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Blumenfrauen

(Amor, Mujeres y Flores)

Nr. 64

Jorge Silva, Marta Rodriguez, Kolumbien 1989
52 Min., Farbe, Dokumentarfilm, OmU

Inhalt:

Der Film ist in zwei Teile gegliedert, die durch die Portraits der Arbeiterinnen eng miteinander verbunden sind. Dieselben Frauen erzählen in beiden Teilen über ihre Arbeit, ihre Sorgen und ihren Familienalltag. Während im ersten Teil des Films die Arbeitsbedingungen in den riesigen Gewächshäusern im Mittelpunkt stehen, behandelt der zweite Teil die Weitervermarktung der Blumen in Europa, die Reaktion der Arbeiterinnen auf die Beschäftigungsbedingungen und die private Lebenslage der Frauen.

1. Teil:

„Blumen sind etwas Wunderbares aber auch schlecht für die Gesundheit“.
Blumen-Frauen schildern ausführlich die harte körperliche Arbeit auf der Farm, wo sie vor allem in den Gewächshäusern Nelken pflanzen, die kleinen Gewächse hochbinden, die Blumen schneiden und für den Export sortieren. Oft sind sie den giftigen Pestiziden ohne jede Schutzkleidung ausgesetzt. Übelkeit, Kopfschmerzen, Allergien, Hautausschläge sind die Folge. Aber auch die Zahl der Fehl- und Todgeburten bei den Arbeiterinnen ist außerordentlich hoch. Die Beschäftigung in der Blumenindustrie ist – obwohl nur der gesetzliche Mindestlohn gezahlt wird – attraktiv; den wenigsten bietet sich eine berufliche Alternative. Die Portraitaufnahmen der Frauen, die ihr bewegendes Schicksal erzählen, wechseln ab mit Sequenzen, die den Arbeitstag auf der Farm dokumentieren.

2. Teil:

„Ein Tag Blumenarbeit heißt ein Jahr weniger Leben“
Damit sicht die Menschen in Europa und den USA an Nelken und Chrysanthemen freuen können, werden die Frauen in Kolumbien und anderswo verschlissen. Es ist eine bittere Bilanz, die die Frauen ziehen. Die Hektik der Blumenernte, beim Sortieren und Verpacken macht deutlich, daß eine komplett durchrationalisierte Industrie dafür sorgt, daß bei uns zu jeder Jahreszeit frische Schnittblumen zu kaufen sind. Blumenflugzeuge transportieren die Nelken, Rosen und Chrysanthemen in die Zentren des Blumengroßhandels, etwa in die Versteigerungshallen von Aalsmeer in den Niederlanden. Von Alsmeer aus kommen sie auch bei uns in die Blumengeschäfte. Und wer dann im Geschäft die rote Nelke für den 1. Mai oder den Muttertag kauft, ahnt nicht, welche Ausbeutung diesen Luxus ermöglichte. Gerade vor solchen blumenträchtigen Feiertagen arbeiten die Frauen in der Blumenindustrie nicht wie gewöhnlich 48 Stunden in der Woche, sondern bis zu 70 Stunden. Ihre Kinder, auch die kleinen, bleiben in dieser Zeit allein zu Hause. Die Männer kümmern sich nur wenig um den Haushalt. Oft leben die Frauen auch allein, verlassen von den Vätern ihrer Kinder. Die Hütten der Blumenarbeiterinnen, die leeren Pestizidfässer, die nicht selten als Kinderspielzeug oder Wassertonne diesen, kontrastieren zu dem geschäftigen Treiben in der niederländischen Auktionshalle.

Im Mai 1987 haben Arbeiterinnen dann eine Blumenfabrik besetzt. Nach einem langen Streik führten sie die Farm in Eigenregie weiter. Die Kamera hat dieses Aufbegehren, die Nacht der Entscheidung eingefangen, das „beglückende Gefühl der Einheit“ wie eine Frau sich ausdrückt. Doch mit Gewalt werden die Arbeiterinnen später wieder vertrieben. Der Traum von selbstbestimmter Arbeit ist zu Ende.

Zur Diskussion:

Nach einem langen Schwenk über eine schier endlose Fläche blühender Blumen beginnt der Film. Nelken, Rosen, Chrysanthemen, die in Kunst und Dichtung als Gleichnis fürs Zarte, Reine, für Liebe und Frauen genannt werden, werden mit harter Arbeit industriell erzeugt. Laßt Blumen blühen, die Frauen verwelken. Die Geschäfte florieren, die Arbeiterinnen werden krank. Blüten und Knospen, die Metapher für junge Mädchen werden im Film zu Ursache für das Leid eben dieser jungen Mädchen. Blumen- Frauen ist ein Film, der fast auf Kommentar verzichtet. Der Film bietet schon mit seiner Bildaussage auf den Geschichten der Arbeiterinnen Anregungen genug, um über unsere Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt zu diskutieren.

Die Blumenindustrie gehört wir andere Monokulturen sogenannter cash-crops zu den Devisenbringern, die gleichzeitig diese Länder noch stärker vom Weltmarkt und damit der Nachfrage der reichen Industrieländer abhängig machen. Ob Kaffee, Rindfleisch, Bananen oder Tapioka, immer werden bäuerliche Anbauflächen der Selbstversorgungswirtschaft entzogen und in riesige Unternehmen einbezogen, in denen oft ausländisches Kapital steckt. Bei der Blumenproduktion in der Dritten Welt ist dies augenfällig: Gleich ob in Kenia, Kolumbien, Chile oder Mexiko, es sind oft international agierende Unternehmen, die die Anlagen betreiben. Die weltweit größte Freilandanlage für Nelken etwa gehört der Blumenfarn Sulmac in Nairobi. Die Farm gehört über Schachtelbeteiligungen zum weltweit operierenden Unilever Konzern. Mittel- oder gar kleinbäuerliche Betriebe haben es schwer, mit einer solchen Konkurrenz mitzuhalten.

Allerdings gibt es mittlerweile einige wenige Beispiele von erfolgreich arbeitenden bäuerlichen Genossenschaften im Blumen-Exportgeschäft (Costa Rica) und auch eher kleinbäuerlich strukturierter Blumenproduktion (Jamaika).

Die Verwendung giftiger Chemikalien gegen Pflanzenkrankheiten und Schädlinge ist aber – wie auch bei anderen Monokulturen – in der gesamten Blumenbranche zum Problem geworden: Mittel, die in Europa und den USA nicht (oder nicht mehr) zugelassen sind, werden gerade in der Dritten Welt verspritzt, und landen so wieder auf unserem Wohnzimmertisch.

Die vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen für die Arbeiterinnen werden oft nicht eingehalten: weil der Arbeitgeber Kosten und Zeitverlust scheut, weil die Arbeiterinnen nicht ausreichend über die Gefahren der Pestizide aufgeklärt wurden oder weil die Schutzkleidung das Arbeiten in der Hitze unerträglich macht. In verschiedenen Studien sind schwere Erkrankungen dokumentiert, nicht nur in der Dritten Welt, auch im weltgrößten Blumenland: den Niederlanden. Dort forderte der Landwirtschaftsminister die Blumenzüchter vor kurzem auf, umweltbewusster zu handeln, das „Maß des Zumutbaren“ sei längst überschritten.

Didaktische Hinweise:

Der Film löst zunächst einmal Betroffenheit aus, aber auch Empörung. Dann drängt sich die Frage auf: was können wir hier tun?

Der Verbraucher kann Einfluß nehmen, indem er Aufklärung über die Herkunft der Blumen fordert (73% der Schnittblumen und Zierpflanzen in der BRD werden importiert) und vom Gesetzgeber verlangt, beim Export von Chemikalien dieselben strengen Maßstäbe anzulegen wir bei deren Verwendung im Inland. Dazu muß die Öffentlichkeit informiert werden.

Diesen Forderungen können sich auch Blumengeschäfte anschließen. Denn auch Floristinnen kommen mit den giftigen Blumen aus Übersee in Kontakt – mit den bereits beschriebenen Folgen.

Darüber hinaus können die Gewerkschaften hier Solidarität leisten, indem sie die Arbeitnehmerorganisation der Blumenindustrie in Kolumbien und anderswo in ihren Forderungen unterstützen: die gesundheitsschädlichen Chemikalien durch andere Anbaumethoden zu ersetzen oder zumindest zuverlässige Schutzmaßnahmen für die Arbeitskräfte zu garantieren.

Ein Boykott von Blumen der Dritten Welt kann dort derzeit mehr Schaden anrichten als helfen. In Kolumbien und in vielen anderen Ländern bieten die Blumenanbaubetriebe die einzigen Arbeitsplätze und damit gerade für Frauen die einzige Einkommensquelle. Ein Boykott wäre allenfalls dann sinnvoll, wenn dadurch in enger Absprache mit den Gewerkschaften dort den Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen Nachdruck verliehen werden könnte.

Nicht mit der Blumenproduktion Schluß zu machen, kann das Ziel von Aktionen sein, sondern die Blumenproduktion den Menschen als Einkommensquelle besser als bisher und unter unbedenklichen Bedingungen zu erschließen.

Literaturhinweise:

- Vorsicht: Blumen. Natur, Kultur, Geschäft
Hrsg. von der „Erklärung von Bern“,
Quellenstr. 25, Postfach, CH-8031 Zürich

- Concientizacon: Ein Österreichisches Entwicklungshilfeprojekt für Frauen in Chia
Hrsg. von „Frauensolidarität“, Weyrgasse 5, A-1030 Wien

Aktuelle Informationen zur Blumenkampagne:

- FIAN-Büro BRD
(FoodFirst Informations- &Aktions-Netzwerk)
Overwegstr. 31
4690 Herne 1

- PAN e.V.
Pestizid Aktions-Netzwerk
Gaußstr. 17
2000 Hamburg 50


September 1990                                             Sabine Freudenberg



Artikel zuletzt geändert am: Mittwoch, 24. Juni 2009 16:23


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