Erwachsenenbil-dungswerks Westfalen-Lippe dotier-ten Filmpreis, den sie in Gegenwart ihrer Hauptdarstellerin Sybel Kekilli entgegennahm. Der Film setzt sich mit dem Thema Ehrenmord aus-einander und will, so die Regisseurin, Menschen unterschiedlicher kulturel-ler Prägung ermöglichen, aufeinander zuzugehen. Außerdem verlieh das Festival einen Kinderfilmpreis an „Vorstadtkrokodile“ von Christian Ditter.
Im Rahmen einer Diskussion über Atom Egoyans Film „Adora-tion“ (Simons Geheimnis), Preisträger der Ökumenischen Jury in Cannes 2008, stellten Felicitas Kleiner, Redakteurin der Zeitschrift „film-dienst“, und Karsten Visarius, Execu-tive Director von INTERFILM, auch Ansätze und Kriterien der kirchlichen Filmarbeit vor.
Der Ökumenische Arbeitskreis Kirche&Kino bietet dem Recklinghausener Filmpublikum seit mehreren Jahren Filmvorführungen mit Gelegenheit zur Diskussion an. Das von verschiedenen Seiten geförderte Festival fand bei den Filminteressierten der Stadt großen Zuspruch. Weitere Informationen: www.kirchliches-filmfestival.de.
Foto: Statt Oscar ein Ölbäumchen - Feo Aladag, Rüdiger Sareika (Stiftung "Protestantismus, Bildung und Kultur") und Sybel Kekilli (v.l.n.r.) bei der Preisverleihung
14. Februar 2010
Ökumenischer Empfang der Berlinale 2010: Sonderpreis an Prof. Dr. Thomas Koebner
Aus Anlass der 60. Berlinale hat die Ökumenische Jury im Rahmen des ökumenische Empfangs einen Sonderpreis vergeben. Der von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit 3000.- € dotierte Preis wurde Professor Dr. Thomas Koebner „für seine Verdienste um die Wahrnehmung und Anerkennung des Films als Kunstform“ verliehen. Koebner war bis 2007 Professor am Institut für Filmwissenschaft und Mediendramaturgie der Universität Mainz und Gründer des Instituts. Er lehrte davor in München, Köln, Wuppertal und Marburg. 1972-73 war er Filmbeauftragter im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1989-1992 Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) Berlin.
Koebner, so heißt es in der Begründung für die Auszeichnung, habe in außergewöhnlicher Weise das Verständnis für den Rang des Films und die Leistung von Filmkünstlern erschlossen und zur Etablierung des Films als Forschungsgegenstand in Deutschland maßgeblich beigetragen. Durch seine zahlreichen Publikationen habe er einem breiten Publikum den ästhetischen Reichtum des Films vermittelt. „Die kirchliche Filmarbeit ist dem hermeneutischen Ingenium von Prof. Koebner in tiefem Respekt und herzlicher Dankbarkeit verbunden,“ so die Kirchen.
Der Empfang wurde mit Grußworten von der Kulturbeauftragten der EKD, Pfarrerin Dr. Petra Bahr, des Vorsitzenden der Publizistischen Kommission der Deutschen Bschofskonferenz, Bischof Dr.Gebhard Fürst, und vom Programm-Manager der Berlinale, Thomas Hailer, eröffnet. Die Laudatio auf den Sonderpreisträger hielt Hans Helmut Prinzler, ehemaliger Direktor der Stiftung Deutsche Kinemathek und des Filmmuseums Berlin. Der Preis wurde Prof. Koebner vom Präsidenten der Ökumenischen Jury, Pfarrer Werner Schneider-Quindeau, überreicht.
Grußwort Petra Bahr | Preisbegründung | Laudatio Hans Helmut Prinzler
 Karsten Visarius, Leiter des Filmkulturellen Zentrums der EKD, gratuliert Prof. Dr. Thomas Koebner zur Verleihung des Sonderpreises
13. Februar 2010
Robin Gurney zum Ehrenmitglied von INTERFILM ernannt
hh/13.02.10 – Das Präsidium von INTERFILM hat Robin Gurney, dem früheren Informationsverantwortlichen der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), in Würdigung seiner Verdienste um die Anerkennung und Vertiefung der ökumenischen Präsenz von INTERFILM die Ehrenmitgliedschaft von INTERFILM verliehen. Die Ehrung fand am 13. Februar 2010 anlässlich einer Sitzung des Leitungsausschusses von INTERFILM statt, die im Rahmen der Berlinale durchgeführt wurde,
Der Journalist Robin Gurney, Engländer und Methodist, dessen Lebensziele der internationalen Gemeinschaft und dem Dienst von Kirche und Gesellschaft gelten, begann seine berufliche Tätigkeit in den 60er Jahren mit der Gestaltung von Radioprogrammen in Argentinien. Danach arbeitete er als PR-Beamter bei den Vereinten Nationen und für die Evangelische Methodistenkirche, später für die kirchliche Missionsgesellschaft in London. Ab 1977 war er für den Ökumenischen Rat der Kirchen (OeRK) in Genf tätig, zunächst für die Kommunikations-abteilung, dann für die zwischen-kirchliche Hilfe (CICARWS) und für Internationale Angelegenheiten. In dieser Zeit produzierte er 1983 auch den Dokumentarfilm „Sanctuary – Sie fliehen in die Fremde“ (Regie und Buch: James Becket), der lange Zeit u.a. auch in den kirchlichen Verleih-stellen Europas verfügbar war.
Nach vierjähriger Tätigkeit als Mediensekretär der kirchlichen Mis-sionsgesellschaft in London kam Robin Gurney 1990 in den Stab der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Genf, wo er die Kommunikationsarbeit weiter entwickelt hat. 1992 hat er das Informationsbulletin der KEK, den „Monitor“, geschaffen und in Zusammenarbeit mit OeRK, LWB und RWB 1994 den Ökumenischen Nachrichtendienst ENI initiiert. Ein Jahr vorher hat er INTERFILM mit der KEK vernetzt, und in der Folge wurde er Mitglied des Leitungsausschusses von INTERFILM.
Analog zum „Templeton Writing Prize“ für Journalisten regte er im Rahmen seiner vielseitigen Kontakte den „Europäischen Templeton Filmpreis“ an, über dessen erstmalige Vergabe an den Film „De Verstekeling“/Der blinde Passgier (The Stowaway) von Ben Van Lieshout er in Monitor Nr. 22 vom März 1998 berichten konnte. Weit über seine 2001 erfolgte Pensionierung im Jahre 2001 hinaus war Robin Gurney bis 2006 während zehn Jahren Mentor und Mitglied der aus drei Mitgliedern bestehenden Jury für den renommierten Filmpreis. Das gleiche galt auch für den von 2005-2007 am Festival „Visions du Réel“ in Nyon im Sinne eines Projekts etablierten Spezialpreis für Dokumentarfilme der Templetonstiftung, der von einer neu eingerichteten interreligiösen Jury vergeben wurde. Obwohl die Weiterführung der beiden Projekte von der Templetonstiftung nach einer immer erfolgreicheren Entwicklung abgelehnt wurde, bleibt Robin Gurney INTERFILM auch im Ruhestand weiterhin beratend verbunden.
10. Februar 2010
In memoriam Ron Holloway (1933-2009)
 Ron Holloway und seine Frau, Dorothea Moritz-Holloway (Foto: © Hans Hodel)
Der Filmhistoriker und Filmkritiker Ronald Holloway ist tot. 1933 im Staat Illinois/USA geboren, lebte er seit 1968 in Europa, zuerst in Paris, dann Hamburg, schließlich mit seiner Frau, der Schauspielerin Dorothea Moritz-Holloway, in Berlin. Mit ihr gemeinsam gab er seit 1979 das Journal „KINO German Film“ heraus, das neben einer kontinuierlichen Chronik des deutschen Films einen Überblick über das jeweils aktuelle Festivalgeschehen bot – nicht nur von Berlin, Cannes oder Venedig, sondern auch von vielen weniger populären, für die Wahrnehmung von Filmkünstlern dennoch unentbehrlichen Orten der Filmkultur. Ohne institutionelle Unterstützung publiziert und von Ron und Dorothea auf Festivals unentgeltlich verteilt, bleibt es ein außerordentliches Zeugnis filmpublizistischer Hingabe. Hauptberuflich arbeitete Holloway für Fachblätter wie Variety, The Hollywood Reporter, Moving Pictures International und The International Film Guide. Neben dem deutschen Kino galt Holloways besonderes Interesse dem Kino Osteuropas, dem er eigene Buchpublikationen und eine umfassende Datenbank widmete. Aus diesem Engagement entstanden auch filmische Porträts der Regisseure Elem Klimov und Sergej Paradjanov.
Holloway wurde 1959 in Chicago zum katholischen Priester geweiht, war dort Mitbegründer des National Centre for Film Study und erwarb seinen Doktorgrad in Evangelischer Theologie an der Universität Hamburg mit der Arbeit „Beyond the Image. Approaches to the Religious Dimension in the Cinema“, die er 1977 mit Unterstützung des Weltkirchenrates publizierte. Sein kirchlicher, theologischer und ökumenischer Hintergrund fand seine Fortsetzung in der Mitarbeit in der Internationalen kirchlichen Filmorganisation INTERFILM, deren Ehrenmitglied er war. Für seine Verdienste wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz und der Berlinale Kamera ausgezeichnet, die damit auch an seine Mitarbeit im Auswahlkommittee des Festivals 1977-1979 erinnerte. Wer Ron Holloway kannte, war von seiner überragenden Kenntnis und seinem klaren Urteil beeindruckt und von seiner persönlichen Sanftmut tief berührt. Er starb am 16. Dezember 2009 an Krebs.
Karsten Visarius
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