Venedig
Wasser und Liebe Das Filmfestival Venedig 2010 Von Heike Kühn
Wasser und Liebe gehören zum romantischen Versprechen von Venedig. Im September drängen sich die Gondeln allerdings in Zweierreihen auf dem Canale Grande und in den Vaporettos, den Wasserbussen Venedigs, verlieren die Einheimischen ihren Gleichmut. Es ist Filmfestival in Venedig, und die Menschenliebe der Venezianer weicht angesichts Tausender von Journalisten, die Tausende von Touristen beim Sturm auf Venedig ergänzen, einer Flut von Beschwerden. Sie habe, sagt eine Venezianerin, die nicht versteht, warum ich dem mir angetrauten Filmkritiker einen Platz freihalte und sie auf einen freien Platz verweise, ihrerseits einen Ehemann. Ich könne meinen behalten. Auf einem Ehemann könne man ab einem gewissen Alter nicht sitzen, und dann könne man ihn ebenso gut auch alleine sitzen lassen.
Aber auf einem Filmfestival wie der Mostra Internazionale D` Arte Cinematografica la Biennale di Venezia 2010, da öffnen sich der Romantik doch sicherlich alle Schleusen? Glücklicherweise nicht. Die 67. Ausgabe des Filmfestivals unter der Direktion von Marco Müller blieb dem Gedanken treu, dass Filme nicht die Produktion von Taschentüchern, sondern von Gedanken fördern sollten. Gedanken, die durchaus große Emotionen hervorbringen, nur eben nicht das Abheulen unerfüllter Konsumwünsche.
So wie ein Festival ein Meer von Plagen sein kann, kann es eben auch der Strom sein, in dem die Bilderflüsse der Welt zusammenkommen, um das scheinbar Entlegene und Vergessene vom Grund zu holen. Sagen wir also, dass es kein Zufall ist, dass alle Filme, die hier vorgestellt werden, vom Wasser handeln. So wenig, wie der Mensch zu Beginn seines Lebens aus 85% Wasser besteht, sowenig wie das Wasser allen Religionen heilig ist.

Meek´s Cutoff (USA 2010; Preis der SIGNIS-Jury) von Kelly Reichhardt, eine von Stille und Verzweiflung geprägte Neubewertung der amerikanischen Landnahme, beginnt im Jahre 1845. Drei Siedlerfamilien versammeln sich mit Planwagen und Ochsen um einen verdächtig legendenfreudigen Führer namens Stephen Meek, um auf dem Oregon Trail über steile Berge ins Gelobte Land zu ziehen. Nur der Unterricht für einen kleinen Jungen unterbricht die Monotonie der Landschaft und der Wassersuche. Mit der Heiligen Schrift lernt der Junge lesen. Die Lektion des Tages heißt Vertreibung aus dem Paradies. Und alles ist wie in der Bibel: Der Staub, die endlose Wanderschaft, die sich nicht als Abkürzung, sondern als Irrweg herausstellt. Der weiße Außenseiter, der die Siedler buchstäblich in die Wüste schickt, bereitet den Männern Kopfzerbrechen. Soll man vertrauen und verdursten? Den gottlosen Pistolenhelden Meek töten oder selbst getötet werden? Doch erst die Gefangennahme eines Indianers, den Meek zum Sündenbock macht, bringt den Rassismus eines Christentums zum Vorschein, das nicht versteht, dass die leichthin annektierte fremde Erde das Paradies der Einheimischen ist. Die Siedlerfrauen und ihr trauriger, trockener Humor lösen den Film aus den Banden des Männer-Genres Western. Die Mutigste kommt unter ihrer Haube hervor und bricht mit dem Schweigen, das Frauen und Indianern verordnet wird. Sie rettet den Indianer vorm Lynchmord. Fortan führt der „Wilde“ die Gruppe über die Great Plains. Aber wohin? Als ein Baum auftaucht, scheint die Erlösung nahe. Dann endet der Film im Ausblick aufs Ungewisse. Ist Vertrauen eine Falle?
Christus wird bisweilen als das Wasser des Lebens bezeichnet. Der amerikanische Traum hat offenbar aus einem anderen Kelch getrunken. Man sollte Meek´s Cutoff und Robert Rodriguez neueste, satirisch zugespitzte Gewaltorgie Machete (USA 2009), die in Venedig außer Konkurrenz gezeigt wurde, an amerikanischen Schulen als Doublefeature aufführen: Traditionell gelobte Land(weg)nahme und die Furcht vor illegalen Einwanderern an der mexikanischen Grenze, da gehen einem die Augen über.
Die Menschen vom Volk der Merjanen, einem Finno-Ugrischen Stamm, der von den Slawen aufgesogen wurde, glauben nicht an Gott, sondern an Wasser und Liebe. In Neya, einer kleinen Stadt im heutigen Russland, hat der 1966 geborene Regisseur Aleksei Fedorchenko ihren Sitten und Gebräuchen nachgespürt und die Lücken der Überlieferung mit dem roten Faden einer ungebremsten Erzählkunst gestopft. Ovsyanki (Silent Souls, Russland 2010; FIPRESCI-Preis und Lobende Erwähnung der SIGNIS-Jury), sein erster Spielfilm, war der weitaus bessere Kandidat für den Goldenen Löwen denn Sophia Coppolas Wettbewerbsbeitrag Somewhere (USA 2010), der den Internationalen Wettbewerb gewann. Somewhere ist in den ersten dreißig Minuten witzig, in der Mitte familienfreundlich und am Ende moralisch. Ein netter Film. Nette Filme werden in der Regel gesehen und vergessen.

Ovsyanki zu vergessen wäre so, als ließe man seine Seele beim Sterben aus Versehen zurück. Damit die Seele der rundlichen Tanya zur Ruhe kommt, tut ihr Ehemann Miron Alekseevich das einzig Richtige. Gemeinsam mit dem Photographen Aist Sergeev wäscht er Tanyas irdischen Leib, flicht bunte Bänder in ihre Schamhaare und bringt sie in einem Jeep an das Ufer des Flusses, der den Merjanen heilig ist. Gleich den Ovsyanki, den titelgebenden Vögeln, an denen Tanya ihre Freude hatte, sind die beiden Männer unscheinbare Gestalten. Und wie die spatzenähnlichen Vögelchen, die sie in einem Käfig mit sich führen, sind ihre Seelen voller Klagen und Wohllaut.
Der Ritus der Wassermenschen sieht vor, dass der Leib verbrannt und die Asche dem Wasserkreislauf übergeben wird. Nachdem die beiden Freunde, die Tanya in melancholischem Einvernehmen liebten, der Verstorbenen diesen Dienst erwiesen haben, werden die Vögel im Käfig unruhig. Auf magische Weise befreit, fliegen sie Miron während der Rückfahrt ins Gesicht. Die Männer stürzen mit dem Auto von einer Brücke und ertrinken. Noch im Sterben bedankt sich der Erzähler Aist, denn ein Merjan darf sich nicht umbringen, schon gar nicht den ehrenvollen Tod im Wasser suchen. Und auch hier ist das Wasser das Leben, das nächste nämlich, in dem die Seelen sich finden und der Erzähler diese Geschichte auf Fischhaut schreibt.
Zupackend und elegisch, betrunken und trunken vor Andacht sind Fedorchenkos liebenswürdige Protagonisten, die sich der post-sowjetischen Tristesse verweigern. In tranceähnlich dahinfließenden Momenten taucht die Seelenverwandtschaft zu Tarkowskij auf, aber da ist auch etwas ganz eigenes, Älteres, Neueres. Eine Rückbesinnung auf eine Landschaft, die ohne Gott auskommt und doch in Liebe schwimmt.
Weil wir Wasser sind und das Wasser überall, auch in den Filmtiteln, etwa in Vincent Gallos pretentiös vor sich hin dümpelnden Wettbewerbsbeitrag Promises Written in Water (USA 2010), der der Existenz der Seele eine Absage erteilt und sich am abgefilmten Körper festhält, könnte hier jeder Film einmünden. In der wunderbaren Reihe Giornate Degli Autori verlangt indessen ein bedrückend stiller Film nach unserer Aufmerksamkeit. Noir Océan (Belgien, Frankreich, Deutschland 2010), der neue Film der schon immer kompromisslos die heillose Menschheit betrachtenden Filmemacherin Marion Hänsel, greift ein paar Tage im Jahr 1972 auf, in denen eine Einheit 18-jähriger Wehrdienstleistender auf einem Schiff der französischen Marine vergeblich Land sucht. Als es in Sicht kommt, ist es das Mururoa Atoll, die Küste der Verdammten. Uneingeweiht, beschäftigt mit der Routine eintöniger Wachen im windstillen Pazifik, den Grausamkeiten der Hackordnung und dem bald glühenden, bald eingeschläferten Verlangen, der dumpfen Autoritätshörigkeit zu entkommen und sich den Wunsch nach Freundschaft und Solidarität zu bewahren, werden die jungen Männer Zeugen eines Nuklearbomben-Tests.
Bevor sie sich die Sonnenbrillen aufsetzen, die sie „schützen“ sollen und den Rauch-Pilz am Himmel aufsteigen sehen, vergeht viel Zeit. Danach noch mehr. Nichts passiert, und alles ist schon geschehen. Die Opfer der 210 Atombombentests, die Frankreich zwischen 1960 und 1996 durchführte, kommen nicht ins Bild, keine schwärenden Wunden, kein Haarausfall wie in Shohei Imamuras Hiroshima-Film Schwarzer Regen von 1989. Die jungen Marinesoldaten, auch sie künftige Strahlenopfer, verlieren lediglich ihr Mitgefühl, ihren Glauben an Gerechtigkeit und den Sinn des Lebens. Sie sind 18, und sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Ort heißt Erde und Ozean, der Ort heißt Ahnungslosigkeit. Man erfährt wenig über den Hintergrund der Protagonisten, nichts über ihre Zukunft. Da ist nur der Schrecken einer Gegenwart, von der man nur hoffen kann, dass sie windstill ist.

Das Mitleid, dass der zornigste der jungen Marinesoldaten dem strahlenverseuchten Meer und seinen Kreaturen entgegenbringt, schlägt am Ende in Hass um. Muss man hilflos zusehen, wie eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschieht, kann man auch Krebse ins Feuer schmeißen, um sie zum Platzen zu bringen. Und wozu den Müll sammeln, wenn man Teil des Mülls ist? Noir Océan ist kein Ökothriller. Es gibt Schuldige und Unschuldige, Indizienbeweise und kein Urteil. Nur, dass wir das Schicksal des Wassers erleiden, wenn es verkommt.
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