EZEF-Arbeitshilfe
Hass und Hoffnung
Nr. 166
HASS UND HOFFNUNG - KINDER IM NAHOSTKONFLIKT (Promises) Justine Shapiro und B. Z. Goldberg, USA/Israel 2001 90 Min., Farbe, Dokumentarfilm, Video VHS Arabisch, Hebräisch, Englisch – UT und Kommentar in deutscher Sprache Verleih: EMZ 2-19
Kurzinhalt Sieben Kinder aus Jerusalem und dem angrenzenden Westjordanland reden von 1997 bis Sommer 2000 über „Gott und die Welt", über Juden und Araber, über ihren Alltag. Der Originaltitel "Promises" (Die Versprechen) steht für das gelobte Land (promised land) und den daraus folgenden Konflikt, der den ganzen Film durchzieht - Wem gehört das Land? Es steht auch für ernsthafte Versprechen, die der abschließende Blick in eine Neugeborenenstation symbolisiert und für das Anliegen von "Promises Film Project": Friedenserziehung. (Die vorliegende Fassung ist gegenüber der Originalfassung um ca. 20 Minuten gekürzt. Sie enthält einen deutsch gesprochenen Kommentar, belässt aber die Gespräche mit den Kindern in der englischen, hebräischen und arabischen Originalversion; diese sind deutsch untertitelt.)
Inhalt Der Film behandelt die Geschichte und die Auswirkungen des Nahost-Konflikts am Beispiel von sieben Heranwachsenden, die in und um Jerusalem herum leben. Angesichts der Vielschichtigkeit der israelischen wie auch der palästinensischen Bevölkerung war keine repräsentative Auswahl möglich. Doch die Portraits der vier israelischen und drei palästinensischen Kinder geben einen guten Einblick in das schwierige „Erbe“ des Nahost-Konflikts, das nach Drehende zum Krieg eskalierte.
Kurzportraits der 7 Kinder Die israelischen Zwillinge, Daniel und Yarko, leben in Jerusalem in einem eher intellektuellen Milieu, spielen leidenschaftlich gerne Volleyball, haben Angst vor Omnibus-Attentaten aber auch vor den Orthodoxen. Mit dem Filmemacher B.Z. Goldberg gehen sie zum ersten Mal an die Klagemauer und in das palästinensische Flüchtlingsdorf Deheische. Im Abschluss-Statement geben sie zu, dass ihnen die Kontakte in die Palästinensergebiete zu anstrengend sind. Sie möchten jetzt leben und bekennen sich zu diesem Egoismus. Der frühreif wirkende Rabbinersohn Shlomo verbringt einen 12-Stunden-Tag mit religiösen Studien. Ein fast befreiender Kontrapunkt zu seiner sprachlichen Virtuosität: als er mit B.Z. Goldberg einen palästinensischen Jungen trifft, äußert er sich nach langem Zögern auch mal „non-verbal“ und rülpst "im Dialog" mit. Ansonsten steht er den Palästinensern fern.
Das Siedlerkind Moishe aus Beit El im Westjordanland wohnt hinter einem schützendem Drahtzaun, bewacht von der israelischen Armee. Er ist fromm, trägt eine Kippa und vertritt den Anspruch auf das Palästinensergebiet. Die Belegstelle sucht er in der Tora und findet sie: das Land wurde Abraham und seinen Nachkommen verheißen. Seine Definition von Siedlung: "ein Ort, an dem Menschen leben, die gegen Araber kämpfen“. Er möchte ein Militärführer werden. Kontakte zu Palästinensern sollen Ältere halten.
Von den Palästinenserkindern lebt Mahmoud in Ostjerusalem, geht dort zur Schule und zur al Aksa Moschee zum Beten, er hilft im Kaffeegeschäft seines Vaters und trinkt heimlich Kaffee. Juden sind sein Feindbild – sie seien hinterhältig. Er lernt in der Ostjerusalemer Jungenschule, dass Jerusalem "dem palästinensischen Volk" gehört.
Faraj und das Mädchen Sanabel sind im Flüchtlingslager Deheische zu Hause. Beide sind bewußte Palästinenser. Faraj erzählt von einem kindlichen „Märtyrer“ und verteidigt das Steine werfen. Als ihm klar wird, dass B.Z. Goldberg nach dem Dreh nicht mehr kommen wird, schluchzt er hemmungslos. Seine Großeltern wurden 1948 aus ihrem Dorf in Israel vertrieben. In B.Z. Goldbergs Auto überquert Faraj mit der Großmutter die Grenze. Sie betet an den Ruinen ihres früheren Besitzes und gibt Faraj die Schlüssel. Er sieht keine planbare Zukunft für Palästinenser. Sanabel, das einzige Mädchen, ist westlich gekleidet und trägt kein Kopftuch. Sie ist Mitglied einer Tanzgruppe. Sanabels Vater wurde ohne Gerichtsverfahren in Israel inhaftiert. Beim Erzählen bricht sie in Tränen aus. Die Besuche im Gefängnis sind ein zeitraubendes und demütigendes Unternehmen. Ein Zusammentreffen der Zwillinge aus Jerusalem mit den beiden palästinensischen Kindern aus dem Flüchtlingslager, das der Filmemacher B.Z. Goldberg vorbereitet. verändert ihre Sicht auf „die“ Juden ebenso wie die der Zwillinge auf „die“ Palästinenser.
Die Entstehungszeit des Films lag zwischen der 1. (1987-91) und der 2. Intifada. Letztere heißt al Aksa Intifada, da sie in der Folge eines sogenannten „Spaziergangs“ von Ariel Scharon auf dem Tempelberg (28.9.2000) ausbrach. Der Film zeigt viele Schikanen des israelischen Militärs quasi beiläufig-beispielhaft. Dennoch war es seinerzeit möglich, im Westjordanland zu drehen, Szenen und Schauplätze in einem Flüchtlingslager festzuhalten und die Botschaft rüber zu bringen, dass die Situation in den Palästinensergebieten mehr und mehr unhaltbar wird - trotz der wehmütig stimmenden Schlussbilder, die den gemeinsamen Lebensbeginn einer neuen Generation zeigen. Der Film macht, oft in kleinen unkommentierten Einstellungen, sichtbar, wie sich die großen Probleme des Nebeneinanderherlebens von Israelis und Palästinensern am Ende der 90er Jahre durch die Allgegenwart des israelischen Militärs verschärfen.
Die jeweilige "Wahrheit", der ihre Umgebung anhängt, spiegelt sich in den Äußerungen der sieben heranwachsenden Gesprächspartner: in dem eher hilflosen Wegschauen und Abwarten der Zwillinge, in den hervorragend formulierten Sentenzen des religiös gebildeten Shlomo, in den Schlagworten und Kampfparolen des Siedlerkindes Moishe wie des Ost-jerusalemer Muslims Mahmoud und in der Verbitterung von Faraj und Sanabel aus dem Flüchtlingslager Deheische. Sie alle brauchen ernsthafte "Versprechen", keine leeren Versprechungen. Der Reifen, der am Anfang und gegen Ende des Films einen Hang heruntergerollt - wird er alles in Brand setzen?
Kritik und Vorschläge zum Einsatz des Filmes Im Gefolge der Quotenjagd tauchen Israel und vor allem Palästina im Fernsehen fast nur noch als Schauplatz von - meist blutigen - Konfliktsituationen auf. Auch an den Protagonisten hat sich seit Jahren kaum etwas geändert: Steine werfende junge Palästinenser und gut gerüstete, schießende oder zum Schießen bereite israelische Soldaten. Dem setzt der Film ruhige und trotzdem spannende Bild-Geschichten entgegen, die nur deshalb unpolitisch scheinen, weil Kinder die "Helden" sind. Jedes Portrait ist darüber hinaus mit Personen und Situationen verknüpft, die meist auf schmerzhafte Ereignisse und Entwicklungen verweisen. Diese historische Einbindung bereichert die gegenwarts- und zukunftsbezogenen Elemente des Films. Die Karteneinblendungen sind hilfreich aber kurz. Es empfiehlt sich, Stehbildschaltung und ein auswertendes Gespräch.
Erschließungsfragen können auf folgende Themen ansprechen: · läßt sich besser verstehen, um was es beim „Nachrichtenthema“ Nahost-Konflikt eigentlich geht, z.B. um die Bedürfnisse von Juden und Palästinensern nach einem jeweils eigenen Staat in einer historisch wichtigen Region und um die Durchsetzung dieses Ziels "mit allen Mitteln"; · werden der israelische Herrschaftsanspruch und die Unterdrückungsmaßnahmen sichtbar, z.B. an den check-points; vor dem Gefängnis, in dem offenbar nur Araber untergebracht sind, aber kein Dolmetscher da ist; die Warnung an die israelischen Besucher, in Deheische nicht hebräisch zu sprechen; · welche der im Film vertretenen Positionen überzeugt am meisten? Welche am wenigsten? Warum? · was müsste man noch alles wissen, um das Nahostproblem und seine historischen Ursachen "wirklich" zu verstehen; · wie mag in den Elternhäusern und jeweiligen Bildungseinrichtungen über "die" Juden oder "die" Araber gesprochen werden, wie spricht man bei uns darüber und wie stark wird unsere eigene „Meinung" von anderen beeinflusst; · woran scheiterten bisher die Friedensverhandlungen, z.B. an national-religiösen und machtpolitischen Gründen, die der Film sichtbar macht; · was könnte eine Friedensinitiative ausrichten, die auch die Kinder und Jugendlichen einbezieht; z. B. könnten in der Klasse/Lerngruppe zwei Gruppen gebildet werden, eine „israelische“ und eine „palästinensische “Verhandlungsdelegation“ die Vorschläge für eine Überwindung des Konfliktes (aus der Sicht von Jugendlichen) ausarbeiten sollen (z.B. einen 5-Punkte Plan)
Die Wirkung des Films ist zu Beginn eines Programms bzw. einer Lern- oder Studieneinheit am größten. Sie öffnet verschiedene Wege für die weitere Arbeit, wie z.B. wiederholte Vorführungen eindrucksvoller oder nicht verstandener Stellen, oder das Herausarbeiten der einzelnen Protagonisten und ihrer oft widersprüchlichen Aussagen.
Lernziele Einblick gewinnen in Lebensweisen und Befindlichkeiten von Kindern und Jugendlichen, die mit alltäglichen Bedrohungen und staatsbürgerlicher Ungleichheit leben müssen; Erkennen und Benennen religiöser Elemente bei der Begründung von Gebietsansprüchen; die Rolle von Kindern im Friedensprozess diskutieren; die Langzeitwirkung von gewalttätigen Auseinander-setzungen auf Kinder und Jugendliche erkennen
Zielgruppen Allgemeinbildende Schulen (Klassenstufen 9-13), Konfirmanden, Gemeinde und Erwachsenenbildung
Preise und Auszeichnungen Oscar-Nominierung 2002 und zahlreiche Preise bei internationalen Filmfestivals. Publikums-preise erhielt der Film bei: Rotterdam International Film Festival, San Francisco International Film Festival; Locarno International Film Festival; Vancouver International Film Festival; Sao Paulo International Film Festival; Valladolid International Film Festival Freedom of Expression Award - International Film Festival München
Literaturhinweise Nahostlexikon, der israelisch-palästinensische Konflikt von A-Z, Hrsg: Gernot Rotter und Schirin Fathi, Palmyra Verlag Frieden in Nahost? Essays über Israel und Palästina, Edward W. Said Gudrun Krämer, Geschichte Palästinas, Becksche Reihe 2002 Friedrich Schreiber / Michael Wolffsohn, Nahost – Geschichte und Struktur des Konflikts; Leske und Budrich, Opladen, 1987 Noam Chomsky, Offene Wunde Nahost. Israel, die Palästinenser und die US-Politik; Europa-Verlag, Hamburg, 2002 Die Palästinenser und Israel, epd-Dokumentation Nr. 48, Frankfurt 2001 (mit zahlreichen Internet-Adressen von Organisationen in Israel und Palästina)
Medienhinweise BRIEFE AN ERWACHSENE, Alice Schmid, Schweiz 1994, 53 Min., f., Dokudrama, Video Verleih: EZEF, EMZ 1-8, 10-19 FINSTERE ZEITEN, Gur Heller, Israel 1986, 32 Min., f., Kurzspielfilm, 16mm Verleih: EZEF, EMZ 2-13, 15 BASHU, Bahram Beyzaie, Iran 1989, 120 Min., f., Spielfilm, OmU Verleih: EZEF, EMZ 6, 12
Offizielle Internetadresse der Produzenten von Promises: www.promisesproject.org
Christl Grunwald-Merz Mai 2002
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