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Diese Hände

Nr. 101

(These Hands)
Flora M'Mbugu-Schelling, Tansania 1992
45 Min., Farbe, Dokumentarfilm, O.m.U.


Inhalt:

Der Film schildert das Tagewerk einer Frauenkooperative in einem Steinbruch in Tansania. Frauen, die zum Teil aus ihrer Heimat flüchten mußten und in Tansania im Exil leben, zerkleinern gemeinsam Steine. Eigentlich eine harte, monotone Arbeit, doch die Kraft, Geduld, Hingabe und Fröhlichkeit, die die Frauen für das gemeinsame Werk aufbringen, wird zum Symbol für die Stärke und das Durchhaltevermögen von Frauen sowie für die immer noch unterbewertete Frauenarbeit überhaupt. Von den Frauen und ihrem Weltbild erfährt die BetrachterIn wenig - die Lieder, die die Frauen bei der Arbeit singen, drücken jedoch viel von ihrer Geschichte und ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund aus.
In den ruhigen, klaren und meditativen Bildern, die ohne jeglichen Kommentar auskommen, wird die Stärke der Frauen geradezu spürbar.


Hintergrund:

Der Film liefert keine Erklärungen. Erst gegen Ende des Films folgen als Rolltext einige Hinweise, die hier wörtlich wiedergegeben sind:
"Die Frauen sind selbständig. Sie arbeiten in Gruppen und allein. Sie hauen die Steine in Handarbeit. Manche sind im Staub erstickt. Der Kies wird zur Herstellung von Beton für städtebauliche Projekte gebraucht. Sie brechen die Steine und türmen den Kies zu verschieden großen Haufen auf, wie es die Bauindustrie benötigt. Eine Frau braucht eine Woche für einen Haufen. Jeder Haufen bringt ihnen ein Einkommen, das 12 US-Dollar entspricht. Sie haben keine geregelte Arbeitszeit. Sie arbeiten, wie es ihre Kraft ihnen erlaubt, stillende Mütter, Großmütter... Sie alle arbeiten zu den gleichen Bedingungen. Die meisten sind Alleiner­ziehende, die mehrere Kinder zu ernähren haben. Einige sind Flüchtlinge aus Moçambique, die vor langer Zeit nach Tansania geflohen sind."
Die Autorin erklärt in einem Gespräch mit der FrauenFilm­Initiative Wien, weshalb ihr Film auf Informationen verzichtet:
"Ich wollte einen ästhetischen Film machen. Für mich ist dieser Steinbruch ein sehr schöner Ort; es ist das Leben und das Mysterium, das Unerklärliche. Ich belästige die Menschen nicht, die ich filme. Ich bin dort und lasse sie ihre Arbeit erledigen, so wie sie es gewohnt sind. Ich will nicht störend eingreifen. Das ist auch der Grund, weshalb ich mit einer kleinen Crew von drei Leuten arbeitete. Die Dreharbeiten dauerten vier Tage. (...)
Ich wollte einen Tag oder ein Leben in diesem Steinbruch erzählen. Es wäre am einfachsten gewesen, zu sagen, in diesem Stein­bruch ersticken Leute unter der Erde. Aber wie erzähle, spiele ich diese Tatsache? Drei Tage bevor ich mit den Dreharbeiten begann, wurde eine Frau zugeschüttet und starb. Es war sehr trau­rig, und es war, als wenn wir drei Tage später das richtige Leben nachgespielt hätten. Ich wollte nicht nur in einem Kommentarteil am Ende des Films hinzufügen: Frauen werden zugeschüttet. (...)
Ich verliere nicht gerne viele Worte. In diesem Film ist die Sprache nicht nötig. Was soll ich in einem Kommentar sagen? Daß die Frauen viel arbeiten, daß sie arm sind ? Gewisse Dinge kann man nicht mit Worten ausdrücken. Ich will, daß die ZuschauerInnen sich auf ihre Gefühle, ihre Empfindungen verlassen. Und die Frauen haben mir nichts zu erzählen über ihr Leben. Es ist ihr Leben.
Ich zeige den Kampf, den die Frauen gegen die Maschinen führen. Der Unfall geschieht in einem Moment, in dem die Maschinen die Macht übernommen haben. Nach dem großen Regen müssen die Maschinen anhalten: überall haben sich Tümpel gebildet, der Boden ist ganz naß und zu schwer für die Maschinen - die Frauen aber können weiterarbeiten. Es ist eine Arbeit, die jeder Frau frei steht, sie kann einfach hingehen, sich setzen, mit der Arbeit beginnen. Anschließend verkaufen sie die Steine. Es sieht aus wie Sklaverei, es ist aber eine gewählte Arbeit."


Anregungen zur Diskussion und Kritik:

Viele fühlen sich nach der Vorführung dieses Filmes hilflos. Diese Hilflosigkeit, die weniger mit dem Gezeigten, als vielmehr mit uns westeuropäischen BetrachterInnen selbst zu tun hat, bildet einen guten Einstieg in die Diskussion. Der Film muß bis zu einem gewissen Grad erlitten werden. Es ist anstrengend, 45 Minuten lang dieser monotonen Arbeit zusehen zu müssen. Und gerade durch diese Konfrontation setzt er etwas in Gang. Was ging in unseren Köpfen vor sich beim Betrachten der immergleichen, zermürbenden, anstrengenden Arbeit der Frauen? Welche Gedanken, welche Fragen drängten sich uns auf?
Ein zentraler Punkt ist die Frage nach dem Wert von Arbeit. Angesichts der Maschinen (die übrigens ausschließlich durch Männer bedient werden) wird die Sinnlosigkeit dieser Arbeit offensicht­lich. Zumindest für westliche BetrachterInnen. In Wirklichkeit aber ermöglicht diese Arbeit den Frauen ein Einkommen, und das bedeutet für sie Überleben, so bescheiden dies in unseren Augen auch sein mag. Zudem stärkt diese Arbeit ihr Selbstbewußtsein, was der Film deutlich vermittelt. Die Frauen können durch sie sich selbst und ihre Kinder erhalten und ernähren.
Solche "sinnlosen" Arbeiten wurden und werden bei uns wegrationalisiert, die Menschen werden zu sogenannten Arbeitslosen, zu Hilfsempfängern. Untersuchungen bestätigen, daß eine der größten Belastungen von Langzeitarbeitslosen die gesellschaftliche Nutzlosigkeit in einer auf Lohnarbeit fixierten Gesellschaft ist. Dies ist das Spannungsfeld, das weiter ausgeleuchtet werden sollte: Sind wir zum Beispiel bereit, für unsere Überlebenssicherung jegliche Arbeit zu verrichten?
Natürlich kann es nicht das Ziel sein, bei uns "sinnlose" und monotone Arbeit wieder einzuführen. Es besteht aber gleichzeitig die Gefahr, daß durch die elektronische Revolution immer mehr Arbeitsplätze zerstört werden, die nicht mehr ersetzt werden können. In welcher Gesellschaft möchten wir künftig leben? Was bedeutet es, nicht mehr auf eine gesicherte Rente zählen zu können? Was bedeutet es, ein Leben lang nicht in den Arbeitsprozess eingegliedert zu werden? Ausgehend von solchen Fragen, kann man sich über Arbeitsperspektiven und die Neudefinition von Arbeit Gedanken zu machen.
Der Film bestätigt einerseits unsere bestehenden Vorurteile vom unterentwickelten, "primitiven" Süden, wo der Mensch und seine Arbeit wenig zählt. Wenn wir uns aber auf den Film einlassen, spüren wir auch eine andere Botschaft: Die Frauen sind nicht einfach Opfer einer ungerechten Gesellschaft (obwohl sie indirekt Opfer ungerechter Nord/Süd-Strukturen sind); ihre Arbeit enthält Aspekte des Selbstgewählten, der Selbsthilfe, der Gemeinsamkeit. Bieten uns dies unsere Arbeitsplätze? Hat unsere individuali­stische, alle Konsumwünsche befriedigende Gesellschaft gerade diesbezüglich nicht viele Werte - zum Beispiel die Kraft der Solidarität - preisgegeben?
An dieser Stelle ließe sich die Frage stellen, ob die Hilflosigkeit beim Betrachten nicht auch mit solchen Gedanken zu tun hat:  Darf es sein, daß unsere Arbeit und Arbeitslosigkeit auch men­schenunwürdig ist? Darf es sein, daß Frauen in Tansania (und anderswo) solch unwürdige Arbeit leisten?
Gegen Ende des Films liefert die Autorin ein paar wenige Erklärungen. Warum hat sie diese erst so spät eingebaut? Hätten wir - rationalen - EuropäerInnen den Film vor dem Hintergrund dieser Informationen besser "verstanden"? Was haben uns die Erklärungen am Schluß gegeben? Haben sie einen neuen Denkprozess ausgelöst oder eine im Film aufgebaute Spannung gelöst? Die Autorin sagt selbst: "Ich will, daß die ZuschauerInnen sich auf ihre Gefühle, ihre Empfindungen verlassen."
Natürlich ist es ein Mangel des Films, daß zum Beispiel die Arbeitsabläufe, die Bezahlung, der Zusammenhang zur motorisierten Männerarbeit oder die Organisation unter den Frauen schwer verständlich bleiben, nicht zuletzt wegen der manchmal verwirrenden Schnittechnik. Die ziemlich gestellt wirkende Schlüsselszene der Trauer um die tödlich verunglückte Frau ist ohne zusätzlichen Informationen rätselhaft. Gleichzeitig fragt es sich, ob solche Informationen, die sich westliche BetrachterInnen wünschen, mehr zum Verständnis beitragen würden. Handelt es sich nicht einfach um ein intellektuelles Bedürfnis nach rationellen Erklärungen von etwas Unerklärlichem?
Einen Anspruch hat die Autorin aber nicht eingelöst, wenn sie behauptet, der Film erzähle nur die Geschichte des Lebens von Frauen. Denn die Autorin zeigt uns nur ein paar Ausschnitte aus dem Leben dieser Frauen. Ich bin durchaus überzeugt, daß sie vieles mehr hätten erzählen können über deren Wünsche und Hoffnungen. Dies können auch die Lieder nicht ersetzen. Dem Film gelingt es, uns diese "wahnsinnige" Arbeit von Frauen in Tansania näher zu bringen, aber kaum die Frauen selbst.


Medienhinweise:

As Women See It 5 Teile, jeweils 30 Min., Farbe, Dokumentarfilm

Brot und Würde, Nicaragua 1981

Die Frauen von El Planeta, Peru 1981

Selbe eine von Vielen, Senegal 1981

Sudesha, Indien 1983

Träume in Reichweite, Ägypten 1981

Verleih: EZEF, und versch. EMZ

Erntezeit
Safi Faye, Senegal 1979
30 Min., Farbe
Dokumentarfilm
Verleih: EZEF, EMZ 12

Der zerschossene Traum von Marracuene
Licinio Azevedo, Moçambique 1991
42 Min., Farbe Dokumentarfilm (portug. m. dt. Untertiteln)
Verleih: alle EMZ

 

Daniel Gassmann                                                   September 1994



Artikel zuletzt geändert am: Freitag, 11. August 2006 08:54


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