Filme zu LUMUMBA von Raoul Peck
Südzeit 3/2001
Filme zu LUMUMBA von Raoul Peck
„Das Schicksal Patrice Lumumbas weht als Echo noch immer wie eine Prophezeiung durch die Gegenwart.“ R. Peck „Regierungauftrag Mord – Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise“ heißt das gerade auf deutsch erschienene Buch des belgischen Journalisten Ludo de Witte, dessen Recherchen und Veröffentlichungen maßgeblich dazu beigetragen hatten, daß in Belgien ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß eingesetzt wurde, der die Verwicklungen der belgischen Regierung bei der Entführung und Ermordung Patrice Lumumbas klären soll. Patrice Lumumba, erster - und bis heute einziger - demokratisch gewählter Premierminister des unabhängigen Kongos, wurde am 17. Januar 1961 hingerichtet. Dieser politische Mord markiert den Auftakt zum Kalten Krieg in Afrika. Patrice Lumumba ist durch die mit seiner Person verknüpften Hoffnungen und Erwartungen zu einer legendären, ja fast mythischen Figur geworden, die den Aufbruch Afrikas in die politische Unabhängigkeit stellvertretend widerspiegelt. Während dieser dramatischen Ereignisse ist der in Port-au-Prince, Haiti, geborene Raoul Peck gerade einmal acht Jahre alt. Weil sein Vater eine Stelle als Experte für Belgisch-Kongo angenommen hatte, war die Familie für einige Jahre nach Kinshasa (damals Léopoldville) gezogen. So hatte Raoul Peck die damaligen politischen Ereignisse um die Unabhängigkeit als Kind erlebt. Zu jung, um all das zu verstehen, was er teils aus großer Nähe mitbekommen hatte, bewegte es ihn doch stark und prägte ihn nachhaltig. Nach seinem in Berlin absolvierten Filmstudium dreht er zunächst einen Spielfilm, der sich mit Haiti beschäftigt, um sich dann mit seinem nächsten Film mit den Ereignissen jener Zeit im Kongo zu befassen. 1991 kann er seinen dokumentarischen Filmessay „Lumumba – Tod des Propheten“ fertigstellen. Mit und in diesem Film folgt Raoul Peck der Fährte seiner persönlichen Erinnerungen aus Kindheit und früher Jugend. Und weil Mobutu zur Entstehungszeit dieses Filmes Ende der 80er Jahre das Land noch fest im Griff hatte, war es für Peck unmöglich, direkt an den ehemaligen Schauplätzen der Ereignisse zu drehen. Doch aus dieser vermeintlichen Not, keine neuen und aktuellen Bilder drehen zu können, macht er eine Tugend, indem er historisches Bild- und Filmmaterial so mit privaten Aufnahmen montiert, kombiniert und durch einen betont subjektiven Kommentar mit einer weiteren Bedeutungsebene auflädt, daß die Vergegenwärtigung der Vergangenheit zu einem Schlüssel für das Verständnis der Gegenwart wird. Subjektive Erinnerungen werden eng mit dem objektiven Gang der Dinge verwoben, und so entsteht ein dichtes Geflecht sich gegenseitig erhellender Bezüge und wechselseitiger Verweise. Schon in diesem Film interviewt Raoul Peck einen belgischen Weggefährten Lumumbas und auch einige staatliche Funktionsträger Belgiens, die in die Ermordung Lumumbas involviert waren. Ausschnitte und Zitate aus der damaligen Berichterstattung – besonders unrühmlich dabei: Peter Scholl-Latour – beleuchten den offenen Rassismus, mit der die von außen gesteuerten Ereignisse zu inner-afrikanischen Streitereien umgedeutet werden. Knapp zehn Jahre später gelingt Raoul Peck dann die Realisierung seines schon lange geträumten Traums: einen Spielfilm zu realisieren, in dessen Mittelpunkt die Figur von Patrice Lumumba steht. Dieser Film sollte sowohl historisch genau sein, aber zugleich die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart beleuchten. Dieser im letzten Jahr beim Internationalen Filmfestival von Cannes uraufgeführte Spielfilm kann geradezu als Schlüssel dienen, um die politischen Wirren im heutigen Kongo und ehemaligen Zaire zu verstehen, weil er sowohl die wirtschaftlichen Interessen, wie die historischen Hintergründe aufzeigt, die den noch immer andauernden Krieg im Gebiet der Großen Seen am laufen halten. Vom einfachen Postangestellten steigt er innerhalb kürzester Zeit zum Premier auf – noch dazu zum ersten Premierminister seines Landes: Patrice Lumumba führt den Kongo, ein Land von der Größe Westeuropas, in die Unabhängigkeit. Von der belgischen Kolonialmacht wird das Land nur deshalb aufgegeben, weil er Ende der 50er Jahre politisch nicht mehr als Kolonie zu halten ist. Nach einer Eröffnungssequenz, die an die Schrecken der belgischen Kolonialzeit erinnert, beginnt der Film mit einer mysteriösen Szene, bei der zwei belgische Soldaten, die Leichen von Lumumba und seiner mit ihm hingerichteten Gefährten ausgraben, um sie zu zerstückeln, zu verbrennen und die Überreste in Säure aufzulösen. Es sollen alle Spuren getilgt werden, die an ihn erinnern könnten. Aber “selbst tot, werde ich ihnen noch Angst machen”, raunt die Stimme des Toten aus dem Off und gibt so das Leitmotiv vor, dem der Film dann folgen wird. Den Körper des toten Lumumba können sie beseitigen, nicht aber seine Ideen und das politische Ziel einer wahrhaften Unabhängigkeit, für das er bis zuletzt gekämpft hat. Im weiteren Verlauf hält sich der Film dann an die Chronologie der Ereignisse: eine belgische Brauerei setzt auf das rhetorische Geschick des etwa dreißigjährigen Lumumba für eine Werbekampagne für ihr Polar Beer und dieser nutzt diese Gelegenheit durch das Land zu reisen vor allem für sein eigentliches Anliegen, Propaganda für eine ganze andere Sache zu betreiben – für die Befreiungsbewegung des Mouvement Nationale Congolaise (MNC). Als deren Präsident wird er mehrfach inhaftiert, vertritt die Bewegung dann aber bei den offiziellen Gesprächen in Belgien, bei der die Bedingungen für die Entlassung des Landes in die politische Unabhängigkeit ausgehandelt werden sollen. Seine Partei gewinnt die ersten Wahlen; er wird Premier, düpiert den belgischen König mit einer kämpferischen Rede bei der offiziellen Feier zur Unabhängigkeit des Landes und sieht sich schon bald schier unüberwindbaren Problemen gegenüber. Meuternde Soldaten weigern sich, länger dem Kommando ihrer noch immer belgischen Offiziere zu gehorchen und die rohstoffreiche im Südosten gelegene Provinz Katanga droht mit der Sezession. Lumumba möchte unter allen Umständen die Einheit des Landes erhalten, aber die USA, Belgien und die anderen westlichen Mächte haben anderes im Sinn. Lumumba steht diesen Zielen im Wege und deshalb soll er beseitigt werden. Dabei weiß sich der Westen des ehrgeizigen jungen Mobutu zu bedienen, einem einstigen Weggefährten Lumumbas, der nun gegen ihn putschen wird und seine Hinrichtung durch ein Erschießungskommando einfädeln wird. Damit beginnen die dunklen Jahrzehnte der Diktatur von Mobutu Sese Seko, der die Demokratie als den Tod Afrikas beschwören wird.
Lumumba (Spielfilm) / Regie: Raoul Peck Frankreich, Belgien, Haiti, Deutschland 2000 35 mm und VHS, Farbe, 112 Minuten., OmU
„Lumumba - Tod des Propheten“ (Dokumentarfilm) Regie: Raoul Peck Deutschland, Schweiz 1991 16 mm und VHS, Farbe, 68 Minuten., OmU
Auszuleihen sind die beiden Filme beim EZEF. Der Spielfilm „Lumumba“ ist derzeit nur im Kinoformat 35mm verfügbar – vor Ort Kooperation mit dem Programmkino vereinbaren! Voraussichtlich ab Mai 2002 wird es den Film auch in einer VHS-Version beim EZEF geben. Der Dokumentafilm 1991 „Lumumba - Tod des Propheten“ ist auszuleihen über die Evangelische Medienzentrale Württemberg, Stuttgart, Tel. 0711-222 76 - 67 (bis 70), Fax: 222 76-65.
Material bzw. Arbeitshilfen zu den Filmen können kostenlos bei EZEF bezogen werden.
Das Buch von Ludo de Witte „Regierungauftrag Mord – Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise“ ist im Forum Verlag Leipzig erschienen, ISBN 3-931801-09-08 und kostet 37€
Bernd Wolpert / November 2001
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