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Touki Bouki
Touki Bouki – Die Reise der Hyäne (PDF-Datei) Senegal 1973,35 mm und DVD, Farbe, 86 Minuten., OmU Regie: Djibril Diop Mambéty Buch: Djibril Diop Mambéty Kamera: Georges Bracher Schnitt: Siro Asteni Ton: El Hadji Mbow Musik: Joséphine Baker, Mado Robin, Aminata Fall Darsteller/innen: Magaye Niang (Mory), Mareme Niang (Anta), Aminata Fall (Tante Oumy), Ousseynou Diop (Charlie) u.a. Produktion: Cinegrit; Djibril Diop Mambety Länge 86 Min.
Kurzinhalt: Mory und seine Freundin Anta träumen davon, Dakar zu verlassen, um nach Paris aufzubrechen – ins gelobte Land Frankreich. Natürlich fehlt es an Geld für die Schiffspassage und auch die trickreich entwendete Kiste mit den vermeintlichen Gesamteinnahmen für die Errichtung eines Denkmals zu Ehren von Charles de Gaulle führt nicht ans Ziel. Deshalb müssen die beiden zunächst einen Playboy ausnehmen, ehe sie sich die Tickets für die Schiffspassage leisten können. Doch die Reise nach Frankreich wird Mory nicht antreten…
Inhalt: Im gleißenden Licht der Mittagssonne treiben zwei Jugendliche eine Herde von Zebu-Rindern durch die Savanne. Ein harter Schnitt konfrontiert den Zuschauer unmittelbar mit der Düsternis eines städtischen Schlachthofes: Rinder stürzen zu Boden, ehe ihnen die Kehle durchschnitten wird. Erneuter Wechsel in die Savanne – zu sehen sind die gleichen Bilder wie in der Eingangsszene, doch die ländliche Idylle hat bereits alle Unschuld verloren. Die Geräusche eines Motorrades überlagern in einer Toncollage die einfache Melodie einer Hirtenflöte, noch ehe dies zu sehen ist. Über die Schulter von Mory blickt die Kamera auf den Lenker eines Motorrades, der von einem Rindergehörn geziert wird. – Mit dieser hochkomplexen Eröffnungssequenz ist der Film bei seinem Thema. Das gleichsam mythisierte Motorrad-Zebu wird als Leitmotiv durch den Film führen. Die symbolische Bedeutung dieses Maschinen-Tiers ist so eingängig wie unverständlich, so unmittelbar wie vielschichtig. Und die Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit und Bedeutungsfülle dieser Symbolik, spiegelt den historischen Zeitpunkt der Entstehung dieses Films, wie er ihn gleichzeitig transzendiert. Denn zehn Jahre nach der Unabhängigkeit – der Film wurde 1972 gedreht – ist Senegal weder die ländliche vorkoloniale Idylle, die es wohl nie gegeben hat, noch ist Dakar die moderne Großstadt, für die es mit Blick auf die Hochhäuser fälschlicherweise gehalten werden könnte. Die einfachen Häuser der einfachen Menschon stehen im Schatten der Skyline von Dakar, mehrspurige asphaltierte Straßen verlaufen neben der Staubpiste. Die Reichen und Mächtigen protzen mit den Symbolen westlichen Wohlstands, während sich die Armen mit den Folgen der Wasserrationierung herumschlagen müssen. Mory fährt mit seinem Motorrad durch die Gegend. Seine Tante beschimpft ihn als Taugenichts und wünscht in zur Hölle, weil er seine Schulden nicht bezahlt. Anta studiert an der Universität, aber davon hält ihre Mutter wenig. Denn von Frankreich, woher diese moderne Einrichtung stammt, komme „nichts Gutes: weiße Frauen und Krankheiten“. Sowohl individuell wie als Paar sind Mory und seine Freundin Anta bemüht, sich dem Korsett starrer Traditionen zu entwinden, ohne ihnen völlig abschwören zu können. Sie wissen was sie nicht wollen. Was sie wollen lässt sich aber nur vage als bessere Zukunft umschreiben. Klar ist nur der Fluchtpunkt, in dem sich ihre ganze Sehnsucht kristallisiert: Paris. – Genauer noch jenes Paris, das Josephine Baker in ihrem Chanson als eine Ecke des Paradieses beschwört und dessen Refrain den Film als musikalisches Leitmotiv durchzieht. Erst einmal im fernen Frankreich angekommen, wäre es Mory nicht bange. Denn sein Konzept für die Zukunft, das er als Antwort auf Antas skeptische Frage formuliert, wovon sie dort denn leben sollten, ist ebenso schlicht wie überzeugend: „Man verfeinert seine Laster und macht sie zu Geld!“ – nur zunächst müssen sie erst einmal dorthin kommen, und dazu brauchen sie Geld. Nur leider hilft beim Kartenspiel jener Armreif nicht wirklich weiter, den Mory aus einem Gris Gris geraubt und als Glücksbringer identifiziert hat. Er verliert, prellt seinen Wetteinsatz und muss deshalb schon froh sein, wenn er ungestraft entkommt. Und auch die trickreich entwendeten Kiste bringt kein Glück. Statt der erhofft horrenden Geldspenden aus der Sammlung zur Errichtung eines Denkmals zu Ehren Charles de Gaulles, findet sich dort nur ein Totenkopf! So muss Mory einen reichen Playboy ausnehmen, ehe sich die beiden die Tickets für die Schiffspassage leisten können. Doch die Reise nach Frankreich wird Mory dann gar nicht antreten. Schon balanciert er auf der Gangway zum Erste Klasse Deck, da zögert er unvermittelt und kehrt schnell entschlossen um. Seine panikartige Flucht zurück in die Stadt ist in einer grandiosen Parallelmontage gegengeschnittenen mit einer Vision jener Schlachthauszene, die zu Beginn des Filmes zu sehen war. Und der Film endet, wie er begonnen hat: mit jener Herde von Zebu-Rindern, die auf die Kamera zulaufen. „Touki Bouki“ war in seiner konzeptionellen und visuellen Originalität ein Meilenstein im damals noch sehr jungen afrikanischen Kino – und er ist dies bis heute geblieben! So ist ihm zwar seine Entstehungszeit anzusehen, aber die einzigartige Mischung von Realismus und Surrealismus, von ernsthaftem Anliegen und der Nutzung komischer wie satirischer Stilelemente verleihen dem Film eine Frische und Authentizität, die überdauert. Die chronologisch erzählte Geschichte einer – vordergründig scheiternden – Flucht wird in ihrer Narration immer wieder aufgesprengt von Brüchen in der Chronologie oder vom zunächst willkürlich erscheinenden Wechsel der Realitätsebene – sei es in den Tagtraum der Wunsch- oder in den Albtraum der Todesphantasie. Und so bleibt am Ende offen, ob der Film von einer Flucht erzählt, die scheitert oder vom Wiederfinden und Behaupten einer wie immer brüchigen postkolonialen Identität der afrikanischen Jugend. In den Filmen von Djibril Diop Mambéty sind visionärer Traum und der genaue Blick auf die soziale Realität keine Gegensätze, sondern sie gehören zusammen. Jenen Menschen, die das Träumen von einem besseren Leben und einer besseren Welt nicht aufgeben, wird zeitlebens seine Sympathie gehören. Diese Haltung macht in ihrer Stringenz zumindest einen Teil jener Einzigartigkeit von Mambétys Debut aus. Diese Haltung wird zugespitzt im Zentrum von "Hyènes" stehen, seinem zweiten langen Spielfilm – einer Adaption von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ – und sie wird die Seele seines letzten Filmes, „Die kleine Verkäuferin der Sonne“, sein sein. Der Gier und der Rücksichtslosigkeit der Reichen setzt Djibril Diop Mambéty den Charme und die Chupze der Armen entgegen, die sich nicht unterkriegen und die sich das Träumen und Kämpfen nicht verbieten lassen.
Zum Regisseur: Djibril Diop Mambéty wurde 1945 in Colobane, bei Dakar, Senegal geboren. Nach einer Ausbildung als Schauspieler wirkte er in einigen senegalesischen und italienischen Filmen mit. 1965 drehte er seinen ersten Film. Zusammenarbeit u.a. mit Pier Paolo Pasolini. Mit Touki Bouki, seinem ersten langen Spielfilm, realisiert er 1973 einen Klassiker des afrikanischen Kinos. Die kleine Verkäuferin der Sonne ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie „über die kleinen Leute“. Diese bleibt unvollendet. Djibril Diop Mambéty starb im Juli 1998 in Paris.
Filmographie: 1965 Badou Boy 1969 Contras City 1973 Touki Bouki – Die Reise der Hyäne 1989 Erzähl von Großmutter (auch im Verleih v. EZEF) 1991 Hyènes (nach dem Dürrenmatt-Stück: Der Besuch der alten Dame 1994 Le Franc (auch im Verleih v. EZEF) 1999 Die kleine Verkäuferin der Sonne (auch im Verleih v. EZEF)
Pressestimmen: „Touki Bouki“ von Djibril Diop Mambéty handelt aus der Perspektive des Senegal von Paris und entwirft mit seinen Farben, seinen Brüchen, seinen kühnen Protagonisten eine afrikanische „Neue Welle“, die das französische Subventionskino danach gründlich entschärft hat.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
Preise: Preis der Kritik in Cannes; Spezialpreis der Jury in Moskau
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