<Rat bei Krisen?>
Die Telefonseelsorge hilft im Internet
Ein zwischenmenschlicher Kontakt über das Internet ist sehr verwandt mit dem Kontakt am Telefon. In beiden Fällen ist der Austausch extrem anonym; das, was man vom anderen mitbekommt, ist im Vergleich zu einer persönlichen Beratung deutlich reduziert. Der Kontakt über das Internet ist dabei noch extremer sinnesreduziert: man hört keine Stimme, keine affektiven Färbungen, man weiß nicht, ob nebenbei einer lacht, weint, stöhnt oder fernsieht. Man weiß noch nicht einmal, ob der Gesprächspartner männlich oder weiblich ist. Man ist den Aussagen des Gegenübers ausgeliefert, jeder kann von sich absolute Traum- oder Wunschphantasien darstellen.
Insgesamt liegt die Vermutung nahe, dass diese Form der Kommunikation gerade von solchen Leuten gesucht wird, die im Umgang mit anderen Menschen Schwierigkeiten und Probleme haben, die gerade bei der Kontaktaufnahme gehemmt und ängstlich sind.
Die Telefonseelsorge in Deutschland macht derzeit zwei Angebote im Internet nach den bewährten TS-Essentials:
- Verschwiegenheit
- Anonymität
- Keine Begrenzung auf spezifische Beratungsthemen
- Kompetenz in medialer Beratung und Seelsorge
- Beratung durch ausgebildete und medienspezifisch fortgebildeter Telefonseelsorger/innen
- Begleitende Supervision für die Telefonseelsorger/innen
- Erst-Antwort innerhalb 48 Stunden
- Institutionelle Bindung an Telefonseelsorge-Stellen.
> Die Attraktivität des E-Mail-Kontaktes
Das Verschicken von E-Mails gehört heute zu den beliebtesten und häufigsten Diensten des Internets. Die Ratsuchenden können ihr Mail genau zu der Zeit versenden, wenn sie ihr Problem besonders drückt. Sie brauchen sich nicht nach Öffnungszeiten von Beratungsstellen richten und müssen nicht erst Wartezeiten für ein Erstgespräch in Kauf nehmen, ehe sie ihr Problem schildern können.
Ein weiterer, von den Ratsuchenden als Vorteil angesehener Punkt ist, dass die Arbeit der Telefonseelsorge im Internet anonym ist. Kein Ratsuchender braucht seinen Namen zu nennen und kann sich darauf verlassen, dass die TS sich der Verschwiegenheit verpflichtet. Mailer/innen fühlen sich durch dieses spezielle Medium noch stärker geschützt. Sie "verraten" ihre Gefühlslage nicht durch die Stimme und können als Person nur das "sichtbar" werden lassen, was sie selbst wollen. Dadurch überwinden die Mailer/innen schneller ihre Schwellenängste und es fällt ihnen leichter, sich zu öffnen und ihre Probleme mitzuteilen.
Gleichzeitig sind die Ratsuchenden auch vor der direkten Reaktion der Telefonseelsorger/innen "geschützt". Sie können Gefühle wie Verständnis, Anteilnahme, aber auch Konfrontation und Kritik in den Mails lesen, diese aber durch mehr Distanz leichter entgegennehmen.
> Was bewegt die Ratsuchenden?
Das häufigste Thema ist "Beziehung", dabei gibt es sehr verschiedene Ausprägungen: 18,3% der Ratsuchenden wenden sich an die TS mit Fragen zur Gestaltung von Ehe und Partnerschaft bzw. suchen im Beratungskontakt nach Möglichkeiten der Problemlösung; bei 8,5% der Ratsuchenden geht es um den Kontakt zu Freunden/Freundinnen und Kollegen/Kolleginnen und Nachbarn; und fast ebenso hoch (9,1%) ist der Anteil der Anfragen aus dem Bereich "Familie".
Fragen und Probleme aus den Themenfeldern Arbeit und Schule bewegen 5,7% der Mailer/innen. Auffallend oft wurde die Sinnfrage - auch immer wieder in Verbindung mit dezidiert religiösem Hintergrund - angesprochen: 13,3% der Anfragen benennen das Fehlen einer tragenden Sinnantwort als Problem. In 5,8% der Mails geht es um das Thema Suizid. Einsamkeit ist in 9,5% der Mails ein Thema.
Es kommt vor, dass der Kontakt über eine erste Mail nicht hinausgeht. Meist entsteht aber ein Briefwechsel, der über mehrere Wochen und Monate geführt wird, bis es entweder zu einer gewissen Neuorientierung und Lösung im Umgang mit der vorgebrachten Problematik kommt oder bis eine andere, weiterführende Begleitung in Angriff genommen wird. Viele Mailer erwähnen, dass allein schon die Tatsache, die eigenen Gedanken und Probleme einmal aufgeschrieben zu haben, bereits ein spannendes Unterfangen und von großem Nutzen war.
> Zweites Angebot: Der Chat-Kontakt
Diese Form der Beratung geschieht in einer virtuellen Stadt, "das-berlin" genannt, bei der neben anderen Angeboten auch Beratungseinrichtungen eine virtuelle "Wohnung" haben, u.a. die Telefonseelsorge im Internet. Man kann sich vorab für eine Beratung in einen freien Termin eintragen. Kommt der / die Berater/in in die Wohnung - d.h. loggt er sich mit seinem Computer in das-berlin ein, so kann er mit dem oder der Ratsuchenden sein schriftliches "Gespräch" beginnen. Es handelt sich dabei um "Zweiergespräche", die kein anderer mitlesen kann.
Fast alle Ratsuchende nehmen ihren eingetragenen Termin auch wahr. Die Ratsuchenden kommen meistens sehr schnell zur Sache, also zu dem Problem, weshalb sie sich angemeldet haben. Die Fragen haben zunehmend existentiellen Charakter. Themen wie Suizidgedanken / Suizidgefährdung, psychische Störungen, das ernsthafte Suchen nach Orientierung im eigenen Leben nehmen immer mehr zu, während der "small talk" fast nicht vorkommt. Für einen Teil der Klienten ist diese Form der Beratung offenbar genau die richtige.
TS im Internet geht gezielt auf Menschen zu, für die ein anderes Beratungsangebot nicht zugänglich ist (Gehörlose) bzw. die aus verschiedenen Gründen (Kontaktstörungen, Schwellenängste) den Weg zu einem anderen Beratungsangebot kaum finden würden. Der Name Telefonseelsorge steht dabei als Markenzeichen für bestimmte Qualitätsstandards und gewährleistet Kompetenz und Verläßlichkeit.
Traugott Weber