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"... dass Du zwei Tage schweigst unter der Folter!" Elisabeth Käsemann - Ein deutsches Schicksal

Frieder Wagner, Oswaldo Bayer, BRD 1991
45 Min., Farbe,  Dokumentarfilm
Verleih: EMZ 1-19 (ohne EMZ 9)

Inhalt:

Am 16.Juni 1977 wird die 30jährige Elisabeth Käsemann auf dem Lustnauer Friedhof in Tübingen beigesetzt. Ihre Eltern teilen der Öffentlichkeit mit: "Wir haben heute unsere Tochter Elisabeth auf dem Lustnauer Friedhof bestattet, am 11. Mai 1947 geboren, am 24. Mai 1977 von Organen der Militärdiktatur in Buenos Aires ermordet, gab sie ihr Leben für Freiheit und mehr Gerechtigkeit in einem von ihr geliebten Lande. "Elisabeth Käsemann ist eine von 72 Deutschen, die ein Opfer der argentinischen Militärdiktatur wurden. Sie ist jedoch die einzige, deren Schicksal nachgezeichnet werden konnte.

Trotz seiner exponierten Stellung als bekannter Theologieprofessor in Tübingen, war es Elisabeths Vater, Ernst Käsemann, nicht gelungen, die deutschen Behörden zu einem rechtzeitigen Freikauf seiner Tochter zu mobilisieren. Die deutschen Behörden brachten es nicht einmal fertig, Elisabeths spärliche Habe zu sichern.

Wer war Elisabeth Käsemann? Mußte ihr Leben so tragisch enden? In ihrem Dokumentarfilm "... daß du zwei Tage schweigst unter der Folter! / Elisabeth Käsemann - Ein deutsches Schicksal" versuchen Frieder Wagner und Osvaldo Bayer eine Annäherung.

Struktur und Kritik

Sie wirkt wie eine typische Vertreterin der aufmüpfigen 68er Generation, jene auffällig hübsche junge Frau, die uns zu Beginn der Dokumentation auf einem Schwarzweiß-Foto gezeigt wird. Und so falsch mag dieser Eindruck gar nicht sein. Denn aufmüpfig war sie schon, die junge Elisabeth Käsemann, die auf dem Tübinger Gymnasium einen "politischen Club" leitete und die es nach Abitur und einem vom Vater gewünschten Auslandsaufenthalt in England, sofort ins unruhige Berlin trieb. Soziologie studierte sie dort und schloß sich der Studentenbewegung um Rudi Dutschke an.

Die Distanz des Vaters zu Elisabeths Wahl ist noch heute zu spüren, wenn er im Film von den "rebellischen Studenten im Otto-Suhr Institut" spricht, von denen seine Tochter vier Semester mit "marxistischen Ideen" beeinflußt worden sei. Dabei sieht Ernst Käsemann zwischen sich und seiner jüngsten Tochter viele Berührungspunkte und sagt nicht ohne Stolz, daß Elisabeth

als Kind dem Vater nacheiferte. Wenn die drei Käsemann-Kinder sich bei der häuslichen Morgenandacht ein Lied aus dem Gesangbuch aussuchen durften, wählte Elisabeths am liebsten "Sonne der Gerechtigkeit." Ernst Käsemann: "Hier trafen sich Elternhaus und aufrührerische Tochter". Denn Elisabeth habe herausgefunden, daß "Theologie eine Sache sei, die von ihrem Ursprung her aufrührerisch wirken müsse."

Aber Elisabeth wollte etwas anderes als ihr Vater, der auf der Evangelischen Akademie in Hofgeismar sagt: "An eine Erde voll Gerechtigkeit glaube ich nicht, aus ihr hoffe ich nicht. Ich weiß, daß der Mensch böse ist." Elisabeth war bereit, für eine gerechte Erde zu kämpfen - auch wenn dieser Kampf mit Waffen geführt wurde und wenn sie ihn mit dem eigenen Leben bezahlen sollte.

Als sie im Herbst 1968 beschloß, ihr Praktikum in Südamerika zu absolvieren, verlor sie schnell die touristischen Neugierde an diesem Kontinent. "Ich bin dabei, mich mit dem Schicksal dieses Kontinents zu identifizieren", schrieb sie nach Hause und sah, daß die Verantwortung, die sie für die im Elend lebenden Menschen empfand, sie vor schwierige Entscheidungen stellen würde.

In Buenos Aires fand sie schließlich eine zweite Heimat. Neben ihren Studien, unter anderem auf dem dortigen theologischen Seminar, solidarisierte sie sich mit Arbeitern und kleinen Leuten. Sie war begeistert, wie konkret hier die Theologie verstanden wurde. "Das Evangelium", schrieb sie an ihre Eltern, "hat nur eine Botschaft: die Befreiung hier und jetzt. Aber die fortgeschrittenen Theologen", heißt es weiter, "sind meist nicht in der Lage, diese Botschaft für die Armen zu übersetzen." Die Arbeit in Gewerkschaften und die Alphabetisierung der breiten Masse waren für die junge Frau wichtiger geworden, als erbauliche Verse aus Gesangbuch oder Bibel.

Als die Eltern nach fünf Jahren ihre Tochter in Buenos Aires besuchten, hatte sich Elisabeth einer kleinen trotzkistischen Gruppe, der "spanischen Arbeitermacht" angeschlossen, für die die Theorie der Revolution wichtiger war, als die Aktion des bewaffneten Kampfes.1976 änderte sich die Situation in Argentinien allerdings von Grund auf. Nach dem Putsch von General Videla entstand eine Militärdiktatur. Geheime Gefängnisse wurden eingerichtet, Menschen wurden entführt und gefoltert, Ermordete an geheimen Orten verscharrt. Für die revolutionäre Linke war der Zeitpunkt für den bewaffneten Aufstand gekommen. Elisabeth Käsemann schloß sich einer geheimen Organisation an, die gefälschte Dokumente und Fahrzeuge besorgte, um bedrohte und verfolgte Menschen außer Landes zu bringen. Sie hatte die Revolution in ihrer Wahlheimat zu ihrer eigenen Sache gemacht.

Auf einem konspirativen Treffen, bei dem der Mord an einem Folterer geplant wurde, lernte Elisabeth den Journalisten Sergio kennen. Obwohl sich beide für den bewaffneten Kampf entschieden hatten, lehnten sie einen geplanten Mord ab. Zusammen mit einem Dritten konnte die Aktion auch boykottiert werden. Aus dieser Komplizenschaft zwischen Sergio und Elisabeth entstand eine Liebesbeziehung. Aber diese Liebe war zum Scheitern verurteilt. Denn Sergio erkannte bald, daß die Revolution verloren war. Er schlug Elisabeth vor, aus Argentinien zu fliehen.

Obwohl die Militärs jetzt mit nie dagewesener Brutalität jene Theorie in die Praxis umsetzten, die sie in Kursen des Pentagon erlernt hatten, hatte sich Elisabeth mit Leib und Seele ihrer zweiten Heimat verschrieben. Sie reagierte auf Sergios Fluchtvorschlag verärgert und gab eine Woche lang kein Lebenszeichen mehr von sich. Doch dann besorgte sie ihm - gegen die Grundsätze der Organisation - die Papiere, die er zu seiner Flucht benötigte.

Wenn Sergio sich von dem Kamerateam heute noch einmal an jene Stufen zur U-Bahnstation begleiten läßt, vor denen er sich vor zwanzig Jahren zum letzten Mal von Elisabeth verabschiedet hat, entsteht in dem Film eine Dichte, die in Dokumentationen nur selten erreicht wird.

Nach der Flucht des Geliebten wurde es einsam um Elisabeth Käsemann. Ihr blieb nur noch Diana Houston, eine Freundin, die sie schon in den Jahren vor dem Militärputsch kennengelernt hatte. Diana Houston hatte sich, anders als Elisabeth, aus "speziellen Organisationen" herausgehalten. Aber auch sie war bereit, für die "gerechte Sache" zu arbeiten und zu helfen, wenn Menschen außer Landes gebracht werden mußten.

In den Morgenstunden des 7. März 1977 erlitten die beiden Frauen dasselbe Schicksal. Diana Houston kann heute darüber berichten, weil sie das, was danach kam, überlebt hat: Elisabeth und sie waren an diesem Tag zum Frühstück verabredet. Als Elisabeth nicht kam, ahnte Diana, was passiert war, und beschloß in ihrer Wohnung zu warten. Und bald kamen sie auch. Fünfzehn bis zwanzig Männer mögen es gewesen sein. Sie weiß es nicht, weil ihr sofort die Augen verbunden wurden. Die Männer schlugen, traten und randalierten. Diana Houston: "Mein ganzes Leben löschten sie in einer Stunde aus."

Diana Houston wurde in einer Art "Kellerschacht", in ein Folterzentrum gebracht. Die Schreie, die sie damals hörte und das verbrannte Fleisch, das sie roch, kann sie heute noch sinnlich wahrnehmen. Aus einer anderen Zelle hörte sie auch Elisabeths Schreie. Für diejenigen, die überlebt haben, waren das die schlimmsten Tage ihres Lebens. Die Folterknechte versuchten die Frauen vollkommen zu erniedrigen und sie ihrer Würde zu berauben.

Am 24. Mai 1977 wurde Elisabeth Käsemann zusammen mit zwölf Männern und drei Frauen erschossen. In der offiziellen Version hieß es, die "Guerilleros" seien bei einer Schießerei ums Leben gekommen. Aber die Toten hatten Einschüsse im Nacken und im Rücken. Ihre Leichen wurden vor das Tor eines Friedhofs geworfen.

Der Tod von Elisabeth Käsemann wurde von der Militärregierung erst zwölf Tage verspätet bestätigt - nachdem die deutsche Fußballnationalmannschaft ein Länderspiel in Buenos Aires bestritten hatte.

Didaktische Hinweise

Der Film von Frieder Wagner und Osvaldo Bayer ist eine beeindruckende Dokumentation über den Lebensweg einer Frau, die kompromißlos ihrer inneren Stimme bis zur letzten Konsequenz gefolgt ist. Und wenn man sich am Ende des Films die Sprechblasen jener deutschen Politiker anhören muß, die es durchaus in der Hand gehabt hätten, im "Fall Käsemann" erfolgreich bei der argentinischen Militärregierung zu intervenieren, dann wird man wütend. Wütend auf eine Bundesregierung, der die Geschäfte mit der Diktatur (ein Atomkraftwerk, U-Boote und Leopard 2 Panzer wurden geliefert) wichtiger waren, als das Leben von 73 Menschen.

Die aufgebrachte Stimmung, mit der man diesen Film verläßt, sollte bei der anschließenden Diskussion nicht in falsche Bahnen geraten. Gleich, ob der Film in Jugendgruppen (auch 12jährige sollten in der Lage sein, dem Film inhaltlich folgen zu können) oder vor Erwachsenen gezeigt wird, er sollte nicht zur billigen Stimmungsmache mißbraucht werden Aber inhaltlichen Fragen darf nicht ausgewichen werden. Gerade jüngeren Gruppen kann anhand dieser Dokumentation die politische Denkweise, die vor der Auflösung des klassischen Ost-West Konflikts herrschte, vor Augen geführt werden. Die Äußerungen der Politiker können so als klassische Auswüchse des Blockdenkens entlarvt werden, woran sich die Frage anschließen kann: Hat sich nach dem Fall der Berliner Mauer wirklich etwas verändert? Auf dieser Grundlage könnte eine prinzipielle Diskussion über Politik und Moral geführt werden.

Wenn aber die politische Diskussion nur am Rande geführt werden soll, kann man das Gespräch auch gleich zu Beginn in eine andere Bahn leiten: Wäre es Elisabeth Käsemann denn recht gewesen, wenn sie von der Bundesrepublik freigekauft worden wäre? So hypothetisch und unbeantwortbar eine solche Frage ist, sie führt zu dem Kern des Films. Ist Elisabeth Käsemanns Leben in jenem Geist der Propheten zu verstehen, in dem ein Martin Luther King oder ein Mahatma Gandhi handelte? Es wird nicht leicht sein, ihre Motivation eindeutig zu bestimmen (Für Sergio war sie eine "Revolutionärin").

Auf der anderen Seite fällt Elisabeths Auseinandersetzung mit ihrem Vater ins Auge. In dem Streit der leisen Töne, stellte die Tochter ihren Lebensweg bewußt dem des Vaters gegenüber. Und es kann durchaus diskutiert werden, ob Ernst Käsemann die Entscheidung seiner Tochter jemals als die in Verantwortung getroffene Entscheidung eines erwachsenen Menschen akzeptiert hat, oder ob er bis zum Schluß hoffte, daß Elisabeth noch vernünftig würde.

Wenn das Gespräch - z.B. in kirchlichen Gruppen; im Konfirmandenunterricht - sich vornehmlich dem Konflikt mit dem Elternhaus widmen soll, könnte es lohnend sein, wenn unterschiedliche Generationen sich den Film zusammen ansehen. Wenn man dann zunächst in Gruppen arbeitet, kann man davon ausgehen, daß die Rolle von Ernst und Elisabeth Käsemann von den verschiedenen Generationen auch völlig verschieden bewertet wird. Das sehr christliche Elternhaus, von dem Elisabeth Käsemann geprägt wurde, provoziert zudem die Frage nach dem Sinn und nach den Grenzen einer an klaren Wertvorstellungen ausgerichteten Erziehung.

Literaturhinweise

Comisión Nacional sobre la Desaparación de Personas (CONADEP), Nunca más, Buenos Aires 1985; deutsche Ausgabe: Hamburger Institut für Sozialforschung . Nie wieder! Ein Bericht über Entführung, Folter und Mord durch die Militärdiktatur in Argentinien, Basel/Weinheim 1987

Wolfgang S. Heinz , Ursachen und Folgen von Menschenrechtsverletzungen in der Dritten Welt, Saarbrücken/Fort Lauderdale 1986

„Wir waren überzeugt, daß es das Humanste war“ - Argentinische Militärs berichten von Folter und Mord während der Diktatur / Der ehemalige Korvettenkapitän Francisco Scilingo bricht sein Schweigen;

Vorabdruck einer Publikation, „Vergangenheitsbewältigung in Lateinamerika“, die vom Institut für Iberoamerika-Kunde, Hamburg herausgegeben werden soll. Der genaue Erscheinungstermin steht noch nicht fest (Adresse: Alterglacis 8, 20354 Hamburg; Tel: 040-414782) Der Vorabdruck erschien in der Frankfurter Rundschau vom 30. August 1995, S. 12).

Medienhinweise

KREUZZUG GEGEN DIE SUBVERSION
Wolfgang Landgraeber, BRD/Argentinien 1991/92
61 Min. Farbe, Dokumentarfilm
Verleih: 16mm-Film: EZEF, EMZ 12; Video: EMZ 13

JUAN - ALS WÄRE NICHTS GESCHEHEN
Carlos Echeverria, BRD 1987
90 Min., sw, Dokumentarfilm, 16mm
Verleih: EZEF

Gunther Amarell                                                                                        November 1995



Artikel zuletzt geändert am: Donnerstag, 25. Juni 2009 15:15


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