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  Die Jury der Evangelischen Filmarbeit empfiehlt als Film des Monats Januar 2003:

All or Nothing
Regie und Buch: Mike Leigh

Eine heruntergekommene Hochhaussiedlung im Südosten Londons. Hier, wo sich das Leben auf Essen, Schlafen und Arbeiten reduziert, verflog der Traum der Supermarktkassiererin Penny von einem erfüllten Leben an der Seite des Taxifahrers Phil. Alltagsfrust und Überlebenskampf haben Zärtlichkeit und Liebe erfrieren lassen. Was bleibt, sind für Penny Ausflüge mit befreundeten Nachbarinnen in die Karaoke-Bar, für Phil der Kumpel Ron und die Kneipe. Die beiden Kinder wohnen noch bei den Eltern auf engstem Raum. Die verschlossene Tochter Rahel putzt in einem Altersheim, der übergewichtige Sohn Rory hängt gefräßig vor der Glotze. Als Rory bei einer Rangelei zusammenbricht und ins Krankenhaus kommt, bewirkt der Schock eine zaghafte Annäherung zwischen den Eltern.Der Regisseur Mike Leigh sagt über sich selbst: „Ich bin in einem Arbeiterviertel aufgewachsen. Auch wenn ich heute zur Mittelschicht gehöre, habe ich den Bezug zu diesen Menschen nie verloren. Ich gehe mit offenen Augen durchs Leben und registriere, was um mich herum passiert.“ Und er fügt hinzu: „Wir dürfen nie vergessen, wie privilegiert wir eigentlich sind.“ Szenen wie die wüste Beschimpfung der Mutter durch den Sohn beim Abendessen oder die Schläge eines jungen Mannes für seine schwangere Freundin mögen dem „privilegierten“ Zuschauer plakativ überzogen erscheinen. Mike Leighs Zugriff auf die Wirklichkeit besticht aber gerade durch sein Gespür für ein Milieu, in dem Enttäuschung Aggressionen nährt. Seine Wahrhaftigkeit und sein tragikomischer Blick auf das Leben wissen um die Verhärtung und den Verschleiß menschlicher Beziehungen. Bei aller Tristesse ist All or Nothing ein Film über die Wandlungen der Liebe, die in einer sozial kalten Welt abkühlen, sich aber auch wieder erwärmen kann, über die Facetten der Verzweiflung und über die Hoffnung, die ihr dennoch widersteht.

Produktion: Alain Sarde/Simon Channing Williams/Thin Man Films, Großbritannien/Frankreich 2002; Regie und Buch: Mike Leigh; Kamera: Dick Pope; Schnitt: Lesley Walker; Musik: Andrew Dickson; Darsteller: Timothy Spall (Phil), Lesley Manville (Penny), Alison Garland (Rachel), James Corden (Rory) u.v.a.; Format: 35 mm, F., 128 Min.; Verleih: TOBIS STUDIOCANAL, Pacellistr. 47, 14195 Berlin, Tel. 030/8390070; Kinostart: 16.1.2003