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Hchouma
HCHOUMA – TABU UND SCHANDE
Sylvie Banuls/ Deutschland 2005
DVD mit Langfassung: 54 Min. u. Kurzfassung: 35 Min., Dokumentarfilm, f.
Verleih: EZEF, EMZ 2-16 u. 18
Inhalt
"Hchouma" - das ist in Marokko das, worüber man nicht spricht, weil es eine Schande ist, nämlich außerehelicher Sex und seine Folge, die Schwangerschaft einer Unverheirateten. Das Tabu der "Hchouma" diskriminiert Mutter und Kind gleichermaßen und stempelt sie in der Gesellschaft zu Außenseitern ab.
Die Langfassung des Films informiert in der Gegenüberstellung einer modernen Studentin und der verfemten Mütter über die unterschiedliche Situation junger Frauen im heutigen Marokko. Die Kurzfassung konzentriert sich auf die von der "Hchouma" betroffenen Frauen in der ASF und klärt dabei aus dem Off stärker über die Rechts-lage in Marokko auf.
(Langfassung) Durch einen Zufall lernt die 25jährige Werbedesign-Studentin Nadia in Casablanca die Organisation "Association Solidarité Féminine" (im Folgenden ASF genannt) kennen, eine Einrichtung, die unverheiratete Schwangere aufnimmt und die Mütter drei Jahre lang mit ihrem Kind betreut, sie ausbildet und beschäftigt. Eine Kommilitonin hatte Nadia verraten, dass man dort, in der Nähe ihres Praktikumsplatzes, preisgünstig essen könne. In dem von der ASF betriebenen kleinen Restaurant, das auch Männer aufsuchen dürfen, wird Nadja von einer Gleichaltrigen bedient und erfährt ihre Geschichte. Karima musste schon als Siebenjährige auf Geheiß des Vaters, der nicht arbeitete, als Dienstmädchen in Privathaushalten Geld für die Familie verdienen. Um der Bevormundung durch den Vater zu entgehen, hatte sie sich auf ein Heiratsversprechen eingelassen. Als sie von einem Freund ihres Bruders schwanger wurde, zog sich der junge Mann aber zurück, und der Vater warf sie aus dem Haus.
Nadia ist entsetzt. Die junge Frau, die wohlbehütet aufgewachsen ist, hat ihrem patriarchalischen Vater das Studium und kleine Freiheiten abgerungen. Mit ihrem Verdienst aus Werkarbeit ermöglicht sie zudem zwei Geschwistern ein Studium. Vor einer Prüfungskommission, der auch Frauen angehören, legt Nadia ihr Examen ab. Vor der Kamera spricht sie später über ihre Erziehung, deren traditionelle Vorstellungen von korrektem weiblichen Verhalten sie durchaus übernommen hat, und über ihre Pläne. Auch die Eltern werden interviewt.
Die Filmautorin Sylvie Banuls beobachtet darüber hinaus die Frauen in der ASF und lässt die Leiterin, Aicha Ech Chenna, berichten. Sie hatte die Organisation 1973 gegründet, nachdem ihr eine verzweifelte Hochschwangere begegnet war, die die Mutter mitten in der Nacht mit dem Auftrag fortgejagt hatte, vor einer Rückkehr zuerst ihren "Bauch zu leeren". Gemeinsam mit der Parlamentarierin Nouzha Skalli überlegt sie, wie die Öffentlichkeit von der Heuchelei des "Hchouma"-Prinzips abgebracht werden kann: Alleinstehende Schwangere sollen nicht mehr als "Prostituierte" diffamiert und gerichtlich verfolgt, der Gebrauch von Verhütungsmitteln auch Unverheirateten erlaubt und früher Schwangerschaftsabbruch in besonderen Fällen legalisiert werden.
Gezeigt wird der liebevolle Umgang mit den "illegitimen" Kindern im Haus der ASF und mit den Müttern im Hamam, einem Frauenbad, das die Organisation unterhält. Dort erlernen die durch die öffentliche Missachtung und Verfolgung schwer traumatisierten Frauen durch ähnlich betroffene Betreuerinnen einen neuen, positiven Umgang mit ihrem Körper. Ein Schlussinterview verrät, dass die meisten der jungen Mütter auf die Begegnung mit einem Mann hoffen, der sie und ihr Kind annimmt - nach Lage der Dinge eine Illusion.
Zur Kurzfassung: Von Nadias Geschichte ist hier ihre Begegnung im Restaurant mit Karima und ihr Kommentar übernommen. Der Film beginnt jedoch mit einer in der Langfassung fehlenden Leidensgeschichte: Eine junge Frau, die ebenfalls Karima heißt, kommt, nachdem sie vorübergehend bei ihrer Schwester in Rabat Unterschlupf gefunden hatte, mit ihrem Baby zur ASF. Begleitet wird sie von ihrer Mutter, einer Witwe, die am Stadtrand in einer Wellblechhütte bereits einen blinden Sohn zu versorgen hat und außerdem das Kind ihrer zweiten, geschiedenen Tochter, die an Epilepsie leidet. Als die ledige Tochter schwanger wurde, hat der junge Mann, statt sie zu heiraten, sie vom Dach geworfen, um "sie mit ihrem Kind von der Welt zu erlösen" oder zumindest den Embryo zu töten. Karima fiel auf einen Olivenbaum und kam mit Knochenbrüchen davon, ihr Kind blieb wie durch ein Wunder unversehrt. Der Täter hat gedroht, ein etwaiges Gerichtsverfahren mit Hilfe von Geld niederzuschlagen. Jetzt fürchtet die Großmutter, dass sie selbst getötet wird, wenn ihre Geschwister von der "Hchouma" erfahren. Sie sucht vergeblich Arbeit und hat schon an Selbstmord gedacht.
Hintergrund
Das nordafrikanische Königreich Marokko ist seit 1956 unabhängig. Die Bevölkerung besteht zu über 50 Prozent aus Arabern und arabisierten Berbern, zu 35 Prozent aus Berber-Volksstämmen. Der Anteil der Europäer, meist Franzosen und Spanier, geht zurück. (Neben Arabisch ist Französisch als Folge der langjährigen Besetzung die zweite Amtssprache.) Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt. Der Islam ist Staatsreligion, der König weltliches und religiöses Oberhaupt und laut Verfassung unantastbarer Herrscher.
Im Oktober 2003 hat König Mohammad VI. das Familienrecht radikal reformiert (ohne allerdings Grundsätze der Scharia im Hinblick auf Polygamie, Körperstrafen usw. aufzuheben). Seitdem sind Männer und Frauen in der Verantwortung für Familie und Kindererziehung gleichberechtigt. Die Pflicht der Frau, ihrem Mann zu gehorchen, wurde abgeschafft, das Mindestheiratsalter für Frauen von 15 auf 18 heraufgesetzt und die Scheidung für Frauen gerechter gestaltet. Vor der Ehe (in der "Verlobungszeit") gezeugte Kinder werden bei Eheschließung als gemeinsame Kinder anerkannt.
Ob die Frauen, die nun theoretisch neben den Tunesierinnen zu den emanzipiertesten der arabischen Welt gehören, ihre Rechte praktisch auch wahrnehmen können, hält die Islamwissenschaftlerin Martina Sabra allerdings wegen der schlecht funktionierenden Justiz, Korruption und materieller Not für fraglich. Obwohl Frauen seit 1957 ein Recht auf Schulbildung haben, können mehr als zwei Drittel, in ländlichen Gegenden sogar 90 Prozent nicht lesen und schreiben.
Die Reform ist auch ein Erfolg der starken marokkanischen Frauenbewegung, die gegen die rigiden Islamisten opponiert. Deren Einfluss war nach den Selbstmordattentaten im Mai 2003 gesunken. Inzwischen ist die gemäßigte islamistische Partei Gerechtigkeit und Wohlfahrt (PJD) erstarkt, vor allem in Großstädten wie Casablanca. Zu den Wortführerinnen der Frauenbewegung gehört Nadia Yassine, die sich auch literarisch betätigt. Ihr Vater hatte die außerparlamentarische Organisation "Jamaa al-Adl-wal-Ihsan" (Gerechtigkeit und Wohlfahrt) gegründet, die an Einfluss gewinnt. Aus Furcht vor einem zunehmenden Fundamentalismus hat die Regierung als erste eines muslimisch geprägten Landes in der Welt 50 weibliche Geistliche, sogenannte Murschidat, eingesetzt. Sie sollen wie die männlichen Imame tätig werden, mit Ausnahme der Leitung der Gebete (Frankfurter Rundschau v. 26.2.2007).
Zur Gestaltung
Mit der Eingangssequenz, die die Füße vorübereilender Passantinnen zeigt und schließlich auf verschleierte und unverschleierte Frauen überblendet, demonstriert der Film die weibliche Vielfalt in Marokko. Mit der Design-Studentin Nadia bietet die Regisseurin in beiden Fassungen einem jungen Publikum ein Gegenüber an, mit dem es sich identifizieren kann. Nadia ist eine moderne junge Frau, die dem traditionell geprägten Elternhaus weitgehend entwachsen zu sein scheint. Auf der anderen Seite vertraut die Filmemacherin auf die Wirkung, die von Aufnahmen kleiner Kinder ausgeht. Es ist schwer zu verstehen, wie eine Gesellschaft diese Kinder ablehnen kann. Die Filmmusik verwendet marokkanische Kinder- und Volkslieder, deren Text allerdings nicht übersetzt wird.
Zur Diskussion
1. Information über ein Urlaubsland
Der Film versucht die Augen zu öffnen für Fakten und Verhältnisse, die den meisten Touristen verborgen bleiben dürften. Selbst die in Casablanca lebende Nadia bekennt, dass sie vom Leid der verfemten Mütter keine Ahnung hatte.
Die ASF-Leiterin berichtet, dass allein in dieser Stadt 23000 Mädchen im Alter von durchschnittlich zehn Jahren in Haushalten beschäftigt sind. In dem in der Kurzfassung geschilderten Fall ist Karimas Mutter mit 17 Jahren mit einem 80jährigen verheiratet worden.
Recht deutlich wird vor allem in der Kurzfassung der Rechtszustand einer "schizophrenen Gesellschaft". Wird eine junge Frau schwanger, erhält ihr Kind nur dann einen legalen Status, wenn der Kindsvater sie heiratet, auch wenn er sich unmittelbar danach wieder scheiden lässt. Früher wurden unverheiratete Mütter direkt aus der Entbindungsstation vor Gericht gebracht und zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Sie galten fortan als Prostituierte. Trotz der Änderung des Familienrechts ist es, wie die ASF-Initiatorin erläutert, auch heute noch möglich, Frauen für außerehelichen Sex mit Gefängnis zu bestrafen.
Das führt dazu, dass diese Mütter ihre Kinder verstoßen oder, wenn sie sie behalten, sie für ihr Schicksal verantwortlich machen. Die psychischen Folgen der "Hchouma" sind in jedem Fall für Mutter und Kind verheerend. Eine der interviewten Frauen bekennt, dass sie niemand mehr vertraut und von Liebe und von Männern nichts mehr wissen will. Es lässt sich nur erahnen, was das für die spätere Lebenseinstellung des Kindes bedeutet, das keine Rechte hat. Die Erzieherin der ASF, die beim Erzählen der eigenen Geschichte mit den Tränen kämpft, bemüht sich, den kleinen Kindern ein Lächeln zu schenken - sie lacht und singt mit ihnen.
Die beiden älteren Frauen, die Leiterin und die Abgeordnete, entwerfen gemeinsam Strategien für die Auseinandersetzung mit den politischen Institutionen. Sie wollen die gesellschaftliche Einstellung verändern.
Fragen für ein Gespräch:
- Was ist ein Tabu?
- Wie funktionieren Tabus in einer Gesellschaft?
-Wie kommt es, dass Nadia über die Situation alleinerziehender Mütter in ihrem Land nichts weiß?
- Welche Folgen hat die "Hchouma" für die Frauen und die Kinder?
- Hat sie auch Folgen für die Männer?
- Wie gehen die Geschlechter in Marokko miteinander um (Nadias Bericht, die Männer im Café und am Strand, in der Disko, die Ansichten von Nadias Mutter und Vater)?
- Welche Motivation steht hinter dem Engagement der ASF-Gründerin?
- Was ist an der Doppelstrategie der ASF - praktische und psychologische Hilfe - besonders wichtig?
- Wieweit könnte sie Vorbild für Hilfe in unserer Gesellschaft sein, z.B. für traumatisierte Migrantinnen?
2. Anregungen zum Gespräch über eigene Vorstellungen
Eine Filmdiskussion sollte sich nicht damit begnügen, über ein Land wie Marokko zu urteilen, ohne die eigene Situation zu bedenken: In der Bundesrepublik Deutschland ist die gesetzliche Benachteiligung unehelicher Kinder und ihrer Mütter erst seit der Reform des Kindschaftsrecht von 1998 endgültig aufgehoben worden (die DDR war hier von Anfang ihrer Existenz an weit vorfortschrittlicher).
Nadias Ansichten über Sex und den Umgang mit Männern entsprechen denen eines gut erzogenen deutschen Mädchen aus dem Bürgertum der 50er bzw. beginnenden 60er Jahre. Wenn Eltern die Übernachtung eines Jungen bei ihrer Tochter duldeten, galt das bis 1969 strafrechtlich als Kuppelei.
Unverheiratete Paare bekamen keine Mietwohnung oder wurden - wie in Udo Jürgens' Song vom "ehrenwerten Haus" (Lied des Jahres 1975) - gemobbt.
Grundsätzlich gilt der Schwangerschaftsabbruch auch in Deutschland seit der Reform des Paragrafen 218 von 1995 als rechtswidrig, ausgenommen die kriminogene Indikation (z.B. nach Vergewaltigung) und die medizinische Indikation (Gefahr für das Leben der Mutter). Rechtswidrig, aber nicht strafbar ist der Abbruch in den ersten 12 Schwangerschaftswochen, wenn eine Konfliktberatung vorangegangen und die Notlage der Schwangeren bescheinigt worden ist. Der deutsche Gesetzgeber hatte dabei den Schutz des Lebens im Visier. Er trägt zugleich dem Umstand Rechnung, dass die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland rapide gewachsen ist, so allein in Baden-Württemberg von 1980 bis 2005 nach Angaben des Statistischen Landesamtes um 35 Prozent.
Fragen
Die von Nadia geäußerte Vorstellung, es sei gut, mit Sex bis zur Heirat zu warten, stimmt mit der bis heute geltenden katholischen Morallehre überein. Halten sich junge Menschen noch daran? Ist es sinnvoll, bestimmte Verhütungsmethoden aus religiösen Gründen als "unnatürlich" abzulehnen, obwohl sie ungewollte und unerwünschte Schwangerschaften verhindern könnten? In Deutschland ist offenkundig ein Gesinnungswandel im Hinblick auf unverheiratete Paare und allein erziehende Mütter eingetreten. Gibt es immer noch Nachteile?
Eine "Leerstelle" fällt im Film auf: Junge Männer kommen ins Bild, aber nicht zu Wort. Die Väter der Kinder haben versagt. Wie sieht es damit hierzulande aus? Erklärungsversuche wie "Ich habe ihm vertraut", "er hat mich betrogen", "es ist mir passiert" sind deutschen Beraterinnen ja nicht fremd. Was müsste sich ändern, damit auch männliche Jugendliche begreifen, welches Risiko ungeschützter Sex bedeutet und welche Verantwortung sie für werdendes Leben tragen? Sprechen Paare darüber?
Literatur
- Sonja Hegasy, Karriere mit Kopftuch, DIE ZEIT v. 6.11.2003
- Wendy Kristianasen, Der neue dynamische Dschihad der Frauen, Le Monde diplomatique Nr. 7330 v. 8.4.2004 (dtsch.v. E. Wellerhaus)
- amnesty international Deutschland, Jahresbericht 2005, Marokko und Westsahara
- Aufsätze von Martina Sabra, Islamwissenschaftlerin, Freie Journalistin und Projekt gutachterin mit Schwerpunkt Nordafrika, Köln; versch. Artikel über die Suchmaschine Google mit der Eingabe des Namens – Martina.Sabra – zu finden
- Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an. Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen.
Piper Verlag, München/Zürich 2005, 214 Seiten, 13,90 €
Medienhinweise
PUPPEN AUS TON
(Poupées d'argiles), Nouri Bouzid, Tunesien/Frankreich 2002, 90 Min., f., Spielfilm, OmU, Verleih 35 mm: EZEF, Verleih Video: EZEF, EMZ 2-19
Zur Ehe gezwungen
Frauen fliehen aus ihren Familien, Renate Bernhard und Sigrid Dethloff, Deutschland 2005, 45 Min., f., Dokumentarfilm, Verleih Video: EZEF, EMZ 2-19
Zwischen den Welten
Yusuf Yesilöz, Schweiz 2006, 54 Min., f., Dokumentarfilm, Of m. dt., franz. u. engl. UT, Verleih DVD: EZEF, EMZ 2-16 u. EMZ 18
Dorothea Schmitt-Hollstein Februar 2007
Artikel zuletzt geändert am: Freitag, 16. Januar 2009 09:33
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