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Digitaltechnik ermöglicht Neubeginn der Filmgeschichte. Interview mit dem Filmemacher Stefan Kaspar aus Peru (August 2007)

erschienen in: EINS Entwicklungspolitik 15-16, August 2007

Der Filmemacher Stefan Kaspar  ist in der Schweiz geboren und lebt seit über 30 Jahren in Peru, wo er 1982 das Filmkollektiv „Chaski“ mitbegründet hat. Mit ihm sprach Bettina Lutterbeck über die desolate Situation des lateinamerikanischen Films und die Chancen, die die digitale Technik eröffnet. 

Weshalb gibt es im Kino und im Fernsehen so wenige lateinamerikanische Filme zu sehen?

Das hat relativ wenig mit der Qualität oder Quantität der lateinamerikanischen Filmproduktion zu tun. Es ist vor allem ein Problem des Marktes. In Lateinamerika werden durchschnittlich 150 lange Spielfilme pro Jahr produziert. Dazu kommen unzählige Dokumentar- und Kurzfilme. Viele davon sind inhaltlich und formal interessant und gewinnen Preise auf Festivals. Den Weg ins europäische Kino oder Fernsehen schaffen sie trotzdem nicht, wie sehr sie auch Zeugen und Botschafter einer interessanten Kultur sein könnten und wie spannend die Geschichten auch erzählt sein mögen. In Zahlen ausgedrückt: 0,17% betrug der Marktanteil der lateinamerikanischen Filme in den Ländern der Europäischen Union – und 2% im eigenen Kontinent. “Kein Zutritt!!“ heißt die Regel.  Die wenigen Filme, die es schaffen, stellen die Ausnahmen dar. Beispiel einer Ausnahme: Unser Spielfilm „Gregorio“, der von einem Indiokind erzählt, das in Lima auf der Straße landet. Er lief in der Schweiz, in Deutschland und in Oesterreich im Kino und im Fernsehen. Dank engagierter nicht-kommerzieller Filmverleihe wie EZEF konnte er darüber hinaus in vielen alternativen Kinos,  Abspielstätten, Schulen und Universtitäten sein Publikum finden.

Wo sehen Sie die Gründe für den Ausschluss?

In den ersten hundert Jahren der Filmgeschichte waren wir sowohl bei der Herstellung wie bei der Auswertung der Filme von einer teuren und komplizierten Technologie abhängig. Diese war vor allem für arme Länder völlig unangepasst und ungeeignet! Daran haben wir uns die Zähne ausgebissen und sind trotzdem nie auf einen grünen Zweig gekommen. Andern ging es noch schlechter: Nach einer UNESCO-Studie sind es insgesamt 68 Länder, die mit dieser Technologie nie einen Film herstellen konnten!  So gesehen war es für die ökonomisch stärkeren Länder, allen vorab für die Vereinigten Staaten, relativ leicht, dem Film den Stempel ihrer kommerziellen Unterhaltungsprodukte aufzudrücken und allmählich die Märkte zu kontrollieren.

Was hat das für ein Land wie Peru bedeutet?

Für Peru hatte das zur Folge, dass im Filmbereich nicht nur „keine“, sondern eine „gegenteilige Entwicklung“ stattfand. Die neoliberale Logik, angewandt auf die Kinoinfrastruktur in einem armen Land, reduziert alles auf die Frage: Was rentiert sich?  Antwort: Nicht Einzelkinos sondern Multiplex und zu höheren Eintrittspreisen. Wo? In der Hauptstadt, am besten neben einem Supermarkt. Mit welchen Filmen? Kommerziellen Unterhaltungsfilmen aus den Vereinigten Staaten…Als wir vor zwanzig Jahren unseren Film „Gregorio“ in die Kinos brachten, sahen ihn eine Million Zuschauer. Heute erreichen peruanische Filme nur noch 6% dieser Zuschauerzahl. Klar, damals gab es 250 Kinos, einigermaßen verteilt im ganzen Land. Heute gibt es nur noch 35 Multiplexkinos, 30 davon in der Hauptstadt Lima. Diese „Landschaftsveränderung“ wirkte sich auch auf das Konsumverhalten aus. Die 12 Millionen Eintrittstickets pro Jahr verteilen sich folgendermaßen auf die Herstellungsländer der Filme: Peru 3%, Lateinamerika 1%, Europa und Rest der Welt 1%, Vereinigte Staaten 95%! Film steht damit für: Zentralismus, Monokultur, Fastfood, Ausschluss, Privilegien, Diskriminierung, wirtschaftliche Abhängigkeit, kulturelle Dominanz, Migration, etc. Kurz: für all das, was ein armes Land wie Peru für seine integrale Entwicklung am wenigsten braucht! Diagnose: Für Peru ist das erste Kapitel der Filmgeschichte (oder besser „Zelluloidfilmgeschichte“) nicht nur an einem Null-, sondern an einem Negativpunkt zu Ende gegangen, von dem keine „Erholungsmöglichkeiten“ zu erwarten sind!

Wie soll es mit dem Film denn weitergehen?

Das Negative habe ich bereits gesagt. Damit können wir zum Guten übergehen. Und das Gute im Schlechten sehe ich vor allem in zwei Aspekten. Erstens: dass wir hier in Peru in den Bereichen „Filmproduktion“,  „Filmverleih“ und  „Abspiel“ überhaupt nichts zu verlieren haben! Das macht die Gedanken frei fürs Neue: Die digitalen Werkzeuge vereinfachen, verbilligen und dezentralisieren nicht nur das Herstellen der Filme. Sie tun dies auch für den Verleih, den Transport, das Abspielen und die gesamte Auswertung der Filme. Damit ergeben sich die für einen Neubeginn notwendigen Bedingungen.

Wie soll die neue Rolle des Films für Peru aussehen?

Wir haben mit dem Aufbau eines dezentralisierten Netzes von Mikrokinos begonnen. Kinos, die mit einer minimalen Ausstattung auskommen, im Wesentlichen DVD-Player, Beamer und Leinwand. Dort, im Amazonasgebiet oder in Andendörfern, arbeiten wir vor allem mit peruanischen und lateinamerikanischen Filmen, aber auch mit Filmen aus andern Ländern der Welt. Dabei geht es nicht nur ums Abspielen, sondern um die Arbeit mit den Filmen, das heißt um Emanzipations- und Identitätsprozesse. Mikrokinos sind Orte der Begegnung, der Kommunikation, des Dialogs und der Beteiligung. Die Mikrokinogruppen suchen den engen Kontakt mit andern Gruppen, die im lokalen Bereich in der Erziehungs- und Kulturarbeit tätig sind. So etwas gelang früher nur sporadisch. Mit den digitalen Werkzeugen wird es nun zur kontinuierlichen und selbsttragenden Möglichkeit. Dabei sehen wir, wie der Film langsam seine Rolle als Motor und Multiplikator der entwicklungsbezogenen Prozesse übernehmen kann.


Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit
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