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Lieber Aids als Hunger

Nr.105

 

 

(Aids is (not only) for the others)

T. Rasmussen/M. Musaria/C. Böhnk, BRD/Zimbabwe 1992

29 Minuten, Farbe, Dokumentarfilm, Video VHS

Verleih: EZEF, EMZ 1-5, 8-15, 17-19

 

 

Inhalt:

Daß die Krankheit AIDS nicht nur ein medizinisches Problem darstellt, wird schon nach den ersten Bildern des Films deutlich. Es wird geschildert, wie bereits die kolonialen Strukturen die Grundlagen für diese Problematik gelegt haben.

Durch die Vertreibung der einheimischen Bevölkerung auf unfruchtbare Böden und die Einführung der Steuern wurden die Männer zur Wanderarbeit gezwungen. Das führte zur Trennung von Familien und zur Auflösung alter kultureller Bindungen. Beides ist ursächlich mit der Ausbreitung von AIDS in vielen Ländern verbunden.

Als Gegenbeispiel wird das Volk der Dema angeführt, die noch sehr abgeschieden leben, bisher wenig Kontakt mit der westlichen Kultur hatten, und bei denen AIDS so gut wie unbekannt ist.

Eine weitere entscheidende Ursache für die Ausbreitung von HIV ist die weitverbreitete Prostitution, die für viele Frauen die einzige Möglichkeit des wirtschaftlichen Überlebens ist, so dass selbst das AIDS-Risiko dem drohenden Hunger vorgezogen wird.

Auch die Häufigkeit anderer Geschlechtskrankheiten, insbesondere des weichen Schankers, erhöht die Übertragungsrate von HIV dramatisch.

Der Genuß von Alkohol führt zu einem Verlust der Selbstkontrolle, was auch die regelmäßige Benutzung von Kondomen behindert. Der Verkauf von Kondomen hat zwar von 5 Millionen/Jahr auf 44 Millionen zugenommen, aber das reicht keineswegs aus, um den Bedarf abzudecken.

Als Beispiel für die Auswirkungen von AIDS wird eine Tabakfarm gezeigt. Dort sind schon viele Arbeiter an AIDS gestorben. Viele von ihnen kommen aus anderen Ländern, wie z.B. Moçambique und der Tod eines Brotverdieners bedroht die Existenz der ganzen Familie. Besonders dramatisch sind die Auswirkungen für die heranwachsende Generation. Die Kinderstationen in den Krankenhäusern sind zum großen Teil mit an AIDS erkrankten Kindern belegt. Es ist die häufigste Ursache der Kindersterblichkeit.

Aber nur ein Teil der Kinder infiziert sich über die Mütter und stirbt dann meist schon vor der Vollendung des 2. Lebensjahres. Die gesunden Kinder werden dann oft bald zu AIDS-Waisen, deren Schicksal eine besondere Herausforderung für die Gesellschaft darstellt.

Als Gegenmaßnahme wird die Notwendigkeit der Aufklärung über AIDS herausgestellt. Die Botschaft lautet ganz klar, nach Möglichkeit nur einen Sexualpartner fürs Leben zu haben und andernfalls regelmäßig Kondome zu benutzen. Aber obwohl viele Menschen inzwischen über die Übertragungswege von HIV und die Vorbeugungsmöglichkeiten informiert sind, lassen durchgreifende Verhaltensänderungen noch auf sich warten. So lange dies so ist wird es darauf ankommen, die Betroffenen zu betreuen und die Folgen zu mindern. Das geschieht durch häusliche Betreuung der Kranken (home care), einschließlich der notwendigen seelsorgerlichen Begleitung, und es geschieht durch Selbsthilfegruppen, in denen die Infizierten und ihre Familien wichtige Unterstützung und Begleitung erfahren.

Zimbabwe muß sich darauf einstellen, dass ein Großteil der produktiven Bevölkerung mittleren Alters an AIDS sterben wird. Dies wird zu einem wirtschaftlichen Einbruch und zu einer Altersverschiebung führen, in deren Gefolge eine große Zahl von Kinder, Jugendlichen sowie älteren Menschen auf sich selbst angewiesen sein werden.

 

 

Kritische Einschätzung:

Der 1992 gedrehte Film ist natürlich nicht mehr ganz aktuell. In der Zwischenzeit hat sich die Erkrankung noch mehr ausgebreitet und die dramatischen menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Immunschwächekrankheit, die in dem Film bereits angesprochen wurden, sind noch stärker sichtbar geworden. Trotzdem ist der Film immer noch sehenswert, da sich an den Hintergründen für die Epidemie wenig geändert hat.

Der Film benennt in sehr eindrucksvoller Form die wesentlichen Faktoren, die zu der dramatischen Ausbreitung von HIV/AIDS in vielen Ländern geführt haben. Insbesondere die sozialen Ursachen der Epidemie sind sehr gut dargestellt.

Der Einfluss von traditionellen Prägungen und Einstellungen muss sehr differenziert betrachtet werden. So ist die Beschreibung des Volkes der Dema sicherlich etwas idealisiert. Aus vielen Studien ist deutlich geworden, dass traditionelle Werte und Verhaltensweisen sowohl zur Verhinderung der HIV-Übertragung als auch zu ihrer Förderung beitragen können. Als Beispiel sei hier die in mehreren Ländern übliche Praxis der "Vererbung" von Witwen an männliche Verwandte des verstorbenen Ehemannes genannt. Das Beispiel könnte aber als Anregung zur Diskussion dienen, um auch über Verhaltensweisen in unserer eigenen Kultur ins Gespräch zu kommen, die auf die HIV-Übertragung Einfluss haben.

Das Beispiel des weißen Farmers, der über HIV/AIDS bei seinen Angestellten spricht, muss in den Kontext der gegenwärtigen politischen Situation in Zimbabwe gestellt werden. In letzter Zeit hat die Regierung von Präsident Mugabe unter illegalen Umständen viele Großfarmen besetzen lassen, so dass viele weiße Grundbesitzer in berechtigter Sorge um ihre Sicherheit und Zukunft in Zimbabwe das Land entweder bereits verlassen haben, oder dieses zumindest erwägen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist es schwer vorstellbar, dass es für sie eine Zukunft in Zimbabwe geben wird, insbesondere nachdem Präsident Mugabe bei den Wahlen im März 2002 unter sehr zweifelhaften Umständen in seinem Amt bestätigt wurde.

Die Zahlen, die in dem Film über die Ausbreitung von HIV/AIDS genannt werden, müssen selbstverständlich im zeitlichen Kontext gesehen werden.

Jedes Jahr werden neue Zahlen veröffentlicht, so dass man sich bei der Vorbereitung auf eine Filmvorführung möglichst immer über die aktuellen Entwicklungen informieren sollte (www.unaids.org). Die letzten offiziellen Schätzungen von UNAIDS aus dem Jahre 2000 gehen in Zimbabwe von einer durchschnittlichen Durchseuchung der erwachsenen Allgemeinbevölkerung von ca. 25% aus. Das schließt nicht aus, dass in einzelnen Städten bis zu 50% aller schwangeren Frauen mit HIV infiziert sein können, aber es gibt auch nach wie vor ländliche Regionen mit niedrigeren Infektionsraten.

Aber die vorliegenden Daten zeigen, dass etwa jeder vierte Erwachsene mit HIV infiziert ist, womit Zimbabwe in jedem Fall zu am stärksten betroffenen Ländern weltweit gehört.

 

 

Hintergrundinformationen:

AIDS ist ohne Frage eines der größten medizinischen und sozialen Probleme unserer Zeit. Diese Krankheit hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Sozial und Wirtschaftsstrukturen der stark betroffenen Länder und Regionen. Sie hat sich innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums auf allen Kontinenten und in fast allen Ländern unserer Erde ausgebreitet. Die globalen Zahlen können das Ausmaß dieser Katastrophe nur andeuten. Seit 1981 haben sich fast 60 Millionen Menschen mit diesem Virus infiziert, mehr als 22 Millionen sind bereits an AIDS gestorben. Anfang des Jahres 2002 leben etwa 40 Millionen Menschen mit einer HIV Infektion. Nach wie vor wächst diese Epidemie unaufhaltsam und erfasst immer mehr Weltregionen in erschreckendem Maße. Jeden Tag infizieren sich weltweit fast 15.000 Menschen.

In den Ländern Zimbabwe, Namibia, Botswana und Swaziland sind mittlerweile ca. 2035% aller Erwachsenen mit HIV infiziert. In wenigen Jahren wird mehr als 10% der Bevölkerung aus AIDS  Waisenkindern bestehen. Diese Länder gehören zu den relativ wohlhabenden auf dem afrikanischen Kontinent, aber viele der wirtschaftlichen und sozialen Erfolge der letzten Jahrzehnte werden durch die Epidemie zunichte gemacht. So wird die Lebenserwartung  um etwa 20 Jahre sinken und die Kindersterblichkeit wird sich mindestens verdoppeln.

Trotzdem gibt es auch Hoffnung auf dem afrikanischen Kontinent. In Uganda gelang es, die Zahl der Neuinfektionen etwa zu halbieren, auch in Sambia scheint die Situation sich zu stabilisieren und in Senegal gelang es, die Infektionsraten über einen längeren Zeitraum auf vergleichsweise niedrigem Niveau zu halten. Diese Beispiele müssen zum Vorbild genommen und auch in anderen Ländern umgesetzt werden.

AIDS ist aber keineswegs nur ein afrikanisches Problem. Die Pandemie differenziert sich zunehmend aus und betrifft Länder und Kontinente in höchst unterschiedlichem Maße.

Die Region mit der stärksten Zunahme an Neuinfektionen ist Osteuropa. In Russland stieg die Zahl der HIV  Infizierten innerhalb eines Jahres von 400.000 auf 700.000.

Was haben wir für die Zukunft zu erwarten? Die HIV Pandemie ist noch lange nicht zu Ende. Im Gegenteil: im südlichen Afrika, in Osteuropa und in Südasien steigen die Infektionsraten fast ungebremst weiter an. Aber es gibt auch positive Entwicklungen, die vorsichtige Hoffnung für die Zukunft aufkommen lassen. Nach fast 20 Jahren Erfahrung mit der HIV Pandemie sind die wirksamen Methoden zur Prävention durchaus bekannt. Sie werden in vielen Ländern erfolgreich durchgeführt. Je nach Situation und vorherrschendem Übertragungsweg werden folgende Maßnahmen empfohlen:

 

· Aufklärung und Information über HIV/AIDS, Ursachen, Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten, u.a. sexuelle Abstinenz, Sexualverkehr nur in festen Partnerschaften sowie der regelmäßige und korrekte Gebrauch von Kondomen

· Sexualaufklärung für Jugendliche

· Frühe Diagnose und Therapie von anderen sexuell übertragbaren Krankheiten

· Nadelaustauschprogramme für Drogenabhängige

· Sicherung von Bluttransfusionen durch HIV-Teste

· Beratungszentren mit freiwilligen Testmöglichkeiten

· Betreuung von Erkrankten und ihren Familien

· Stärkung des (sexuellen) Selbstbestimmungsrechts der Frauen

· Abbau von Diskriminierung und Verdrängung

Inzwischen kommt eine weitere Option hinzu: die Behandlung mit spezifischen Medikamenten, die die Vermehrung des HIV im menschlichen Organismus verhindern können. Allerdings war diese Art der Therapie bislang in den wirtschaftlich ärmeren Ländern völlig unerschwinglich, da sie zwischen 10.000 bis 15.000 € pro Patient und Jahr kostete. Die Welt war zweigeteilt: weniger als 5% der AIDS-Patienten in den wohlhabenden Ländern erhielten eine Behandlung, die ihnen das Leben zurückgab, während mehr als 95% der Betroffenen ohne jede Hoffnung ihrem Schicksal überlassen wurden. Aber glücklicherweise scheint sich die Situation langsam zu ändern, so dass auch für die AIDS  Patienten in den ärmsten Ländern Hoffnung auf eine Behandlung aufkommt. Dazu bedarf es aber großer internationaler Anstrengungen und eines gewissen öffentlichen und politischen Drucks.

 

 

Didaktische Hinweise:

Der Film eignet sich gut als Einstieg in das Thema. Er stellt die sozialen Ursachen und Konsequenzen der HIV-Epidemie dar und kann viele Anstöße zur Diskussion liefern.

Er muss aber unbedingt mit anderen Informationen verbunden werden, um die in Zimbabwe geschilderte Situation in Beziehung zu bringen zur Problematik in anderen Weltregionen, damit das Vorurteil nicht  weiter unterstützt wird, AIDS sei ein afrikanisches Problem und hätte seine alleinigen Ursachen im Sexualverhalten der Menschen dort.

So könnte dieser Film gut zusammen mit dem von Brot für die Welt und DIFÄM gemeinsam herausgegebenen „Medienpaket AIDS“ angewendet werden (s. Materialhinweise). Dort finden sich dann auch Informationen zu den medizinischen Grundlagen und Ansätzen zur erfolgreichen Bekämpfung von AIDS und seinen Folgen.

Letztendlich muss die Frage angesprochen werden, was konkret getan werden kann, und welche Rolle wir dabei spielen können. Dazu sei auch auf das neugegründete Aktionsbündnis gegen AIDS hingewiesen, in dem sich viele deutsche Entwicklungsorganisationen und Hilfswerke zusammengeschlossen haben.

Der Film und das Medienpaket sind geeignet für den Unterricht in der Sekundarstufe II, in der Erwachsenenbildung, in Kirchengemeinden und Tagungsstätten.

 

 

 

Adressen:

AIDS-Medienpaket:

Die Mappe umfasst Bausteine für den Unterricht, 12 Dias, Plakate und Arbeitsblätter

Herausgegeben von und zu bestellen bei (Neuauflage erscheint im Laufe des Jahres 2002):

Deutsches Institut für Ärztliche Mission

(DIFÄM)

Paul-Lechler-Straße 24

72076 Tübingen

www.difaem.de

 

Diakonisches Werk

Brot für die Welt

Zentraler Vertrieb

Postfach 101142

70710 Stuttgart

T.: 0711-90 21 65 0, Fax: 79 77 502

eMail: vertrieb@diakonie.de

 

Aktuelle Informationsbriefe und das Studien und Arbeitsheft für Gemeinden und Gruppen mit dem Titel: "Das Schweigen brechen" sind zu bestellen bei:

Aktionsbündnis gegen AIDS

Paul-Lechler-Straße 24

72076 Tübingen

breuer@difaem.de

www.aidskampagne.de

 

Weitere Informationen zum Thema können bestellt werden bei:

DIFÄM oder

Missionsärztliches Institut

Arbeitsgruppe AIDS und Internationale Gesundheit

Salvatorstraße 22

97074 Würzburg

 

Literaturhinweis:

Sonja Weinreich, Christoph Benn, AIDS - Eine Krankheit verändert die Welt, Lembeck-Verlag 2003

 

 

 

 

Dr. Christoph Benn                                       (aktualisierte Auflage) April 2002



Artikel zuletzt geändert am: Freitag, 11. Juli 2003 16:56


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