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Die paraguayische Hängematte

PARAGUAYISCHE HÄNGEMATTE
(Hamaca Paraguaya)
Paz Encina, Paraguay/Frankreich/BRD u.a. 2006
78 Min., Farbe, Spielfilm, OmU
Verleih DVD: EZEF (Verleih ausschließlich an Gruppen des Weltgebetstages!)

 

Inhalt

Ein Mann und eine Frau - Ramon und Candida Caballero - treten aus dem Wald auf eine Lichtung, um sich im Schatten der Bäume auf einer Hängematte niederzulassen. Die statische Kamera beobachtet sie aus der Distanz. Aus dem Off ist das Gespräch der beiden zu vernehmen. Das Paar klagt über die Hitze, eine unsichtbar im Hintergrund bellende Hündin und den "verdammten Krieg, der zu nichts gut ist". Im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass die Eltern die Rückkehr ihres Sohnes Maximo erhoffen, der schon vor einiger Zeit zu den Soldaten gerufen worden ist.

Die zwei folgenden Sequenzen zeigen den Mann und die Frau unabhängig voneinander bei ihren Alltagsbeschäftigungen. Dabei erinnern sie sich beide daran, wie Maximo von ihnen Abschied genommen hat. Ramon schneidet das Grün von gesammelten Bambusstangen und denkt dabei daran, dass er den von Todesahnungen bedrängten Sohn ermutigt hat. Candida schlägt an der Quelle auf Wäschestücke ein. Ihr fällt wieder ein, dass sie Maximo vergebens geraten hat, sich in den Bäumen ihrer Orangenplantage zu verstecken.

Auf die Hängematte zurückgekehrt, sprechen die beiden über ihre Ängste. Ramon klammert sich an Hoffnung, Candida vermutet, dass die plötzlich verstummte Hündin schon den Tod des Sohnes ahnt. Sie macht sich Sorgen, auch das Tier könnte - wie der Soldat - verdursten. - Vor seiner Haustür sitzend überdenkt Ramon ein Gespräch mit dem Tierarzt des Dorfes, Don Jacinto, der sich der Hündin annehmen soll. Jacinto, der offenbar über Radio oder Fernsehen verfügt, berichtet, dass der Krieg schon vor zwei Tagen, am 12. Juni, mit dem Sieg über die Bolivianer geendet hat. Aber noch sei die Nachricht nicht überall durchgedrungen, an manchen Stellen werde noch gekämpft. Candida sitzt derweil im Freien am Backofen und schürt die Glut, während sie über die Begegnung mit dem Briefträger nachsinnt. Er hat einen Brief mitgebracht und das Hemd eines Maximo Caballero, der durch eine Kugel mitten ins Herz getötet worden sei. Candida hat bestritten, dass es sich um ihren Sohn handelt ("Hier heißen alle Männer gleich!") und den Boten fortgejagt.

In der Abenddämmerung begibt sich das Paar erneut zur Hängematte. Ramon leugnet, dass er vom Ende des Krieges weiß, auch Candida verbirgt ihr Wissen. Die Hündin, die der Sohn den Eltern anvertraut hatte, bellt wieder. Das Paar spricht über den Tod, die Angst vor der Dunkelheit, ihre Verlassenheit: "Sollen wir beten? - Nein, Schweigen ist besser." Candida verspricht ihrem Mann: "Wir werden nicht weinen - Wir sind immer noch nicht tot. Man darf nicht allein bleiben." Mit einem gegenseitigen Treueversprechen gehen sie, um sich im Haus "auszuruhen". Donner kracht über der leeren Lichtung, aus dem Off setzt prasselnd der ersehnte Regen ein.

Der geschichtliche und politische Hintergrund

Paraguay kommt in den Weltnachrichten so gut wie nie vor, im Gegensatz zu seinen Nachbarn in Lateinamerika, also zu Bolivien im Nordwesten, Brasilien im Nordosten und Argentinien im Süden. Das Land mit der Hauptstadt Asunción hat nur 5,5 Millionen Einwohner, meist Mestizen, also Mischlinge spanisch-indianischer Abstammung. Lediglich drei Prozent sind Ureinwohner (Guarani). Sie leben im dünn besiedelten Gebiet des Gran Chaco, das 60 Prozent der gesamten Landesfläche umfasst und zumeist Großgrundbesitzern gehört. Neuerdings wird im Chaco nach Erdöl gebohrt. Im Gegensatz zum tropischen Regenwald im Osten und den sumpfigen Savannen im Zentrum des La-Plata-Landes ist die regenarme Ebene des Gran Chaco von Trockenwald und Dornbüschen geprägt.

Vordem zu den spanischen Vizekönigreichen Peru und La Plata gehörend, erlangte Paraguay 1811 die Unabhängigkeit. Im Krieg von 1864-70 gegen Brasilien, Argentinien und Uruguay verlor der Andenstaat große Teile seines Landes, vier Fünftel seiner Bevölkerung und verarmte völlig. Nach wiederholten Unruhen und Bürgerkriegen endete der "Chacokrieg" (1932-35) zwar mit einem Sieg über Bolivien, kostete aber erneut viele Menschenleben. Es folgten Diktaturen, unter anderem die gewalttätige Herrschaft des deutschstämmigen Alfredo Stroessner von 1954 bis 1989, die bis heute ihre Spuren hinterlassen hat. 1992 wurde ein der Demokratie verpflichtetes Präsidialsystem installiert. Die Frauen, die sich jahrelang am gewaltlosen Widerstand gegen Stroessner beteiligt hatten, wurden jedoch nach dem Sieg der neuen alten Herren ausgegrenzt. Eine beherrschende Rolle spielte und spielt die Partei der Colorados, die auch den gegenwärtigen Präsidenten Nicanor Duarte stellt.

Nach wie vor gilt Paraguay als das ärmste und das korrupteste Land Lateinamerikas. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in Armut und hat die Hoffnung auf Besserung aufgegeben. So leidet Paraguay heute unter einer massiven Auswanderungswelle. Unter den 1500 Bürgern, die das Land jährlich verlassen und ihre Angehörigen, soweit sie dazu in der Lage sind, aus der Ferne unterstützen, sind viele Frauen, die ihre Kinder bei Verwandten zurücklassen.

Amtssprachen sind Spanisch und Guarani, allerdings nur auf dem Papier. In der Praxis wird Spanisch als offizielle, moderne Sprache gebraucht, während die "arme" Sprache der sogenannten Indigenas (im Land bevorzugter Ausdruck für Ureinwohner, "Indio" gilt als Schimpfwort) vor allem den privaten Bereich beherrscht und als Ausdruck von Gefühlen und Tradition gilt. Von 80 Prozent der Guarani-Sprechenden kann sich die Hälfte nicht auf Spanisch verständlich machen.

Mit den Spaniern kamen ab 1609 Jesuitenmissionare ins Land, ab 1927 auch deutschstämmige Mennoniten aus Kanada und Russland, in den 60er Jahren folgten fundamentalistische Missionare aus den USA. Heute sind 90 Prozent der Gemeinden katholisch. 2007 steht Paraguay im Mittelpunkt des ökumenischen Weltgebetstages der Frauen.

Zum Film

Ohne ausländische Unterstützung, unter anderem vom deutschen World Cinema Fund, wäre dieser Filmerstling von Paz Encina, die 1971 in Asunción, geboren wurde, wohl nie entstanden. Es heißt, der bisher letzte Film aus diesem Land sei ein Heldenepos über den Krieg 1864-70 gewesen, das der Diktator Alfredo Stroessner in den 1970er Jahren mit seinen Kindern als Hauptdarstellern drehen ließ. Im Werk der indianischstämmigen Regisseurin geht es um einen Tag unmittelbar nach dem mit Sieg und vielfachem Sterben beendeten "Chacokrieg", nämlich um den 14. Juni 1935. Es könnte aber auch irgendein Krieg in irgendeinem Land an einem fernen Ort sein, eine Auseinandersetzung, von der die Menschen nicht unmittelbar betroffen sind, sondern nur vage wissen, weil ihre Söhne eingezogen wurden.

Eventuell auch aus Kostengründen hat die Regisseurin ein technisch vereinfachtes Verfahren gewählt. Die unbewegliche Kamera beobachtet die Protagonisten aus einiger Entfernung. Der davon unabhängige Dialog ist aus dem Off über das Bild gelegt und erzeugt den Eindruck, man lausche der gleichzeitig ablaufenden Unterhaltung. Im letzten Drittel des Films scheint die Aufnahme sogar zeitweise eingefroren zu sein, um den Dialog zu bebildern. Mitunter spricht die Frau bereits mit ihrem Mann, noch ehe sie im Bild erscheint. Auch in der Erinnerung des Paares an die anderen Begegnungen, mit dem Sohn, mit Don Jacinto und dem Briefträger, ist der jeweilige Gesprächspartner nicht zu sehen. Nur in diesen Sequenzen zeigt der Film jeweils einen Ehepartner in halbnaher bis naher Einstellung.

Damit ist die dramatische Entwicklung des Tagesablaufs völlig vom Bild weg in den Ton verlegt. Dabei spielt auch das Bellen der Hündin bzw. ihr Schweigen eine Rolle. Sechsmal unterbrechen Wolkenaufnahmen mit Naturgeräuschen die Dialoge. Die Vögel, von denen die beiden als Vorboten des Regens reden, sind allerdings nicht zu sehen. Filmsprache ist Guarani, die Untertitel des Originals sind spanisch. - Dass der Film schwarzweiß wirkt, ist möglicherweise durch das Material und die Lichtverhältnisse verursacht. Nur gelegentlich sind Dinge in Farbe zu sehen, so Ramons Bambusblätter und Candidas Wäsche.
Eigentlich könnte man den Film als ein mit meditativ-ruhigen Aufnahmen verknüpftes Hörspiel beschreiben. Der Rückgriff auf eine vergangene Zeit, die Wahl der Sprache und die ruhige Art kommen gewiss einem Publikum entgegen, das an den hektischen Schnitt ausländischer "action"-Filme nicht gewöhnt ist. In den Kinos von Paraguay, die hauptsächlich auf Hollywood-Produktionen zurückgreifen, soll dieser Film großes Aufsehen erregt haben.

Über die Situation der Frauen im Paraguay von heute und ihre Probleme gibt der Film keine Auskunft. Es lässt aber Rückschlüsse zu, wenn eine junge Frau, Tochter eines prominenten Anwalts, für ihren ersten Film gerade dieses Thema gewählt hat. So ist ihr Werk auch als Beitrag zur Geschichte des Landes und als Information über die historische Prägung und Mentalität der Menschen zu verstehen. Der Film lässt noch erkennen, dass die Ureinwohner in einer ursprünglich matriarchalisch geprägten Gesellschaft lebten, die später patriarchalischen Regeln unterworfen wurde.

Hinweise zur Diskussion

Um diesem Film gerecht zu werden, muss man bereit sein, sich mit viel Geduld auf das meditative Verharren der Bilder und die scheinbar belanglose Unterhaltung eines älteren Ehepaares (kaum älter als Mitte 40!) einzulassen. Das Besondere dieses Tages und des gemeinsamen Schicksals erschließt sich aus den kurzen Sätzen erst nach und nach. In der Diskussion ist es daher ratsam, die Abfolge im Nachhinein noch einmal zu rekapitulieren, um Verständnisschwierigkeiten vorzubeugen.(Da beim Kinobesuch in Deutschland eher selten untertitelte Filme gezeigt werden, könnte es für die Konzentration auf das Bild hilfreich sein, die deutschen Untertitel ggf. auch einzusprechen.)

Die gelegentliche Diskrepanz von Bild und Ton hat sogar die Vermutung aufkommen lassen, die beiden sprächen gar nicht miteinander, die Sätze existierten nur im Kopf der Gefilmten und der Betrachter. Es spricht aber nichts für "eine traurige, einsame Stille zwischen den Eheleuten", wie sie ein Cannes-Kritiker konstatierte. Das Missverständnis geht vermutlich auf ein Interview mit der Regisseurin zurück, die über den Zusammenhang von Stille ("silence") und Zeit gesprochen hatte: Die Stille berühre die Zeitgrenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Man muss genau hinhören, merkt aber dann, wie sich der Dialog verändert - vom mitunter gereizten Umgangsstil eines "alten" Ehepaares bis zum fürsorglichen Miteinander zweier vom Schicksal Geschlagener. Sinnfälligstes Beispiel: Als Ramon anfangs über den Schmerz in seiner Brust spricht, geht Candida überhaupt nicht darauf ein. Später kommt sie aber von sich aus darauf zurück und fragt teilnahmsvoll nach. Es wird klar, dass der Schmerz mit der Angst vor dem Tod des Sohnes zusammenhängt. Als Ramon weiß, dass Maximo tot ist, leugnet er diesen Schmerz, um Candida von der Frage nach dem Krieg abzulenken und sie zu schonen. Diese beiden Menschen werden mit einer Erfahrung konfrontiert, die für die Länder Lateinamerikas sicher typisch ist, die aber auch viele andere überall in der Welt und nicht nur im Krieg durchleiden: Wenn das Kind stirbt, - noch dazu wie hier der einzige Sohn und damit der alleinige Beistand im harten Alltag, - stellt sich für Eltern die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens mit voller Schärfe.
"Wir armen Leute sind immer im Krieg", sagt Ramon beim Abschied resignierend zu seinem Sohn. Aber er ist überzeugt: "Du musst gehen, du bist ein Mann!" Maximo indessen ist so sicher, dass er sterben wird, dass er seinen Namen ändern will, damit die Mutter keine Todesnachricht erhalten kann. Auf der anderen Seite hält der Sohn den Vorschlag der Mutter, sich in der Orangenplantage zu verstecken, für sinnlos. Aber er ist traurig, als sie sich aus Angst vor dem Abschiedsschmerz wortlos von ihm abwendet.

Mann und Frau gehen auch in den Gesprächen untereinander unterschiedlich mit ihrer Angst um. Im Aussprechen und Leugnen geraten sie fast miteinander in Streit. Nacheinander fangen sie an, sich um die Hündin zu sorgen, die Hinterlassenschaft des Sohnes - die Frau fast hysterisch, der Mann gelassener und praktisch denkend. Candida verrät indirekt Gefühle, wenn sie auf die Wäsche eindrischt und später wütend in der Ofenglut stochert. Der Vater hat versucht, dem Sohn eine irrationale Hoffnung auf persönlichen Schutz vor dem Tod mitzugeben und klammert sich selbst daran. Die Mutter hingegen macht, wie um den Tod zu bannen, düstere Vorhersagen. Sie hat auch den toten Schmetterling, der für Abergläubische offenbar ein böses Omen ist, sofort ins Feuer geworfen. Aber als sie Nachricht vom Tod des Sohnes erhält, versucht sie, die Gewissheit zu leugnen - allerdings ohne innere Überzeugung.

Wie die Menschen angesichts der Unabwendbarkeit des ihnen auferlegten Schicksals erstarren, wird in zwei sehr kurzen Einschüben gezeigt, den einzigen Bildern, in denen auch andere Personen zu sehen sind: Die Bauern lagern stumm auf dem Feld, die Frauen verharren fast reglos an der Quelle. In ähnlicher Parallele werden jeweils die unbewegten Gesichter von Ramon und Candida in Nahaufnahme gezeigt, wenn sie ihren Sohn endgültig verloren wissen. Fünfmal fällt der Satz "Es gibt nichts mehr zu tun" - ein Ausdruck der Hoffnungslosigkeit. Deutlich wird: Hier sind Menschen von der Politik ihres Landes rücksichtslos beraubt und im Stich gelassen.

Mit seinem Thema vom Verlust der Hoffnung und der Zukunftschancen im Alter löst sich der Film jedoch aus der Nische eines exotisch und sehr fern anmutenden Landes, ohne dessen spezielle Aspekte wie etwa die offensichtliche Armut und das existenzielle Ausgeliefertsein zu vernachlässigen. Er stellt allgemeingültige Fragen: Wie umgehen mit einem Schicksal, das sich nicht beeinflussen lässt? Wie umgehen mit dem Verlangen nach Hoffnung, wenn sie doch immer wieder enttäuscht wird? Wie umgehen mit dem Verlust des Menschen, dem alle Liebe und Fürsorge galt, der Beistand und Stütze angesichts sich anbahnender Hinfälligkeit zu garantieren schien? Wie umgehen mit der eigenen Angst vor dem Tod?

In der letzten Filmsequenz klammern sich die beiden Übriggebliebenen erneut allen Erfahrungen zum Trotz an das Prinzip Hoffnung: Sie werden zusammen weiterleben, sie haben noch einander. Das ist ihre "Hängematte", ihr Zufluchtsort, solange es hell ist."Wir sind füreinander da", sagt die Frau, und der Mann antwortet: "Wir sind füreinander geschaffen". Das Paar beschließt, dem Tod gemeinsam zu widerstehen: "So sind wir glücklich!" Nach diesem unerwarteten Satz wirkt der erlösende, Leben spendende Regen wie ein Echo.


Literatur- und Materialhinweise

Nohlen, Dieter; Nuscheler, Franz (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Band 2: Südamerika; Bonn 1992; Länderartikel Paraguay, S. 417 – 137; von Olinda Bareiro und Harald Barrios

Sonia Bareiro, "Paraguay heute", in: Schritte ins Offene, Nr. 5/2006. Hrsg. vom Evangelischen Frauenbund der Schweiz (EFS) und Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SKF)

Materialmappe Weltgebetstag 2007 Paraguay; als Download unter: http://www.weltgebetstag.de/


Medienhinweise

DIE GEHEIME NATION
Jorge Sanjines, Bolivien 1998
128 Min., f. Spielfilm, OmU
Verleih 16mm: EZEF


November 2006                                                                                          Dorothea Schmitt-Hollstein

 

 

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Artikel zuletzt geändert am: Freitag, 16. Januar 2009 09:36


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