EZEF-Arbeitshilfe
Juliana
Juliana
Regie: Fernando Espinoza, Alejandro Legaspi, Peru / Deutschland 1988
Produktion: Grupo Chaski/ZDF
Mit: Rosa Isabel Morfino, Julio Vega, Edwar Centeno u.a.
Spielfilm, Deutsch synchronisiert, 16mm Lichtton, 90 Minuten
Inhalt
Juliana lebt mit Ihrer Mutter, dem Stiefvater und zwei kleinen Brüdern in einem Slum am Rande Limas. Für den notwendigsten Unterhalt der Familie muss Juliana mithelfen und Geld verdienen. Jeden Morgen macht sie sich auf den Weg zum Zentralfriedhof von Lima. Sie pflegt dort für ein kleines Entgeld die Gräber. Doch der Friedhof ist mehr als nur ein Arbeitsplatz. Hier wird in den Pausen gespielt oder ausgeruht, hier trifft Juliana ihre Freundinnen und manchmal ihren Bruder Clavito. Er ist vor einiger Zeit von zu Hause weggelaufen und lebt seitdem auf der Strasse.
Auf dem Friedhof lernt Juliana aber auch etwas sehr Entscheidendes: sich durchzusetzen und sich zu behaupten. - Dieses freie Leben steht im Kontrast zur häuslichen Situation, wo Juliana von dem faulen, gewalttätigen Stiefvater unterdrückt wird. Von ihrer Mutter erfährt sie keine Hilfe. So lässt das immer bedrückendere Leben zu Hause in Juliana einen Entschluss reifen: Sie will von zu Hause weggehen und sich Clavito anschliessen. Er arbeitet für einen gewissen Don Pedro und verdient Geld damit, dass er in Bussen singt. Den Pedro gewährt ihm wie anderen Kindern dafür Unterkunft und Verpflegung. Da Don Pedro nur Jungen aufnimmt, beschliesst Juliana, sich als solcher auszugeben.
Juliana hat herausgekriegt, wo Don Pedro und die Jungengruppe leben. Als Junge verkleidet stellt sie sich dort zum Entsetzen von Clavito vor. Da sie eine schöne Stimme hat, wird sie als Julian aufgenommen. Am ersten Abend stellt ihr Clavito heimlich die ganze Gruppe vor und warnt sie vor denen, die gefährlich sind. Dazu gehört vor allem Cobra, der Älteste und Adjudant von Don Pedro. Nun beginnt Julians (d.h. Julianas) Arbeit. Sie singt in den Bussen. Aber bald lernt sie die andere Seite des "Beschützers" Don Pedro kennen, nämlich die des Ausbeuters. Gnadenlos presst er aus den Kindern den letzten Centavo, und Juliana beobachtet, dass er die Jungen zum Klauen auffordert und sogar ohne ihr Wissen mit Drogen los schickt. Das nacht Juliana nicht mit. So erweckt sie das Misstrauen Cobras.
Cobra und sein Vertrauter Gusano planen, "Julian" in eine Falle zu locken. Sie schlagen einen gemeinsamen Besuch im luxuriösen Kaufhaus Arenales vor. Die Kinder gemessen diesen Überfluss an Luxus und stellen sich vor, was sie damit machen könnten. Plötzlich wird einer Frau neben Juliana die Handtasche geklaut. Cobra und Gusano rempeln Juliana so an, dass die Frau diese und ihren Freund Moni beschuldigt. Sie hauen ab, doch Moni wird von der Polizei erwischt und abgeführt. Don Pedro ist über den Vorfall blind vor Wut, da er befürchtet, dass Moni unter Druck mehr erzählt als für ihn nützlich ist. Als Juliana am nächsten Tag entdeckt, dass Gusano das geklaute Geld besitzt, kommt es zu einer turbulenten Szene. Daraufhin verprügelt Don Pedro seinen eigenen Adjudanten, die Feindschaft zwischen Cobra und "Julian" ist offen.
Inzwischen hat Juliana ihre Mutter wiedergesehen. Es war ein grosses Erlebnis, denn die Mutter will sich von dem Stiefvater trennen. Als Juliana ihrem Bruder von der Begegnung erzählt, werden sie' von Cobra belauscht. "Julian ist ein Mädchen, eine Biene, eine Puppe !" schreit er voller Wut Don Pedro entgegen. Es kommt zu einer Auseinandersetzung. Aber Juliana weiss, dass sie jetzt nichts mehr zu verlieren hat. Sie verlangt ihr Recht und fordert die Jungen auf, sich nicht mehr unterdrücken zu lassen.
In einem alten Schiffswrack an der Küste finden die Kinder ein neues "Zuhause". Sie haben sich selber organisiert und teilen sich ins Geld verdienen und die täglichen Arbeiten auf dem Schiff. Eines Abends, während die andern schon schlafen, erzählt Loco der nachdenklichen Juliana von seinem Traum: ein bunter Omnibus fährt mit den Leuten, die sie gern haben, durch Lima mit dem von den Kindern komponierten Lied "EI mundo de fantasia"...
"...Queremos cambiar el mundo / Sentir su calor profundo / Que no haya ningún matón / Que nos destroce la vida / Queremos decir al mundo / Que canten con alegria / Y con o sin bacilón / Abrirles el corazön / Juliana."
Zum besseren Verständnis
Nachdem "Juliana" an den Filmfestivals in Habana/Cuba, Berlin/BRD, Cartagena/ Kolumbien und Troja/Portugal internationale Auszeichnungen erworben hat und sowohl beim Publikum in Peru selber, wie auch in der BRD und der Schweiz bei Kindern und Erwachsenen gut angekommen ist, sollen hier nicht die allfälligen Schwächen des Films (z.B. gewisse Längen, der "schöne" Schluss) analysiert werden. Wichtiger ist es zu verstehen, wie und warum dieser Film entstanden ist.
"Juliana" wurde von einheimischen Filmermachern für Leute in Peru gedreht mit dem Ziel, authentische Informationen über das Leben in den Elendsvierteln zu vermitteln. Rund eineinhalb Monate hielt sich der Film in den Kinos von Lima und brachte mit 350'000 Eintritten einen neuen Zuschauerrekord (noch vor Filmen wie "Rambo" oder "Cobrall). Dazu kamen über 4001000 Zuschauer in der Provinz. Gerade in einer Zeit der tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise, wo Arbeitslosigkeit, Gewalt und eine unglaubliche Inflation von über 31000 Prozent herrschen, beeindruckt die Hartnäckigkeit und der Mut des Mädchens Juliana. Die Thematik aus dem ersten Spielfilm "Gregorio" wurde hier wieder aufgenommen, ergänzt und erweitert. Mit der weiblichen Hauptfigur konnte diesmal die Rolle der Frau, der herrschende Machismo in lateinamerikanischen Ländern thematisiert werden.
Mit der gewollten Kombination von Dokumentar- und Spielfilmszenen gelang es dem Grupo Chaski, eine grosse Nähe zur Wirklichkeit der Leute und ihrem Alltag zu erreichen und damit wertvolle Bewusstseins- und Entwicklungsarbeit in Peru zu leisten. Mit der "Difusion popular", d.h. Filmvorführungen mit tragbaren Projektoren in Gegenden ohne Infrastruktur, wird diese Arbeit weiter vertieft werden.
Für Inhalt und Form des Filmes war die Musik ein wichtiges Element; keine unterlegte Andenfolklore, sondern Rhythmen und Lieder von den Kindern selber gespielt. Musik als Akt der Auflehnung, als Basis zur solidarischen Haltung der Kinder gegenüber ihrem Unterdrücker Don Pedro, Musik auch als Hoffnung und Kontrapunkt zur Wirklichkeit. So gesehen ist die Schlusseinstellung mit "EI mundo de fantasia" als Hoffnungsträger wichtig. Loco meint dazu im Film: "Unseren Träumen sind keine Grenzen gesetzt; aus dem gleichen Stoff, aus dem unsere Träume sind, besteht auch unser Leben."
Grupo Chaski
In Peru gibt es einige Gruppen von Filmschaffenden, die nach Alternativen zum kommerziellen Kino suchen und dabei eigene Ausdrucksformen entwickeln. Der "Grupo Chaski" (Quetchuawort für Meldeläufer") ist eine von ihnen.
Gegründet wurde sie Anfang 1982 und ist als "Asociacion sin fines de lucro" (Vereinigung ohne gewinnbringende Ziele) organisiert. Während sämtlicher Arbeitsphasen, von den Recherchen über das Drehbuch und die Realisierung bis zum Verleih der Filme, soll möglichst die ganze Gruppe aktiv mithelfen, soziale und kulturelle Werte Perus zu erhalten und zu fördern.
Die Mitglieder der Gruppe glauben an den Film als wichtigstes Ausdrucksmittel der ärmeren Bevölkerungsschicht. Eigene Filme sollen es ihnen ermöglichen, über Probleme und Wünsche, die sie mit anderen teilen, nachzudenken. Die Filme und damit verbundene Gespräche können dazu beitragen, dass Bewohner der Barriadas und Campesinos ihrer Lebenssituation gegenüber eine kritische Distanz entwickeln, dass sie die eigene Stärke entdecken, dass sie sich zu wehren beginnen gegen das, was sie zerstören und anpassen will an eine Welt, die nicht die ihre ist.
Wenn die Filme darüber hinaus von den Zuschauern in den übrigen Teilen Perus, in andern Ländern Lateinamerikas oder Europas gesehen werden, wirken sie als Stimme für alle diejenigen, die im herrschenden Kommunikationssystem nie zu Wort kommen.
Im Grupo Chaski zeichneten folgende Leute für den Film "Juliana" verantwortlich: Stefan Kaspar/ZDF für die Produktion, Fernando Espinoza und Alejandro Legaspi für die Regie, Ren6 Weber für das Buch, Dany Gavidia für die Kamera, Roberto Aponte für die Montage und José Barcenas für die Musik.
Juliana ist der 2. Teil einer Trilogie. Der 1. Film war Gregorio, der letzte Teil Gregorio und Juliana.
Didaktische Anregungen
Mit den Rollen von Juliana und den anderen Kindern in einem sozial und wirtschaftlich sehr schwierigen Umfeld bietet der Film auf den verschiedensten Ebenen Auswertungsmöglichkeiten:
- Thematisieren der Rolle der Frau in Lateinamerika und den damit zusammenhängenden Problemen (Machismo, Rassismus ... ). Zu diesen Themen gibt es verschiedene Jugendbücher (siehe unten).
- Sich über die Ursachen der wirtschaftlichen und sozialen Krise informieren (Verschuldung, Handelsbeziehungen ... ).
- Überlegen, was wir bei uns für Handlungsmöglichkeiten haben, um etwas zu verändern.
- Sich Gedanken machen, wie Gruppen von Kindern oder Jugendlichen bei uns miteinander umgehen, welches ihre Probleme, Wünsche und Träume sind (Rollenspiele, Theater...).
- Menschen aus Lateinamerika, die sich in der BRD, bzw. CH aufhalten begegnen; gemeinsame Gespräche, Kochen etc.
Peter Meier, 1990
Internetadressen
- www.epo.de
- Internetportal für internationale Zusammenarbeit und entwicklungspolitische Themen
Interportal
- Grupo Chaski www.grupochaski.org
Adressen
- Stiftung Bildung und Entwicklung, Zweigstelle Bern, Monbijoustr. 31, 3001 Bern Tel. 031 389 20 21 (Unterrichtsmaterialien, Kurse und Beratung zu Globalem Lernen), info@bern.globaleducation.ch, www.globaleducation.ch
- Dokumentation Arbeitsgemeinschaft Hilfswerke, Monbijoustr. 31, 3001 Bern Tel. 031 390 93 37 (Dokumentation, Ausleihe, Recherchen zu Nord-Süd-Themen), dokumentation@swisscoalition.ch, www.swisscoalition.ch
- Erklärung von Bern, Quellenstr, 25, Postfach 177, 8031 Zürich, Tel. 01 271 64 34, info@evb.ch, www.evb.ch
- Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung, Missionsstr. 21, 4003 Basel, Tel. 061/261 47 42, www.akte.ch
- Kultur und Entwicklung, Bollwerk 35, Postfach, 3000 Bern 7, Tel. 031 / 311 62 60, www.coordinarte.ch
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