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Punki und Ganshyam

Punki und Ganshyam
Lou Vreeswijk, Niederlande 1989
25. Min., Farbe, Spielfilm


Inhalt
Das Mädchen Punki und ihr Bruder Ganshyam sind die beiden elfjährigen Zwillinge einer Töpferfamilie in Indien. Wenn sie morgens auf dem Flachdach ihres Hauses von der Mutter geweckt werden, wartet ein sehr unterschiedlicher Tagesablauf auf sie: Punki hilft im Haushalt, knetet aus frischen Kuhfladen das Brennmaterial für den Herd, holt Wasser und hütet die Tiere auf einem kargen Feld in der Steppe. Ganshyam hingegen zieht seine Uniform an und geht zur Schule, wo er unter freiem Himmel das Lesen und Rechnen lernt. Nach der Schule hilft er seinem Vater und Grossvater in der Werkstatt, holt Ton vom Fluss oder bemalt die Spielzeugfiguren, die der Vater herstellt.
Punki beobachtet eines Tages heimlich den Unterricht. Als sie der Lehrer entdeckt, schickt er sie weg. Doch abends nervt sie den Bruder bei den Hausaufgaben - er soll ihr alle Wörter und Buchstaben erklären; schliesslich träumt sie davon, Lehrerin zu werden. In ihrem Wissensdurst stibitzt sie dem Bruder das Schulbuch, doch beim Formen der ‘Briketts’ fällt es ihr ausgerechnet in den frischen Kuhfladen. Unterdessen wird ihr Bruder aus der Töpferei des Vaters in die Schule geschickt, obwohl er lieber mitarbeiten würde. In der Schule angekommen, bekommt er prompt Ärger: Erstens ist er zu spät dran, und dann fehlt im auch noch das Schulbuch! Am Nachmittag, als Punki ihm das nicht völlig gereinigte Buch zurückgibt, ist er natürlich wütend auf sie und jagt sie durchs Dorf.
Als die Tongefässe und Tonspielzeuge unter freiem Himmel gebrannt werden, sieht Ganshyam eine Gelegenheit, den Vater zu fragen, ob er mit zum nächsten Markttag darf. Doch der findet, dass er noch zu klein sei und ausserdem noch nicht einmal rechnen und richtig Geld zählen könne. Also bittet Ganshyam seine Schwester, ob sie mit ihm ‘Markt’ spielt. Beide üben das Kaufen, Bezahlen und Geldwechseln solange, bis Ganshyam es beherrscht, dem Vater vorführt und dieser nun tatsächlich einwilligt, dass Ganshyam mit zum Markt darf.
Während die Mutter Punkis Hände bemalt, bittet sie das Mädchen, ebenfalls in die Schule gehen zu dürfen. Doch sie erklärt ihr, dass ihr Platz im Haushalt und auf der Weide sei. Mädchen brauchten und dürften in diesem Dorf nun mal nicht in die Schule.
Für Ganshyam bricht der grosse Tag an: Gemeinsam mit dem Vater und dem Grossvater belädt er den Kamelkarren mit den Tonfiguren, die sie verkaufen wollen. Schon die Fahrt ist ein Abenteuer: Auf dem Kamelkarren geht es durch die Halbwüste, vorbei an der Eisenbahnlinie und schliesslich kommen sie am Markt an, von dessen aufregender Atmosphäre Ganshyam bisher nur gehört hat.
Punki geht währenddessen mit Ganshyams Schultasche und seiner Uniform zur Schule und bittet den Lehrer, anstelle ihres Bruders am Unterricht teilnehmen zu dürfen. Zu ihrer grossen Freude darf sie bleiben.
Vater und Grossvater sind am Marktstand eingeschlafen. Weil dort nichts los ist, nimmt Ganshyam sich einen Korb voller Tonspielzeug, geht an eine andere Stelle des Marktes und hat im Nu alles verkauft. Sein Vater ist stolz auf ihn und überlässt ihm ein bisschen vom Gewinn, so dass er sogar Karussell fahren kann.
Als die drei mit ihrem Kamelkarren heimkommen, haben sie allen etwas mitgebracht. Punki bekommt die versprochenen Süssigkeiten und - eine Schreibtafel! Am folgenden Tag ist scheinbar alles beim Alten während Ganshyam wieder in die Schule geht, muss Punki auf die Weide um die Tiere zu hüten. Doch eines hat sich geändert: Im Schatten unter dem grossen Baum zeigt sie den anderen Mädchen und Frauen, was sie bereits gelernt hat und bringt ihnen mit ihrer neuen Tafel das Schreiben bei.


Zum Film
Mit grosser Leichtigkeit inszeniert, spiegelt der Film den Alltag zweier elfjähriger Kinder in einem indischen Dorf wider. In Form einer einfachen Parallelhandlung, mit sparsamen Dialogen und einer sehr aussagekräftigen Bildgestaltung, schildert der Film die bereits in diesem Alter geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlichen Lebenswelten eines Jungen und eines Mädchen. Die Dramaturgie entfaltet behutsam die konflikthaften Themen, mit denen sich die Kinder auseinanderzusetzen haben. Denn beide sind mit den Erwartungen der Erwachsenen und den traditionellen Rollen, die für sie vorgesehen sind, nicht einverstanden.
Der Junge ist eher praktisch begabt und mag viel lieber in der Töpferei des Vaters mitarbeiten, als die Schule zu besuchen. Dagegen wünscht sich das Mädchen, zur Schule gehen zu dürfen, um später Lehrerin zu werden. Doch sie wird auf den Haushalt und das Hüten der Rinder festgelegt.
Beide Kinder entwickeln aber geschickte Strategien, ihre Wünsche zumindest kurzfristig umzusetzen: Ganshyam beweist dem Vater, wie nützlich er ihm sein kann, und Punki eröffnet sich die Teilnahme am Unterricht. Dabei unterstützen sie sich gegenseitig - auch wenn sie sich gelegentlich mal streiten.
Die Erwachsenen werden dabei differenziert und realistisch gezeichnet: Einerseits sind sie den Traditionen und dem «das war schon immer so» verpflichtet, doch andererseits sind sie offen genug, die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder zu akzeptieren und sich überzeugen zu lassen.
Das Ende des Films ist offen und optimistisch: Auch wenn Punki nicht weiter zur Schule geht, beweist sie ihre Begabung und erfüllt sich ihren Berufswunsch, Lehrerin zu werden, schon jetzt auf spielerische und dennoch ernsthafte Art und Weise. Sie vermittelt den anderen Mädchen und Frauen ihr eigenes geringes Wissen. Punki erweist sich dabei als intelligent, sehr selbstständig, und deshalb wird sie vermutlich ihren Weg auch weiterhin finden.
Ein wichtiger Aspekt des Filmes ist der Alltag, vor dessen Panorama die Spielhandlung inszeniert wurde. Eher nebenbei und mit vielen Dokumentaraufnahmen bereichert, vermittelt dieser Hintergrund ein plastisches, realistisches und dabei zugleich faszinierendes Bild der Wirklichkeit dieser für uns fremden Kultur. Viele Details regen zum Vergleich mit unserem Alltag an und so manche Selbstverständlichkeit (vom fliessenden Wasser bis zum Elektroherd) entlarvt sich als westliches Wohlstandsprivileg.
Didaktische Anregungen
Die beiden Hauptfiguren bieten sich hervorragend zur Identifikation an. Durch das Hineinversetzen und Miterleben der Konflikte lassen sich zahlreiche Themen ansprechen und auswerten:

Alltag:
Was hat uns nach dem Film am meisten überrascht/erstaunt? Was haben wir erfahren, was wir vorher nicht gewusst oder uns anders vorgestellt haben?
Was ist in Indien anders als bei uns, was ist ähnlich? In Form einer Tabelle möglichst detailliert den Alltag von Punki und Ganshyam, wie er im Film gezeigt wird, beschreiben und mit der Situation bei uns vergleichen. Dabei insbesondere folgende Stichworte berücksichtigen:
• In der Schule (Ausstattung, Unterrichtsstil, Klassengrösse usw.)
• Zu Hause/Wohnung
• auf der Reise
• bei der Arbeit
• Kochen, Essen und Trinken
• Spiel und Freizeit
• auf der Strasse/im Dorf
• beim Einkaufen/Markt, usw.

Tagesablauf der Kinder / Geschlechterrollen
• Aufsatz: Die Mädchen beschreiben den Tag von Punki (vom Aufstehen bis zum Zu Bett gehen) und vergleichen ihn mit ihrem eigenen. Die Jungen tun dasselbe mit dem Tagesablauf von Ganshyam. Anschliessend setzen sich gemischte Vierergruppen (Jungen und Mädchen) zusammen, lesen sich die Texte vor und diskutieren a) die Unterschiede im Tagesablauf von Mädchen und Jungen in Indien; b) die Unterschiede im Tagesablauf von Mädchen und Jungen bei uns; c) die Unterschiede von Kinderalltag bei uns und in Indien.
• Warum müssen Jungen die Schule besuchen, aber die Mädchen dürfen es nicht?
• Gibt es auch bei uns so stark getrennte Bereiche? Die Kinder erzählen aus ihren persönlichen Erfahrungswelten: Gibt es Dinge, die sie nicht tun durften, weil sie ein Mädchen bzw. ein Junge waren? Haben sie sich schon einmal aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt gefühlt?

Arbeiten
• Die Arbeiten, die Punki und Ganshyam ausführen, Schritt für Schritt beschreiben.
• Was ist der wesentliche Unterschied gibt es zwischen der Herstellung von Brennmaterial aus Kuhmist und der Verfertigung von Tonfiguren? (unbezahlte Hausarbeit vs. bezahlte Erwerbsarbeit).
• Die SchülerInnen überlegen sich, welche Arbeit sie persönlich lieber machen würden und aus welchem Grund. Gibt es ihrer Ansicht nach eine Arbeit, die wichtiger/wertvoller ist als die andere? Erledigen sie selber auch Arbeiten, sei es im Haushalt oder ausserhalb, um Geld zu verdienen? Wie fühlen sie sich dabei? Handelt es sich um freiwillige Arbeit oder nicht?
• Die Schüler/innen schreiben auf einem Blatt die Tätigkeiten auf, die sie für typisch weiblich respektive typisch männlich halten. Wie sieht es in ihrer eigenen Familie aus?

Schule
• Jedes Kind überlegt sich, ob es lieber Punki oder Ganshyam sein möchte, und begründet den Entscheid.
• Darüber nachdenken, wie unser eigenes Verhältnis zur Schule ist: Gehen wir selber gerne zur Schule? Warum bzw. warum nicht? Würden wir die Schule besuchen, wenn wir nicht müssten? Oder würden wir lieber arbeiten? Oder wie würden wir unsere Zeit verbringen? Ist es richtig, dass die Schule bei uns obligatorisch ist?
• Gemeinsam die ‚ideale Schule’ erfinden: Wie sollte sie aussehen, welche Fächer sollte sie vermitteln, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollte sie einem beibringen, usw.

Solidarität
• Überlegen, in welchen Situationen sich die Kinder im Film helfen und zusammenhalten und wann und aus welchen Gründen sie sich streiten. Vergleichen mit der Situation bei uns.

Autonomie
• Überlegen, wie es die Kinder im Film schaffen, das zu erreichen, was sie wollen.
• Sich eigene Erlebnisse in Erinnerung rufen: wie ist es, wenn wir selbst mal was ganz anderes tun möchten, als wir sollen? (Quengeln, Überreden, Überzeugen, einfach machen)
Weiterphantasieren
• Was hat sich bereits geändert, wie geht es mit den beiden weiter?
• Ob Punki es schafft, irgendwann in die Schule zu kommen?
• Was würde ich an ihrer Stelle tun?
Werken
Als kreative Aktionen zum Begleiten bieten sich beispielsweise das Backen von Brotfladen oder das Formen und Bemalen ähnlicher Tonfiguren wie im Film an.


Literaturhinweise:
Dritte Welt Buch für Kinder. Barbara Veit, Hans-Otto Wiebus, Otto Mayer Verlag, Ravensburg 1988

Medienhinweise:
Die Strasse gehört ihnen!
3 Filme über Kinder in der Dritten Welt

1. Die Strasse gehört uns
Moustapha Dao, Burkina Faso 1987
15 Min., Farbe, Dokumentarfilm

2. Die Scooterfahrer
Christian Weisenborn, BRD 1988
15 Min., Farbe, Dokumentarfilm

3. Ein Treffen kleiner Männer
Grupo Chaski, Peru 1987
10 Min., Farbe, Spielfilm

Salaam Bombay
Mira Nair, Indien/Frankreich/Großbritannien 1988
113. Min., Farbe, Spielfilm

Der fliegende Magier
Christian Weisenborn, BRD 1990
15 Min., Farbe, Dokumentarfilm

 

Martin Block (EZEF-Arbeitshilfe Nr. 82)
Didaktische Anregungen ergänzt durch Dorothee Lanz,
Fachstelle «Filme für eine Welt»



Artikel zuletzt geändert am: Mittwoch, 9. November 2005 17:25


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