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Yamina Bachir Chouikh im Gespräch mit Bernd Wolpert: "Ich habe nicht den Schlüssel, um diese Barbarei zu verstehen." (April 2004)

erschienen in: Zeitschrift Entwicklungspolitik 4/2004
 
„Ich habe nicht den Schlüssel, um diese Barbarei zu verstehen“
Yamina Bachir Chouikh (Regisseurin von "Rachida") im Gespräch mit Bernd Wolpert (EZEF) 


„Rachida“, der erste abendfüllende Film der algerischen Filmemacherin Yamina Bachir Chouikh, ist seit Januar in deutschen Kinos zu sehen. Der Film, der in den schlimmsten Jahren des Bürgerkrieges in Algier spielt, wurde von der Evangelischen Filmarbeit als „Film des Monats“ (Dezember 2003) ausgezeichnet. Zuvor hatte „Rachida“ bereits den Prix des Cinémas du Sud, Marrakesch 2002, und den Friedensfilmpreis Osnabrück 2003 erhalten. Der Film ist u.a. vom Evangelischen Entwicklungsdienst gefördert worden. Bernd Wolpert sprach mit der Regisseurin anlässlich der deutschen Premiere des Films bei den Französischen Filmtagen Tübingen-Stuttgart im November 2003 (Übersetzung: Bärbel Mauch). Wir entnehmen diesen Beitrag der Zeitschrift Entwicklungspolitik 4/2004. Weitere Informationen zur Zeitschrift: www.entwicklungspolitik.org


Zeitschrift Entwicklungspolitik:

‘Rachida’ ist Ihr Spielfilmdebüt. Zuvor haben Sie schon erfolgreich als Cutterin gearbeitet. Haben Sie sich irgendwann gesagt, ‘Ich kann und möchte auch selbst Spielfilme drehen’?

Yamina Bachir Chouikh:

Nein, ich habe mir nicht gesagt ‘Ich kann auch einen Film machen’. Es waren die Umstände, denen ich mich gegenübersah. Ich wollte auf meine persönliche Art ein Zeugnis ablegen von der Situation in meinem Land. Denn es gibt so wenige Bilder. Und die Bilder, die es bereits über dieses Drama gab, die Bilder die es im Fernsehen zu sehen gibt, ärgerten mich, ja sie machten mich richtig wütend. Ich litt mit den Opfern und empörte mich gleichzeitig über die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, mit jenen, die täglich umgebracht werden. Ich wollte von der Alltäglichkeit dessen erzählen, wie die Leute diese ständige Gewalt erfahren. Ich wollte diesen Menschen ein Gesicht geben.

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

Schon bald nach dem Attentat fragt Ihre Protagonistin Rachida ihre Mutter: ‘Warum gerade ich?’ – eine Frage, die ihr aber weder die Mutter noch irgendein anderer Mensch vernünftig beantworten könnte. Können und wollen Sie mit Ihrem Film eine Antwort geben auf diese Frage?

Yamina Bachir Chouikh:

Vor allem zu Beginn des Terrors wurde, sobald jemand umgebracht worden war, schon bald von Gründen gesprochen, die vielleicht zu dem Mord geführt hätten. Dies empfand ich fast schon als Entschuldigung für den Mörder und als Beschuldigung des Opfers. Und was die Gründe für die Gewalt angeht, so finden sich Gründe für die Gewalt, die im Film auch unterschwellig erkennbar werden. Aber ich habe nicht den ‘Schlüssel’, um diese Barbarei zu verstehen. Ich kann sie nicht verstehen und ich will sie auch nicht verstehen! Denn wenn ich versuchte, sie zu verstehen, versuchte ich damit auch schon, sie zu rechtfertigen. Aber es gibt keine Rechtfertigung dafür, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Es gibt keine Umstände, die zu beachten sind, wenn sich jemand entschließt, einen Menschen zu töten.

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

Die Position, dass die Opfer sonst selbst schuld sind, wird erkennbar, wenn Rachidas Verlobter zu argumentieren beginnt: ‘Ich hab’ Dir immer gesagt...’

Yamina Bachir Chouikh:

Ja genau, das ist Teil dieser Entschuldigungen: Man sollte dies nicht tun, man sollte das nicht tun. Man sollte nicht so ausgehen... Und was diese Angst betrifft, so wollte ich einen Film machen, der diese einfach nicht akzeptiert.

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

Die Strategie der Frauen scheint eher subversiver Art zu sein. So wie es die Lehrerin mit dem Kopftuch nicht auf einen Konflikt ankommen lassen möchte, als sie mit auf das Foto soll. Sie entscheidet, ‘Ich komme nicht mit auf dieses Foto!’ Aber sie hört dann trotzdem Musik, was ja auch ‘verboten’ ist.

Yamina Bachir Chouikh:

Für sie ist es viel wichtiger, das bislang schon Erreichte zu erhalten, vor allem, arbeiten zu können. So ist dieses Verhalten auch eine Art von Selbstverteidigung, vielleicht sogar noch mehr, eine intelligentere Art zu kämpfen. Mich stört es nicht, wenn jemand den Schleier trägt. So lange er nicht die Freiheiten der Anderen stört. Mit dieser Haltung bin ich an den Film herangegangen. Würde ich diese Frau verurteilen, so wäre ich wie die, die mich meiner Freiheiten berauben. Dann wäre ich ebenso intolerant. Stille des Todes

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

Dieser Haltung entspricht ja auch eine ästhetische Konzeption des Films: Direkt nach dem Attentat herrscht absolute Stille im Film – dies ist ja nicht realistisch, denn eine Großstadt verstummt nicht; die Menschen schreien, Autos hören nicht auf zu fahren. Im Film jedoch herrscht zunächst die totale Stille. Bedeutet dies, einen Moment wird das Leben angehalten, dann besinnen sich die Menschen wieder, packen an?

Yamina Bachir Chouikh:

Ja, so ist es. Auch für mich ist dies symbolisch. Ich habe mehrere Bombenexplosionen in belebten Vierteln miterlebt. Unmittelbar nach der Explosion herrschte jeweils kurz eine fürchterliche Stille. Eine Stille des Todes. Die Zeit ist für einen Moment angehalten. Da sind so viele Eindrücke... Diese Empfindung wollte ich im Film wiederaufleben lassen.

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

Im Film ist diese Bedrohung durch den Terror allgegenwärtig; aber in der Darstellung der direkten Gewalt beschränken Sie sich auf das absolute Minimum. Warum?

Yamina Bachir Chouikh:

Warum? Die ganze Situation war so heftig‚ auch so absurd. Hätte ich versucht, die Gewalt auch noch direkt darzustellen, dann hätten die Zuschauer von Anfang bis Ende nur geheult und mit gelitten – das würde aber nicht weiterhelfen. Ich wollte den Menschen, von denen ich erzähle, ihre Würde lassen. Und ich wollte diese Gewalt für den Zuschauer gleichzeitig spürbar machen, wollte dass er sich identifizieren kann. Man muss dazu keine getöteten Menschen sehen. Es gibt andere Methoden, um diesen Grad der Gewalt spürbar zu machen.

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

Um beim Zuschauer zu bleiben: Sie hatten mittlerweile viele Vorstellungen in Europa, wo den Menschen, anders als in Algerien, die ganzen Hintergründe nicht präsent sind. Sind Sie überrascht von der Reaktion des europäischen Publikums?

Yamina Bachir Chouikh:

Jedes Publikum ist anders, jede Person ist anders. Ich respektiere auch die Fragen – bis zu einem bestimmten Punkt. Doch jenseits dieses Punktes dürften bestimmte Fragen eigentlich nicht mehr vorkommen. Ich denke mir dann: wenn diese Person, die diese Frage stellt, nicht gekommen ist, um aus dem Film eine Antwort zu erfahren, dann kann ich diese Fragen auch nicht beantworten. Ich kann diesen Menschen die Gewalt nicht erklären. Diese Gewalt ist da. Für mich besteht deshalb keine Notwendigkeit sie zu begründen. Es ist wichtig und notwendig zu verstehen, dass gewisse Haltungen zu Gewalt führen können. Aber es ist nicht notwendig zu verstehen, was die Gewalt auslöst oder darüber nachzudenken, warum gerade diese Menschen gewalttätig sind. Sonst ist es wie bei uns, wenn man beginnt, Entschuldigungen zu finden. Wenn es aber in Europa oder Amerika passiert, stellen sich die Leute nicht dieselben Fragen. Sofort bezichtigen sie die Leute, die der Grund für diese Gewalt sind. Als die beiden Türme explodiert sind, haben sie sofort gesagt, das sind die Islamisten, das ist der islamische Terror – sofort gab es einen weltweiten Konsens darüber. Wenn es aber in einem Land wie bei uns geschieht, dann fangen die Menschen an, Fragen zu stellen, gibt es Zweifel – das ist ein Ungleichgewicht auf der Ebene der Akzeptanz. Der Gewalt, die in einem Land stattfindet, einen Namen zu geben und sicher zu sein, während für die gleiche Gewalt in einem anderen Land versucht wird, Erklärungen und Entschuldigungen zu finden.

Zeitschrift Entwicklungspolitik:

„Rachida“ ist seit langer Zeit der erste algerische Spielfilm, der das Thema des Terrors direkt angeht. Welche Erwartungen haben Sie, wenn der Film jetzt in einigen Kinos in Algier gezeigt wird? Was kann der Film in der algerischen Öffentlichkeit bewirken?

Yamina Bachir Chouikh:

Als ich begonnen habe das Drehbuch zu schreiben, war es mir am wichtigsten, die Dinge so zu erzählen, wie sie mir begegnet sind. Denn ich fand, dass die Menschen nicht wirklich verstanden was geschah – aus den Gründen, wie ich sie bereits genannt habe. Jetzt, mit dem Blick zurück hat sich mein Blick etwas verändert. Die Gewalt ist weniger geworden. Sie existiert zwar weiterhin, aber nicht mehr in dieser Intensität als zu jener Zeit, als ich das Drehbuch schrieb. Aber auch jetzt sehe ich keinerlei Lösungen für diese Probleme. Vielleicht ist es nur dies, dass man diese Bilder wie einen Spiegel sieht. Vielleicht kann dies die Menschen zum Nachdenken bringen und sie erkennen in welchem Schlamassel wir stecken. Denn für mich ist es ein Schlamassel, ein Misserfolg wie die Verantwortlichen das Land verwalten und regieren. Meine einzige Absicht war es deshalb, eine Geschichte aufrichtig und glaubwürdig zu erzählen... Aber ich weiß auch nicht, wie die Dinge zu ändern sind.

Bernd Wolpert leitet das Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF) in Stuttgart.





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Artikel zuletzt geändert am: Donnerstag, 24. April 2008 16:38

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