EZEF-Arbeitshilfe
Brief aus Kolumbien
NR. 102
(Carta de Columbia) Mario Burbano, BRD 1993, 22 Min., Farbe, Dokumentarfilm, OmU
Inhalt:
Carlina G. ist beim Versuch, in ihrem Körper Kokain nach Deutschland einzuschmuggeln, verhaftet worden. Sie verbüßt eine Haftstrafe im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim, nach 22 Monaten wird sie in ihre Heimat Kolumbien abgeschoben. Carlina G. erzählt im Film ihre Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte einer Frau, die immer arm war. Hohe Schulden und der Wunsch, ihrer jüngsten Tochter ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, waren ihre Gründe sich als „mula“ (Maultier), wie die weiblichen Drogenkuriere genannt werden, anheuern zu lassen. Im Gefängnis gilt ihre größte Sorge der Familie daheim; sie hat sieben Kinder, um die ihre Gedanken kreisen und von denen sie erzählt. Den titelgebenden „Brief aus Kolumbien“ schreibt die jüngste Tochter, die darin ihrer Mutter von ihrem Alltag, ihrer Reue, sie in eine solche Situation gebracht zu haben und ihrer Diskriminierung als Kind einer Inhaftierten berichtet. Der Film versucht, Gefängnisatmosphäre sichtbar zu machen - die kleine Zelle, lange Flure, vergitterte Fenster und immer wieder Schlösser und eingeschlossen werden. Er zeigt Carlina G. bei der Arbeit, in ihrer Freizeit mit anderen Lateinamerikanerinnen, in ihrer Zelle und ganz zuletzt bei der Abschiebung. Für ihre Arbeit werden ihr DM 340,- ausbezahlt, ein junger Polizist, der ihr Sohn sein könnte, bringt sie zum Flugzeug. „Ich habe Angst, daß die Kinder sich verändert haben. Früher habe ich immer alles organisiert und geordnet. Jetzt wird sicher vieles anders... Wenn ich zurückkomme, werde ich weiterarbeiten, um meine Schulden zu bezahlen. Und abwarten, was mir das Schicksal beschert. Was kann man sonst tun?“
Zum Film:
Mario Burbanos Dokumentarfilm zeigt nur einen Lebensabschnitt von Carlina G., nämlich eine kurze Zeitspanne ihrer Haftzeit. Vergangenheit und Zukunft werden von der Protagonistin erzählt, die stellvertretend für andere Lateinamerikanerinnen steht. Sie kommt in langen Einstellungen zu Wort, dazwischen wird aus dem Off der Brief ihrer Tochter vorgelesen, beide Ebenen sind in Beziehung zueinander gesetzt. Die distanzierte Freundlichkeit der Justizbeamtinnen wirkt wie ein (beabsichtigtes) Kontrastprogramm zur Art und Weise, wie die inhaftierten Lateinamerikanerinnen miteinander umgehen. Mario Burbano enthält sich jeglichen Kommentars; daß Carlina G.s Aussagen nicht synchronisiert, sondern lediglich untertitelt sind, erhöht die Authentizität des Films.
Zum Einsatz des Films:
Der Film war ursprünglich Teil eines umfangreicheren Projektes, das aus finanziellen Gründen aufgegeben werden mußte; es bedarf deshalb einer gründlichen Vor- und Nacharbeit. Er kann im Zusammenhang mit dem Thema Drogen gezeigt werden; die inhaftierten Frauen sind Täterinnen und Opfer zugleich, deren „Delikt“ darin besteht, die eigene Familie um jeden Preis retten zu wollen. Die eigentlichen Täter, die großen Drogenbosse, werden nicht gefaßt. Zudem besteht der begründete Verdacht, daß „mulas“ als leicht zu erkennende Amateurinnen von großen Transporten ablenken sollen. Eine weitere Einsatzmöglichkeit bietet der Themenkreis der Frauenarbeit im informellen Sektor, da Drogenschmuggel (wie Prostitution) die Endstation einer Reihe schier endloser Bemühungen von Frauen ist, das Überleben der Kinder zu sichern.
Zur Situation der Frauen:
Kolumbien ist ein Land extremer Einkommensunterschiede, die oberen 20% der Bevölkerung verdienen 13,3 mal soviel wie die unteren 20% (BRD 5,7 mal soviel). Laut UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) zählen 14 der 33,4 Mill. Einwohner Kolumbiens zu den desolat Armen, die jährliche Inflationsrate betrug in den letzten Jahren durchschnittlich 25%. Die Mehrzahl der Frauen, die als „mulas“ Drogen schmuggeln, gehören zu den Armen und leben am Rande des Existenzminimums. Die meisten sind Mitte zwanzig, die jüngste verhaftete Kurierin war 15, die älteste 65 Jahre alt. Die für den Transport in Aussicht gestellten 2.000.- bis 4.000,- US $ sind für die Frauen ein Vermögen, mit dem sie ihre Schulden, hohe Krankenhauskosten für einen Angehörigen oder ähnliches bezahlen können. Fast immer sind solche Notlagen der Grund, weshalb die Frauen als Drogenkurierin arbeiten. Die Mehrzahl der Frauen hat Kinder, 1985 waren zwei Drittel aller inhaftierten Lateinamerikanerinnen verlassene Mütter. Die überwiegende Zahl der Frauen weiß, was sie transportiert, doch werden die Risiken falsch eingeschätzt. Die zerstörerischen Auswirkungen der Drogensucht sind den Frauen für gewöhnlich unbekannt, weil Koka eine alte Kulturpflanze ist, deren Blätter gekaut ganz andere Wirkungen als das geschmuggelte Kokain haben. Erst die Begegnung mit inhaftierten Drogenabhängigen in der Frauenhaftanstalt Frankfurt-Preungesheim verdeutlicht den Frauen die Folgen ihres Handelns. Die Drogen werden zum Transport im Gepäck, am oder im Körper verborgen. Carlina G. mußte mehrere Päckchen schlucken, was mit Lebensgefahr verbunden ist. Oft fallen die Frauen schon im Flugzeug durch ihre Nervosität auf, der Frankfurter Zoll überprüft einreisende Lateinamerikanerinnen besonders gründlich. Mit dem Schmuggeln von Kokain verstoßen die Frauen gegen das Betäubungsmittelgesetz, ihre Haftstrafen liegen - je nach Menge und Umständen - zwischen zwei und vier, manchmal auch bis zu sechs Jahren. Für gewöhnlich werden sie nach der Verbüßung von zwei Dritteln abgeschoben. Die Strafe verfehlt allerdings ihre abschreckende Wirkung auf andere, da sie den Betroffenen in dieser Konsequenz nicht bekannt ist. Im April 1994 waren im Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim 95 Ausländerinnen inhaftiert, von ihnen kamen 41 aus Kolumbien. Weitere Drogenkurierinnen sind in Berlin inhaftiert. Ihre Situation im Gefängnis ist ungleich schwieriger als die deutscher Frauen. Sie verstehen die Sprache nicht und sie sind völlig isoliert von ihrer Familie. In Frankfurt-Preungesheim versucht eine Gruppe ehrenamtlicher Helferinnen, die Frauen ein wenig zu unterstützen. Arbeit finden die inhaftierten Lateinamerikanerinnen in der Gefängnisküche, der Anstaltswäscherei und der Näherei. Ihr Tageslohn beträgt DM 10,- das bedeutet einen Monatslohn zwischen DM 180,- und 200,-. Davon werden die Telefonate nach Hause bezahlt und alle Dinge des persönlichen Bedarfs. Im Unterschied zu deutschen Gefangenen können sie keine qualifizierte Berufsausbildung machen - dies scheitert an den mangelnden Sprachkenntnissen. In der Freizeit werden zwar Deutschkurse angeboten, doch nützen die hier erworbenen Kenntnisse wenig, da die Frauen nie mehr nach Deutschland einreisen dürfen. Außer Sprachkursen werden noch Yoga, Schneidern, Fotografieren und Chorsingen angeboten. Nach einem Jahr Haft besteht die Möglichkeit zu einer monatlichen „Ausführung“, die nur zustande kommt, wenn sich dazu eine ehrenamtliche Betreuerin und eine Justizangestellte bereitfinden. Dies ist die einzige Möglichkeit, Deutschland außerhalb der Gefängnismauern zu erleben. Am Ende der Haftzeit werden die Frauen in ihr Herkunftsland abgeschoben, ihren Paß bekommen sie erst nach der Einreise zurück. Zuhause erwartet sie die gleiche Situation wie zuvor - ein Leben am Rande des Existenzminimums und eine unter Umständen in alle Richtungen verstreute Familie.
Literaturhinweise:
ila 146/Juni 91 (Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika)
Frauensolidarität Nr. 41 und 43
Hochzeitshemd und Leichentuch, Frauen aus Kolumbien erzählen. Friederike Harter, dtv 40424, 1994
Medienhinweise:
As Women See It 5 Teile, jeweils 30 Min., Farbe, Dokumentarfilm
Brot und Würde, Nicaragua 1981
Die Frauen von El Planeta, Peru 1981
Selbe eine von Vielen, Senegal 1981
Sudesha, Indien 1983
TRÄUME IN REICHWEITE, Ägypten 1981 Verleih: EZEF und versch. EMZ
Kontaktadressen:
Kolumbiengruppe e.V. Postfach 1347 72603 Nürtingen Tel.: 07022-36 24 2, Fax: 07022-37 27 0
Hildegard Kunath Berliner Straße 59 61118 Bad Vilbel (Betreuung gefangener kolumbianischer Frauen in Preungesheim)
Ursula Pattberg September 1994
Artikel zuletzt geändert am: Freitag, 7. Dezember 2001 13:22
|