<Case-Study>
 
Öffentliche und geschützte Beratung zugleich: Das weltanschaulich neutrale kummernetz.de (.at .ch)
 
Die Internetseite des Kummernetzes in Deutschland (kummernetz.de), Österreich (kummernetz.at) und der Schweiz (kummernetz.ch) will seit Ende 1996 Rat, Seelsorge und erste Hilfe in schwierigen Lebenssituationen anbieten. Gemeinnütziger Trägerverein und Projekt bleiben insgesamt weltanschaulich neutral, sind jedoch sehr offen gegenüber den beiden großen Kirchen. So konnte im Kummernetz ein ökumenisches Team Seelsorge angesiedelt werden.
Nachgehende Seelsorge im Kummernetz ist eine große pastorale Chance für die Kirchen. Auch in der Vereinssatzung ist die Kooperation mit den Kirchen ausdrücklich vorgesehen. Darüber hinaus arbeitet das Kummernetz mit sozial engagierten Laien, die sich Fortbildung und Supervision in Regionalgruppen des Kummernetzes unterziehen und an ihren Computern zu Hause Menschen begleiten. Innerhalb des Vereins wird das Angebot betreut und konzeptionell weiterentwickelt.


> Rasantes Wachstum der Kontakte
Besuchten im Jahr 1998 noch 29 Ratsuchende täglich das Kummernetz (im ganzen Jahr 10.257), so waren es in diesem Jahr bislang 952 Besucher täglich, auf das laufende zweite Halbjahr bezogen sogar 1500 Besucher täglich (im ganzen Jahr bislang 33.967.614 Kontakte). Bis Sommer 1998 konnte der Gründer von Kummernetz, der katholische Diakon und Diplomtheologe Uwe Holschuh, die Anliegen Hilfesuchender noch alleine bewältigen. Heute arbeiten 35 Ehrenamtliche mit.
In Kooperationen mit Hochschulen wird an den Kommunikationsbedingungen im Netz sowie an der Optimierung von Beratung und Seelsorge durch psychologische, sozialpädagogische und pastoraltheologische Fakultäten geforscht. Wir arbeiten mit Dozenten und Diplomanden zusammen, unterstützen die Forschungsarbeit und beziehen Ergebnisse konzeptionell in das Projekt ein.


> Getrennte Bereiche für Erwachsene, Kinder und Jugendliche
Die öffentlichen Bereiche sowie den Beratungsbereich (Zweier-Chat, E-Mail-Beratung) gibt es insgesamt dreifach. So können einerseits Nutzer/innen mit homogenerer Altersstruktur miteinander kommunizieren, andererseits können Berater/innen ihre Schwerpunkte auf eine oder mehrere der Zielgruppen legen. Zielgruppenspezifische Seiten mit Tipps, Hilfen, Impulsen, Nachdenklichem und Hilfreichem sind in Vorbereitung.


> Öffentlicher Community-Bereich
Das Kummernetz ist eine Schnittstelle zwischen sozial engagierten Menschen und Menschen in Lebenskrisen. In Foren, sozusagen einer öffentlichen Pinwand, können Menschen ihren Kummer eintragen. Reaktionen auf den Kummer können privat oder öffentlich sichtbar dem Eintragenden zur Verfügung gestellt werden. Der Chat ist eine Art öffentliches Kummer-Café, wo die Gelegenheit zu Gruppen- oder Seitengesprächen über Kummer besteht, aber auch weniger Schweres gut tut: miteinander lachen ist ausdrücklich erlaubt. Es gibt auch einen Galeriebereich. Hier können Besucher Zeichnungen ausstellen, in denen sie ihr Problem ausdrücken.
Für die öffentlichen Bereiche gelten jeweils Verhaltensregeln. Dass diese auch eingehalten werden, dafür setzen sich ggf. im Hintergrund ehrenamtliche Moderatoren und Admins ein. Viele Menschen kennen das Kummernetz, weil es hier möglich ist, Schwäche zu zeigen; weil hier Menschen sind, die aufmerksam lesen, Leidensgenossen/innen, sozial Engagierte, Mit-Denker. Eine eingeschränkte Sicht kann im Community-Bereich von anderen Sichtweisen, Anregungen, Ideen Gewinn ziehen. Ohne den Community-Bereich, in dem Menschen einander helfen, wäre der Beratungsbereich völlig überlastet.
Für viele ist der Community-Bereich ein Bereich, um erst einmal Vertrauen zu fassen und später evtl. auch einen Berater zu kontaktieren, wenn die Hilfe zur Selbsthilfe nicht ausreichend war. Darüber hinaus bietet eine Link-Suchmaschine derzeit 126 Internetadressen, die bei Kummer weiterhelfen können: von der Internet-Seelsorge über Beratungsstellen-Datenbanken bis hin zu Selbsthilfegruppen. In einem eigenen Bereich wird über einige wichtige Therapieformen informiert.


> Die Ratsuchenden und ihre Anliegen
Die Menschen, die sich an die Beratungsteams wenden, sind überwiegend zwischen 13 und 24 Jahre alt (30%); deutlich weniger sind zwischen 25 und 38 (13 %). Die missbräuchliche Nutzung der Beratung bewegt sich um 0%-Bereich, da es zwar einfach, aber dafür wiederum zu umständlich ist, ein Beratungsformular für einen Erstkontakt auszufüllen und zu bestätigen.
Von den Themen her ist in allen Zielgruppenbereichen unter den Top-Themen Liebeskummer und Einsamkeit. Im Erwachsenenbereich zudem Depression und Partnerschaftsprobleme; im Kinderbereich Angst, Streit in der Familie, Traurigkeit, Ärger; und im Jugendbereich mangelndes Selbstvertrauen und auch Depression. Daten-Basis: 2.107 Erstanfragen an die Begleitungs-Teams im Zeitraum vom 01.01.2000-30.06.2001.


> Die Beratungsteams
Die Berater stellen sich persönlich vor mit einem Vorstellungstext, einem Foto sowie Schwerpunktthemen und sind in gewählten Zielgruppenbereichen (Erwachsene, Jugendliche und/oder Kinder) tätig. So können sich die Besucher eine Person aussuchen, die ihnen sympathisch ist oder zu dem/der sie sich aus anderen Gründen hingezogen fühlt. Auf Wunsch erfolgt der Dialog verschlüsselt. Eingehende E-Mail-Beratungen können optional eine Kummerzeichnung enthalten, die dann in den Dialog mit einbezogen werden kann. Die Zeichnung kann online angefertigt werden. Das eröffnet gestalttherapeutische Perspektiven.
Um die große Fülle der Anfragen zu bewältigen, verfügen die Berater über ein Kapazitätssteuerungssystem. Sie können je nach den persönlichen zeitlichen Ressourcen den Umfang ihrer Beratungsarbeit steuern. Dadurch ist es für das Kummernetz möglich, mit einer großen Zahl an Beratern zu arbeiten, die einzeln jedoch nur kleinere Zeitressourcen einbringen.
Häufig ist es am Beratungsende auch erforderlich, zu einem Seelsorge-, Beratungs- oder Therapiekontakt zu ermutigen. Es geht nicht darum, Ratschläge zu erteilen oder zu missionieren und von Jesus zu erzählen. Es geht darum, sich fragend und tastend auf die andere Welt des Hilfesuchenden einzulassen, die Gefühle nachzuempfinden und zu spiegeln. Religiöse Themen können sich von selbst ergeben. Das Angebot versteht sich als Erste-Hilfe-Angebot und ist nicht für seelsorgliche Dauerbegleitungen konzipiert.


> Wer kann mitmachen?
Für das Team "Seelsorge" suchen wir evangelische oder katholische Seelsorger/innen. Sie werden mit dem Logo ihrer Landeskirche /Diözese und Link zur Portalseite gekennzeichnet. Für das Team "Lebensbegleitung" braucht man hingegen keine spezielle berufliche Qualifikation, sie kann jedoch hilfreich sein. Auch Beratungsstellen oder etwa einzelne Telefonseelsorgestellen können die Plattform des Kummernetz nutzen, indem sie selbständig weitere Basis-Teams im Kummernetz bilden und die Internetnutzer durch präventive Fachberatung unterstützen.
Die wichtigsten Voraussetzungen für Bewerber/innen der beiden existierenden Basisteams: a) die Bereitschaft zur Supervision (4x/Jahr jeweils ca 3 Stunden: Besprechung anonymisierter Fallbeispiele und kritisches Überdenken der eigenen Arbeitsweise in einer Regionalgruppe); b) die Mitgliedschaft im Verein (aus rechtlichen und versicherungstechnischen Gründen können nur Vereinsmitglieder bei uns mitarbeiten); c) eine empathische Grundhaltung (gut zuhören können, sich in die Welt von anderen einfühlen können).


> Finanzierung
Das Kummernetz ist werbefrei. Der hohe Bekanntheitsgrad von Kummernetz hat hohe Besucherzahlen zur Folge. Diese wiederum verursachen hohe technische Betriebskosten. Die Vorstands- und Arbeitskreisarbeit verursacht Kosten, da die Mitarbeiter aus dem deutschsprachigen Raum anreisen müssen. Die Finanzierung ist derzeit nicht gesichert. Wir sind angewiesen auf öffentliche Förderung, auf Förderbeiträge von Landeskirchen und Diözesen, sowie auf Spenden und Mitgliedsbeiträge.


> Weitere Infos
gibt es im Internet unter kummernetz.de/pm oder gegen 10 Euro in Briefmarken in gedruckter Form mit Audio-CD "Kummernetz im Radio" beim Kummernetz e.V., Oerlenbacher Str. 31, D-97714 Ebenhausen.


> Autor Uwe Holschuh
ist katholischer Diplomtheologe, Pastoralreferent und Diakon, tätig zu 50% als Religionslehrer in einer Schule der Lebenshilfe e.V. sowie zu 50% freigestellt für die Online-Seelsorge im Bistumsportal des Bistums Würzburg und im Kummernetz.