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Chronik einer Plünderung

CHRONIK EINER PLÜNDERUNG
(MEMORIA DEL SAQUEO)
F
ernando E. Solanas, Argentinien 2004
118 Min., Farbe, Dokumentarfilm, OmU
Verleih Video: EZEF, EMZ 2-19 / Kauf Home-DVD: EZEF

 

„Wie ist es gekommen, dass Argentinien, diese Kornkammer der Welt, Hunger leiden muss? Wie konnte es geschehen, dass sich eine kleine Gruppe skrupelloser Politiker unermesslich bereichern konnte, während das Volk auf der Strecke blieb? In Argentinien tobt eine neue Form von Krieg gegen das Volk, wo statt mit Waffen mit wirtschaftlichen Mitteln gekämpft wird. Jedes Jahr sterben 35.000 Menschen an Unterernährung – mehr als während der acht Jahre Militärdiktatur.“
Fernando Solanas

Kurzinhalt
Als sich Argentinien im Dezember 2001 zahlungsunfähig erklärte, war dies Folge der verfehlten sozioökonomischen und politischen Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte und hatte dramatische Auswirkungen für das Leben der allermeisten Argentinier. Betroffen waren auch die internationalen Wirtschafts- und Finanzmärkte.

Solanas protokolliert diese Entwicklungen, zeichnet in Interviews mit Experten die Korruption und Verschwendung öffentlicher Gelder nach und zeigt die sozialen Folgen der neoliberalen Umgestaltung des Landes. Es gelingt ihm ein äußerst informativer Filmessay, der der Komplexität und historischen Dimension seines Themas gerecht wird und auch für Nicht-Wirtschaftswissenschaftler nachvollziehbar macht.

Argentinien – Modell oder Exempel von Globalisierung?
Von den Vordenkern und Strategen einer neoliberalen Politik als Modell, d.h.    Muster und Vorbild konzipiert, sieht der Filmemacher Fernando Solanas sein Heimatland Argentinien hingegen als Exempel, d.h. als ein warnendes Beispiel, wohin diese wirtschaftspolitische Doktrin unweigerlich führen muss.

Um das Fallbeispiel Argentinien im Kontext dieser allgemeineren Diskussion einordnen und verstehen zu können, sei einleitend Ernst Ulrich von Weizsäcker zitiert, der als Bundestagsabgeordneter den Vorsitz der Enquete-Kommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ innehatte und auch Mitglied der Weltkommission  für die soziale Gestaltung der Globalisierung war:

„In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat ein beinahe besinnungsloser Siegeszug der neoliberalen Ökonomie stattgefunden. Der Staat wurde delegitimiert, und mit ihm die Demokratie. Im Gegenzug entstand das Bild eines Werte schaffenden, die Menschheit aus dem Elend – und der Versklavung durch die staatliche Bürokratie – befreienden Marktes. Die weltweit in zahllosen Varianten stattfindende Privatisierung ist ein wichtiger Teil dieses Trends.“ (Genug privatisiert!, Frankfurter Rundschau 2.11.05)

Ernst Ulrich von Weizsäcker führt in diesem Artikel die in Großbritannien unter der Thatcher-Regierung durchgeführten Privatisierungen der 80er Jahren als Beispiel einer letztlich gelungenen Reform einer erstarrten Ökonomie an und nennt aus jüngerer Zeit die Pläne des ehemaligen japanischen Premiers Koizumi, der mit der beabsichtigten Privatisierung der japanischen Post und der ihr zugehörenden Bank breite Zustimmung in der japanischen Gesellschaft gefunden habe.

Solche umfassenden Privatisierungen staatlicher Unternehmen (oft aus dem Bereich Infrastruktur, wie Post, Bahn oder Telekommunikation) stehen auch im Zentrum von Fernando Solanas „Chronik einer Plünderung“. Aber diese Politik einer forcierten Privatisierung steht im Falle Argentiniens noch in einem weiter gefassten Kontext: Innenpolitisch geht es zunächst um die Frage, wer die Verantwortung getragen hat, bzw. wer die Gewinner und wer die Verlierer sind. Außenpolitisch bzw. in globaler Perspektive weist der Fall über Argentinien hinaus. Es geht hier um die Verschuldung eines Landes gegenüber internationalen Gläubigern (seien dies internationale Finanzinstitutionen, Banken oder auch private Geldgeber), es geht aber auch um die strukturelle Abhängigkeit Argentiniens als eines Landes der Dritten Welt und damit um eine ganz grundsätzliche Fragen von Globalisierung. Von manchen Ökonomen und Politikern wie eine neue Heilslehre propagiert, wird dieser Prozess von anderen, den so genannten Globalisierungskritikern, zuweilen als direkter Weg in die Katastrophe beschrieben.

Argentinien ist für die Analyse und Bewertung der Folgen einer ganz auf den neoliberalen Freihandel setzenden Politik sicherlich ein gutes Beispiel, lassen sich hier doch deren Resultate und Folgen besonders gut beobachten. – Die negativen Folgen waren keineswegs alle unbeabsichtigt, sondern wurden teils als unumgängliche Folgen einer ‚Sanierung’ gesehen. Und so sind denn die Lehren aus diesem Fallbeispiel auch für uns in Deutschland und Europa von größter Aktualität und Brisanz. Und darin liegt auch die Bedeutung dieses Filmes, der in seiner Radikalität – auch im Wortsinne – „an die Wurzeln geht“.

Dass die Ausbeutung Argentiniens durch ausländische Geschäftsleute, Banken oder Staaten eine jahrhundertlange Tradition hatte, diese These stellt Fernando Solanas in Kapitel 3 („Die ewige Schuld“) auf. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die unbestrittenen Tatsachen, dass im Gefolge der kolonialen Erschließung des Landes die indigene Bevölkerung nahezu ausgerottet wurde; dass Argentinien in den Jahrzehnten, die auf die Weltwirtschaftkrise in den 1920er Jahren folgten, ein wichtiges Einwanderungsland war, das durch seine Fleisch- und Nahrungsmittelexporte während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der stärksten Ökonomien Lateinamerikas herangewachsen war. Durch das populistische Regime Perons, welches durch starke Gewerkschaften und eine klientelistische (Wirtschafts-)Politik gekennzeichnet war, wies Argentinien volkswirtschaftlich einige Besonderheiten auf, die auch durch die Militärdiktatur (1976 - 1983) nicht abgeschafft worden waren, dem Land aber, nach erfolgreicher Demokratisierung, einen riesigen Schuldenberg hinterlassen hatten.

Argentiniens Auslandsschulden waren 1983, nach dem Ende der Diktatur, auf eine Summe von ca. 45 Milliarden US-$ angewachsen, 1991 als Carlos Menem die Regierungsgeschäfte übernahm, lagen sie bereits bei 54 Milliarden US-$, um die Jahrtausendwende bei ca. 130 Milliarden US-$. Menems Wirtschaftpolitik der strikten Dollarbindung (1 US-Dollar = 1 argentinischer Peso) sollte das Land aus der Krise führen. Im Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre sieht diese Politik – mit klaren, aber auch strikt einzuhaltenden Prinzipien – folgendermaßen aus: Die beiden Währungen stehen in einem fixierten Tauschverhältnis von 1:1 und die Währung ist frei konvertierbar. Der Staat muss daher garantieren, dass der argentinische Peso jederzeit in US-Dollar getauscht werden kann. Hinzu kommt die Abschaffung aller Handelshemmnisse wie sie z.B. Zölle darstellen, d.h. es gibt einen gänzlich unregulierten, ‚freien’ Im- und Export. Nun steht aber die Leistungsbilanz (d.h. der Austausch von Gütern mit externen Volkswirtschaften) in enger Beziehung zur Kapitalbilanz (dem Austausch von Währungen; hier Peso und US-Dollar). Steht einem vom Umfang her größeren Import ausländischer Waren ein geringerer Export argentinischer Waren ins Ausland gegenüber, so muss dieses Ungleichgewicht tendenziell ausgeglichen werden. Weil eine Abwertung des Peso und damit eine Verbilligung der argentinischen Waren jedoch verboten ist – sie wären dann auch leichter zu exportieren –, muss ein Ausgleich in der Kapitalbilanz gesucht werden. Zunächst werden deshalb die Währungsreserven des Landes aufgebraucht. Reichen diese nicht mehr aus, wird ‚Kapital importiert’. Dies geschieht beispielsweise durch die Verschuldung des argentinischen Staates bei ausländischen Gläubigern (sei dies Banken oder Privatleuten), durch die Vergabe von Staatsanleihen, oder durch den Verkauf von Staatsbesitz, d.h. staatlicher Unternehmen, an ausländische Firmen, die dafür mit US-Dollar bezahlen. Im Modell ist der Anpassungs-Schock der nichtwettbewerbsfähigen Industrie durchaus mitbedacht, denn nur so – soweit die Theorie – kann das Land wieder wettbewerbsfähig werden. Die Konjunktur springt wieder an. Es wird exportiert und die Leistungsbilanz gleicht sich wieder aus. Damit die Unternehmen, die bisher „zu teuer“, d.h. über dem Weltmarktpreis produzieren, künftig wettbewerbsfähig produzieren können, gilt es in erster Linie die Löhne zu senken. Nach dem unumgänglichen „Anpassungsschock“ geht es dann wieder allen besser, denn das Land produziert nun zu Weltmarktbedingungen – soweit die Theorie! Doch was geschieht, wenn die Löhne gesenkt und die Firmen, die bisher – im durch Importzölle abgeschirmten Binnenmarkt – wettbewerbsfähig waren, nun plötzlich pleite gehen? Dann – und so geschah es in Argentinien – setzt sich die wirtschaftliche Abwärtsspirale fort, bzw. kommt erst richtig in Schwung. Frisches ausländisches Geld gibt es nun nur gegen höhere Zinsen. Wer argentinische Staatsschulden kaufte, dem winkten deshalb vermeintliche Traumrenditen von bis zu 30 Prozent. Dies ist der marktkonforme Risikoaufschlag, falls das Ganze doch nicht gut gehen sollte und die Schulden nicht bedient werden können. Doch ein kompletter Ausfall – so das theoretische Modell – kann nicht eintreten, weil nach herrschender Lehrmeinung Staaten nicht Pleite gehen können. So vertraut man darauf, dass dann der Internationale Währungsfonds (IWF), bzw. die internationale Staatengemeinschaft die Entschuldung schon irgendwie finanzieren werden. – Soweit der (theoretische) makroökonomische Rahmen. Das Nichtfunktionieren dieses Modells in der argentinischen Realität führt Fernando Solanas mit seiner „Chronik einer Plünderung“ detailliert und ebenso eindrucksvoll wie wütend vor Augen.

Stellt man als kritischer Beobachter das volkswirtschaftliche Theoriemodell aber erst einmal nicht in Frage, so sind die Hauptursachen des Scheiterns offensichtlich und erklärbar:

-          Der ‚starke Peso’ (1 Peso = 1 Dollar) wurde konsumtiv verwendet; es wurde zu wenig investiert; im Gefolge der hohen Importe von Konsumgütern wurden argentinische Produzenten von Konsumgütern ruiniert
-          Die aus der Privatisierung erlösten Gelder wurden teils systematisch unterschlagen (Korruption), teils musste mit ihnen der hohe Konsum finanziert werden (Dollar für den Import von Konsumgütern bereitstellend), d.h. auch dieses Geld war ab einem bestimmten Zeitpunkt einfach weg und keineswegs produktiv in die argentinische Volkswirtschaft investiert
-          Als Brasilien 1999 seine Währung um 40 Prozent abwertete, brach dann auch noch ein wichtiger Markt weg, weil diese Exporte nach Brasilien – in US-Dollar gerechnet  – nun entsprechend weniger erlösten

Während die Volkswirtschaftlehre diesen externen Störfaktoren das Scheitern des argentinischen Modells zuschreibt, beobachtet, analysiert und dokumentiert Fernando Solanas mit seinem Film die realen Ereignisse und all die Ungereimtheiten, ohne auf das Theoriemodell einzugehen: Er listet die Betrügereien bei der Privatisierung von Staatsunternehmen auf; er denunziert die Kumpanei der Gewerkschafts-Bosse. Und er führt bei all dem die drastischen Folgen für die einfachen Bürger vor Augen. Rentner verlieren alle ihre Ersparnisse, die ihren Ruhestand hatten sichern sollen. Entlassene Arbeiter können ihre Familien nicht mehr ernähren. Die eindringlichen Bilder unterernährter Kinder und die Erklärungen der dieser Situation hilflos gegenüberstehenden Ärzte finden sich in keinem wissenschaftlichen Aufsatz über die argentinische Krise! Damit nutzt Solanas die Möglichkeiten, die ihm das Medium Dokumentarfilm bietet, indem er die Folgen einer ungezügelten neoliberalen Wirtschaftspolitik, ungeschminkt zeigt und anprangert.

Und so drängt sich auch den Zuschauern des Filmes die Schlussfolgerung auf, dass es schlicht weltfremd und naiv war, ernsthaft zu erwarten, ausgerechnet Argentinien – mit seiner langen wie unguten Tradition der Ausplünderung des Landes durch seine politische Elite – sei dazu in der Lage, diese Rahmenbedingungen strikt einhalten zu können.

Die Zeche im realen Leben zu zahlen haben zuallererst die einfachen Leute. ‚Verdient’ haben an der Krise sowohl die argentinische Elite, die ihr Vermögen rechtzeitig ins Ausland in Sicherheit brachte, sodann mancher Käufer argentinischer Staatsanleihen – sofern er schnell genug wieder verkauft hat – vor allem verdient aber haben viele internationale Banken, die nach Jahren sprudelnder Gewinne die dann realisierten Verluste steuermindernd in ihren Heimatländern abschreiben konnten.

Ausführliche Inhaltsangabe:
Angesichts der Informationsdichte und Komplexität der Thematik werden im folgenden die einzelnen Kapitel (bzw. die der DVD-Einteilung folgenden Szenen 1-12) relativ ausführlich beschrieben. Dabei wird auch die filmische Umsetzung berücksichtigt, bzw. es werden auch einige filmanalytische Hinweise eingeflochten.

Titelsequenz (Szene 1) „Chronik einer Plünderung“ (Memoria del saqueo)
und Prolog (Szene 2) „19. Dezember 2001“
Der Prolog des Films (auf der DVD-Version die Titelsequenz und der eigentliche Prolog als Szenen 1 und 2) ist schon alleine deshalb großartig gemacht, weil Solanas mit den allerersten Bildern und der dazu gewählten Musik nicht nur deutlich macht, worum es inhaltlich gehen wird, sondern auch ‚einen Ton anschlägt’, der seine eigene Haltung als Regisseur unmissverständlich klar macht. Zu unterlegter klassischer elegischer Musik blickt die Kamera in der Dämmerung an einigen Bürohochhäusern nach oben, dann ein Schnitt und die Kamera blickt von oben nach unten auf den Bürgersteig, auf dem ein barfüßiges, offensichtlich armes Mädchen sitzt, seine Suppe löffelt und neugierig in die Kamera schaut. Es folgt eine Kameraeinstellung auf ein gepanzertes Fahrzeug, das im düsteren Dämmerlicht vor einem Macht und Reichtum symbolisierenden Gebäude steht. Schnitt. Müllsammer, deren Plastiksäcke im Eingangsbereich eines von zwei Säulen begrenzten öffentlichen Gebäudes stehen. Der Kontrast zwischen (totem, abweisendem, gepanzertem) Reichtum und der Armut, die ein Gesicht hat, könnte kaum größer sein. Die Kameraeinstellung setzt diesen Kontrast als Einstellungen von Totale und Großaufnahme um und der Schnitt folgt konsequenterweise dem Prinzip der Kontrastmontage. Diese Kontrast-Bilder finden nach dem nun folgenden Haupttitel ihre Fortsetzung, immer wieder unterbrochen von weiteren Vorspanntiteln: Die Kamera dreht sich um einen von unten aufgenommenen prächtigen Deckenkronleuchter, dann wiederum ein armes Kind beim Essen, eine Begräbnis-Szene, eine überflutete Straße, Dollarbündel, die gezählt werden, der Präsidentenpalast Casa Rosada, ein Blick von oben in den leeren Plenarsaal des Parlaments und dann einige Jungs auf einer Müllhalde, die den „Stinkefinger“ in die Kamera halten. Die Szene der im Müll wühlenden Kinder friert ein und nach einer Abblende folgt eine Stadtansicht von Buenos Aires als Totale; dazu informiert eine Schrifttafel über die Ausgangssituation im Oktober 2001: der neue Präsident de la Rúa setzt das IWF-Anpassungsprogramm seines Vorgängers Menem fort.

Nun beschleunigt sich der Rhythmus des Films: Aus dem Hintergrund tauchen größer werdende Schrifttafeln auf, die die folgenden Bildsequenzen einleiten, strukturieren und kommentieren: „Zunahme der Rezession“ – „Millionen Arme und Arbeitslose“ – „Massive Kapitalflucht“ – „Die Banken blockieren die Konten“ – „Die Krise verschärft sich“ – „Die Verhängung des Notrechts“. Dazwischen Bilder brennender Barrikaden und weinender Kinder; berittene Polizei, die auf Demonstranten einschlägt; Plünderungsszenen. Die Demonstranten, unter ihnen viele ältere Menschen, skandieren, „Argentina, Argentina“ und „Hält das Volk zusammen, wird es nie besiegt!“ Jetzt setzt der von Fernando Solanas selbst gesprochene Kommentar ein: „Nach Jahren der Lethargie brach der Aufstand aus.“

Nach weiteren Bildern eskalierender Gewalt auf der Straße fragt der Kommentar: „Wie ist es soweit gekommen in Argentinien? – dass in einem so reichen Land, so viele hungern?“ (Zitat, s.o. – Einleitung).

Auf diese Fragen sucht der Film Antworten zu geben. Diese folgen nun in zehn nummerierten und jeweils mit einer Schlagzeile eingeleiteten Kapiteln.

Kapitel 1 (Szene 3) „Die ewige Schuld“ (La deuda eterna)
Dieses Kapitel zeichnet die Solanas zufolge fatale argentinische Tradition der externen Verschuldung nach, die schon gleich nach der Unabhängigkeit Argentiniens begonnen hätte, und in der Generationen von Technokraten und Beamten zwar den Banken oder großen Privatunternehmen, nicht aber ihrem Land gedient hätten. Die aktuelle Verschuldung Argentiniens aber, um die es vor allem geht, nahm 1976 mit der Regierungsübernahme durch das Militär ihren Anfang. Im Gefolge der Niederlage der USA in Vietnam und der ersten Ölkrise wurden den Ländern der Dritten Welt die überschüssigen Petrodollars als Kredite zu einem Zinssatz von 3% (1973) angeboten; dieser lag allerdings schon 1981 bei 16%! Ein Erbe der Militärdiktatur waren deshalb 1983 Auslandsschulden in Höhe von 45 Milliarden US-$. Diese waren bis 1991, dem Ende der Regierungszeit von Raoul Alfonsin, bereits auf 54 Milliarden US-$ angewachsen. Die Hälfte davon waren „Privatschulden“ (von Banken und multinationalen Unternehmen), welche Domingo Cavallo, Beamter der Diktatur und dann „Superwirtschaftsminister“ unter Menem und De la Rua, dem Staat einfach überschreiben – Menem herrscht per Dekret – und sie damit zu „Staatsschulden“ machen kann.

Den Kamerafahrten entlang der Fassaden von Großbanken und durch die Gänge und Wandelhallen von Regierungsgebäuden unterlegt Solanas durchgängig eine getragen-elegische Musik, die in schrillem Kontrast zum Lärm der Demonstranten steht, die auf Kochtöpfe schlagen und wütend ihre Ersparnisse von den Banken zurückfordern. Zu Archivbildern vom Ende des Vietnamkrieges oder eines Staatsempfanges von Ronald Reagon bei Margaret Thatcher, liefert der von Solanas selbst gesprochene Kommentar die Fakten der zunehmenden Verschuldung Argentiniens.

Schon in diesem wichtigen ersten Kapitel wird Solanas Arbeitsweise deutlich. Er argumentiert keineswegs nur moralisch, sondern zielt mit seiner dokumentarischen Arbeitsweise vielmehr darauf ab, die Folgen dieser Wirtschaftspolitik für die kleinen Leute sichtbar zu machen und das System der Gewinner anzuklagen. Dabei greift er wiederholt auf den normativen Konflikt zwischen Legalität und Legitimität zurück, demzufolge keineswegs alles was gesetzeskonform, also legal ist, auch schon in einem allgemeineren, politischen wie auch ethischen Sinne schon legitim, mithin rechtmäßig wäre. Dazu interviewt er zwei kompetente Kronzeugen: Der Wirtschaftsexperte Alfredo Eric Calgagno erklärt, dass die Übernahme privater (Auslandsbanken-)Schulden durch den Staat – nach argentinischem Recht – illegal sei, weil die ausländischen Stammhäuser für die Schulden ihrer Filialen einzustehen hätten. Und der ehemalige Verfassungsrichter Salvador M. Lozada erläutert die „Theorie der verhassten Schulden“. Dieser in den Vereinigten Staaten entwickelten Rechtskonstruktion zufolge, seien Schulden, die „nicht der Öffentlichkeit“ (in diesem Falle dem argentinischen Volk), sondern nur Privatleuten zugute gekommen wären, „illegitim“ und unmoralisch. Dies erläutert er an zwei älteren Beispielfällen, wo diese Rechtskonstruktion von den USA angewandt wurden und er zitiert eine kanadische IWF-Direktorin, die gemäß dieser Theorie alle Schulden der Dritten Welt als hinfällig erklärt.

Kapitel 2 (Szene 4) „Chronik des Verrats“ (Cronica de la traicion)
Dieses Kapitel zeichnet die Hoffnung nach, die 1983 mit der Rückkehr zur Demokratie verknüpft war. Bei seinem Regierungsantritt verspricht der sozialdemokratische Präsident Raoul Alfonsin, sich weder den internationalen Finanzagenturen noch den wirtschaftlich Mächtigen in Argentinien zu beugen. Doch der Staat ist hoch verschuldet und Alfonsin weigert sich, den Schuldendienst einzustellen. Stattdessen stimmt er das Volk auf ein „Anpassungsprogramm“ ein, das er als „Kriegswirtschaft“ charakterisiert. Doch dieser Plan Austral bringt nicht den erhofften Aufschwung und Alfonsin muss angesichts von Hyperinflation und Plünderungen bereits sechs Monate vor Ende seiner Amtszeit abtreten. Sein Nachfolger wird der Peronist Carlos Menem, zuvor acht Jahre Gouverneur der ärmsten Provinz des Landes, La Rioja. Bei Wahlkampfauftritten verspricht Menem, hungernden und traurigen Kinder ebenso zu helfen wie Arbeits- und Obdachlosen und er versichert ausdrücklich: „Ich verrate Euch nicht“! Doch schon kurz nach seiner pathetischen, religiös verbrämten Beschwörung von Argentiniens wundersamem Wiederaufstieg tut er genau dies: Er verrät seine erklärten Ziele, indem er ein Bündnis mit der konservativen Partei schließt. Die Informationen zu diesem Verrat und zur Unterwerfung Menems unter das Anpassungsprogramm von Weltbank und IWF unterlegt Solanas mit Bildsequenzen vom Golf spielenden und mit US-Präsident Bush Sekt trinkenden Präsidenten Menem. Zum „Präsidenten-Tango“ informiert Solanas über die „Mit-Verräter“ und die Gewinner an der „Privatisierungsorgie“, zu denen nicht nur die Wirtschaftsbosse, sondern u.a. auch hohe Gewerkschaftsfunktionäre gehören. Dass demnach nicht nur der Präsident und die politische Elite versagt haben, sondern auch die argentinische Zivilgesellschaft ihren Anteil daran hat, verdeutlicht Solanas in zwei Interviews, mit einem Senator bzw. einem ‚Dissidenten’, beide aus Menems Partei. Dies ist für die Bewertung des Films wichtig. Solanas analysiert scharf und polemisch; er betont seine subjektive Sicht der Dinge, aber er denunziert nicht nur einzelne Symbol-Figuren, sondern analysiert ein System.

Kapitel 3 (Szene 5) „Der Niedergang der Republik“ (Le degradacion republicana)´
Das „Mafia-Jahrzehnt“ (der 90er Jahre) wird von Präsident Menem und einem willfährigen Kongress beherrscht: Das neoliberale Modell Menems sei gleichzusetzen mit dem Niedergang der Republik bei gleichzeitig wachsender Korruption. Voraussetzung für die nun kommenden Privatisierungen war ein grundlegendes und weitreichendes „Staatsreformgesetz“. Privatisierungen waren so ohne Inventur und Bilanzierung der zu privatisierenden Unternehmen möglich, ja es musste noch nicht einmal klar sein, ob die betreffenden Unternehmen Gewinn oder Verlust machten. – Es gehört also nicht allzu viel Phantasie dazu, sich klar zu machen, dass unter solchen Voraussetzungen für finanzielle Manipulationen Tür und Tor geöffnet sind! Bei der Privatisierung – Solanas spricht konsequent von „Plünderung“ – der staatlichen Erdölgesellschaft YPF und der Gasgesellschaft, mithin der beiden größten argentinischen Staatsbetriebe, wurde, so ein Minister im Interview, den Rentnern versprochen, die Erlöse kämen ihnen zugute!

Politische Gegner dieser Privatisierungen, wie Dissidenten in der herrschenden Justizpartei, die „Gruppe der 8“, wurden kaltgestellt. Fernando Solanas selbst, der Anzeige gegen Menem erstattet hatte, wurde im Mai 1991 von Unbekannten mit sechs Schüssen in die Beine schwer verletzt und war monatelang an den Rollstuhl gefesselt. Die Massenmedien, voran das Fernsehen, waren, so ein anderer Abgeordneter im Interview, von willfährigen „Idioten“ beherrscht, die nur Beifall geklatscht hätten. Solanas unterlegt eine Bildsequenz, welche die zur Zustimmung erhobenen Hände der Abgeordneten zeigt, mit einem satirischen Lied – im gleichen pathetischen Ton wie die Reden der Politiker – : „Wir die braven Ja-Sager, immer folgsam, immer artig (…) stimmen wir für das, was die Partei verlangt“.

Kapitel 4 (Szene 6) „Das Wirtschaftsmodell“ (El modelo economico)
Den „Konvertibilitätsplan“ zur Absicherung des neoliberalen Wirtschaftsmodells, demzufolge alles was privat organisiert gut, aber alles was staatlich organisiert schlecht ist, kommentiert Solanas in der Einleitung dieses Kapitels unmißverständlich: „Freie Importe und gesetzliche Verankerung einer Lüge: Ein Peso gleich ein Dollar.“ Damit sei zwar die Inflation zunächst gebannt, die argentinische Wirtschaft jedoch schutzlos dem Weltmarkt preisgegeben worden. Die wichtigste Folge der „Dollarisierung Argentiniens“ tritt schnell ein. Während sich das Land zuvor zu 95% selbst versorgt habe, sei nun alles importiert worden, selbst Lebensmittel. Schnell werden in Argentinien Wucherzinsen von 50% pro Jahr verlangt, während sie gleichzeitig in den USA und Europa bei ca. 7% liegen. Industrie- wie Gewerbebetriebe, die Textilien, Metallprodukte oder Haushaltsgeräte fertigen, gehen schnell in Konkurs.

Gleichzeitig verkündet die herrschende Elite – Solanas belegt dies mit TV-Ausschnitten – „Schmiergelder und Raffen sind erlaubt“; der Journalist Neumann verkündet: „Wenn schon die hohle Hand machen, dann diskret!“. Es ist dies die Zeit von „Pizza und Champagner“. Menem ist bei einem TV-Auftritt tänzelnd mit einer Bauchtänzerin zugange; ein auf einem Bett sitzender Abgeordneter lässt sich vor laufender Fernsehkamera von einer freizügig bekleideten Dame schminken – kurzum: „Politik wird zum Schauspiel“. In scharfem Kontrast zu dieser offen zur Schau gestellten Frivolität die „Gegen-Bilder“: Hüfthoch überflutete Strassen in den Vorstädten; wütende und sichtlich arme Bürger, die davon berichten, dass ihre Kinder nicht zu Schule kämen und Kranke aus ihrem Viertel wegen des Zustandes der Straßen nicht mehr von den Ambulanzen abgeholt werden könnten. Sie fordern keine Traumschlösser, sondern eine funktionierende Kanalisation. Lehrer berichten von Schülern, die reihenweise in Ohnmacht fielen, weil sie tagelang keine richtige Mahlzeit erhalten hätten.

Vor diesem Hintergrund einer auseinanderdriftenden Gesellschaft vereinbart Argentinien 1992 ein Abkommen mit den USA, das einen „Schuldentausch gegen öffentliche Güter zur Tiefstpreisen“ zum Inhalt hat: Argentinische Staatsbetriebe können mit so genannten Staatsbonds gekauft werden, die nur 15% des Nennwerts kosteten, aber zu 100% verrechnet wurden! Allein diese Maßnahme habe Argentinien einen Verlust, bzw. zusätzliche Schulden in Höhe von 30 Milliarden US-$ beschert.

Kapitel 5 (Szene 7) „Die Privatisierungen“ (Las privatizaciones)
Die feierliche Regierungserklärung, bei der „sieben kabbalistischen Privatisierungen“ angekündigt werden, gerät dem Minister wohl eher unfreiwillig prophetisch, denn die Anspielung auf die mystische Geheimlehre, deren Buchstaben- und Zahlensymbolik ‚Uneingeweihte’ nicht verstehen, offenbart die im Grunde undemokratischen Absichten dieser selbsternannten Kabbalisten. Und als sei dies noch nicht genug, wird dann auch noch ein „Dekalog“ Menems für diese Staatsreform bemüht, dessen erstes Gebot der Präsident selbst noch gar nicht kenne. Es entstamme aber einer seiner Reden: „Nichts was staatlich sein sollte, bleibt staatlich!“

Zu Solanas gesprochenem Kommentar, „Nichts wurde stehen gelassen“, ist als visuelle Entsprechung die Sprengung eines Hochhauses zu sehen, vor dessen Staubwolke sich die Zuschauer schützend die Augen zuhalten.

Den „10 Geboten“ Menems stellt Solanas eine Aufzählung von „Todsünden“ der Privatisierung entgegen – wofür verschiedene Experten beredte Beispiele nennen (diese Beispiele werden jeweils mit Zwischentiteln eingeleitet, die hier zitiert werden):

1) „Nichtausführen von Arbeiten“ (die der Staat aber bezahlt)

2) „Außergewöhnliche Rentabilität“ (verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt bzw. im Vergleich zu den Heimatmärkten der jeweiligen Konzerne. So erwirtschaftet z.B. France Telecom in Argentinien 16% Rendite, sonst 5%)

3) „Plünderung“

Der Staat übernimmt vor dem Verkauf die Entlassung von insgesamt 150.000 Beschäftigten. Die staatliche Telefongesellschaft wird schuldenfrei verkauft, zu 20% des geschätzten realen Wertes – nach 6 Monaten ist sie mit 6 Mrd. $ verschuldet!

Die spanische Fluggesellschaft Iberia übernimmt die nationale Fluglinie Areolineas Argentinas.

Die Wasserversorgung wird von einem Konsortium von Suez und Vivendi übernommen – wegen unterbleibender Investitionen sind schon bald 800.000 Bürger unversorgt.

Das Eisenbahnnetz wird von 36.000 auf 8.000 km zusammengestutzt; von 95.000 bleiben 15.000 Beschäftigte übrig. Die Provinzen werden „abgehängt“ – nach 10 Jahren hat die Bahn höhere Schulden als sie jemals vor der Privatisierung an staatlichen Subventionen erhalten hatte.

4) „Subventionen in Millionenhöhe“

5) „Straffreiheit“

Das Resultat all dieser Maßnahmen: Die Arbeitslosigkeit „wird endemisch“ und steigt von 11 auf 20%; ein Arbeitsrechtler erläutert die Einbußen bei Löhnen, Sozialleistungen und berichtet von der wachsenden Angst vor Entlassungen.

Kapitel 6 (Szene 8) „Die Verhökerung des Erdöls“ (El remate del petroleo)
Was Solanas als Plünderung beschreibt, wird am Beispiel der Privatisierung der staatlichen Erdölgesellschaft YPF und der staatlichen Gasgesellschaft exemplifiziert. 1907 wurde in Patagonien Öl entdeckt; General Mosconi gründete 1923 die staatliche Ölgesellschaft, die Vorbild für ganz Lateinamerika gewesen sei. Ihre Reserven seien auf 200 Mrd. US-$ geschätzt worden. Eine 25jährige Konzession habe die Regierung zum Gegenwert der regulären Produktion von nur neun Monaten verhökert. Investitionen waren nicht erforderlich und wurden auch nicht getätigt. Obwohl nach Meinung von Sachverständigen mindestens 38 US-$ wert, seien die Aktien für 19 US-$ (insgesamt 350. Millionen $) verkauft worden. Mc. Kinsey hätte die Reserven zunächst tiefer bewertet; ein Jahr nach der Privatisierung sei es dann wieder der alte Wert gewesen!

Nicht nur in Patagonien sondern im ganzen Land leisteten die Ölgesellschaft in den zurückliegenden Jahrzehnten riesige Infrastrukturleistungen, ganze Städte seien so gegründet worden. Nun bot man den Arbeitern (vermeintlich) hohe Abfindungen – 40. bis 50.000 US-$ – und diese hielten deshalb still. Doch schon bald war ihr Geld weg, aber es gab keine Arbeitsplätze mehr.

Ähnlich bei der staatlichen Gasgesellschaft. Obwohl von der brasilianischen Firma Petrobras auf 25 Mrd. US-$ geschätzt, sei die Gesellschaft (anderen Berater-Schätzungen folgend) für nur 2,5 Mrd. US-$ verkauft worden.

Kapitel 7 (Szene 9) „Klüngel und Absprachen“ (Corporativismo y mafiocracia)
Durch den 1993 geschlossenen Zweiparteienpakt (Pacto de olivos) zwischen Menem und Alfonsin habe Menem ab 1994 per Dekret herrschen können und die beiden Parteienführer hätten nur noch Posten verteilt. Auch mit den wichtigen Gewerkschaftsführern schloss Menem einen Pakt – zu sehen sind entlarvende Bilder von einem Gewerkschaftstreffen mit endlosen Ritualen der Verbrüderung, mit Küsschen und Tätscheleien. Dazwischen geschnitten: Das von einem Blitz jäh in nächtliches Blau getauchte Gebäude des obersten Gerichtshofes; dazu Fratzen und die Gesichter der Richter. Wenn Solanas den obersten Gerichtshof in seinem Kommentar gleichsetzt mit einem „Gerichtshof der Straffreiheit“, dann wird dieser Vorwurf von einem Anwalt mit Argumenten untermauert: Der Ausverkauf des Landes sei zu Spottpreisen erfolgt; es habe einen Ausverkauf der Rechte der Rentner und Arbeiter statt gefunden und die Politiker, die ihr Amt missbraucht hätten, seien straffrei geblieben. Auch im folgenden Jahrzehnt sei kein hoher Beamter angeklagt worden. Während der zweiten Amtszeit Menems habe so ein Filz aus Politikern, Gewerkschaftern, Wirtschaftsbossen und Bankern geherrscht, die von einer hörigen Justiz unterstützt worden seien. Dieses System bezeichnet Solanas als „Mafiokratie“, also als Herrschaft der Mafia. Dem Pomp und dem Pathos der katholischen Messe, die bei der Amtseinführung Menems zelebriert wird, setzt Solanas in einer Kontrastmontage erneut Bilder der Armen entgegen. Sie waten durch den Matsch der Vorstädte; ein wütender Mann, Vater von sieben Kindern, berichtet, dass er nichts, aber auch gar nichts besitze und eine verhärmte Frau klagt mit Tränen erstickter Stimme, dass sie für ihre hungrigen Kindern nichts zu Essen habe.

Kapitel 8 (Szene 10) „Mafiokratie“ (La mafiocracia)
Das System der Mafiokratie setzt sich, so Solanas, aus Geschäftleuten, Bankern, Politikern, Gewerkschaftsfunktionären, Richtern, Drogenhändlern und Journalisten zusammen, die offen oder verdeckt kooperieren und ihre Machenschaften gegenseitig deckten. Das Delikt der Geldwäscherei, bei dem durch Drogenhandel, Korruption und Steuerhinterziehung illegal erworbenes Geld meist über Briefkastenfirmen in Uruguay und eingeschaltete Partnerländer wie die USA oder die Schweiz „gewaschen“ würden, geschehe unter Beteiligung renommierter Großbanken, wie der Citi Bank, Credit Suisse, Trainers Bank und JP Morgan. Interviewte Zeugin für diese Zusammenhänge ist Elisa Carrió, die eine parlamentarische Untersuchungskommission zur Geldwäscherei geleitet und, nicht zuletzt unter großem persönlichen Risiko, zumindest etwas Licht in diese Machenschaften gebracht hatte. Elisa Carriós Recherchen zufolge seien in den 90er Jahren zwischen 5 und 10 Mrd. US-$ an Honoraren für so genannte  „Kommissionen“ geflossen – verantwortlich dafür seien im Wesentlichen drei Männer: Cavallo, Menem und Kohan. Bis zu 80% der Kosten von Menems zweiter Wahlkampagne seien über gewaschene Drogengelder finanziert worden. „Verschwunden“ seien bei Staatsaufträgen bis zu 20%, die dann in Form von „Kommissionen“ an korrupte Politiker oder Beamte zurückgeflossen seien. Ein Minister ist im Fernsehen mit den Worten zitiert: „Ich stehle für die Krone!“

Die Medien, die in funktionierenden Demokratien immer wieder Missstände und Korruption aufdecken, waren im Falle Argentiniens zu 60% in der Hand eines einzigen Unternehmers konzentriert.

Exemplifiziert wird die Funktionsweise dieser Mafiokratie an zahlreichen konkreten Beispielen. Ein Parlamentarier weiß von einem Anwalt des Medienmoguls Monetta zu berichten, der einem Richter am Obersten Gerichtshof 800 Mill. US-$ auf dessen Konto in New York hätte zukommen lassen. Die Kosten für das größte Bauprojekt Argentiniens, den Staudamm von Yacyretá, „ein Denkmal der Korruption“, seien 1985 mit 30 Millionen US-$ kalkuliert worden. 1989 seien es dann schon ca. 180 Millionen US-$ gewesen und nun seien bereits 13 Milliarden US-$ ausgegeben, ohne dass der Damm fertiggestellt sei. Dies berichtet ein Ingenieur, der wegen kritischer Äußerungen die Beratungsfirma verlassen musste, die die Arbeit der Baufirmen hatte kontrollieren sollen. Doch wundern kann er sich über diese Entwicklung der Baukosten nicht mehr, sei der Chef der mit der Kontrolle beauftragen Beratungsfirma doch mit dem Chef der zu kontrollierenden Baufirma eng verwandt!

Als weiteres Beispiel wird der illegale Waffenhandel genannt, in den die Waffenfirma der Streitkräfte und Carlos Menem persönlich involviert gewesen seien – und dessen ganzes Ausmaß, wie der Verbleib des Geldes, nie aufgeklärt worden seien. Zur Vertuschung von Spuren gab es mehrere Attentate und – wohl fingierte – „Selbstmorde“.

So endete das „Wunder Argentinien“ in der sozialen Katastrophe von Hunger und Elend für weite Teile der Gesellschaft.

Kapitel 9 (Szene 11) „Der soziale Genozid“ (el genozidio social)
In diesem Kapitel verlässt Solanas die Hauptstadt Buenos Aires und reist in die Provinz, in das 1.300 km entfernt gelegene San Miguel de Tucaman, wo er ein Kinderkrankenhaus besucht. Die beiden Ärzte Dr. Miguel Leguizamon und Dr. Angel González berichten von ihrer Sisyphusarbeit im Kampf gegen armutsbedingte Krankheiten. Dazu die Bilder von Kindern und Tieren, die sich Essen auf der Müllhalde suchen; trauernde Familien an den kleinen Kindersärgen; Beerdigungsfeiern, bei denen Kinder die Kindersärge durch den Matsch der nicht befestigten Strassen tragen. Dazu erklären die beiden Ärzte im Interview, dass sie schon bald bei jeder Ankündigung neuer Maßnahme der so genannten „Anpassungsprogramme“ unter Alfonsin bzw. Menem im Voraus gewusst hätten, dass sie in zwei, drei Monaten Betten für die Opfer dieser Maßnahmen brauchten. Sie sprechen ohne Zynismus. Einer von beiden berichtet, wie sie immer neue Fachliteratur studiert hätten, um mit den richtigen medizinischen Maßnahmen den Durchfallerkrankungen und den Folgen der Unterernährung zu begegnen. Dann habe er, anstatt weiterhin medizinische Lehrbücher zu lesen, das Werk eines argentinischen Ökonomen studiert, der geschrieben hatte: „Die Unterernährung ist eine soziökonomische und kulturelle Krankheit, die behandelt wird indem man landesweit alle arbeiten lässt!“ Und er fügt mit Betonung hinzu: „Nicht, indem man allen zu essen gibt!“ Früher hätten sie ca. 18% unterernährte Kinder behandelt, nun seien es nahezu 80% ihrer kleinen Patienten. Diese Kinder seien „die Überlebenden der 2. und 3. Generation“ unterernährter Eltern oder von Waisenkindern, die mit ihren unterernährten Geschwistern zu ihnen kämen. Ihnen erklären zu wollen, wie sie diese Kinder zu ernähren hätten, sei „unethisch“ – denn sie, die Ärzte, wüssten, dass sie ihr Essen auf den Müllhalden suchen müssten. Auch diese Kinder hätten Menschenrechte – das Recht auf sauberes Wasser, auf Essen und Arbeit! Eine Gesellschaft in der 90% arm seien und 10% alles hätten, sei keine Gesellschaft! Und Solanas kommentiert dies mit einem Rückblick auf sein eigenes politisches Engagement als Filmemacher: Als er in den 60er Jahren die Armut mit seinem Dokumentarfilm „Die Stunde der Hochöfen“ angeprangert habe, hätte er nicht geahnt, welche unvorstellbare Armut die neoliberalen Reformen der 90er Jahre fordern würden. Täglich würden 55 Kinder und 35 Jugendliche und 10 Erwachsene an Unterernährung oder durch heilbare Krankheiten sterben, das seien 35.000 im Jahr!

Solanas beschließt dieses – erschütternde – Kapitel mit einer Anklage der Verantwortlichen. Argentinien sei vom Ausland als Modell betrachtet worden, der IWF habe Präsident Menem in Washington wegen des „argentinischen Wunders“ geehrt. Die Verantwortung der argentinischen Politiker für diesen, wie er es nennt, „sozialen Genozid“ schmälere nicht die Mitverantwortung, wie sie die Funktionäre in den internationalen Organisationen trügen, oder jene, die in den USA oder in Europa verantwortlich seien für die ungerechten Beziehungen zwischen Nord und Süd. Ihnen sei dies als „Verbrechen gegen die Menschheit“ vorzuwerfen – als eines der größten, die in Friedenszeiten je begangen worden seien.

Die wirtschaftliche Bilanz von 25 Jahren verfehlter Politik: Seien es anfangs 7,8 Mrd. US-$ Auslandsschulden gewesen, so seien es am Ende 170 Mrd. US-$ gewesen. Nun drohe dem Land eine radikale Abwertung seiner Währung, wenn nicht die völlige Zahlungsunfähigkeit.

Kapitel 10 (Szene 12) „Der Anfang vom Ende“ (El principio de fin )
Die Kapitelüberschrift des Epilogs, „Der Anfang vom Ende“, leitet einen durchaus positiven Ausblick in die Zukunft ein – und schlägt auch einen Bogen zurück zum Prolog. Mit seinem Kommentar wendet sich Solanas gegen das verständliche Gefühl, nichts ändern zu können, weil „die Plünderer die Sieger seien“. Diesem Gefühl widerspricht er nachdrücklich, denn letztlich seien weder die Pläne der Diktatur, noch die Menems oder de la Rúas erfolgreich gewesen. Das neoliberale Modell habe in einem Desaster geendet!

Der Widerstand des Volkes – und er meint dies nicht als linke Folklore, sondern er beschwört das Volk als den Souverän – habe sich in den letzten zehn Jahren der Krise neu formiert: Die Bewegung der Piqueteros, die allenthalben gegründeten Volksküchen, die Selbsthilfevereine in den Stadtvierteln, die Landbesetzungen wie der große Marsch auf die Hauptstadt – all diese Aktionen des Widerstands hätten im Aufstand vom 21. Dezember 2001 gegipfelt, in dessen Gefolge De la Rúa abtreten musste. Dies bilanziert Solanas als „ersten Sieg Argentiniens gegen die Globalisierung“. Und in den Bildern von fröhlich, tanzenden, trommelnden und in die Kamera lachenden Demonstranten sieht man, wie das Volk einen neuen, von den Trommeln vorgegeben Rhythmus findet. Von der Straße gleitet die Kamera in den leeren Regierungspalast La Moneda; die leitmotivisch gebrauchte elegische Musik wird jetzt von den Demo-Geräuschen der Straße überlagert und eine Schrifttafel informiert abschließend, Menem sei zum 2. Wahlgang bei den Wahlen von 2003 nicht mehr angetreten. Néstor Kirchner sei zum neuen Präsidenten Argentiniens gewählt worden.

Zum Autor Fernando E. Solanas
Fernando E. Solanas wurde am 16.2.1936 in Buenos Aires geboren. Sein Dokumentarfilm „La hora de los hornos“ (Die Stunde der Hochöfen), 1968, zählt zu den wichtigsten lateinamerikanischen Dokumentarfilmen. Ergänzend zu diesem Film formuliert Solanas ein Manifest: „Kino der Dekolonisierung“.

Vor der Militärdiktatur flieht Solanas ins französische Exil. In „Tango – el exilio de Gardel“ (1985), thematisiert er die Erfahrungen von Gewalt, Diktatur und Exil, ebenso wie in „Sur“ (Süden), dem ersten Film, den er 1988 wieder in Argentinien dreht.
1992 folgt „El viaje“ (Die Reise), der die Identitätssuche eines jungen Argentiniers thematisiert, der auf der Suche nach seinem Vater durch ganz Lateinamerika reist. Von 1993 – 1997 ist Solanas Abgeordneter des argentinischen Parlaments. Die satirische Darstellung von Präsident Menem in „El viaje“ war wohl mit ein Auslöser für das Attentat, bei dem Solanas mehrfach in die Beine geschossen und er so schwer verletzt wurde.

„Memoria del saqueo“ setzte Solanas direkt fort mit „La Dignidad de los Nadies“ (Die Würde der Namenlosen“, 2005 (s. Medienhinweise). Der dritte Teil der Dokumentartetralogie „Argentina Latente“ wurde 2007 fertiggestellt. Den Abschluß soll "Los Hombres que Están Solos y Esperan” bilden, an dem Solanas arbeitet.

Stichworte:
Neoliberalismus; Internationale Verschuldung; (ökonomische, soziale, ethische, ökologische) Folgen der Globalisierung; Strukturelle Gewalt; Zivilgesellschaft; Solidarität; Engagierter Dokumentarfilm als Teil der sich neu formierenden Zivilgesellschaft

Didaktische Hinweise:
Der hochkomplexe, eine Fülle von Informationen enthaltende Film, bedarf im Grunde genommen einer – zumindest in Teilen – zweiten Sichtung. Die Kapiteleinteilung der DVD-Version erleichtert die gezielte Sichtung einzelner Teile, bzw. erleichtert Arbeitsaufträge an verschiedene Arbeitsgruppen, die sich mit einzelnen Punkten vertiefend befassen können. Der Film eignet sich deshalb am besten für Zielgruppen, die in Zusammenhängen arbeiten, die eine gründliche Beschäftigung mit dem Film erlauben – so z.B. Seminare der Erwachsenenbildung; für Gruppen, die sich mit globalisierungskritischen Themen oder Fragen der Internationalen Verschuldung, bzw. der Verschuldung der Dritten Welt auseinandersetzen. Er eignet sich gut im Oberstufenunterricht in Sozialkunde, Religion/Ethik; Volkswirtschaftslehre (auch fächerübergreifend, bzw. im Projektunterricht).

Fragen / Anregungen:
Solanas beruft sich im Abspann seines Films auf die Objektivität der dem Film zugrundeliegenden Fakten („Die Informationen in diesem Film stammen aus offiziellen Quellen aus dem In- und Ausland“) und wo er kommentiert, ist dies klar und unmissverständlich auch als seine Meinung zu erkennen.

Wie sind Solanas’ Schlussfolgerungen vor dem Hintergrund der Faktenlage zu bewerten? Recherchieren Sie andere Analysen der argentinischen Krise.

Welche Auslandsschulden sind legitim und müssen daher zurückgezahlt werden? Welche sind illegitim und deshalb auch neu zu verhandeln?

Wie begründet Solanas seine Haltung?

(s.u.: http://www.debtdeclaration.org und http://www.erlassjahr.de)

Recherchieren Sie wie das Schuldenmoratorium, das Präsident Néstor Kirchner durchgesetzt hat, in der deutschen Wirtschaftspresse bewertet wurde.

Welche Verfahrungen und Prozesse sind noch offen? Wie werden diese bewertet?

Was meint Solanas, wenn er vom „sozialen Genozid“ (el genozidio social) spricht?

Erscheinen Ihnen diese Begriffe als angemessen, unangemessen, oder übertrieben?

Vorschlag für Projektunterricht oder Seminare:
Improvisiertes Rollenspiel, das der Anklage eines „sozialen Genozids“ nachgeht
(„die größten Verbrechen gegen die Menschheit, die in Friedenszeiten begangen wurden“). Eine Gruppe sammelt Anklagepunkte, eine andere bereitet die Verteidigung vor. Zu welchem Urteil kommt das Gericht eines Internationalen Gerichtshofes, das beide Seiten zu berücksichtigen hat.

Diskutieren Sie die „Theorie der verhassten Schulden“ (Kap. 1, s.o. S.6).

Diskutieren Sie die von Solanas abschließend geäußerte Bewertung, die Abdankung des Präsidenten de la Rúa sei der erste Erfolg Argentiniens im Kampf gegen die Globalisierung?

Wie erfolgt/e die Privatisierung von Staatsbetrieben in Deutschland, und wie wird dies öffentlich diskutiert und bewertet (Telekom, Deutsche Post, Deutsche Bahn) – Wo gibt es Vergleichspunkte? Wo liegen die Unterschiede?

Literaturhinweise:

  • Argentinien: Tangotanz auf dem Vulkan. Interne und externe Ursachen der Schuldenkrise, Hrg.: Südwind; 2004 (s.u.)
  • Atlas der Globalisierung, mit CD-ROM; Hrsg.: Le Monde diplomatique, Philipp Rekacewicz, und Ignacio Ramonet, 2007)
  • Ulrich Beck, Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globali-sierung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1998
  • Erhard Eppler, Auslaufmodell Staat?, Frankfurt 2005)
  • Thomas Frank, Das falsche Versprechen der New Economy. Wider die neoliberale Schönfärberei, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2001
  • David Harvey und Niels Kadritzke; Kleine Geschichte des Neoliberalismus, 2007
  • Jeffrey D. Sachs, Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt, 2005
  • Naomi Klein; Die Schock-Strategie, 2007)
  • Maria Mies, Globalisierung von unten. Der Kampf gegen die wirtschaftliche Ungleichheit, Rotbuch-Verlag, Hamburg 2001
  • Heinz G. Preusse/ Karsten M. Schlageter, Perspectives of MERCOSUR; Lateinamerika Analysen 18, 3/2007, S. 31ff
  • Arundhati Roy, Die Politik der Macht, Btb 2002
  • Ernst U. von Weizsäcker, Oran R. Young, Grenzen der Privatisierung. Wann ist des Guten zu viel? Bericht an den Club of Rome; Stuttgart 2006

(Internet-)Adressen:
http://www.pinosolanas.com bzw.:
http://www.pinosolanas.com/la_dignidad_info.htm

http://www.attac-netzwerk.de, E-mail info@attac-netzwerk.de

Erlassjahr Kampagne
Südwind e.V., Lindenstrasse 58-60
D-52371 Siegburg
Tel: 02241-59 12 26 - Fax: 02241-59 12 27
Email: buero@erlassjahr2000.de
http://www.erlassjahr.de

Vgl. auch: http://www.debtdeclaration.org/

Jubilee South International Coordinating Committee (ICC)
c/o FDC Philippines 34 Matiyaga Street, Central District, Quezon City
Telephone: (632) 921-19 85, Telefax: (632) 924-63 99
http://www.philsol.nl/org/flyers/JubileeSouth.htm
Email: jubileesouth@skyinet.net

Medienhinweise:

Das Schuldenspiel
Eduardo Coutinho/Claudius Ceccon, Brasilien 1990
58 Min., Farbe, Dokumentarfilm, Video VHS
Verleih EZEF: EMZ 2-4, 6-8, 10, 12, 14-18

Profit, nichts als Profit (Le Profit et rien d’autre)
Raoul Peck, F/D/Haiti 2001
57 Min., Farbe, Doku-Essay, Video VHS
Verleih EZEF: EMZ 2-16, 18

Die Würde der Namenlosen (La Dignidad de los nadies)
Fernando E. Solanas, Argentinien 2005
112 Min., Farbe, Dokumentarfilm, DVD
Verleih und Vertrieb: EZEF

Bernd Wolpert                                             Dezember 2007



Artikel zuletzt geändert am: Dienstag, 8. April 2008 13:18


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