Abneigung gegen Abhängigkeiten
Erinnerungen an Robert Geisendörfer / von Norbert Schneider

Angenommen, ein Minister einer Landesregierung hätte den damaligen Intendanten Karl Holzamer aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sich das ZDF verpflichtet, alles ihm Mögliche zu tun, um Projekte der Landesregierung zum Denkmalschutz zu unterstützen – es hätte nicht lange gedauert, bis der bayerische Kirchenrat Robert Geisendörfer, in seiner Eigenschaft als Fernsehbeauftragter des Rates der EKD, einen Brief an diesen Minister geschrieben hätte, in dem er ihm die Verfassung in dürren Worten erklärt und an die Verpflichtungen eines unabhängigen Journalisten gegenüber seinem Publikum erinnert hätte.
Geendet hätte dieser Brief, den er zwar mit Michael Schmid-Ospach, einem Redakteur von „Kirche und Rundfunk“, aber weder mit dem Ratsvorsitzenden der EKD noch mit den kirchlichen Mitgliedern im ZDF-Fernsehrat besprochen hätte, mit den Worten: „Auch ich bin im Denkmalschutz stark engagiert und vertrete seine Ziele, wo immer ich kann. Aber ich kann Journalisten so wenig auf meine Ziele wie die Ziele einer Partei oder die Ziele einer Regierung verpflichten, so löblich sie auch sein mögen. Ich halte es da mit einem Moderator des ZDF-Sportstudios, Hanns Joachim Friedrichs, der kürzlich gesagt hat, dass man sich als Journalist an keine Sache binden soll, auch nicht an eine gute.“

Eigentlich ein Medienpolitiker
Briefe dieser Art wird man im Nachlass von Robert Geisendörfer (der meines Wissens noch nicht aufgearbeitet wurde) noch ein Dutzend und mehr finden. Man wird in ihnen immer wieder denselben Faktor entdecken, von dem das Denken und Handeln dieses evangelischen Publizisten, der eigentlich ein Medienpolitiker war, bestimmt wurde: eine tief sitzende Abneigung gegen Abhängigkeiten aller Art, professionelle so gut wie private. Was umgekehrt heißt: ein ausgeprägtes Interesse an Freiheit.
Geisendörfer wollte „seine Freiheit“ haben; und die Freiheit der andern nicht weniger. Abhängigkeit begann für ihn bei den alltäglichen Routinen. Er ging ihnen nach Möglichkeit aus dem Weg. Was sich leicht wiederholen ließ, war ihm verdächtig, weil es auf Freiheit nicht angewiesen zu sein schien. Ägyptische Fleischtöpfe, die einen vom Wandern abhalten konnten, konnten ihn nicht in Versuchung führen.
Geisendörfer verfügte über drei Wohnsitze, nicht um damit zu prahlen, sondern weil dies den Radius für seine Art von nomadischer Existenz fühlbar größer machte. Das war für ihn ein Stück Freiheit. Er lebte zwar nicht aus dem Koffer, hatte aber einen gepackten stets in seiner Nähe. Von Fahrplänen, denen man sich anzupassen hatte, hielt er nichts. Er ging zum Bahnhof und nahm den nächsten Zug. So war er überwiegend unterwegs, gerne auch dorthin, wo man nicht mit ihm rechnen konnte. „Das hätten Sie jetzt nicht gedacht!“, pflegte er dann zu sagen, leicht amüsiert und ein klein wenig stolz.
Unerwartetes Auftauchen war eine seiner Spezialitäten. Auch über das Telefon, das ein wesentliches Instrument seiner Präsenz und seiner Herrschaft war. Mit einem Anruf war immer zu rechnen. Er kam dann umstandslos, ohne weitere Grußformel zur Sache, immer ein wenig ungeduldig. Und er beendete das Gespräch mit einem ansatzlosen „also“.
Auch die vielen Ämter, die er schließlich ausfüllte, waren weniger die Federn am Hut eines unermüdlich tätigen kirchlichen Funktionärs. Sie waren ihm, dessen Mangel an Eitelkeit fast provozierend wirkte, vor allem deshalb wichtig, weil sie ihm den raschen, den überraschenden Rollentausch erlaubten. Er hat sie strategisch eingesetzt.
Auch Geisendörfers Umgang mit Mitarbeitern war davon bestimmt, ihnen möglichst viel Freiheit zu lassen. Er glaubte, dass er dann am meisten von ihnen haben konnte. Er wollte Menschen nie zu etwas zwingen, schon gar nicht zu ihrem Glück. Er ertrug in seiner Umgebung auch einen schrillen Lebenswandel, fand sich mit Positionen jenseits des mainstream ab, notfalls sogar, was heute problemlos erscheint, mit einer anderen Konfession, wenn dieser Mensch denn nur für das Gesamtgebilde einer evangelischen Publizistik produktiv und interessant war. Das Risiko, das in dieser Art von Personalfindung und -führung steckte, hat er gekannt und hat er getragen. Größere Enttäuschungen sind ihm, soweit ich mich erinnere, erspart geblieben.
Seine Vorstellungen von Freiheit und sein Kampf gegen Abhängigkeiten haben schließlich auch den Kern seines Wirkens ausgemacht für das, was sich in den späten 60er Jahren unter dem Begriff der evangelischen Publizistik zu versammeln begonnen hatte, und was er dann in sehr kurzer Zeit - zusammen mit dem anderen großen kirchlichen Gründer dieser Jahre, mit Rudolf Weeber – als Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik ins Werk gesetzt hat. GEP hat er übrigens nie gesagt.

Weithin unabhängig
Ein wesentliches Motiv dieser Gründung erscheint nur auf den ersten Blick fremd: Dieses Gemeinschaftswerk war von Geisendörfer gedacht und organisiert als vorsätzliche Ausgründung einer sensiblen Disziplin aus der Institution Kirche. Sein Grundgedanke war, wie fast alles, was ihm durch den Sinn ging, sehr einfach. Dieses Werk mit seinen sieben Fachbereichen und dem epd an der Spitze sollte, nicht etwa heimlich oder halbwegs verborgen, sondern mit Zustimmung der kirchlich Verantwortlichen, eine Einrichtung werden, die weithin unabhängig, frei von den speziellen Interessen einer Kirche agieren konnte - einer Kirche, die selbstverständlich eigene Interessen haben durfte und hatte, die auch auf Selbstdarstellung Wert legen musste, sich als Institution ins Gespräch bringen wollte.
Notabene: Geisendörfer wollte sich nicht in Gegensatz zu dieser Kirche bringen, sondern so frei von ihr sein, dass sie auch selbst zum Objekt der Berichterstattung und Kommentierung und Kritik werden konnte, ohne dass dem Journalisten und seiner Einrichtung daraus ein Nachteil entsteht. Der evangelische Publizist, der Journalist sollte frei gehalten werden von institutionellen Abhängigkeiten, sollte so unabhängig sein wie es etwa die großen Federn der „Süddeutschen Zeitung“ waren, ein Blatt, das für Geisendörfer Zeit seines Lebens die bestimmende Referenzgröße war.
Daraus ergab sich schier von selbst, dass die Freundeskreise der politischen Parteien, die sich die Macht im ZDF-Fernsehrat aufteilten, auf seinen entschiedenen Widerstand stoßen mussten. Parteieneinfluss – es war die Zeit von Rotfunk und Schwarzfunk! – war zwar kein grundsätzliches Problem für ihn. Aber er hat, unter Verweis auf das Grundgesetz, Artikel 5, dessen Dominanz getadelt.

Äquidistanz
Als Ernst Albrecht den NDR neu erfinden wollte, war Geisendörfer einer von denen, deren Protest schließlich dazu führte, dass Albrechts Pläne scheiterten. Es bedarf auch keiner weiteren Begründung dafür, weshalb Geisendörfer von Privatfunk nichts hielt und gegen seine Einführung bis zuletzt gekämpft hat. Denn wirtschaftliche Abhängigkeit erschien ihm im Zweifel nicht weniger drückend als der politische Druck.
Zur griffigen Formel für den Weg aus der eigenen, institutionellen Abhängigkeitsfalle wurde damals „Engagement ohne Eigennutz“ – eine Formel, die heute, im Lichte von Lobbyismus und PR-Strategien aller Art, wie tief blauäugiger Altruismus wirkt. Doch dieses Konzept war alles andere als Schwärmerei. In ihm drückte sich die Prämisse für jegliches kirchliche Handeln auf dem Feld der Medien aus: die Äquidistanz der journalistischen Akteure zu den Objekten.
Es ist Geisendörfer mindestens in der ersten Phase dieses neuen Werkes gelungen, die Kritiker dieses kirchen- wie medienpolitisch riskanten Ansatzes davon zu überzeugen, dass dies nicht zum Ausverkauf kirchlicher Interessen führen würde, später übrigens ein Hauptargument der evangelikalen Publizistik, mit dem sie mehr und mehr kirchenpolitisch wirksam wurde.

Kritische Beziehungen
Doch es war schon bei der Gründung des Gemeinschaftswerks absehbar, dass Argumente allein auf Dauer nichts helfen würden. Es brauchte Unterstützer, Gleichgesinnte oder doch wenigstens solche, die Respekt genug vor diesem Ansatz hatten, um ihm eine Chance zu geben. Die hat Geisendörfer in Bischöfen wie Hanns Lilje, Hans Thimme oder auch Kurt Scharf gefunden und in einem Bremer Bischof, der allerdings immer nur Schriftführer war, in Hans Georg Binder. Er fand sie bei evangelischen Publizisten wie Eberhard Stammler oder Siegfried von Kortzfleisch, bei Eberhard Maseberg oder Reinhard Henkys, Jörg Zink, Ulrich Fick, Claus-Jürgen Roepke und Johannes Kuhn.
Sie, mit denen er auch durchaus kritische Beziehungen im Einzelnen haben konnte, haben ihrerseits manches an Einspruch aufgefangen und abgewehrt, auch wenn ihnen nicht immer deutlich gewesen sein mag, dass Geisendörfer im Zweifel eine Familienserie der Eikon für wichtiger angesehen hat als die Übertragung eines Gottesdienstes.
Das spielte keine Rolle, solange dieser Kirchenrat aus Unterfranken immer auch derjenige war, der, zusammen mit seinem Freund Werner Hess, dem Frankfurter Intendanten und ehemaligen Filmbeauftragten der EKD, die kirchlichen Sendungen in jener ARD-Kommission mit dem unaussprechlichen Namen („Kokokise“) betreute. Und was die Vertretung von Interessen anging - es war eben auch Robert Geisendörfer, diesmal zusammen mit Dieter Osenberg, der dafür gesorgt hat, dass Intendanten wie Franz Mai von ihrer Absicht abließen, zu Redakteuren des „Worts zum Sonntag“ zu werden. Und er war es auch, der, darin ganz Kirchenpolitiker, den ersten Kontakt zu Manfred Stolpe knüpfte, als die Möglichkeit sich abzeichnete, einen epd-Korrespondenten in der DDR anzusiedeln.

Ein Mann seiner Kirche
Geisendörfer hat viel Kritik und viele Vorbehalte seinem Grundgedanken gegenüber einfach dadurch auflösen können, dass er seine Herkunft nie klein gemacht oder gar versteckt hat, dass seine Frömmigkeit durchaus bayerisch-barocke Züge aufwies. Er war und blieb immer ein Mann seiner Kirche. Umso mehr hat es ihn geschmerzt, wenn er etwa epd-Entwicklungspolitik ausgerechnet gegen kirchliche Vorstellungen und die Kritik von kirchlichen Funktionären an der Machart dieses Organs in Schutz nehmen musste. Das waren Augenblicke, in denen er ins Grübeln über die Haltbarkeit seines Freiheitsbegriffs kam, Augenblicke, die freilich rasch vorüber gingen. Denn grundsätzlich hielt er Kritik für unabweisbar und hielt sie aus.
Er konnte sich diese Einstellung mindestens in den ersten Jahren auch aus einem sehr speziellen Grund leisten. Schließlich hatte er in der Brunnenstube der meisten Abhängigkeiten, dort, wo das Geld verteilt wurde, wichtige Unterstützer. Geisendörfer ahnte - er war ja auch Schatzmeister des WACC und spielte diese Rolle virtuos -, dass auch für das Gemeinschaftswerk auf Dauer die finanziellen Mittel, Mittel aus der Kirchensteuer, zur Achillesferse werden könnten. Also kümmerte er sich von Anfang an besonders um die, die den Haushalt der EKD prägten, noch einmal und immer wieder: um Rudolf Weeber, um den Kasseler Dekan Nagel, der seinem Haushaltsausschuss einige Jahre vorstand, ein Ausbund an Fairness und Vernunft. Er bezog Helmut Kamm, den Münchner Oberkirchenrat ein, und Nikolas Becker aus dem Rheinland saß schon früh im Verwaltungsrat der Eikon.
Geisendörfer war, was man heute einen begnadeten Netzwerker nennen würde, ein Beziehungspfleger, ganz einerlei, ob es sich um Journalisten wie Heinz Werner Hübner, Reinhard Appel oder Werner Holzer handelte, oder um Hierarchen wie Walter Steigner und Christian Wallenreiter, Dieter Stolte oder Hans Abich. Obwohl sie seinem praktischen Handeln nicht unbedingt etwas hinzufügen konnte, ließ er auch die Theologie nicht aus. Bei Gerd Otto, Hans-Eckehard Bahr und besonders bei Manfred Linz holte er sich immer wieder theologische Argumente für sein publizistisches Konzept.

Lebenslauf
  • 1. September 1910: Robert Geisendörfer wird in Würzburg geboren
  • 1937 bis 1947 Pfarrer in Brannenburg am Inn
  • 1940 heiratet Geisendörfer die Lehrerin Ingeborg Schaudig, die später Bundestagsabgeordnete der CSU wird (1953-1972)
  • Ab 1947 Geschäftsführer des Evangelischen Presseverbandes in München
  • Ab 1960 Fernsehbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
  • 1960 Gründung der Evangelischen Produktionsfirma Eikon
  • Ab 1963 Kirchlicher Senderbeauftragter für das ZDF
  • Ab 1967 Geschäftsführer des Evangelischen Presseverbandes für Deutschland
  • Von 1968 bis 1973 Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands
  • Ab 1973 Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik in Frankfurt am Main
  • Am 26. Februar 1976 stirbt Geisendörfer in Frankfurt am Main.

Man schmälert das Verdienst, das sich Robert Geisendörfer erworben hat, man schmälert seine Bedeutung nicht, wenn man darauf verweist, dass er sich in einer Zeit entfalten konnte, die seinem Ansatz in mancherlei Hinsicht entgegen kam. Das Autoritäre hatte abgewirtschaftet. Hierarchien erlebten eine Krise ihrer Legitimation. Institutionen wurden befragbar. Zugleich erlebten die großen publizistischen Einrichtungen, Zeitungen und Rundfunk und immer noch der Film, eine Blütezeit - noch frei von digitalen Irritationen, vom Kommerz noch nicht schwer gezeichnet, analog und übersichtlich.

Gunst der Stunde
Es war die große Zeit der Kirchentage mit Klaus von Bismarck, Richard von Weizsäcker, Johannes Rau, Helmut Simon, Erhard Eppler... Sie standen für freiheitliche Positionen, für Individualität, für das Überraschende ebenso wie sie ein Klima bereiteten, das freiheitsfreundlich war. Es war die Zeit der Evangelischen Akademien, die sich, auch sie Ausgründungen im Interesse des freien Wortes, auf ihre Weise um das Zeitgespräch gekümmert haben, mit Direktoren, die zum meinungsbildenden Establishment der Gesellschaft gehörten. Und man darf auch dies nicht vergessen: Es war eine Zeit, in der man es sich noch leisten konnte, Probleme mit Geld zu lösen.
Doch aus alledem musste jemand etwas machen. Geisendörfer hat die Gunst dieser Stunde erkannt. Er hat keine Zeit verloren, schon gar nicht dadurch, dass er sich selbst als Person erst in Szene setzen musste. Was er nicht hatte, war, wie sich zeigen sollte, Zeit. Vielleicht wirkte er deshalb oft ungeduldig, weil er das ahnte. Umso erstaunlicher erscheint es mir heute, was er in der knappen Dekade auf den Weg gebracht hat, nachdem er die Birkerstraße in München - nicht für immer natürlich, auch dort behielt er ein Büro - verlassen hat.
Als er überraschend starb, an einem nebligen Abend, wie so oft auf dem Weg, sich die „Süddeutsche Zeitung“ vom nächsten Morgen zu beschaffen, hatte die evangelische Publizistik das meiste von dem bekommen, was man von ihm haben konnte. Die Mühen der Ebene sind ihm erspart geblieben.
Ich vermute, dass sie ihn in Maßen gelangweilt hätten, dass er sich umgesehen hätte, um zu entdecken, ob es nicht wieder einmal etwas zu gründen geben würde, was gegen schlechte Abhängigkeiten helfen könnte. Ich bin sicher, dass er etwas gefunden hätte.

Erschienen in: epd medien 68/10 (1. September 2010)

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