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Die Geschichte der Qiuju

Nr. 108

(QIUJU DA GUANSI)
Zhang Yimou, China/Hongkong 1992
100 Min., Farbe, Spielfilm, 16mm


1.Inhalt

"Der Fall erscheint dir größer als Himmel und Erde; für sie (die Behörden) ist er klein wie ein Samenkorn." (der Rechtsanwalt zu Qiuju)
Der Fall: Die hochschwangere Bäuerin Qiuju muß ihren Mann in der nahen Kleinstadt ärztlich behandeln lassen, weil er bei einem handfesten Streit vom Dorfvorsteher verletzt wurde. Dessen Tritt in den Unterleib ihres Mannes ist für sie ein direkter Angriff auf seine Zeugungsfähigkeit und damit ein Angriff auf die Zukunft der Familie.
Sie verlangt vom Dorfvorsteher eine offizielle "Erklärung". Da sie diese nicht erhält, wendet sie sich an den zuständigen Polizeioffizier, der die zerstrittenen Parteien zu einer einvernehmlichen Lösung bewegen will: Der Dorfvorsteher soll die Arztkosten übernehmen und eine Entschädigung zahlen. Qiuju geht es jedoch nicht um einen materiellen Ausgleich, sondern um Gerechtigkeit. Diese hofft sie bei den Behörden zu finden. Sie zieht von Instanz zu Instanz: vom Amt für Öffentliche Sicherheit des Distrikts zum Gerichtshof der Provinz und von da zum Appellationsgericht in Peking. Und schließlich bekommt sie Recht: Der Dorfvorsteher muß wegen Körperverletzung für zwei Wochen ins Gefängnis. Qiuju steht am Schluß entsetzt auf der Straße und sieht dem Polizeifahrzeug nach. Sie hatte nicht Recht, sondern Gerechtigkeit, eben ihre "Erklärung", gewollt.
Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau in einem kleinen Dorf irgendwo in den Bergen der Provinz Shaanxi. Aus einer alltäglichen Schlägerei zwischen zwei Männern entwickelt sich ein Rechtsstreit, weil Qiuju, die Frau des Geschädigten, nicht akzeptieren kann, daß der Dorfvorsteher ein Recht dazu hat, ihren Mann "in diesen lebenswichtigen Körperteil" zu treten.
Sie geht zum zuständigen Polizeioffizier, der sein Verständnis für den Dorfvorsteher nicht verhehlen kann. Es geht schließlich um einen Kader, einen Beamten, der sein "Gesicht" wahren muß, der zudem von Qiujus Mann Qinglai schwer beleidigt worden war, da dieser ihn im Streit wenig sensibel daran erinnert hat, daß er keinen Sohn, seine Familie also keine Zukunft hat. Damit die Harmonie im Dorf nicht gestört wird, bemüht sich der Polizist jedoch redlich, Qiuju Recht zu verschaffen: er ordnet eine materielle Entschädigung an, die der Dorfvorsteher auch bereit ist zu zahlen, allerdings in einer Form, die Qiuju zusätzlich beleidigt. Sie soll die Geldscheine vom Boden aufheben. Von der geforderten Entschuldigung oder Erklärung ist nicht die Rede.
Qiuju geht in die Kreisstadt. Von nun an steht sie einem anonymen Rechtswesen gegenüber. Rechtsfragen werden nicht im Gespräch zwischen Menschen geklärt. Sie müssen formgerecht, also schriftlich vorgebracht werden. Da selbst Analphabetin, braucht Qiuju "professionelle" Hilfe und gerät an einen Schriftkundigen, der die Effektivität seiner Arbeit daran bemißt, wieviele Menschen angeblich durch seine Schriftsätze vor ein Hinrichtungskommando gebracht wurden. Das Amt für Öffentliche Sicherheit bestätigt die Entscheidung des Dorfpolizisten.
Doch Qiuju gibt nicht auf. Um erneut Widerspruch einzulegen, unternimmt sie eine Reise in die Provinzhauptstadt. Gemeinsam mit der Schwägerin taucht sie in die fremde, bedrohliche Welt einer chinesischen Großstadt ein, wo unbeholfene Dorfbewohner immer in der Gefahr stehen, betrogen oder gar entführt zu werden. Im Polizeichef steht sie einem freundlichen, verständnisvollen Kader gegenüber, der sich ernsthaft bemüht, ihr Recht zu verschaffen. Verstehen tut er sie allerdings auch nicht. Die vom Dorfvorsteher zu zahlende Entschädigungssumme wird heraufgesetzt; von einer Entschuldigung ist nach wie vor keine Rede. Noch einmal muß Qiuju in die Stadt. Vom Ehemann kann sie keine Unterstützung mehr erwarten. Er ist bereit, den Spruch des Gerichts zu akzeptieren, denn ihm werden die Reisen von Ehefrau und Schwester, die die schwangere Qiuju begleiten muß, zu teuer. Außerdem fangen die Menschen im Dorf an zu reden. In der Provinzhauptstadt erzählt der Rechtsanwalt vom Unterschied zwischen Zivilrecht und Strafrecht, er zählt die verschiedenen Instanzen und Rechtswege auf und zitiert komplizierte Gesetze. Qiuju hört verständnislos zu, hofft immer noch, ihre "Erklärung" zu bekommen, und bezahlt die fälligen Gebühren.
Nach einer erneuten Bestätigung der Entscheidung der unteren Instanzen geht der Fall vor das Appellationsgericht in Peking.
Im Dorf bekommt die Geschichte eine neue Dramatik, als die Geburt des Kindes Qiujus Leben bedroht und ausgerechnet der Dorfvorsteher die nötige Hilfe organisiert und damit Mutter und Kind das Leben rettet. Nun geht es Qiuju nur noch darum, die Versöhnung mit dem Dorfvorsteher herbeizuführen.
Die Rechtsmaschinerie ist jedoch in Gang gesetzt und nicht mehr aufzuhalten. Während im Dorf die Geburt von Qiujus Sohn groß gefeiert wird, wird der Dorfvorsteher verhaftet.

2. Filmische Umsetzung

"Ich war sehr um Realitätsnähe bemüht, weil ich das Gefühl hatte, daß dies die beste Art sei, die Lebensweise  und die Schlichtheit des ländlichen Lebens in China zu zeigen. Die Landbevölkerung ist für mich das eigentliche Herz und die eigentliche Seele". (Zhang Yimou)
Der Film hat stark dokumentarische Züge. Die Geschichte wird eingebettet in das reale Leben in einem kleinen chinesischen Dorf der Provinz Shaanxi, das Leben in der Kreisstadt und in der Provinzhauptstadt. Der Film spielt an Originalschauplätzen; eine Veränderung der Schauplätze für die Filmaufnahmen gab es nicht. 90% der Akteure in dem Film sind Laien, die oft nicht wissen, daß eine Kamera auf sie gerichtet ist. Dazu Zhang Yimou: "Technisch stellte uns das natürlich vor ganz enorme Probleme. Anders als hier in Europa quellen die Straßen in China über von Menschen, und es war sehr schwierig, unbemerkt zu bleiben, zumal die Chinesen ihrer Natur nach ein sehr neugieriges Volk sind. Wir haben am Vorabend die Drehorte und unser jeweiliges Versteck ausgewählt und uns dort im Morgengrauen mit Kamera und Mikrofon postiert, um dann zu der Tageszeit zu drehen, in der es die meisten Menschen auf der Straße gab." So entsteht für den Zuschauer immer der Eindruck, den Akteuren ganz nahe zu sein und das Umfeld aus deren Perspektive zu sehen, v.a. die Straßenszenen in der Großstadt bekommen durch diese Perspektive von unten eine Dichte, die ahnen läßt, wie fremd und bedrohlich sich die moderne Welt für die beiden Frauen aus dem Dorf darstellt. Der Blick weitet sich, wenn Qiuju das Dorf verläßt. Dann kommt die karge Landschaft Nordwestchinas in den Blick, v.a. immer wieder die holprige Schotterstraße in die nächste Stadt, die für Qiuju das Tor zum modernen China darstellt (ohne daß ihr dies bewußt ist), und später die breite Zufahrtsstraße in die Großstadt mit den grauen Hochhäusern und dem dichten Verkehr.
Gegenüber den vorhergehenden Filmen Zhangs (z.B. "Rote Laterne" oder "Judou"), die in geschlossenen Räumen und in einer geschlossenen Gesellschaft spielen, stellt dies eine Neuerung dar. Zhang Yimou reagiert damit auf den starken Wandel in der chinesischen Gesellschaft, den sein Film gleichzeitig repräsentiert.
Die vorhergehenden Filme Zhangs sind stark von Symbolen und Farben geprägt. Im neuen Film sind die Farben eher gedämpfter und entsprechen keiner vorher festgelegten Dramaturgie. "Hier wollte ich nun aber einen stärkeren Realismus" (Zhang Yimou). Das hindert ihn allerdings nicht ganz daran, mit Symbolen zu arbeiten. So z.B. wenn die Gestelle mit den zum Trocknen aufgehängten Maiskolben und Chilischoten vor dem Haus des Dorfvorstehers einen Schatten in Form eines Ehrentores werfen, durch den Qiuju nach einem ihrer zahlreichen vergeblichen Besuche geht. Ehrentore wurden in der chinesischen Geschichte v.a. tugendhaften Frauen errichtet.
 

3. Aufbruch im chinesischen Kino

Zhang Yimou

Zhang Yimou wurde 1950 in Xian geboren. Seine Mutter ist Ärztin, der Vater ein Mitglied der Armee. 1966 , während der Kulturrevolution wird Zhang wie Tausende seiner Altersgenossen aufs Land geschickt, um dort zu arbeiten. Nach drei Jahren landwirtschaftlicher Arbeit wird er in eine Textilfabrik versetzt. Um der Arbeit dort zu entfliehen, wird er Mitglied des örtlichen Basketballteams, ansonsten zeichnet er Portraits des großen Vorsitzenden Mao. Seit frühester Jugend ist er von Kunst und Photographie besessen.
1978 hört er, daß die Filmakademie in Peking ihre Pforten wieder öffnet. Er bewirbt sich für das Studium, schickt seine Arbeitsmappe ein und besteht sein Examen glänzend, wird aber nicht zugelassen, weil er mit seinen 27 Jahren fünf Jahre über dem erlaubten Alterslimit liegt.
Zweimal legt er gegen den Entscheid in Peking Berufung ein. Vergeblich. Schließlich schreibt er dem Kulturminister einen Brief, in dem er ihn um Hilfe bittet. Sein Argument ist die Kulturrevolution, die ihm zehn Jahre seines Lebens geraubt hat. Zwei Monate später wird er an der Schule aufgenommen. Der Minister hat zu seinen Gunsten interveniert.
1982 besteht Zhang Yimou seine Abschlußprüfungen. Danach wird er den Studios von Guangxi zugeteilt. 1985 kommt er zu den Studios nach Xian. Seine Karriere beginnt Zhang als Kameramann. 1987 hat er sein Debüt als Schauspieler im Film "Der alte Brunnen" von Chen Kaige. Für diese erste Rolle erhält er gleich den Preis für den besten männlichen Darsteller beim Filmfestival von Tokio. 1988 dreht er seinen ersten Film als Regisseur: "Das Rote Kornfeld". Dieser wird auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. 1992 erhält er für "Die Geschichte der Qiuju" den Goldenen Löwen in Venedig.
Die "goldene Palme" in Cannes (1994) für seinen neuesten Film "Leben" kann Zhang Yimou nicht entgegennehmen; ihm wird die Ausreise verweigert. Im September 1994 wird Zhang Yimou von den chinesischen Behörden die Arbeitserlaubnis entzogen, vermutlich als Reaktion auf den Film "Leben".
Zhang Yimou über "Leben": "Mit diesem Film will ich etwas versuchen, was ich noch nie gemacht habe: ich will das im Alltag verwurzelte China zeigen, das Schicksal einer ganz gewöhnlichen Familie... Daß wir die Hoffnung bewahren angesichts der schwierigen Probleme und schweren Zeiten, darin liegt die Bedeutung von 'Leben'."


Auszug aus einem Interview mit Zhang Yimou (TAZ 22. April 1995)

Ihre früheren Filme sind zunächst nicht in China gezeigt worden, obwohl sie weltweit auf Festivals Preise gewonnen haben. „Qiuju“ ist eine Satire auf die Bürokratie. Ist der Film dadurch im Kontext des Chinesischen Kinos subversiv?
Er wurde zumindest nicht so aufgenommen. Er ist problemlos für den Verleih in China freigegeben worden und wurde bislang sehr gut aufgenommen, auch von Politikern und Bürokraten. Tatsächlich ist der Humor ja sehr zurückgenommen, ist eher sanft und dadurch spezifisch chinesisch. Einige Aspekte mögen Sie als Europäer verstanden haben, es gibt andere, die sich nur einem Chinesen mitteilen und dem Film einen etwas anderen Hintergrund geben. Aber dieser Hintergrund wurde von niemandem als wirklich subversiv empfunden.
Eine weitere Abweichung liegt darin, daß „Judou“ und „Rote Laterne“ in isolierten Gemeinschaften spielen, „Qiuju“ demgegenüber die gesamte Gesellschaft thematisiert.
Das liegt auch darin begründet, daß ich hier eine zeitgenössische Geschichte erzähle. Die früheren Filme spielten in einer feudalen Gesellschaft, und da interessierten mich Geschichten, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen. Das heutige China wird von einem starken Wandel geprägt, von einem Niedergang der Traditionen, die sich zu einem Teil noch auf die feudale und vorkommunistische Gesellschaft berufen. Angesichts dieses Wandels stellt sich für mich mit jedem Film die Frage nach den Ansprüchen, die die Gesellschaft an das Individuum stellt, neu. Ich glaube das ist ein Thema, das mich in all meinen Filmen beschäftigt, aber diesmal wollte ich einen direkteren, einen unverschlüsselten Blick auf die heutige Gesellschaft werfen.

Gong Li

Gong Li ist die Hauptdarstellerin in dem Film. Sie ist 1965 in Shenyang geboren. 1985 tritt sie in die Theaterakademie von Peking ein, wo sie für vier Jahre studiert. Heute ist sie selber Dozentin an der Schule. Sie gehört gegenwärtig zu den bekanntesten Schauspielerinnen in China, Japan und Hongkong. Für die Rolle der Qiuju erhielt sie in Venedig den Preis für die beste Schauspielerin.
Gong Li hatte in den meisten ihrer bisherigen Filmen gepflegte Frauen aus der Oberschicht darzustellen. In diesem Film ist sie kaum wiederzuerkennen.Als Qiuju kann sie ihre großartige schauspielerische Leistung und Wandlungsfähigkeit zeigen.                                                             

"Die fünfte Generation"

Preise für chinesische Filme auf den großen Filmfestivals sind in den letzten Jahren fast üblich geworden. Namen wie Chen Kaige, Tian Zhuangzhuang oder Zhang Yimou sind mittlerweile nicht mehr nur in Insiderkreisen bekannt. Sie gehören der sogenannten "fünften Generation" an. Es sind Filmemacher, die in den fünfziger Jahren geboren und in der Zeit der Kulturrevolution (1966-1976) groß wurden. In dieser Zeit war ein geordneter Schulbesuch nicht möglich. Als "gebildete Jugendliche" wurden sie zum Teil für Jahre aufs Land geschickt, wo sie "von den Bauern lernen" sollten. Erst Ende der siebziger Jahre war für sie eine Ausbildung möglich.
Die Erfahrung während der Kulturrevolution prägt ihr künstlerisches Schaffen. Im Gegensatz zu den meist entweder erbaulichen oder gewalttätigen Filmen der staatlichen Filmindustrie setzen sie sich sehr kritisch, aber auch mit Witz und viel Sympathie für die Opfer der großen Politik mit der jüngeren chinesischen Geschichte auseinander und haben so erreicht, daß der chinesische Film auf der internationalen Bühne einen erstaunlichen Durchbruch geschafft hat.

 

4. Recht und Gerechtigkeit

"Verklagt das Volk die Beamten, so ändert sich doch nichts."

"Gewinnt man einen Prozeß, ist man eine Weile glücklich, dann ein ganzes Leben elend dran."
(chinesische Sprichwörter)

Im chinesischen Original lautet der Titel des Films "Qiuju geht vor Gericht" (Qiuju da guansi). Scheinbar wird damit ein ganz normaler Vorgang beschrieben. Die Geschichte ist jedoch alles andere als alltäglich.
Seit Beginn der Reformen 1978 gehört die Devise, daß die "Personenherrschaft" durch die "Gesetzesherrschaft" abzulösen sei, zu den erklärten Zielen der Regierenden. In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl an Gesetzen verabschiedet, die der Rechtssicherheit dienen sollen, insbesondere auch der Stärkung der Rechte der einzelnen Bürger und Bürgerinnen gegenüber den Kadern (den Beamten in der Bürokratie). Qiujus Weg durch die Instanzen ist nur möglich, weil es seit 1990 ein Gesetz gibt, das Widerspruch gegen Kaderentscheidungen zuläßt. Im Film weist ein alter Mann explizit darauf hin, daß das Gericht Qiuju voraussichtlich Recht geben wird, damit die Bevölkerung Vertrauen in das neue Gesetz faßt.
Betrachtet man jedoch die bisherige Praxis der Rechtsumsetzung, so wird deutlich, daß die traditionellen, stark vom Konfuzianismus geprägten Rechtsvorstellungen und die Rechtspraxis aus der ersten Zeit der Volksrepublik China nach wie vor stark sind. So stehen in dem Film ganz unterschiedliche Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit nebeneinander und überlagern sich.
Seit den Zeiten des Konfuzius gilt, daß das Volk nicht durch Gesetze, sondern durch Sittlichkeit zu regieren ist. Diesem Grundsatz folgt der Dorfpolizist. Er bemüht sich redlich um einen Ausgleich zwischen den zerstrittenen Parteien. Dabei orientiert er sich nicht an Präzedenzfällen oder geschriebenen Gesetzen, sondern vertraut auf seine Kenntnis der Situation und auf seine Vertrautheit mit den Personen. Sein Ziel ist nicht Rechtssicherheit, sondern die Wiederherstellung der Harmonie im Dorf. Das geht nur, wenn alle Beteiligten "ihr Gesicht wahren" können, insbesondere natürlich der Dorfvorsteher, der als Funktionär in der Hierarchie höher steht und damit in der traditionellen Vorstellung auch mehr Rechte hat (Voraussetzung dafür wäre nach konfuzianischer Vorstellung allerdings, daß er sich sittlich verhält).
In der Stadt begegnet Qiuju dem "modernen Recht". Hier wird sachlich und "ohne Ansehen der Person" entschieden. Recht kann allerdings nur bekommen, wer sich an die vorgeschriebenen Formen hält. Für Menschen, die nicht lesen und schreiben können und denen moderne juristische Begrifflichkeit völlig fremd ist, eine schier unüberwindliche Hürde.
Professionelle Hilfe bei der Durchsetzung des Rechts zu finden, ist schwierig. In China gab es 1992 nur 51.000 Anwälte, von denen nur 20.000 hauptberuflich tätig waren. Für den, der juristischen Rat braucht, ist die Gefahr groß, an unseriöse Berater zu geraten.
Die niedrige Zahl an Rechtsanwälten ist auch ein Indiz dafür, daß die juristische Austragung von Konflikten in China nicht üblich ist ("ein anständiger Mensch geht nicht vor Gericht"). Das hängt zum einen damit zusammen, daß es im Bewußtsein der Menschen nach wie vor schwierig ist, gegen Höhergestellte Recht zu bekommen, zum anderen mit dem Bedürfnis, die gesellschaftliche Harmonie nicht durch einen nach außen getragenen Streit nachhaltig zu stören.
Qiuju will in ihrem Kampf die Normen der traditionellen Gesellschaft nicht antasten. Sie gesteht dem Dorfvorsteher sehr weitgehende Rechte zu. Diese enden allerdings da, wo ihre Familienehre und ihre Würde beginnt. Bei dem Versuch, ihre Würde wiederherzustellen, gerät sie - ohne dies zu wollen oder auch nur zu ahnen - in die Mühlen der modernen Justiz, wo sie mit ihrem Anliegen genauso scheitert wie vor dem traditionell und willkürlich handelnden Dorfpolizisten, da die individuelle Würde einer Bauernfrau, die eigentlich nur eine anständige menschliche Geste möchte, die dem traditionell geprägten Zusammenleben im Dorf angemessen wäre, weder hier noch dort eine rechtliche Kategorie darstellt.

 
5. Die Rolle der Frauen und die chinesische "Ein-Kind-Politik"

"Eine verheiratete Tochter ist wie weggeschüttetes Wasser"  (chinesisches Sprichwort)

Allgemeingültige Aussagen über die Rolle und den Status der Frauen in der Volksrepublik China sind nicht (mehr) möglich. Das Rollenbild hat sich wie in vielen sich entwickelnden Gesellschaften ausdifferenziert.
In den ländlichen Gebieten Chinas haben sich jedoch noch Züge des traditionellen, konfuzianisch geprägten Frauenbildes erhalten. Dort ist die strenge gesellschaftliche Hierarchie noch weitgehend intakt. Die Frauen sind ein Leben lang den Männern untergeordnet: in der Jugend dem Vater, später dem Ehemann und im Alter dem ältesten Sohn.
Die Geburt eines Sohnes hebt die Position einer Frau, erst dadurch bekommt sie eine eigene Persönlichkeit. Sie ist ihrer Bestimmung gerecht geworden, indem sie für den Stammhalter und damit für den Fortbestand der Familie und die ordnungsgemäße Verehrung der Ahnen gesorgt hat.
Die Bevorzugung von Söhnen in den ländlichen Gebieten Chinas, die in den Jahren seit Beginn der Modernisierung (1978) wieder zugenommen hat, hat für Frauen und Mädchen z.T. fatale Auswirkungen. Da für die Familien klar ist, daß die Töchter nach deren Verheiratung nicht mehr als Arbeitskraft und nicht zur Versorgung im Alter zur Verfügung stehen, bleiben die "Investitionen" in Mädchen oft denkbar gering: Die Einschulungsraten von Mädchen auf dem Land lagen 1989 bei nur 45%. Viele Mädchen besuchen die Schule nur für kurze Zeit. 70% aller Analphabeten Chinas sind Frauen. Noch extremere Züge nimmt die Ablehnung von Mädchen an, wenn weibliche Föten abgetrieben werden, wenn neugeborene Mädchen getötet oder ausgesetzt werden oder wenn geborene Mädchen nicht registriert und damit für ihr ganzes Leben zur gesellschaftlichen "Nichtperson" gestempelt werden.
Qiuju steht mit ihrem Kampf an der Schwelle zum modernen China, ohne dies selbst zu ahnen oder explizit zu wollen. Mit ihrem eigenständigen Handeln bricht sie aus der traditionellen Frauenrolle aus und bringt sich in Gegensatz zu ihrem Mann, spätestens dann, als "die Leute anfangen zu reden" und der Dorfvorsteher ihm vorwirft, seine Frau nicht im Griff zu haben.
Der Wunsch vieler Chinesen nach möglichst vielen Söhnen ist der Auslöser des Konflikts im Film:
Qiuju macht sich nur Sorgen um die Zeugungsfähigkeit ihres Mannes, nachdem der Dorfvorsteher diesen in den Unterleib getreten hat. Sie befürchtet, sich "unfreiwillig an die Ein-Kind-Politik halten" zu müssen. Die gebrochene Rippe, die den Dorfvorsteher schließlich ins Gefängnis bringt, spielt für sie zu keinem Zeitpunkt eine Rolle.
Beim Gespräch auf der Polizeistation erfährt man, daß Qiujus Ehemann den Dorfvorsteher in dem der Schlägerei vorausgehenden Streit an seiner empfindlichsten Stelle getroffen hat und treffen wollte, als er darauf anspielte, daß dieser keine Erben, sondern "nur" vier Töchter hat.
Für alle chinesischen Ehepaare gilt, daß sie sich bei der Eheschließung verpflichten sollen, nur ein Kind zu bekommen. Wer sich nicht daran hält, verliert seine Vergünstigungen und muß Strafe bezahlen. Das klingt eindeutig und wird in den Städten auch rigoros durchgesetzt. In den Dörfern, wo nach wie vor annähernd 80% der chinesischen Bevölkerung leben, wird das Gesetz vielfach ignoriert und die Strafe, sofern sie tatsächlich erhoben wird, zähneknirschend bezahlt. Für Qiuju, die in der Geschichte mit dem ersten Kind schwanger ist, scheint es überhaupt nicht denkbar zu sein, sich freiwillig an das Gesetz zu halten, auf jeden Fall dann nicht, wenn das Kind ein Mädchen würde. Damit dürfte sie repräsentativ für viele Frauen in den ländlichen Gebieten sein.
Daß die Bestimmung nicht durchgesetzt werden kann, hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß sich die Kader, die Funktionsträger der Kommunistischen Partei, selbst nicht daran halten. Sie sind selbst zu stark in die traditionellen Wertvorstellungen eingebunden. Ein Dorfvorsteher mit vier Kindern kann der Ein-Kind-Politik keine Geltung verschaffen.

 
6. Das Gesicht wahren

Der Dorfpolizist achtet bei seiner Streitschlichtung in erster Linie darauf, daß beide Seiten, v.a. aber der Dorfvorsteher als der gesellschaftlich Höherstehende "ihr Gesicht wahren" können. Die Bestätigung seines Spruchs in den verschiedenen Instanzen dient ebenfalls diesem Zweck. Dabei gilt es zudem, das Gesicht des Polizisten zu wahren.
In China (und in den von China beeinflußten Kulturen Ostasiens) wird der einzelne immer zuerst als Teil einer Gemeinschaft, der Familie, des Clans, der Dorfgemeinschaft oder der Danwei (seiner Arbeitseinheit) betrachtet. Er hat ein soziales Gesicht und bezieht seine Würde aus dessen Anerkennung und Achtung durch die Gemeinschaft und durch die Außenstehenden.
Oberster Grundsatz im täglichen Verhalten ist, das eigene Gesicht nicht zu verlieren und einen anderen das Gesicht nicht verlieren zu lassen. Beides würde gleichermaßen das Zusammenleben der gesamten Gemeinschaft erschweren. Das verlangt im täglichen Leben einen rücksichtsvollen Umgang, der Konflikte und Verletzungen vermeidet. Im Konfliktfall zwischen zwei Menschen, und sei es zwischen Eheleuten, wird die Gemeinschaft, meist in Gestalt berufener Funktionsträger, alles unternehmen, um einen Ausgleich zu finden, der zwar oft die persönlichen Probleme der Beteiligten nicht löst, weil diese meist nicht berücksichtigt werden, aber nach außen hin die Harmonie oder zumindest einen leidlich erträglichen Status quo wiederherstellt. Das ist die Ebene, auf der der Dorfpolizist zu Hause ist und auf der er zu agieren weiß. Gerechtigkeit ohne Wahrung der Harmonie - wenigstens an der Oberfläche - kann es für ihn nicht geben. Eine Verständigung mit Qiuju, die im Kampf um ihre individuelle Würde die dörfliche Harmonie hintanstellt und sich damit partiell von den traditionellen Wertvorstellungen entfernt, ist nicht möglich.
Qiuju steht am Schluß des Films entsetzt auf der Straße und sieht dem Polizeifahrzeug nach. Sie ist über die Verhaftung des Dorfvorstehers nicht nur deshalb bestürzt, weil sie längst zur Versöhnung bereit war, sondern vor allem, weil sie diesen Ausgang zu keinem Zeitpunkt gewollt hat. Sie wollte eine kleine Geste, die ihr und ihrer Familie die Ehre läßt. Durchgesetzt wird aber ein abstraktes Recht, das den Dorfvorsteher sein Gesicht verlieren läßt - und Qiuju gleich mit.
 

7. Einsatzmöglichkeiten des Films 

Der Einsatz des Films ist vorrangig in der Erwachsenenbildung sinnvoll. In der Schule erscheint eine Arbeit mit dem Film allenfalls in der Oberstufe möglich.
Eine Arbeit mit dem Film bietet sich natürlich für Gruppen an, die sich mit den Verhältnissen in der Volksrepublik China beschäftigen; dieser länderkundliche Ansatz ist jedoch keine Voraussetzung für die Arbeit mit dem Film. Er eignet sich ebensogut für Gruppen, die sich mit der Situation von Frauen in unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen beschäftigen. Viele hier gezeigte Phänomene sind nicht nur in China zu beobachten, sondern in vielen Ländern (auch in Europa), in denen traditionelle Wertvorstellungen und moderne Entwicklungen aufeinanderprallen.
Es lohnt sich, für die genaue Analyse des Films ausreichend Zeit einzuplanen und den Film selbst zum Thema zu machen. Dabei muß aber nicht zu kurz kommen, daß es Zhang Yimou gelingt, trotz des ernsten und bedrängenden Themas einen sehr unterhaltsamen Film zu machen, der sich gut als Abschluß für Veranstaltungen/Tagungen eignet, in denen es um Themen wie z.B. Stadt-Land-Gegensatz, Wandel in den Rechts- und Wertvorstellungen in unterschiedlichen Gesellschaften, Geschlechterrollen oder Individuum und Gesellschaft geht.
Der Film hat über weite Strecken Züge eines Dokumentarfilms. Die Geschichte der Qiuju ist eingebettet in den chinesischen Alltag, sie repräsentiert wichtige Züge dieses Alltags und wirft in ihrer Parabelhaftigkeit Fragen und Themen auf, die kennzeichnend für die gesellschaftliche Entwicklung in China sind.

Einige Beispiele:
Recht und Gerechtigkeit
Im Zentrum der Geschichte steht die Auseinandersetzung einer jungen Frau mit gesellschaftlichen Normen und Hierarchien und mit unterschiedlichen Begriffen von Recht und Gerechtigkeit.
In der Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Positionen, Rechtsvorstellungen und Interessen können die Zuschauer/innen einen Einblick in das Spannungsverhältnis zwischen modernen und traditionellen Rechtsvorstellungen, denen die Wertvorstellungen einer Gesellschaft zugrundeliegen, und der Würde des Individuums bekommen.
Durch Qiuju werden ganz unterschiedliche Personen in den Rechtsstreit hineingezogen, die unterschiedliche Ziele verfolgen und die alle auf ihre Weise das Verhalten der Protagonistin interpretieren. Ein Vergleich der Positionen und Rechtsvorstellungen von Qiuju, ihrem Mann, dem Dorfvorsteher, dem Dorfpolizisten, dem Schreibkundigen auf dem Markt der Kreisstadt, dem Polizeichef in der Provinzhauptstadt und dem Rechtsanwalt können einen Überblick über das ganze Panorama der im derzeitigen China gleichzeitig möglichen Haltungen geben und damit einen Eindruck von den Schwierigkeiten, denen das Land in seiner Rechtsentwicklung gegenübersteht.

Rechtsstaatlichkeit/Menschenrechte
In dem Film siegt die moderne Rechtsstaatlichkeit. Das Gesicht der Qiuju in der Schlußeinstellung zeigt jedoch Entsetzen und Trauer.
Zhang Yimou nimmt in dem Film eindeutig Partei für die "einfachen Menschen" und deren Interessen, er unterläßt es jedoch, Position zu den verschiedenen Rechtsvorstellungen zu beziehen und vermeidet damit eine einfache Lösung.
Der Film ist kein Kommentar zu den westlichen Forderungen nach Rechtsstaatlichkeit und Einhaltung der individuellen Menschenrechte, er kann aber Anlaß zur Diskussion darüber sein, ob allein die Einführung abstrakter Rechtsprinzipien, die von einzelnen Personen absehen, den Bedürfnissen der Menschen in traditionellen Gesellschaften entspricht. Und er wirft die Frage nach den "Kosten" für die Rechtsentwicklung, nach dem damit unter Umständen verbundenen Verlust an kulturellen und den Menschen im alltäglichen Leben Halt gebenden Werten auf.

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land
Qiuju, ihre Familie und die anderen Dorfbewohner stellen einen Personenkreis dar, der unter "normalen Bedingungen" das Dorf allenfalls für seltene Besuche in der Kreisstadt verläßt. Der Rechtsstreit erzwingt den Schritt nach draußen in das moderne China.
Zum Verständnis von Qiujus Geschichte ist es notwendig, daß ihre Reisen in die Kreisstadt und in die Provinzhauptstadt nicht als alltäglicher Gang zu einer Behörde gesehen werden, sondern als ein Überschreiten bisheriger Grenzen. Hier bietet sich ein Vergleich zwischen dem ländlichen und dem städtischen Leben, den unterschiedlichen Umgangs- und Kommunikationsformen an. Und sicher auch ein Vergleich der "Lösungen", die diese beiden "Welten" für Qiujus Fall anbieten.

Die Rolle der Frauen
In dem Film gewinnen drei Frauen Konturen: Die Hauptperson Qiuju, ihre unverheiratete Schwägerin Meizi, die sie auf ihren Reisen begleiten und zu Hause im Haushalt mitarbeiten muß, und - etwas weniger deutlich - die Ehefrau des Dorfvorstehers.
Eine Analyse dieser drei Frauenrollen ergibt mit Sicherheit kein vollständiges Bild von der Rolle der Frauen in China, aber da ihr Alltag repräsentativ ist für den der Frauen in den Dörfern im Hinterland, also für viele Millionen Frauen, lohnt sich ein genauer Blick auf ihre Position in der Familie und gegenüber den Männern.

Das China-Bild
Das China-Bild der letzten Jahre ist geprägt von den Informationen, Bildern und Zahlen über eine aufstrebende wirtschaftliche Großmacht, getrübt allenfalls durch einige Berichte von Menschenrechtsverletzungen. China wird als Industriemacht mit großen Wachstumsraten und als Absatzmarkt der Zukunft dargestellt.
Die Bilder von den sprichwörtlich gewordenen Heeren von "blauen Ameisen", Bauernmassen, die Berge abtragen, Flüsse umleiten und unter Führung von Mao Zedong in Handarbeit gemeinsam das ganze Land ummodeln, sind vergessen.
Der Film zeigt ein ganz anderes China-Bild: zurechtgestutzt auf ein menschliches Maß das Leben in einem kleinen Dorf irgendwo in der Provinz Shaanxi. Hier agiert nicht Maos "neuer Mensch", der ununterscheidbar in der Masse verschwindet und keine eigene Identität hat; hier sieht man aber auch nicht die Menschen, die die wirtschaftliche Entwicklung Chinas maßgeblich vorantreiben oder die als Abnehmer von Waren interessant wären.
Der Film gibt einen authentischen Einblick in das tägliche Leben in einem der vielen tausend chinesischen Dörfer.
Eine Gegenüberstellung des hier gezeichneten Bildes mit den vermutlich sehr unterschiedlichen China-Bildern deutscher Zuschauer/innen und dem China-Bild bzw. den China-Bildern, die in den Medien vermittelt werden, kann zu einer differenzierteren Einschätzung des Landes beitragen.
Mögliche Themen: Wirtschaftliche Stellung der Bauern (Qiuju finanziert ihre Reisen durch den Verkauf von Chili), die Hierarchien im Dorf und in den Familien, Dorfleben, Stadt-Land-Gegensatz (s.o.)

 
Literaturhinweise

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Die Volksrepublik China, Informationen zur politischen Bildung. Nr. 198. Bonn 1983.

Anna Gerstlacher/Margit Miosga (Hg.): China der Frauen. München 1989.

Thomas Heberer/Rüdiger Weigelin: China auf dem Weg ins Jahr 2000. Politische, wirtschaftliche und soziale Implikationen der Modernisierungspolitik. Hg. v. der Dt. Stiftung für internationale Entwicklung, Bad Honnef 1989.

Thomas Heberer: Wenn der Drache sich erhebt. Baden-Baden 1988

Michael Kahn-Ackermann: China - Drinnen vor der Tür. Frankfurt 1979.

Ekkehard Launer/Renate Wilke-Launer: Zum Beispiel China. Göttingen 1989

Helmut Steckel (Hg.): China im Widerspruch - Mit Konfuzius ins 21. Jahrhundert. Reinbek bei Hamburg 1988.

Oskar Weggel: China. Zwischen Marx und Konfuzius. München 1987.


Zeitschriften:

China aktuell. Institut für Asienkunde Hamburg

das neue China. Hg. v. Vorstand der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Berlin e.V.

 

 

Barbara Rieck                                                                   April 1995



Artikel zuletzt geändert am: Mittwoch, 30. Januar 2002 12:08


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