Logo Interfilm.
Kontakt | Zurück | | deutsche Version english version francais (Extraits)
Berlin
Bratislava
Cannes
Cottbus
Fribourg
Karlovy Vary
Kiev
Leipzig
Locarno
Lübeck
Mannheim - Heidelberg
Miskolc
Montreal
Nyon
Oberhausen
Riga
Saarbrücken
Venedig
Warschau
Jerewan
Zlin
andere Festivals
Festivals Archiv
Andere Festivals

 

München

Filmfest München
24. Juni–2. Juli 2011

Festival-Website

ONE FUTURE-PREIS 2011

Die Jury der Interfilm-Akademie verleiht den One Future Preis 2011 an den Film

Cairo Exit
von Hesham Issawi, Ägypten/Deutschland 2010

Cairo Exit

Hesham Issawis  existenzielles Drama "Cairo Exit" ist eine Geschichte, in dem die Liebe der koptischen Christin Amal zum Muslimen Tarek eine wahrhaft inter-religiöse Kraft entfaltet.  Inmitten eines bestürzend hoffnungslosen Milieus drohen zwei Familien im Dickicht sozialer und konfessioneller Feindseligkeit zu ersticken.  Nicht einmal Träume bieten einen Ausweg. Der Film lebt von einer Ästhetik der Kontraste. Obwohl eine Welt des stummen Schmerzes die Charaktere mit Armut und Schicksalsschlägen peinigt, strahlt der Kampf des Liebespaars um Haltung und Würde jene Menschlichkeit aus, die den arabischen Frühling ermöglicht hat. Trotz Trennung, Schmerz, Auswegslosigkeit und Tod scheint nur noch die Farbe des Meeres Himmel und Hölle metaphorisch zu versöhnen. Am Ende fragen sich Amal und Tarek, ob es denn das gleiche Paradies sei, das sie sich als Liebende trotz unterschiedlicher Religion teilen könnten.

Die Jury zeichnte außerdem den israelisch-palästinensischen Künstler Juliano Mer-Khamis posthum mit einem Ehrenpreis aus. Die Preismeldung finden Sie in den News.

Jurymitglieder:
Pfarrer Eckart Bruchner (Chairman/ Germany)
Galina Antoschewskaja (Russia)
Bhagu T. Chellaney (India)
Ileana Cosmovici (Italy/Germany)
Wang Ai Qun (China)
Dr. Gatis Lidums (Latvia)
Giuseppe Maruozzo (Italy)
Christine Weissbarth (CM/Austria

>Interfilm-Akademie

 

Venedig

Wasser und Liebe
Das Filmfestival Venedig 2010 
Von Heike Kühn

Wasser und Liebe gehören zum romantischen Versprechen von Venedig. Im September drängen sich die Gondeln allerdings in Zweierreihen auf dem Canale Grande und in den Vaporettos, den Wasserbussen Venedigs, verlieren die Einheimischen ihren Gleichmut. Es ist Filmfestival in Venedig,  und die Menschenliebe der Venezianer weicht angesichts Tausender von Journalisten, die Tausende von Touristen beim Sturm auf Venedig ergänzen, einer Flut von Beschwerden. Sie habe, sagt eine Venezianerin, die nicht versteht, warum ich dem mir angetrauten Filmkritiker einen Platz freihalte und sie auf einen freien Platz verweise, ihrerseits einen Ehemann. Ich könne meinen behalten. Auf einem Ehemann könne man ab einem gewissen Alter nicht sitzen, und dann könne man ihn ebenso gut auch alleine sitzen lassen.

Aber auf einem Filmfestival wie der Mostra Internazionale D` Arte Cinematografica la Biennale di Venezia 2010, da öffnen sich der Romantik doch sicherlich alle Schleusen? Glücklicherweise nicht. Die 67. Ausgabe des Filmfestivals unter der Direktion von Marco Müller blieb dem Gedanken treu, dass Filme nicht die Produktion von Taschentüchern, sondern von Gedanken fördern sollten. Gedanken, die durchaus große Emotionen hervorbringen, nur eben nicht das Abheulen unerfüllter Konsumwünsche.

So wie ein Festival ein Meer von Plagen sein kann, kann es eben auch der Strom sein, in dem die Bilderflüsse der Welt zusammenkommen, um das scheinbar Entlegene und Vergessene vom Grund zu holen. Sagen wir also, dass es kein Zufall ist, dass alle Filme, die hier vorgestellt werden, vom Wasser handeln. So wenig, wie der Mensch zu Beginn seines Lebens aus 85% Wasser besteht, sowenig wie das Wasser allen Religionen heilig ist.

Meek's Cutoff

Meek´s Cutoff  (USA 2010; Preis der SIGNIS-Jury) von  Kelly Reichhardt, eine von Stille und Verzweiflung geprägte Neubewertung der amerikanischen Landnahme, beginnt im Jahre 1845. Drei Siedlerfamilien versammeln sich mit Planwagen und Ochsen um einen verdächtig legendenfreudigen Führer namens Stephen Meek, um auf dem Oregon Trail über steile Berge ins Gelobte Land zu ziehen. Nur der Unterricht für einen kleinen Jungen unterbricht die Monotonie der Landschaft und der Wassersuche. Mit der Heiligen Schrift lernt der Junge lesen. Die Lektion des Tages heißt Vertreibung aus dem Paradies. Und alles ist wie in der Bibel: Der Staub, die endlose Wanderschaft, die sich nicht als Abkürzung, sondern als Irrweg herausstellt. Der weiße Außenseiter, der die Siedler buchstäblich in die Wüste schickt, bereitet den Männern Kopfzerbrechen. Soll man vertrauen und verdursten? Den gottlosen Pistolenhelden Meek töten oder selbst getötet werden? Doch erst die Gefangennahme eines Indianers, den Meek zum Sündenbock macht, bringt den Rassismus eines Christentums zum Vorschein, das nicht versteht, dass die leichthin annektierte fremde Erde das Paradies der Einheimischen ist. Die Siedlerfrauen und ihr trauriger, trockener Humor lösen den Film aus den Banden des Männer-Genres Western.  Die Mutigste kommt unter ihrer Haube hervor und bricht mit dem Schweigen, das Frauen und Indianern verordnet wird. Sie rettet den Indianer vorm Lynchmord. Fortan führt der „Wilde“ die Gruppe über die Great Plains. Aber wohin? Als ein Baum auftaucht, scheint die Erlösung nahe. Dann endet der Film im Ausblick aufs Ungewisse. Ist Vertrauen eine Falle?

Christus wird bisweilen als das Wasser des Lebens bezeichnet. Der amerikanische Traum hat offenbar aus einem anderen Kelch getrunken. Man sollte Meek´s Cutoff und Robert Rodriguez neueste, satirisch zugespitzte Gewaltorgie Machete (USA 2009), die in Venedig außer Konkurrenz gezeigt wurde, an amerikanischen Schulen als Doublefeature aufführen: Traditionell gelobte Land(weg)nahme und die Furcht vor illegalen Einwanderern an der mexikanischen Grenze, da gehen einem die Augen über.

Die Menschen vom Volk der Merjanen, einem Finno-Ugrischen Stamm, der von den Slawen aufgesogen wurde, glauben nicht an Gott, sondern an Wasser und Liebe. In Neya, einer kleinen Stadt im heutigen Russland, hat der 1966 geborene Regisseur Aleksei Fedorchenko ihren Sitten und Gebräuchen nachgespürt und die Lücken der Überlieferung mit dem roten Faden einer ungebremsten Erzählkunst gestopft. Ovsyanki (Silent Souls, Russland 2010; FIPRESCI-Preis und Lobende Erwähnung der SIGNIS-Jury), sein erster Spielfilm, war der weitaus bessere Kandidat für den Goldenen Löwen denn Sophia Coppolas Wettbewerbsbeitrag Somewhere (USA 2010), der den Internationalen Wettbewerb gewann. Somewhere ist in den ersten dreißig Minuten witzig, in der Mitte familienfreundlich und am Ende moralisch. Ein netter Film. Nette Filme werden in der Regel gesehen und vergessen.

Ovsyanki

Ovsyanki zu vergessen wäre so, als ließe man seine Seele beim Sterben aus Versehen zurück. Damit die Seele der rundlichen Tanya zur Ruhe kommt, tut ihr Ehemann Miron Alekseevich das einzig Richtige. Gemeinsam mit dem Photographen Aist Sergeev wäscht er Tanyas irdischen Leib, flicht bunte Bänder in ihre Schamhaare und bringt sie in einem Jeep an das Ufer des Flusses, der den Merjanen heilig ist. Gleich den Ovsyanki, den titelgebenden Vögeln, an denen Tanya ihre Freude hatte, sind die beiden Männer unscheinbare Gestalten. Und wie die spatzenähnlichen Vögelchen, die sie in einem Käfig mit sich führen, sind ihre Seelen voller Klagen und Wohllaut.

Der Ritus der Wassermenschen sieht vor, dass der Leib verbrannt und die Asche dem Wasserkreislauf übergeben wird. Nachdem die beiden Freunde, die Tanya in melancholischem Einvernehmen liebten, der Verstorbenen diesen Dienst erwiesen haben, werden die Vögel im Käfig unruhig. Auf magische Weise befreit, fliegen sie Miron während der Rückfahrt ins Gesicht. Die Männer stürzen mit dem Auto von einer Brücke und ertrinken. Noch im Sterben bedankt sich der Erzähler Aist, denn ein Merjan darf sich nicht umbringen, schon gar nicht den ehrenvollen Tod im Wasser suchen. Und auch hier ist das Wasser das Leben, das nächste nämlich, in dem die Seelen sich finden und der Erzähler diese Geschichte auf Fischhaut schreibt.

Zupackend und elegisch, betrunken und trunken vor Andacht sind Fedorchenkos liebenswürdige Protagonisten, die sich der post-sowjetischen Tristesse verweigern. In tranceähnlich dahinfließenden Momenten taucht die Seelenverwandtschaft zu Tarkowskij auf, aber da ist auch etwas ganz eigenes, Älteres, Neueres. Eine Rückbesinnung auf eine Landschaft, die ohne Gott auskommt und doch in Liebe schwimmt.  

Weil wir Wasser sind und das Wasser überall, auch in den Filmtiteln, etwa in Vincent Gallos pretentiös vor sich hin dümpelnden Wettbewerbsbeitrag Promises Written in Water (USA 2010), der der Existenz der Seele eine Absage erteilt und sich am abgefilmten Körper festhält, könnte hier jeder Film einmünden. In der wunderbaren Reihe Giornate Degli Autori verlangt indessen ein bedrückend stiller Film nach unserer Aufmerksamkeit. Noir Océan (Belgien, Frankreich, Deutschland 2010), der neue Film der schon immer kompromisslos die heillose Menschheit betrachtenden Filmemacherin Marion Hänsel, greift ein paar Tage im Jahr 1972 auf, in denen eine Einheit 18-jähriger Wehrdienstleistender auf einem Schiff der französischen Marine vergeblich Land sucht. Als es in Sicht kommt, ist es das Mururoa Atoll, die Küste der Verdammten. Uneingeweiht, beschäftigt mit der Routine eintöniger Wachen im windstillen Pazifik, den Grausamkeiten der Hackordnung und dem bald glühenden, bald eingeschläferten Verlangen, der dumpfen Autoritätshörigkeit zu entkommen und sich den Wunsch nach Freundschaft und Solidarität zu bewahren, werden die jungen Männer Zeugen eines Nuklearbomben-Tests.

Bevor sie sich die Sonnenbrillen aufsetzen, die sie „schützen“ sollen und den Rauch-Pilz am Himmel aufsteigen sehen, vergeht viel Zeit. Danach noch mehr. Nichts passiert, und alles ist schon geschehen. Die Opfer der 210 Atombombentests, die Frankreich zwischen 1960 und 1996 durchführte, kommen nicht ins Bild, keine schwärenden Wunden, kein Haarausfall wie in Shohei Imamuras Hiroshima-Film Schwarzer Regen von 1989.  Die jungen Marinesoldaten, auch sie künftige Strahlenopfer,  verlieren lediglich ihr Mitgefühl, ihren Glauben an Gerechtigkeit und den Sinn des Lebens. Sie sind 18, und sie sind zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Ort heißt Erde und Ozean, der Ort heißt Ahnungslosigkeit. Man erfährt wenig über den Hintergrund der Protagonisten, nichts über ihre Zukunft. Da ist nur der Schrecken einer Gegenwart, von der man nur hoffen kann, dass sie windstill ist.

Noir Océan

Das Mitleid, dass der zornigste der jungen Marinesoldaten dem strahlenverseuchten Meer und seinen Kreaturen entgegenbringt, schlägt am Ende in Hass um. Muss man hilflos zusehen, wie eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschieht, kann man auch Krebse ins Feuer schmeißen, um sie zum Platzen zu bringen. Und wozu den Müll sammeln, wenn man Teil des Mülls ist? Noir Océan ist kein Ökothriller. Es gibt Schuldige und Unschuldige, Indizienbeweise und kein Urteil. Nur, dass wir das Schicksal des Wassers erleiden, wenn es verkommt.

 

München

Filmfest München
25.Juli –3. August 2010

Interfilm-Akademie  |  Festival-Homepage


ONE FUTURE-PREIS 2010 der Interfilm-Akademie München

LO SPAZIO BIANCO (THE WHITE SPACE)
von Francesca Comenici, Italien 2009

LO SPAZIO BIANCO, der weiße Raum (Innenraum/Kosmos, basierend auf der gleichnamigen Novelle von Valeria Parrella), spiegelt das Thema einer „gemeinsamen Zukunft“ angesichts des Zerfalls traditionneller Familienstrukturen.

Marias Situation, eine intelligente, nicht mehr ganz junge Lehrerin, verstrickt in unstete Partnerbeziehungen, ist fast schon paradigmatisch für unsere moderne westliche Gesellschaft zwischen Selbständigkeit und Einsamkeit. Ihr Gleichgewicht bricht zusammen, als sie schwanger wird. Als Frühgeburt kommt das Kind im sechsten Monat zur Welt. Aber was heisst „zur Welt kommen“ ? Das Überleben im Brutkasten bleibt lange ungewiss. Die folgenden zwei Monate verbringt Maria bei ihrem Kind im Krankenhaus, in einem durch weisse Vorhänge umgebenen Raum der Selbstfindung. In der Einsamkeit des spazio bianco, der wie eine Spiegelung des Uterus für die Geburt des Kindes und der Mutter dient, wachsen beide in einer Art Initiation aufeinander zu. Zwischen Rückzug in einen inneren Raum und der Hinwendung zu Anderen gilt es, sich existentiellen Ängsten zu stellen, zur Ruhe zu kommen und sich dem schutzbedürfigen Kind zu widmen.

In bemerkenswerter Übereinstimmung zwischen Form und Inhalt bindet LO SPAZIO BIANCO den Zuschauer in sensibler Weise, vor allem durch Kameraführung und Schnittmontage, in den Prozess der Selbstwerdung ein, verwoben zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Lobende Erwähnung

NATARANG
Von Ravi Jadhav, Indien 2010

Natarang porträtriert einen Landarbeiter, der in der indischen Provinz in einem populären Tamasha-Stück auf der Bühne eine „umgekehrte Hosenrolle“ mit ungeahnten Folgen spielt.  Alle persönlichen Beziehungen scheitern an dieser Infragestellung der geschlechtsspezifischen Rollen.

Lobende Erwähnung

CLEVELAND VERSUS WALLSTREET (MAIS MIT DÄ BÄNKLER)
Von Jean-Stéphane Bron, Schweiz / Frankreich 2010

Die Stadt Cleveland klagt gegen Wallstreet, weil sie durch die Banken und ihre Subprimes ruiniert wurde. Es kam jedoch nie zum Prozess. Diese Doku-Fiktion inszeniert einen realen Fall mit realen Protagonisten in einer fiktiven Gerichtsverhandlung, um sich Gehör zu verschaffen.


JURY ONE-FUTURE-PREIS 2010
Pfr Eckart Bruchner (Vorsitz/ Deutschland)
Galina Antoschewskaja (Russland)
Bhagu T. Chellaney (Indien)
Ileana Cosmovici (Italien)
Wang Ai Qun (China)
Dr.med. Dr. theol. Waltraud Verlaguet (Frankreich)


Ehrenpreis an Regisseur Peter Fleischmann (Deutschland)

Mit einem Ehrenpreis für sein Gesamtwerk wird in diesem Jahr der Regisseur Peter Fleischmann (Frankreich/Deutschland) ausgezeichnet.

Fleischmann studierte am Deutschen Institut für Film und Fernsehen (DIFF) in München und am Institut des hautes études cinématographiques (IDHEC) in Paris. 1963 bis 1965 inszenierte er Kurz- und Kinderfilme. Sein Dokumentarfilm „Herbst der Gammler“ über Generationenkonflikte in München erregte 1967 einiges Aufsehen. Nach dem gesellschaftskritischen Theaterstück „Jagdszenen aus Niederbayern“ von Martin Sperr schuf er 1968 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm. Er galt seitdem als Repräsentant des Neuen Deutschen Films.

Zusammen mit Volker Schlöndorff gründete er 1969 die Filmproduktionsfirma Hallelujah Film.

Auch Fleischmanns spätere Arbeiten kreisen um das Problem der erzwungenen Anpassung des Einzelnen an eine verständnislose Umgebung. Immer wieder entpuppt sich dabei der vermeintlich Böse als gut und die vermeintlich Guten als böse. In den 1990er Jahren war er auch an der Leitung der Babelsberg Studios (früher UFA bzw. DEFA) beteiligt.

1991 drehte er, als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent, „Deutschland, Deutschland“, eine Dokumentation, die sich mit der deutschen Wende auseinandersetzt. Im Jahr 2006 entstand „Mein Freund, der Mörder“, ein Dokumentarfilm über seinen Freund Bernhard Kimmel. Mit seinem Spielfilm „Jagdszenen aus Niederbayern“, der Toleranz gegenüber einem Homosexuellen im eigenen Dorf fordert, hat er in den 70er Jahren für einen Skandal gesorgt.

Seitdem engagierte er sich für Toleranz und Menschenrechte in den verschiedensten Gesellschaftsschichten und Ländern, ohne in Klischees abzugleiten.

 

 

Berlin

achtung berlin – new berlin film award
14.-21.04.2010


Von Johanna Friese, Mitglied der Ökumenischen Jury

Das Filmfestival für neues deutsches Kino „achtung berlin – new berlin film award“ hat zum 6. Mal vom 14. - 21. April 2010 stattgefunden. 70 Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme wurden an drei Festivalorten in der Hauptstadt gezeigt. Sie sind entweder von Berliner Filmemachern oder in der Region Berlin-Brandenburg realisiert worden. In der „25p lounge“ konnten während des Festivals Zuschauer, Filmemacher und Schauspieler miteinander diskutieren und feiern.

Zum dritten Mal gab es eine Ökumenische Jury. Der Preis wird sektionsübergreifend vergeben und ist mit 1000 € dotiert. Dafür wurden fünf Dokumentar- und zwei Spielfilme nominiert. Alle behandelten gesellschaftlich relevante Themen mutig und einfühlsam zugleich. Beeindruckt zeigte sich die Jury über den großen Recherche- und Zeitaufwand der Produktionen und die filmische Umsetzung der Stoffe. Die Jury war sich einig: Alle nominierten Filme sind zu empfehlen und nachhaltig in der Wirkung. Ein breites Spektrum war zu sehen: Etwa ein Asylbewerber aus Kamerun, der sich in Deutschland durchs Leben boxt (Rich Brother von Insa Onken), eine Junge auf der Suche nach seinen arabischen Wurzeln (Mein Vater. Mein Onkel von Christoph Heller), ehrliche Bekenntnisse getrennter Ehepaare (Erklär mir Liebe von Florian Aigner), die Befreiungsreise einer Analphabetin (Unbelehrbar von Anke Hentschel), sokratische Gespräche mit Häftlingen der JVA Berlin-Tegel (Die Eroberung der inneren Freiheit von Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek), eine Familientragödie nach der Wende (Die Entbehrlichen von Andreas Arnstedt) oder ein Einblick in den US-Militärstützpunkt Landstuhl (Der innere Krieg von Astrid Schult).

Die Jury hat den Preis geteilt und zwei Filme ausgezeichnet. Beide Filme motivieren zu einer Suche nach einem gelingenden Leben. Es geht um Aufbrüche und Neuanfänge.

Die Ökumenische Jury zeichnete zum einen den Spielfilm Unbelehrbar von Anke Hentschel aus. Die 40jährige Hilfsköchin Ellen ist Analphabetin. Sie geht konsequent ihren Weg und lernt lesen und schreiben – gegen Widerstände in ihrer Familie und der Gesellschaft. Für über vier Millionen Menschen allein in Deutschland ist das Thema von hoher Relevanz und es ist nach wie vor tabuisiert. Sensibel erzählt der Film von einer Frau, die für ihre Würde und für ihre Selbstbestimmung kämpft. Entstanden ist eine Befreiungsgeschichte, die berührt, sensibilisiert und dazu motiviert, die Aufgaben im eigenen Leben anzunehmen und Hindernisse zu überwinden.

Zum anderen vergab die Ökumenische Jury einen Preis an den Dokumentarfilm Erklär mir Liebe von Florian Aigner. Ohne zu werten, zeigt der Film vier Elternpaare in verschiedenen Lebensphasen, die sich getrennt haben. Sie mussten neu anfangen, ihre Beziehung zu durchdenken und ihr Familienleben zu gestalten. Zurückhaltend und nüchtern führt der Film zwischenmenschliches Leben und Konflikte vor, die jeder kennt und doch selten öffentlich macht. Der Film zeigt, welch hohes Gut die Liebe in all ihren Spielarten ist. Es ist ein Film der kleinen, aber nachhaltigen Denkanstöße, ungewöhnlich berührend in seiner ehrlichen Kamerabeobachtung, in Ton und Musik, vor allem aber durch die außerordentlich authentischen Zeugnisse seiner Protagonisten.

Die Ökumenische Jury hat zudem ansprechende Kurzfilme gesehen und war begeistert von einem bunten, vielfältigen Kinofestival mitten in Berlin. Alles in allem war es eine inspirierende Woche für die Juroren und ein interessanter Einblick ins internationale Berliner Filmschaffen.

Zur Ökumenischen Jury gehörten Joachim Opahle, Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit im Erzbistum Berlin, der Kommunikationswirt Erik Wegener, Lars Charbonnier, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Pfarrerin Johanna Friese vom Evangelischen Rundfunkdienst in Berlin.

Der Preis der Ökumenischen Jury ging 2008 an den Dokumentarfilm Podestleben von Sabine Zimmer und Sandra Budesheim. 2009 wurde der Film Der Tag von Uli M. Schueppel ausgezeichnet.

Erklär mir die Liebe
Florian Aigner: "Erklär mir die Liebe"