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Die Hottentotten-Venus – Das Leben der Sara Baartman

Zola Maseko, Südafrika 1998
52 Min., Farbe, Dokumentation, dt. Fassung, Video VHS
Verleih: EZEF, EMZ 2-19

Kurzinhalt

Ein junges Khoi-Khoi Dienstmädchen aus der östlichen Kapprovinz Südafrikas, Sara Baartman, wird 1810 von zwei Geschäftsleuten, holländischer Abstammung, nach Europa gebracht.

In London, und später auch in Paris, wird die junge Afrikanerin zum „Ausstellungsobjekt“, an dem Besucher der Bürgerschicht gegen Bezahlung ihre Neugier und Sensationslust vor allem an ihrer als abnorm apostrophierten Anatomie und Sexualität befriedigen konnten. Wenige Monate vor ihrem Tod, am 1. Januar 1816 in Paris, untersucht sie der damals führende Anthropologe Georges Cuvier. Ihre Leiche wird später zur Sektion freigegeben. Skelett und Gipsabdruck ihres Körpers werden im Musée de L’Homme aufbewahrt und konnten dort bis 1974 besichtigt werden, In den Magazinen lagern, einige Zeit unauffindbar, ihr Gehirn sowie ihre Genitalien. Die Südafrikanische Regierung verhandelte zum Zeitpunkt der Entstehung des Films mit der französischen Administration um die Herausgabe der Überreste Sara Baartmans.

Ausführliche Inhaltsangabe

Sara Baartmann wird etwa 1790 in der östlichen Kapprovinz in Südafrika geboren. Sie gehört der Ethnie der Khoi-Khoi an, einem Nomadenvolk, das sich zu dieser Zeit der Invasion durch Europäer widersetzt und sich in einem blutigen Krieg gegen die Holländer engagiert. Angesichts der Zerstörung der lokalen Gemeinschaft, sehen sich viele Angehörige der Ethnie gezwungen, die angestammte Region zu verlassen und sich in anderen Städten niederzulassen. So auch die junge Sara, die als Dienstmädchen („slave-servant“) bei dem holländischen Bauern Peter Cezar in Kapstadt lebte, als Anfang des Jahres 1810 Peters Bruder Henrik gemeinsam mit seinem Geschäftsfreund Alexander Dunlop die Farm besuchen. Sie überreden Sara, mit ihnen nach Europa zu reisen. Offenkundig wissen beide um die Möglichkeit, dort Kapital aus der jungen Afrikanerin zu schlagen. Während Cezar und Dunlop auf einen lukrativen Profit durch die Präsentation eines exotischen „Schauobjekts“ spekulieren, erschien Sara die angekündigte Reise als eine Chance, aus ihrer Versklavung zu entfliehen.

Am 20. März 1810 unternehmen Cezar, Dunlop und Sara eine dreimonatige Seereise von Südafrika nach England. Sara, der eine Rückkehr in Aussicht gestellt wurde, sollte ihre

Heimat nie wieder sehen. Im Juni desselben Jahres treffen sie in London ein. Nur vier Jahre zuvor wurde die Sklaverei in Großbritannien verboten. Schwarze waren zu diesem Zeitpunkt vorwiegend als Dienstboten tätig, nur eine begrenzte Anzahl von ihnen lebte frei. Henrik Cezar und Alexander Dunlop versuchten zunächst, Sara an den Leiter des Kunsthistorischen Museums in London zu verkaufen. Dieser lehnte jedoch ab, und auch Dunlop zieht sich von da an aus der gemeinsamen Unternehmung zurück. Cezar lässt am 20. September 1810 in der „Morning Post“ eine Annonce inserieren, die für zwei Shilling ein „Naturphänomen“ ankündigt, das jeweils von 13 bis 17 Uhr in der Picadilly Street zu „besichtigen“ sein werde.

Sara wird zu einem großen Publikumserfolg, denn ihr „Anderssein“ besonders ihre sekundären Geschlechtsmerkmale stellten für die damalige Bürgerschicht, deren Fantasien über die „physische Besonderheit“ fremder Menschen ausgeprägt war, eine Attraktion dar. Sara lässt diese Entwürdigung, wie ein wildes Tier in einem Käfig vorgeführt zu werden mit sich geschehen, erkrankt jedoch bald. Im Oktober werden die ersten Proteste gegen die Präsentation Saras in der englischen Presse laut, und im November 1810 wird in einem von der gegen die Sklaverei und für die Rechte befreiter Sklaven engagierten African Institution ein Prozeß initiiert, der die Frage klären soll, ob Sara aus freier Entscheidung vorgeführt werde. Ihre Befragung vor Gericht ergibt, dass sie sich nicht misshandelt fühlt und ihr zudem die Rückkehr nach Südafrika sowie die Hälfte der Einnahmen aus ihrer Präsentation versprochen worden sind. Sie entscheidet sich, zu bleiben.

Sara ist etwa 24 Jahre alt, als sie 1814 mit Cezar nach Frankreich kommt, wo die Sklaverei fortbesteht. Dort wird sie an den Dompteur Réaud verkauft, der sie im Journal de Paris ankündigen und im Palais Royal gegen 3 Francs „besichtigen“ lässt. Auch hier in Paris stehen ihre physischen Merkmale im Vordergrund. 1815 wird Sara im Jardin des Plantes von Georges Cuvier, einem der führenden Anthropologen und vergleichenden Anatomen des 19. Jahrhunderts, untersucht und gezeichnet. Besonders die Genitalien finden sein wissenschaftliches Interesse. In seinen Gutachten zieht er, mit Verweis auf die Größe von Saras Gesäß, den Vergleich der Khoi-Khoi mit Tieren, insbesondere mit Affen. Es gibt den ersten Hinweis auf Widerstand Saras, die sich weigert, ihren Schurz abzulegen und sich ganz nackt vor ihm zu zeigen.

Kurz darauf stirbt Sara im Januar 1816 im Alter von 25 Jahren in Paris. Ihr Leichnam wird dem Naturhistorischen Museum übergeben. Konservierungen von Genitalien, Gehirn sowie ein Gipsabdruck ihres Körpers und das Skelett werden dort aufbewahrt und später an das Musée de L’Homme übergeben, wo bis 1974 das Skelett zu besichtigen war. Erst nach dem Tod Saras beginnt die Auslegungsgeschichte dieser entwürdigenden Praktiken. Nach Überwindung der Apartheid, nimmt die südafrikanische Regierung Verhandlungen mit den französischen Autoritäten auf, mit dem Ziel, Saras Überreste in ihre Heimat zu überführen, um ihr die Ehre und Würde zu geben, die ihr zu Lebzeiten versagt geblieben sind. Umstritten ist unter Südafrikanern, was mit den sterblichen Überresten geschehen soll, ob ein kultur-historisches Denkmal errichtet, oder traditionelle Trauer- und Beerdigungsriten der Khoi-Khoi durchgeführt werden sollen.

Lebensgeschichtlicher Bericht Sara Baartmans

„Ich bin Sara, und ich bin sehr unglücklich, denn ich habe mein Schicksal nicht verdient. Mein Vater war der Anführer der Jäger und meine Mutter hat immer unsere Feste vorbereitet. Jeder wollte mich heiraten, aber Zolka hat mit seinen Worten mein Herz berührt. Unsere Verbindung wurde beschlossen. Der Tag wurde festgelegt. Unser Stamm versammelte sich. Auf den Hügeln wurden die Feuer entzündet, und diese Feuer haben uns verraten. Eine furchtbare Schlacht begann. Ich bin traurig, denn ich werde mein geliebte Heimat nie wieder sehen.“ (Gesprächsaufzeichnung eines französischen Journalisten, 1814, ungesicherte Quelle)

Kommentar

Das zentrale Anliegen des Films, der sich entlang verschiedener Phasen der Biografie Sara Baartmans entfaltet, ist die Klärung der Frage: waren die Khoi-Khoi Menschen (Forschungsinteresse der Anthropologen des 19. Jahrhunderts), und waren die Europäer, die diese Perversionen ersonnen und durchgeführt haben Menschen?

Die filmische Dokumentation polarisiert, indem sie diese Frage stellt. Die Antwort geben die Zuschauer, die zwischen der biografischen Erzählung des Lebens Sara Baartmans und den sachlichen, wissenschaftlichen Kommentaren geführt werden: Sara war als Mensch, dessen Menschenwürde mitsamt ihrer Physis geraubt worden ist. Der Film geht unter die Haut, berührt die Emotionen der Zuschauer und fordert zu eigenen Positionen heraus. Das ist eine Stärke und eine Schwäche des Films zugleich, da emotionale Betroffenheit und kognitive Auseinandersetzung miteinander konkurrieren. Die Konzeption, wissenschaftliche Kommentare in die Rekonstruktion einer biografischen Erzählung zu verweben, versucht beide Ebenen zu verbinden, kann den Zuschauer aber unter Umständen verwirren. Um so wichtiger ist die Einführung und Aufarbeitung der gezeigten Thematik. Hilfreich ist weiterhin, sich den politischen Kontext der Dokumentation zu vergegenwärtigen.

Im Südafrika der Nach-Apartheid-Ära fällt diese französisch-südafrikanische Co-Produktion auf einen politisch fruchtbaren Boden. Die öffentliche Diskussion um die Rückgabe der Überreste Sara Baartmans an Südafrika, und um die angemessene Form ihrer Bestattung, ist nur zu einem Teil die persönliche Geschichte einer jungen Frau im Europa des 19. Jahrhunderts, (nach Sara gab es im gleichen Zeitraum nachgewiesenermaßen mindestens fünf weitere “Hottentotten-Venus“). Die Aufmerksamkeit, die der Film in Saras Heimat erfährt, ist Ausdruck für die kollektive Bearbeitung einer traumatischen Geschichte eines gesamten Volkes auf der Suche nach einer neuen selbstbestimmten Identität.

Insofern ist der Film interessengeleitet und politisch motiviert, indem er eine Geschichte exemplifiziert, die für viele Geschichten in Vergangenheit und Gegenwart steht. Sie ist beispielhaft nicht nur für den europäisch-afrikanischen Kulturkontakt, sondern auch für den innergesellschaftlichen Prozess der Heilung der Wunden, die im Kampf über die Überwindung der Apartheid entstanden sind. Es bleibt das große Manko des Films, dass auf diesen Zusammenhang  nicht explizit hingewiesen wird und keinerlei Bezüge zu aktuellen Situationen hergestellt wird. Somit ist die symbolische Kraft – und diese ist keinesfalls gering zu schätzen – der Dokumentation stärker als ihre historisch-aufklärerische, die durch eine eigenständige Aufarbeitung erst erschlossen werden muss.

Hintergrund

„So wie der Mensch auftritt, steht er im Gegensatz zur Natur; dadurch wird er erst Mensch. Sofern er sich aber bloß von der Natur unterscheidet, ist er auf der ersten Stufe, ist er beherrscht von Leidenschaft, ist er ein roher Mensch. In der Rohheit (sic) und Wildheit sehen wir den afrikanischen Menschen, solange wir ihn beobachten können; er ist noch jetzt so geblieben.“ (Hegel, Vorlesungen zur Philosophie der Weltgeschichte, Bd. 1, Hamburg 1955 (NA): 218).

Sara Baartmans Fall ist kein Einzelfall. Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts präsentieren die zoologischen Gärten in Europa Menschen aus Übersee. Feuerländer, Nubier, „Hottentotten“ oder Singhalesen lockten die Besucher an, die – im Unterschied zu den Tieren – von ihnen sogar berührt werden durften. Wie bei Seehunden und Eisbären warb die lokale Presse mit „Fütterungszeiten“. Der Beginn der neuen Form der Ausstellung in deutschen zoologischen Gärten wird maßgeblich durch Carl Hagenbeck, Direktor und Gründer des gleichnamigen Tierparks in Hamburg, vorangetrieben. Als etwa Anfang der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts der Absatz von exotischen Tieren, mit denen er europaweit handelte, nicht mehr so erfolgreich lief, ließ er zusätzlich zu den Tieren auch Menschen aus den jeweiligen Regionen nach Europa bringen und brachte sie in Hamburg und anderen Städten und Ländern zur Ausstellung.

Aber nicht nur Zoobesucher waren von den „Naturmenschen“ fasziniert, auch Wissenschaftler interessierten sich für die Ursprünglichkeit der exponierten Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt. Eine enge Verbindung zwischen Tierhändlern und Vertretern der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte unter Leitung des Mediziners Rudolf Virchow etablierte sich. Eine unwürdige Allianz entstand: der Menschenhandel profitierte von den „Gutachten“ der Wissenschaftler, diese von der Bereitstellung „menschlichen Forschungsmaterials“, das im wissenschaftlichen Diskurs dieser Epoche von besonderer Bedeutung war, da es den Beleg für die abstammungsgeschichtliche Nähe zwischen Affen und Menschen liefern sollte.

Wo die Trennlinie zu ziehen sei zwischen Mensch und Tier, war auch die Leitfrage der französischen Kollegen Virchows, Cuvier, De St. Hilaire und De Blainville, die ganz in der Tradition der klassifikatorischen Anthropologie und vergleichenden Anatomie, an der Definition interessiert waren. Sie suchten die These zu stützen, die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts vertreten wurde, demzufolge der Sexualbereich dem Menschen definiere. Eine vermeintliche Abnormität trug zur Einordnung jener Menschen in die Tierwelt und zur Ausgliederung aus der Menschheit bei.

Filmstruktur

Der Film kann in fünf Teile gegliedert werden, wobei die einzelnen Sequenzen einerseits den Lebensweg Sara Baartmans zu rekonstruieren suchen, andererseits, die jeweils inhaltlich wichtigen Fragen, die sich aus den chronologischen Etappen ergeben durch WissenschaftlerInnen aus den betroffenen Nationen kommentiert werden.

1. Einführung: Kurze Darstellung des Inhalts und settings des Films
2. Historischer Kontext Südafrikas Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts; Einordnung der Lebensgeschichte Sara Baartmans
3. England (London)
   
- Ausstellung (in Picadilly Street)
   
- Gerichtsverfahren (“African Institution”)
   
- Manchester (Saras Taufe)

4. Frankreich (Paris)
   
- Sara wird im „Journal de Paris“ offeriert
   
- Wissenschaftliche Untersuchung und Zeichnung Saras durch G. Cuvier u.a.
   
- Tod Saras
5. Posthume Implikationen
   
- (politische) Verhandlungen um Rückgabe der Überreste Saras nach Südafrika
   
- Symbolische und religiöse Bedeutung der Rückkehr der Überreste
   
- Rolle der musealen Ausstellungspraxis in der Gegenwart

Rezeption:

„Das Martyrium der Saartjie“ (Libération 11.12.1998): Sie wurde wie ein Tier im Zirkus-vorgeführt (Télé Loisirs 5.12.1998): „Elephant Woman“ (Elle 5.12.1998), „Der corpus delicti“ (Tele OBS 3.12.1998): „Woman scorned“ (Tonight 19.10.1998): „Unfreiwillige Ikone weiblicher, schwarzer Sexualität“ (Sunday Times 18.10.1998), so die Bandbreite der Titel einiger europäischer und südafrikanischer Rezensionen nach der Erstaufführung der englischen Originalfassung des Films.

Alle verweisen auf die entlarvende Offenlegung der – unter dem wissenschaftlichen Deckmantel – betriebenen Begründung des inferioren Status der „Hottentotten“, und damit die ideologischen Unterfütterung der Sklaverei, des Kolonialismus und der Apartheid, bis hin zum Rassismus unserer Gesellschaften.

Die Rolle der vergleichenden Anatomie und Anthropologie des 19. Jahrhunderts wird als der Schlüssel zum Verständnis der vorangehenden und nachfolgenden tragischen Geschichte der Begegnung zwischen AfrikanerInnen und EuropäerInnen gesehen. Durchgehend arbeiten die Rezensenten heraus, dass die Frage nach der Menschlichkeit Sara Baartmans, durch die abwertende, rassistische Beschreibung Georges Cuviers, einem der führenden Anatomen seiner Zeit („weder Hottentotten, noch Buschmänner, noch irgendein Individuum der schwarzen Rasse hat jemals einen Beitrag zur Zivilisation geleistet“) verneint worden ist.

Saras späte Rückkehr oder: die Geschichte geht weiter

Seit 1994 verhandelte die südafrikanische Regierung mit den französischen Autoritäten um die Rückführung der sterblichen Überreste von Saartjie Baartman nach Südafrika, die bis Mitte der siebziger Jahre im Pariser Musée de L’Homme ausgestellt worden waren. Erst acht Jahre später sind die Verhandlungen jetzt mit Erfolg abgeschlossen worden. Die französische Nationalversammlung stimmte einem Gesetz zu, das die Rückführung von Saras sterblichen Überresten ermöglicht. Das Kuratorium des Museums hatte sich auf die bis dahin gültige Gesetzgebung berufen, demzufolge die Exponate in den Museen als nationales Kulturerbe angesehen werden und nicht ausgeführt werden dürfen.

Ob Sara Baartman, fast 200 Jahre nach ihrer entwürdigenden Reise nach Europa, in ihrer Heimat Südafrika Ruhe und Würde erfährt, bleibt noch unklar. Angehörige ihrer Ethnie, der Khoisan, plädieren für eine rituelle Beisetzung, andere fordern ein nationales Denkmal, und auch eine erneute Untersuchung der Exponate zur Sicherung der Identität wird in Erwägung gezogen.

Aus südafrikanischer Perspektive bleibt vor allem die symbolische Bedeutung dieses politisch forcierten Transfers einer entwürdigten Frau wichtig, die die Wunden der eigenen Geschichte in der Postapartheidära vielleicht nicht zu heilen mag, mindestens jedoch eine offizielle Anerkennung erlittenen Unrechts bewirkt hat.

Methodische Hinweise

Didaktik

Themenbereiche, die anhand des Films bearbeitet werden können:

- Geschichte der Anthropologie/Ethnologie (Wissenschaftsgeschichte)
- Sklaverei
- Apartheid
- Menschenhandel
- Menschenrechte
- Museumsgeschichte
- Rassismus

Der Film erfordert eine sorgfältige Vorbereitung und ist aufgrund seines komplexen historischen und wissenschaftlichen Inhalts, aber auch seiner hohen emotionalen Anforderungen wegen, vorwiegend in der Oberstufe der Sekundarstufe II, in der Erwachsenenbildung und an Universitäten einsetzbar.

Mindestens eine Einführungs- und Auswertungssitzung sollte vorgesehen werden. Idealerweise ist seine Vorführung in ein Seminar oder eine Unterrichtseinheit eingebettet, in denen auf die Vorgeschichte sowie die wissenschaftlichen Hintergründe eingegangen werden kann. Wichtig ist die Positionierung des Films in die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts, mit einer Darstellung der frühen anthropologischen Forschung und ihrer Klassifikationslehre zur vermeintlichen Beantwortung der Frage: wer ist ein Mensch?

Es sollte auf die dehumanisierende praktische Umsetzung dieser geistesgeschichtlichen Strömung im Kontext von Sklaverei, Kolonisation und Apartheid hingewiesen werden, zugleich jedoch auch auf die humanistische Tradition der Aufklärung, zum Beispiel bei Kant, die die Einheit der Menschen und Menschenwürde stark macht.

Folgende Arbeitseinheiten zur Vor- und Nachbereitung des Films bieten sich an:

1. Zur Einführung: Die Geschichte der Begegnung mit fremden Völkern – Das Bild vom „Edlen Wilden“
   
- Reiseberichte (z.B. Bougainville)
   
- Romane und autobiografische Erzählungen (z.B. Voltaire: Der Freimütige)

2. Zum Hintergrund: Die Geschichte der Erforschung des Menschen
   
- Die Entstehung und Entwicklung der vergleichenden Anthropologie bzw. Ethnologie
   
- Die „Völkerschauen“ in europäischen zoologischen Gärten

3. Zur Kontextualisierung: Vergangenheitsbewältigungen und Bewusstseinsbildung
   
- Postarpartheid-Ära: Wahrheits- und Versöhnungskommission
   
- moderne Sklaverei und Menschenhandel

Reaktionen

Die Vorführung des Films kann unterschiedliche Reaktionen und Emotionen hervorrufen, die von tiefer Betroffenheit, über Ratlosigkeit bis zu reflektierter Kritik reichen. Im Rahmen eines Postgraduiertenseminars, bei dem der Film gezeigt worden ist, äußerten Teilernehmende die Vermutung, der Regisseur haben implizit die moralische Schuldfrage stellen wollen, da der Film die Emotionen der ZuschauerInnen anspricht und Betroffenheit über das Schicksal der Protagonistin auslöst. In diesem Zusammenhang wurde ebenfalls kritisch angemerkt, daß der Film den Eindruck erwecken könnte, es solle zwischen Guten (schwarzen Südafrikanern) und Schlechten (Europäern) unterschieden werden.

Darüber hinaus wurde die Frage nach der Legitimation der Darstellung im Film gestellt und kontrovers diskutiert: repetiert der Film nicht die Entwürdigung Saras und „führt sie erneut vor“? Die Rolle der Musik, als möglicherweise romantisierendes Element innerhalb der Drama-turgie, die Länge des Films und der denunziatorische Blick wurden kritisch beleuchtet („Man hätte den Film auch anders machen können“).

Die Teilnehmenden haben besonders die Relevanz des Films für die Gegenwart im europäi-schen Kontext hervorgehoben, auf einer biografischen Ebene („Was wäre aus Sara geworden, wenn sie nicht gestorben (vorzeitig) gestorben wäre?), und im politischen Zusammenhang („Nazi-Gold“; Menschenhandel; Entwicklungshilfe; Entschuldung). Es wurde bedauert, daß der Film diese und andere aktuelle Bezüge nicht anspricht, dennoch aber die innere Referenzlinie von Sklaverei, Kolonialismus und Apartheid deutlich werde. Es wurde aber auch die Ansicht geäußert, die Dokumentation sei als zeit- und kontextgebundene zu verstehen („Das hätte einem Europäer auch in Asien passieren können“!)

Der Film bewirkt bei den ZuschauerInnen eine Auseinandersetzung mit einer ungewohnten Perspektive, der afrikanischen, die die Erniedrigungen, auch aktuelle, besser verständlich mache. Die Komplexität, die Eindringlichkeit einer biografischen Erzählung mit einer wissen-schaftlichen Einordnung und internationalen forscherlichen Kommentierung fordern zum Nachdenken heraus: über die Grenzen der Forschung, die „Verzweckung“ von Menschen und seiner universalen Würde.

Literatur- und Medienhinweise

Literatur zum Hintergrund

Gérard Badou: Die Schwarze Venus. Das kurze und tragische Leben einer Afrikanerin, die in London und Paris Furore machte, München/Zürich 2001
Monika Firla (Bearb.): Afrikaner in Württemberg, vom 15. bis 19. Jahrhundert, Hg. Vom Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Stuttgart 2001
Stephen J. Gould: „The Hottentot Venus“, in: Natural History, 1982: 99-110
Peter Kolb: Unter Hottentotten: 1705-1713, Tübingen 1979

Literatur zur Vertiefung

Urs Bitterli: Die ’Wilden’ und die ’Zivilisierten’. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung, München 1976
L.Y Bonny Duala-M´bedi: Xenologie. Die Wissenschaft vom Fremden und die Verdrängung der Humanität in der Anthropologie, München 1977
Gabi Eissenberger: Entführt, verspottet und gestorben, Frankfurt/M. 1996
Stefan Goldmann: „Wilde in Europa. Aspekte und Orte ihrer Zuschaustellung“, in: Thomas Heye (Hg.): Wir und die Wilden, Reinbek bei Hamburg 1985: 243-269
Karl-Heinz Kohl: Entzauberter Blick. Das Bild vom Guten Wilden, Frankfurt/M. 1986
Ders.: Abwehr und Verlangen. Zur Geschichte der Ethnologie. Frankfurt/M./New York 1987

Medien zum Themenzusammenhang

DIE FARBE DER WAHRHEIT
Südafrikas Suche nach der Gerechtigkeit
Dobrivoie Kerpenisan und Clarissa Ruge, Deutschland 1998
30 Min., f., Dokumentarfilm, Video VHS
Verleih: EZEF, EMZ 2-19

CRACKS IN THE MASK – RISSE IN DER MASKE
Frances Calvert, Australien/Deutschland/Schweiz 1997
57 Min., f. Dokumentarfilm, OmU, 16mm
Verleih: 16mm und VHS:EZEF; VHS: versch. EMZ

TALKING BROKEN
Insulaner der Torres Straße
Francis Calvert, Australien/Deutschland 1990
76 Min., f., Dokumentafilm, OmU, 16mm
Verleih: 16mm und VHS:EZEF; VHS: versch. EMZ

DER NEGER WEISS
Michael Günther, Deutschland 1994
98 Min., f., Spielfilm, Video VHS
Verleih. EZEF, EMZ 2-19

WIR HATTEN EINE DORA IN SÜDWEST
Tink Diaz, BRD 1991
70 Min., f. u. s/w, Dokumentarfilm
Verleih16mm: EZEF u. EMZ 6; Video: EZEF, EMZ 4,15

Dr. Amélé Adamavi-Aho Ekué                                                Mai 2002



Artikel zuletzt geändert am: Donnerstag, 25. Juni 2009 14:58


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