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Gregorio

Gregorio

Regie: Fernando Espinoza, Alejandro Legaspi, Stefan Kaspar, Peru 1984

Produktion: Grupo Chaski / Maria Barea

Kamera: Alejandro Legaspi

Mit: Mariano Leon de la Tore, Vetzy Perez-Palma, Julio Pacora u.a.

Spielfilm, Quechua/Spanisch deutsch untertitelt, 16mm Lichtton / Video VHS, 85 Minuten 

 

Inhalt

Der Film beginnt mit einigen ruhigen Landschaftsaufnahmen von den Anden. Dann gleichmässige Schläge vom Dreschen. Ein alter Mann unterhält sich mit einem jüngeren und warnt diesen davor, in die Stadt zu ziehen. Dort würden ihn nur Hunger und Elend erwarten.

Mit dieser Prophezeiung ist der Rahmen für die Filmhandlung von Gregorio bereits abgesteckt. Der zwölfjährige Gregorio ist der Enkel bzw. Sohn der beiden Männer. Jacinto, Gregorios Vater, will nach Lima, um sich dort eine Arbeit zu suchen, denn die Ernte wird die Familie nicht ernähren können.

Der erste Brief des Vaters aus Lima erzählt von vielen Autos und Häusern, von Fabriken und Arbeit und vom Lehrer hört er, dass in der Stadt alles ganz anders sei. Bald brechen auch Gregorio und seine Mutter auf, um dem Vater in die grosse Stadt zu folgen. Mit dem Lastwagen durchqueren sie die einsame und karge Landschaft. Gregorio sieht zum ersten Mal das Meer - dann die Stadt. Die Fahrt durch einen unbeleuchteten Strassentunnel trennt, wie eine kurze Nacht, Gregorios alte Welt von der neuen, ihm völlig unbekannten.

In diese taucht der Lastwagen nun ein. Verkehrsgewühl, Lärm, riesige Bäume, Menschenmassen, in denen die Kamera – stellvertretend für Gregorio – einzelne Gesichter fixiert. "Hier in Lima kannst du dein Quechua vergessen, niemand wird dich verstehen!" Gregorios Vater, der seiner Familie den Ratschlag gibt, hat auf einer Baustelle Arbeit gefunden. Tagsüber arbeitet er als Lastenträger, nachts bewacht er die Baustelle. Gregorio muss das Familieneinkommen als Schuhputzer aufbessern. Die etablierten Schuhputzer sehen in ihm nur die Konkurrenz. Er wird nur deshalb nicht von ihnen vertrieben, weil sich einer dieser Jungen für ihn einsetzt. Schon nach kurzer Zeit wird der Familie aber das Zimmer gekündigt. Die Mutter will, anders als der Vater, nicht zurück ins Dorf, und so beteiligen sie sich an einer illegalen Landbesetzung ausserhalb der Stadt. Für Gregorio bedeutet dies, dass er zweimal am Tag zwei Stunden Bus fahren muss, um von dem durch die Landbesetzung entstandenen Elendsviertel, einer sogenannten Barriada, ins Stadtzentrum, bzw. zurück zu gelangen. Er erzählt, dass er auf dem Nachhauseweg mehrmals mit dem Messer bedroht und um seinen ganzen Tagesverdienst beraubt wurde.

Der Vater hat mit der Beendigung des Neubaus seine Arbeit verloren, wird bald darauf krank, und wenig später stirbt er. Gregorio muss jetzt alleine das Geld für die Familie verdienen. Die Mutter findet zwar auch bald eine Arbeit, aber Gregorio und sie bekommen jetzt häufiger Streit. Gregorio ist eifersüchtig, weil sie sich mit einem Freund trifft. Trotz eines entsprechenden Ratschlags ihrer Freundin spricht sie mit Gregorio aber nicht darüber, sondern kündigt ihm nur an, dass sie mit ihm reden müsse. Gregorio kommt deshalb immer seltener und immer später nach Hause. Er bringt auch immer weniger Geld mit, weil er es zusammen mit seinen drei Freunden ausgibt; ausser mit Schuhe putzen verdienen sie ihr Geld als Strassenclowns, bzw. beschaffen es sich durch kleine Diebstähle. Das Geld werden sie für Essen und Limonade los, gehen in Spielhöllen und ins Kino, wo in US-amerikanischen Filmen Verfolgungsjagden mit Autos und nackte Frauen zu bewundern sind. Ausserdem haben sich die vier in einem alten Strassenbahnwagen ein Quartier eingerichtet, wo sie Karten spielen, pasta bascia, eine Droge, rauchen, sich ausruhen und sich gegenseitig aus ihrem früheren Leben erzählen.

Retacito berichtet davon, wie er aus der Schule flog, weil er seine Schwester rächen wollte, die von einem Jungen verprügelt worden war. Aus dieser Racheaktion hatte sich eine grössere Schlägerei entwickelt, bei der grosse Teile des Schulmobiliars zu Bruch gegangen waren. Chollo erzählt, dass er sich alleine durchschlagen muss, weil er nicht nach Hause zurück kann. Immer, wenn er betrunken war, verprügelte sein Vater die Kinder und auch seine Frau. Eines Tages hielt es Chollo nicht mehr aus und schlug dem Vater mit einer Eisenstange ins Gesicht. Weil er gleich weglief, weiss er nicht, was aus dem Vater und der übrigen Familie geworden ist. Chollos Erzählung setzt ruhig ein, aber dann überfluten ihn diese schmerzlichen Erinnerungen und es bricht weinend aus ihm hervor: "Aber ich habe Sehnsucht nach meiner Alten ... aber ich kann nicht nach Hause zurück."

Bei einem Taschendiebstahl auf dem Jahrmarkt werden Gregorios Freunde von der Polizei verhaftet, aber er kann mit dem Geld entkommen. Seine Mutter, die weiss, dass Gregorio nicht soviel Geld verdient haben kann, wie er ihr auf den Tisch legt, weist das "schmutzige Geld" zurück.

Gregorio kann das Geld aber nicht zurückgeben und seinen Freunden gehört es seinem Rechtsempfinden nach auch nicht; deshalb gibt er es "wütend" für Essen und Trinken aus. Seine Freunde, bei denen man kein Geld gefunden hat, kommen bald zurück; sie sind nicht weniger wütend, als sie erfahren, dass er ihr Geld ausgegeben hat. Als sie in ihrer Wut dann Gregorios Mutter beleidigen, prügelt er sich mit ihnen, zieht dabei natürlich den kürzeren und bleibt alleine im Sand der Barriada zurück.

 

Kritik und Vorschläge zum Einsatz

Der Film erzählt in einem sehr ruhigen Erzählfluss das typische soziale Schicksal eines Kindes aus der Dritten Welt. Die mit der Landflucht verbundene Hoffnung auf ein besseres Leben - in der Provinz Lima leben vier Millionen Menschen und jährlich kommen über 150 000 dazu -, die Schwierigkeiten, sich in einer völlig fremden Welt zurechtzufinden, die dabei erlittenen Verletzungen und Beschädigungen. Auf der einen Seite zeigt der Film den Einfallsreichtum und Witz der Kinder, ihre Anpassungsfähigkeit an die sozialen Vorgegebenheiten und ihre schon bewundernswerte Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Und auf der anderen Seite der Preis, den sie dafür zahlen müssen, dass sie Kinder sind und doch gezwungen, wie Erwachsene zu leben ; die nicht unbedingt traurigen, aber doch sehr ernsten Gesichter, die zwar nicht von Hoffnungslosigkeit zeugen, aber doch auch keine Hoffnung erkennen lassen die unterdrückten und dann plötzlich hervorbrechenden Gefühle niemand, der den Kindern etwas wie Zukunft vermittelt. Wie auch immer dieser zwiespältigen Irritation zu begegnen ist - blosses Mitleid wäre völlig unangemessen.

Nicht nur zur Einschätzung, sondern auch für den Einsatz dieses Films ist es hilfreich, etwas von den Umständen seiner Entstehung und seiner bisherigen Wirkung in Peru zu wissen. Gregorio ist ein Spielfilm, aber er hat durchaus dokumentarischen Charakter. Zum einen dadurch, dass sich Betroffene gewissermassen selbst spielten, zum andern, weil die vier Jungen grossen Einfluss auf die Gestaltung einzelner Szenen hatten. Was die Nähe der Filmhandlung zur Wirklichkeit betrifft, äusserte sich Marino Leon de la Torre wie folgt über seine Rolle als Gregorio:

"Die Filmarbeit fand ich nicht schwer, weil ich viele Dinge machen musste, die ich genau kenne. Ich kam ja, wie der Gregorio, von einem Dorf in den Anden hierher nach Lima und weiss, wie es geht, weil ich es selber erlebt habe. Am schwierigsten war es, als ich mich von den Stadtjungen verprügeln lassen musste. Das konnte ich vor Wut fast nicht aushalten. Wenn im Film Gregorios Vater stirbt (... ), habe ich einfach an etwas Trauriges in meinem Leben gedacht, zum Beispiel an den Abschied von meinen Eltern und meinen Freunden in Churcampa. Da kamen mir sofort die Tränen."

Bemerkenswert ist an diesem Film überdies, wie gut er beim peruanischen Publikum ankommt. In knapp einem viertel Jahr haben den Film weit Über 350 000 Zuschauer in Peru gesehen ; eine Zahl, die sonst höchstens von nordamerikanischen Produktionen (z.B. "Der weisse Hai") erreicht wird. Auch Leute, die eigentlich kein Geld fürs Kino haben, gehen - so wie Gregorio dies im Film tut - ins Kino, um sich diesen Film anzusehen ; das Radio berichtete ausführlich, Zeitungen verlosten Freikarten etc.

Weil sich dieser Hintergrund mit den im Film dargestellten Problemen berührt und überschneidet, sollte, bzw. kann er auch Gegenstand der Diskussion nach dem Filmeinsatz sein. Ganz abgesehen von allen entwicklungsbezogenen Lernprozessen kann man mit Gregorio deshalb ein Stück wirklich authentischer Kultur aus einem Land der Dritten Welt kennenlernen.

Gregorio ist wegen seiner gut verstellbaren Spielhandlung zudem ein guter Film, um in entwicklungspolitische Zusammenhänge einzufahren, bzw. die soziale Realität eines sogenannten Entwicklungslandes kennenzulernen (Problembereiche: Armut/Reichtum, eigene und fremde Kultur, Landflucht und Verstädterung, Kinderarbeit, Einbruch der westl. Kultur). Dies gilt sowohl für ein Publikum von politisch wenig informierten Erwachsenen, wie auch für die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an diese Zusammenhänge. Gerade für Kinder ist es sicherlich leicht, sich mit Gregorio zu identifizieren - aus dessen Perspektive der Film ja erzählt -, und durch die Identifikation können Lernprozesse ausgelöst werden, die jenseits des Bedauerns der "armen Neger- oder Indiokinder" liegen. Mit einem Kinder-, bzw. Jugendlichen-Publikum ist es deshalb in der schulischen wie ausserschulischen Bildungsarbeit sicherlich möglich, die Filmhandlung in die Realität der Kinder zu verlängern:

  • zu diskutieren, wie das "kriminelle" Verhalten der Kinder in diesem sozialen Umfeld von den Kindern/Jugendlichen beurteilt wird
  • darüber zu reden, ob der Film Oberhaupt fertig ist, oder warum er an dieser Stelle aufhört, von Gregorio zu berichten
  • durch eigenes Erzählen oder durch Rollenspiele die mögliche oder wahrscheinliche Zukunft von Gregorio zu entwerfen
  • lässt der Schluss des Filmes Ratlosigkeit zurück oder macht er sogar Mut? Hat sich mit diesem Ende die Prophezeiung des Grossvaters erfüllt, in der Stadt nur Hunger und Elend zu finden? War das Leben auf dem Dorf bessere
  • was bedeutet das Kino für Gregorio, was für euch (die Kinder, bzw. Jugendlichen) ?

(Zum Namen der 1982 in Lima gegründeten Filmgruppe Chaski: Der Name "Chaski',' stammt von den Meldeläufern des Inkareiches, die mit dem Staffettensystem Waren und Informationen in relativ kurzer Zeit an die abgelegensten Punkte des Landes brachten.)

EZEF ARBEITSHILFE NR. 28 von Bernd Wolpert

Gregorio ist der 1. Teil einer Trilogie. Die folgenden Filme waren Juliana und Gregorio und Juliana.

 

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