Publizistisches Lebenswerk
Robert Geisendörfers GEP / von Jörg Bollmann

Was Evangelische Publizistik kann: „Etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen“. Diese Leitsätze von Robert Geisendörfer, dem großen evangelischen Publizisten und Gründungsdirektor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik, stehen auf einer Tafel, die ihren Ehrenplatz in den Direktionsräumen des Gemeinschaftswerks hat. Denn diese Leitsätze haben Bestand, überdauern die bewegten Zeiten in unserer hektisch gewordenen Mediengesellschaft.
Wer Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und den Sprachlosen Stimme leihen will, dem wird es egal sein, ob er dazu Fernsehen, Radio, Zeitung, Zeitschrift oder Internet nutzt. Hauptsache ist, möglichst viele Menschen hören die den Sprachlosen geliehene Stimme, werden angerührt zu barmherzigem Handeln oder nehmen Partei für die, die unserer Fürsprache bedürfen. Darum hat sich Robert Geisendörfer gekümmert, Zeit seines Lebens.
Als erfahrenem Mann der evangelischen Kirche und Publizistik, unter anderem in seinen Funktionen als Geschäftsführer des Evangelischen Presseverbands für Bayern und als Fernsehbeauftragter der EKD, war Geisendörfer sehr klar, dass sich die inhaltlichen Anliegen nur im Rahmen einer überzeugenden publizistischen Organisation umsetzen lassen. Insofern war die Gründung des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik am 5. Juli 1973 der folgerichtige Zielpunkt seines beruflichen Wirkens: Das Gemeinschaftswerk ist sein publizistisches Lebenswerk. Ein Lebenswerk, das als Organisation den inhaltlichen Zielen zu dienen hat, aber niemals organisatorischer Selbstzweck sein darf. Das würde Robert Geisendörfer nicht gerecht, weil es ihm nicht recht wäre.

Gründungsidee
Evangelische Publizistik ist eine Funktion der Kirche, die in allen ihren Arbeitszweigen an der Erfüllung des Auftrags teilnimmt, dem die Kirche verpflichtet ist. Sie verhilft den Gliedern der Kirchen zum Verständnis wichtiger Vorgänge in der Christenheit, macht das Zeugnis und den Dienst der Kirchen in der Öffentlichkeit geltend und umfasst in der Bindung an das Evangelium eigenständige Entscheidungsfreiheit und kirchliche Verpflichtung in gleicher Weise. So steht es in der Satzung des Gemeinschaftswerks, diesen Grundsätzen fühlen wir uns, die wir in der Nachfolge Geisendörfers arbeiten dürfen, verpflichtet.
Der Evangelische Pressedienst, der Fachbereich Hörfunk und Fernsehen, der Fachbereich Ausbildung, Fortbildung und Personalplanung mit der Christlichen Presse Akademie, der Fachbereich Film, der Fachbereich Zeitschriften, der Fachbereich Buch sowie der Fachbereich Werbung und Public Relations bildeten das neue Werk zur Gründungszeit 1973. Rund 37 bewegte Jahre später, nach so vielen Veränderungen gerade auch in der deutschen Medienlandschaft, unter anderem nach Einführung des Privatfunks und damit verbunden des dualen Systems in Deutschland, nach Erfindung des Internets und nicht zuletzt im Blick auf die Entwicklungsgeschichte der beiden großen christlichen Kirchen in den vergangenen 37 Jahren ist es erstaunlich, wie viele Elemente dieser Gründungsidee Bestand haben. Das spricht für Robert Geisendörfer als publizistischen Visionär, dem es gelungen ist, rechtzeitig den strukturellen Coup zu landen, der evangelischer Publizistik nach wie vor Zugänge öffnet zu Augen und Ohren der Menschen in unserer Gesellschaft.
Am 3. Februar 2010 haben wir in Berlin den 100. Geburtstag des Evangelischen Pressedienstes (epd) gefeiert. Die von der EKD getragene epd-Zentralredaktion unter dem Dach des Gemeinschaftswerks erreicht zusammen mit den acht von den Gliedkirchen der EKD getragenen Landesdiensten über 100 institutionelle Kunden im Verlags-, Fernseh-, Hörfunk- und Onlinebereich und beliefert zahlreiche evangelische Medienprodukte. Für die Redakteurinnen und Redakteure aller überregionalen Tageszeitungen und aller öffentlich-rechtlichen Programmanbieter gehört der epd zum Beispiel zur Pflichtlektüre.

Medienpolitische Fragen
Die epd-Fachdienste haben sich zu bedeutenden Medienfaktoren in unserer Gesellschaft entwickelt. Wie hätte sich Robert Geisendörfer gefreut, wenn er noch miterlebt hätte, wie zum Beispiel epd medien die wichtige Recherchegeschichte zu Schleichwerbung in öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen veröffentlicht hat. Eine Geschichte, die zu erheblichem Nach- und Umdenken beim ZDF und den Landesrundfunkanstalten der ARD geführt hat.
Zu Geisendörfers Zeiten hieß epd medien noch „Kirche und Rundfunk“, heutzutage sagt der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, Kurt Beck, über epd medien: „Gäbe es diese Publikation nicht, würde sie allen, die an medienpolitischen Fragen interessiert sind, wirklich ernsthaft fehlen. Ich glaube, dass man in Deutschland sich medienpolitisch nicht engagieren kann, ohne diese Publikation intensiv wahrzunehmen. Das, glaube ich, ist das Beste, was man über ein Informationsblatt sagen kann.“ (Berliner Medienrede am 28. November 2007)
Gefreut hätte sich Geisendörfer sicher auch, wenn er miterlebt hätte, dass die Rundfunkarbeit nach einigen Wechseln wieder unter dem Dach seines Werks gelandet ist. Ihm, der aus der Position des Fernsehbeauftragten die Institution in Frankfurt am Main gegründet hat, wäre es sicher schwergefallen, in eine Ämterteilung von Direktor des Gemeinschaftswerks und Rundfunkbeauftragtem einzuwilligen. Dennoch war dieser Schritt, zu dem sich EKD und Gemeinschaftswerk 1997 entschlossen hatten, folgerichtig angesichts der Fülle der Aufgaben, die in den beiden Ämtern inzwischen zu erledigen sind. Zu Geisendörfers Zeiten waren von RTL oder SAT 1 eben noch keine Spuren am Horizont auszumachen.
Aber so richtig die Ämtertrennung war, so wichtig war es eben auch, dass die Rundfunkarbeit als solche von der evangelischen Kirche 2007 ins Gemeinschaftswerk zurückgeführt wurde. Der Medienbeauftragte der EKD, Markus Bräuer, und der amtierende Direktor des Gemeinschaftswerks arbeiten gemeinsam in der Nachfolge Robert Geisendörfers, das Rundfunkteam hat als publizistische Einheit seinen Platz unter dem Dach des von Geisendörfer gegründeten Werks in Frankfurt am Main.
Geisendörfer selbst hätte vermutlich das Wort „publizistische Synergie“ nicht in den Mund genommen. Sagen wir also, dass die von ihm mit seiner strukturellen Idee ermöglichte Zusammenarbeit zum Beispiel dazu geführt hat, über eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer für den Eröffnungsgottesdienst der Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ 2010 zu interessieren. Eine Quote, die wir sonst nur um die Weihnachtszeit herum kennen. „7 Wochen Ohne“ ist inzwischen eine Kooperationsleistung von „chrismon“, der Internet- und der Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk.
Womit wir bei den Fachbereichen Buch und Zeitschriften wären. Wir wissen nicht, ob sich der Visionär Robert Geisendörfer bereits erträumen konnte, was im neuen Jahrtausend daraus werden würde. Dass aus der Wochenzeitung „Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt“ 2000 das monatliche evangelische Magazin „chrismon“ werden würde, dass die Synode der EKD 2004 beschließen würde, „chrismon“ aus dem Süddeutschen Verlag herauszulösen und in Frankfurt am Main unter dem Dach des Gemeinschaftswerks neu anzusiedeln und dass daraus eine der wesentlichen Erfolgsgeschichten der evangelischen Publizistik werden würde, konnte in den 70er Jahren niemand vorhersehen – auch Robert Geisendörfer nicht.
In der Weiterentwicklung seiner organisatorischen Gründungsidee mit dem konkreten Fachbereich Buch und Zeitschriften findet sich aber erst der Platz für die Zeitschrift „chrismon“ mit einer Reichweite von über 800.000 Leserinnen und Lesern pro Monat, die Buchedition chrismon und die dadurch erst möglich gewordenen Produktionen und verlegerischen Dienstleistungen von und für zum Beispiel „zeitzeichen“ (Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft), „Diakonie Magazin“, „JS Magazin“ (Die evangelische Zeitschrift für junge Soldaten) und „Gemeindebrief“ (Magazin für Öffentlichkeitsarbeit).

Christliche Orientierung
Hier nun mit einer Aufzählung weiterzumachen, welche seiner sonstigen von ihm 1973 konzipierten Fachbereiche noch stehen und welche sich wie verändert haben, würde Geisendörfer nur langweilen – und wahrscheinlich nicht nur ihn. Deshalb sei nur schnell erwähnt, dass sich in Berlin die Evangelische Journalistenschule um die Ausbildung junger Menschen kümmert, dass im Filmkulturellen Zentrum sowie bei epd Film erfolgreich und Hand in Hand mit der Kulturbeauftragten der EKD gearbeitet wird und dass wir jedes Jahr den Geisendörfer Preis verleihen.
Der Preis, der seit ein paar Jahren um eine Auszeichnung für Kinderprogramme ergänzt wurde, geht an Fernseh- und Hörfunkbeiträge, die unter anderem das individuelle und soziale Verantwortungsbewusstsein stärken, zum guten Miteinander von Einzelnen, Gruppen, Völkern und zur gegenseitigen Achtung der Geschlechter beitragen und – nicht zuletzt – die christliche Orientierung vertiefen. Den Namen Geisendörfer trägt der Preis „nur“ ehrenhalber. Mit dem Preis wäre er, dessen Andenken wir damit bewahren wollen, sicher einverstanden gewesen. Ob aber auch mit dem Namen? Hoffentlich, ein bisschen zweifeln wir, sicher wissen wir es nicht.
Wir werden es auch nicht erfahren. Was wir aber wirklich gerne wüssten, wäre, wie Robert Geisendörfer wohl auf die digitalen Herausforderungen reagiert hätte. Die EKD mit ihren Gliedkirchen, Einrichtungen und Werken und das Gemeinschaftswerk haben eine publizistische Antwort gefunden und sich - unter anderem - für evangelisch.de entschieden. Ob das Portal, das im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik produziert wird, unserem großen publizistischen Vorbild gefallen würde? Auch auf diese Frage finden wir keine Antwort mehr, aber wir glauben zuversichtlich, dass er ganz zufrieden wäre mit unseren Online-Aktivitäten.
So viel jedenfalls ist sicher: Was auch immer Geisendörfer selbst digital erfunden hätte, er hätte es erfunden, und der Platz dafür wäre im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gewesen. Ein Platz, den wir der genialen Idee unseres Gründungsvaters verdanken. Vielen Dank, Robert Geisendörfer!

Erschienen in: epd medien 68/10 (1. September 2010)

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