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Rigoberta Menchú

Nr. 110

Felix Zurita, Guatemala 1992
Dokumentarfilm, 21 Min, VHS, Farbe
Verleih: EMZ 1, 2, 6, 10, 12, 13, 14, 15, 17, 18, 19

Zur Entstehung des Films

1992 wurde der 500. Jahrestag der sogenannten "Entdeckung Lateinamerikas" begangen. Von den Regierungen wurde die 500-Jahrfeier als "Begegnung zweier Welten" mit Ausstellungen, einer zweiten Eroberungsfahrt mit nachgebauten Galeeren und anderen Monumentalereignissen gefeiert. Für die indianischen Völker Amerikas hingegen markierte dieses Datum den Beginn eines Jahrhunderte andauernden Alptraums. Parallel zu den offiziellen Feierlichkeiten begannen sie, eine Gegenöffentlichkeit für ein anderes Lateinamerikabild zu schaffen. Indianische Organisationen aus allen Ländern des Kontinents, von Kanada über Mexiko bis Chile, kamen auf verschiedenen Treffen zusammen, um gemeinsame Forderungen für die Zukunft zu diskutieren. "500 Jahre Ausbeutung und Unterdrückung sind genug!", lautete die Überschrift ihrer Diskussionsplattform. Auf verschiedenen kontinentalen Treffen arbeiteten die indianischen Delegierten zusammen mit Organisationen der schwarzen Bevölkerungsgruppen - den Nachfahren der von den Europäern importierten Sklaven - die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten ihrer Lebensbedingungen heraus. Eine zentrale Forderung der indianischen Völker in ganz Lateinamerika ist die Einhaltung der Menschenrechte. Die Respektierung des Rechts auf Leben ist in vielen Ländern noch lange keine Selbstverständlichkeit. Die Forderung der Delegierten erstreckt sich aber auch auf sogenannte "Menschenrechte der "zweiten Generation" Die indianischen Ureinwohner Amerikas fordern genügend Land, um von den Erträgen der Felder leben zu können sowie das Recht auf kulturelle, wirtschaftliche und soziale Selbstbestimmung.
Zentrale Passagen des Films wurden im Oktober 1991 während eines der kontinentalen Vorbereitungstreffens indianischer Organisationen gedreht, das in Quetzaltenango/
Guatemala stattfand. Rigoberta Menchú lebte zu dieser Zeit im mexikanischen Exil. Sie konnte nur unter Lebensgefahr nach Guatemala einreisen und mußte rund um die Uhr von einer international zusammengesetzten Gruppe von Leibwächtern bewacht werden. Gleich nach dem Treffen reiste sie aus Sicherheitsgründen wieder aus.
Wenige Wochen später wurde Rigoberta Menchú für ihren Einsatz für die Menschenrechte in Guatemala mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Den Friedensnobelpreis wertet Rigoberta Menchú als einen symbolischen Akt, als eine Anerkennung der Rechtmäßigkeit ihrer Forderung durch die internationale Völkergemeinschaft. Kurz darauf kehrte Rigoberta Menchú unter den Augen der Weltöffentlichkeit wieder nach Guatemala zurück, um zusammen mit ihren Weggenossinnen und -genossen in ihrer Heimat zu feiern. Zu dieser Zeit entstand das Interview mit der mutigen Quiché-Frau, das den Film strukturiert. Der Filmemacher Felix Zurita verzichtet ganz auf einen Kommentar. Als Sohn spanischer Arbeitsemigranten in der Schweiz aufgewachsen, lebt und arbeitet Felix Zurita seit Jahren in seiner Wahlheimat Nicaragua. Als Spanier hat der Jahrestag der "Eroberung" Lateinamerikas für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Es ist vielleicht als Versuch der Wiedergutmachung zu werten, daß der Spanier Zurita in seinem Film die indianische Perspektive und Weltsicht in den Vordergrund stellt.

Inhalt

Die Bilder des Films zeigen Szenen des Treffens der Indianerorganisationen aus ganz Amerika; Landschaften, Menschen auf der Flucht; Kleinbauern bei der harten Arbeit auf der Plantage und religiöse Riten. Dazwischen immer wieder Rigoberta Menchú, wie sie sichtlich bewegt die Geschichte ihres Volkes und vieler Völker Lateinamerikas erzählt. Aus ihren Schilderungen wird deutlich, daß die Kolonialzeit für die indianische Bevölkerung noch längst nicht der Vergangenheit angehört. Sie spricht von der Ausbeutung der indianischen Lohnarbeiter auf den Fincas der reichen Großgrundbesitzer, von der politischen Repression durch die Sicherheitskräfte und von der alltäglichen Diskriminierung der Indios als Menschen zweiter Klasse. Dennoch ist der Film kein "Betroffenheitsmedium". Er blendet Biographisches weitgehend aus und konzentriert sich auf die Konsequenzen, die die blutige Kolonialzeit für die indianische Bevölkerung bis heute hat. Ganz unter dem Eindruck der Zusammenkunft der indianischen Delegierten in Quetzaltenango glaubt Rigoberta Menchú, daß die indianische Bewegung ihren Zielen durch die neu enstandene panamerikanischen Zusammenarbeit ein großes Stück näher gekommen ist.
Der Film endet mit den politischen Utopien der Friedensnobelpreisträgerin: sie wünscht sich ein Guatemala, das von einem gewählten Parlament regiert wird, dem Männer und Frauen, Indios und Ladinos angehören.

Biographisches

Rigoberta Menchú ist eine Gallionsfigur des Kampfes der indianischen Bevölkerungsmehrheit in Guatemala um ein menschenwürdiges Leben ohne Repression, Diskriminierung und Ausbeutung. Die Ereignisse, die die mutige Quiché-Frau dazu brachten, sich gegen Staat und Sicherheitskräfte aufzulehenen, sind in Guatemala damals wie heute nicht außergewöhnlich. Immer noch versuchen die politisch Mächtigen in Guatemala, diejenigen mundtot zu machen, die sich gegen Ausbeutung und Unterdrückung zur Wehr setzen.
1959 wurde Rigoberta Menchú in einem kleinen Dorf im guatemaltekischen Hochland geboren. Ihre Eltern waren Bauern vom Volk der Quiché und besaßen ein kleines Stück Land. Doch die Erträge ihrer kargen Äcker im Hochland reichten nicht aus, um die Familie satt zu kriegen. Wie viele indianische Kleinbauern mußten auch die Menchús mehrere Monate im Jahr an der Küste in einer der riesigen Plantagen als Tagelöhner arbeiten. Schon von klein auf mußten auch die Kinder mitarbeiten. Wie viele andere indianische Mädchen wurde Rigoberta Menchú mit 13 Jahren als Hausmädchen nach Guatemala-Stadt zu wohlhabenden Familien geschickt.
Als sie zu ihrer Familie ins Hochland zurückkehrte, war der Bürgerkrieg im Hochland neu entflammt. Im Spannungsverhältnis zwischen Guerilla und Militär litt vor allem die Zivilbevölkerung. Eines Tages wurde Rigoberta Menchús sechzehnjähriger Bruder Petrocinio zusammen mit anderen Bauern aus dem Dorf vom Militär vorgeführt. Die schwerbewaffneten Soldaten kamen bei Nacht und statuierten ein Exempel: "Wir sahen die entstellten Gesichter, die nicht zu erkennen waren. Jeder der Mißhandelten sah anders aus, keiner hatte die selben Folterspuren. Und meine Mutter erkannte meinen kleinen Bruder, ihren Sohn, zwischen all den anderen. Einige waren mehr tot als lebendig, andere konnten sich kaum auf den Beinen halten, und man sah ihnen an, daß sie sehr, sehr große Schmerzen hatten. Auch mein Bruder war schwer mißhandelt worden und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Allen Gefolterten gemeinsam war, daß sie keine Fußnägel mehr hatten und daß man ihnen Teile der Fußsohlen abgeschnitten hatte. Sie waren barfuß. Eine Frau stammte aus einem Nachbardorf. Man hatte ihr das Geschlecht rasiert. Eine Brustspitze fehlte ihr und die andere war verstümmelt. Man sah Bißwunden an ihrem ganzen Körper, sie hatte keine Ohren. Allen hatten sie die Zungenspitze abgeschnitten oder die Zungen in Stücke geschnitten." Dies sei eine Warnung, kommentierte ein Offizier das Mordkommando. Wer sich mit den Kommunisten verbünde, den erwarte das gleiche Schicksal. Anschließend zündeten die Soldaten ihre Gefangenen bei lebendigem Leib an - dann zogen sie sich zurück. Die Leute versuchten, ihre Angehörigen zu retten und Wasser zu holen. Doch die nächste Quelle war weit entfernt. Für die meisten kam jede Hilfe zu spät.
Ende der siebziger Jahre schloß sich Rigobertas Vater der Bauernorganisation CUC an. Die Hauptforderung der CUC war eine Agrarreform. Am 30. Januar 1980 besetzte eine Delegation von CUC-Mitgliedern - darunter der Vater Rigoberta Menchús - die spanische Botschaft in Guatemala-Stadt. Die Bauern wollten den spanischen Botschafter dazu bewegen, bei der guatemaltkekischen Regierung wegen der konstanten Menschenrechtsverletzungen vorstellig zu werden. Trotz internationaler Proteste machte die Militärregierung unter General Romeo Lucas García kurzen Prozess. Vor laufenden Fernsehkameras stürmten Soldaten das Gebäude und steckten es anschließend in Brand. 39 Menschen kamen in den Flammen um.
Nur wenig später wurde auch Rigobertas Mutter bei einer Protestaktion festgenommen. Auch sie wurde mehrere Wochen lang gefoltert, bis sie an ihren Verletzungen starb. Doch Rigoberta Menchú zog sich nicht aus der aktiven, politischen Arbeit zurück; das tragische Schicksal ihrer Familienangehörigen hatte sie nicht gebrochen. Einige Zeit später beschloß sie aber, ins mexikanische Exil zu gehen. "Ich überquerte die Grenze erstickt in Traurigkeit. Noch immer kann ich die Schmerzen dieses nassen, kalten Morgens fühlen, der sich vor mir ausbreitete. Mutter Erde trauerte, bedeckt mit Blut. Tag und Nacht weint sie..." Mit diesen Worten beschreibt Rigoberta Menchú dem Filmemacher Felix Zurita ihre Gefühle, die sie hatte als sie damals die Grenze zu Mexiko überquerte. Der Entschluß, ins Exil zu gehen, war nicht zuletzt eine politische Entscheidung, die mit der Führung der Bauernorganisation CUC abgesprochen war. Denn von Mexiko aus sollte Rigoberta Menchú auf die Menschenrechtsverletzungen der guatemaltekischen Regierung hinweisen. Doch zunächst mußte Rigoberta Menchú besser Spanisch lernen. Durch ihre Arbeit als Sprecherin der CUC wurde sie mit den Jahren zur bekanntesten Guatemaltekin. Auf Einladung von Menschenrechtsorganisationen reiste sie in die USA und nach Europa und klagte die Regierung ihres Landes an. Sie berichtete über die Ausbeutung und Diskriminierung der indianischen Bevölkerung und über den Terror des Militärs.
Mehrmals sprach sie vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf.
Die Arbeit im Scheinwerferlicht hatte Auswirkungen auf ihr Privatleben: "Mir war klar, daß ich für ein ganzes Volk kämpfte und für viele Kinder kämpfte, die nichts zu essen hatten, aber gleichzeitig dachte ich, daß ich eine traurige Revolutionärin sei, die keine Nachkommen hinterlassen würde. Nach dem Verständnis unserer Vorfahren sucht man nicht nur die Erfüllung für sich selbst, sondern man sucht auch die Erfüllung für die ganze Familie. Dann starben meine Eltern. Da fühlte ich, was eine Tochter für einen Vater oder für eine Mutter empfindet, wenn sie sterben. Besonders, wie sie starben. Damals entschied ich mich zu einem Leben für die Politik, und ich kann nicht einmal sagen, ob es eine endgültige Entscheidung war, denn ich stehe dem Leben offen gegenüber."
Die Entscheidung zwischen politischem Engagement und persönlicher Erfüllung war, wie sich im nachhinein herausgestellt hat, nicht endgültig. 1993 heiratete sie einen Kampfgenossen. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Kind wieder in Guatemala.
(Zitate aus dem Buch: Elisabeth Burgos:  Rigoberta Menchú - Leben in Guatemala, Lamuv Verlag 1984)

Zum Einsatz des Films in der Bildungsarbeit

Der Zugang zum Film erschließt sich vor allem über die Geschichte und Politik Guatemalas, als einem Land, in dem sich die Probleme des Kontinents wie in einem Brennglas bündeln. Rigoberta Menchú entwirft in einer einfachen, aber sehr ausdrucksvollen Sprache ein Gegenbild zum siegreichen Eroberungsfeldzug der Spanier in Lateinamerika (ein Bild, das im übrigen auch in den Schulbüchern immer noch vorherrscht). 
Besondere Brisanz hat der Film deswegen, weil die Diskriminierung, die Ausbeutung und die Unterdrückung der indianischen Bevölkerung in Guatemala bis heute anhält.
Der Film kann als Einstieg dienen, um so verschiedene Themen wie die Universalität von Menschenrechten, Kolonialgeschichte, Exil, Rassismus zu erschließen. Für diejenigen, die sich wenig mit der Geschichte Lateinamerikas beschäftigt haben, sind einige Passagen des Films aber schwer zugänglich oder wirken sehr proklamatorisch. Zum Beispiel, wenn Rigoberta Menchú  über die Migrationsbewegung in die USA spricht oder über das indianische Selbstverständnis und die Suche nach den Wurzeln und nach kultureller Identität. Es ist daher empfehlenswert, ein Thema in den Vordergrund zu stellen und zusätzliche Medien (siehe Anhang) wie zum Beispiel die Lebensgeschichte von Rigoberta Menchú, Berichte der UN-Menschenrechtskommission oder Dokumente aus der Kolonialzeit hinzuzuziehen.

Fragen, die der Film aufwirft, sind unter anderem:

- Warum feiern die Spanier die Eroberung Lateinamerikas als "die Begegnung zweier Welten"? Welches Geschichtsbild steht - im Unterschied zur indianischen Weltsicht - dahinter? Wie ist die Eroberung Lateinamerikas in deutschen Geschichtsbüchern beschrieben?
 - Wodurch gelang es den politisch und wirtschaftlich Mächtigen in Guatemala jahrzehntelang, den Widerstand der indianischen Bevölkerungsmehrheit zu brechen?
- Welche Relikte aus der Kolonialzeit sind in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht in Guatemala heute noch erkennbar?
- Welche Rolle spielte die katholische Kirche bei der Unterwerfung der Indios?
- Welche Chancen haben die indianischen Völker Amerikas, ihre Forderungen nach Land, der Respektierung ihrer kulturellen Selbstbestimmung und der politischen Beteiligung durchzusetzen?
- Warum hat es so lange gedauert, daß sich die indianischen Völker Amerikas zusammenschlossen, um ihre Forderungen gemeinsam vorzutragen?
- Rigoberta Menchú ist der Friedensnobelpreis für ihr Engagment, verliehen worden, das sie zum großen Teil vom mexikanischen Exil aus bewiesen hat. Hätte sie nach der deutschen Asylgesetzgebung auch politisch aktiv werden können? Hätte sie überhaupt hier Asyl bekommen?
- Welche Verhaltensmuster führen zu ethnischer Diskriminierung? Welche Beispiele können wir aus unserem Kulturkreis nennen?
- Welche Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, welches Rollenverständnis beschreibt Rigoberta Menchú?

Altersempfehlung: ab 16 Jahre

Stichworte: Kolonialgeschichte,  ethnische und kulturelle Konflikte, Rassismus, Repression, Ausbeutung, Exil, Flüchtlinge, Menschenrechte, Landkonflikte, Christianisierung, Rolle der Frau in indianischen Gesellschaften, Demokratisierung
 

Zum geschichtlichen und politischen Hintergrund
Die Kolonialzeit

1523  erreichte der Abgesandte der spanischen Krone Pedro de Alvarado mit 120 Reitern, 4 Geschützen, 300 spanischen Landmännern und einigen tausend zwangsrekrutierten Azteken das heutige Guatemala. Zu dieser Zeit war das große, zentralistische Reich der Maya in mehrere, zum Teil untereinander verfeindete Reiche verfallen. Indem die Spanier verschiedene Stämme gegeneinander ausspielten, hatten sie den Widerstand der Mam, Kakchikeles, Tzutuhiles und der Quiché bald gebrochen. Knapp 10 Jahre nach ihrem ersten Kampf mit den Quiché hatten die Spanier ihre Herrschaft in Zentralamerika bereits konsolidiert. 
Die Eroberungszüge in die Neue Welt waren für die Spanier ein einträgliches Geschäft. Zwar mußten die Konquistadoren Kosten für Ausrüstung und Verpflegung im allgemeinen selbst übernehmen. Die Beute fiel jedoch abzüglich eines zehnten Teils für die Krone, an die Konquistadoren. 
Die Eroberung von Ländern mit reichen Edelmetallvorkommen wie Mexiko, Peru und Honduras war für die Spanier von besonderem Interesse, die Eroberung Guatemalas dagegen wirtschaftlich gesehen ein Mißerfolg. Denn neben geringen Jade- und Türkisvorkommen liegt der Reichtum Guatemalas in den fruchtbaren Böden. So nutzten die Spanier die Arbeitskraft der unterworfenen Indios als schier unerschöpfliche Ressource. Das Land, die Bodenschätze, die landwirtschaftliche Produktion und die Arbeitskraft der Bevölkerung gingen zunächst in den Besitz der Krone über, die diese anschließend an treue Gefolgsleute verteilte. Die Ländereien wurden in sogenannte Encomiendas eingeteilt. Jedem Encomendero wurden bis zu 1600 Menschen zugewiesen, die ihm als Leibeigene ausgeliefert waren. Im Gegenzug dazu mußte sich der neue "Schutzherr" verpflichten, die Indianer in der christlichen Religion zu unterweisen.
Die harte Zwangsarbeit auf den Fincas der Konquistadoren, drakonische Strafen gegen jede Form der Auflehnung und die von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten reduzierte die Bevölkerung Amerikas innerhalb von weniger als 100 Jahren auf ein Zehntel.

Der bulgarische Historiker Tzvetan Todorov schreibt dazu:

"Wenn das Wort Völkermord jemals wirklich zutreffend verwandt worden ist, dann zweifellos in diesem Fall. Es handelt sich dabei meines Erachtens nicht nur in relativen Zahlen um einen Rekord, sondern auch in absoluten, da wir es mit einer Dezimierung der Bevölkerung um schätzungsweise 70 Millionen Menschen zu tun haben. ...Die Spanier sind nicht etwa schlimmer als andere Kolonisatoren, aber es ist nun einmal so, daß sie es waren, die Amerika besetzten und daß kein anderer Kolonisator vor ihnen oder nach ihnen die Gelegenheit gehabt hat, so viele Menschen auf einmal in den Tod zu treiben.“
Das Massensterben der Indios bewirkte einen gigantischen Arbeitskräftemangel in der Provinz Guatemala, den die Spanier durch den Import von Sklaven aus Afrika und von den Westindischen Inseln erfolglos zu kompensieren versuchten. 1667 wandte sich der Generalkapitän von Guatemala an den Gouverneur von Campeche mit der Bitte, dieser möge ihm seine Häftlinge als Arbeitskäfte überstellen. Erst später, 1784, schuf die Krone das System der Encomiendas ab, verabschiedete Gesetze zum Schutz der Indios und stellte sie unter ihre direkte Aufsicht.
Noch heute verweist die fortschrittsgläubige Elite in Guatemala auf das Verdienst der Spanier bei der Einbindung Lateinamerikas in den Weltmarkt. Doch die 300 Jahre der spanischen Besetzung waren geprägt von politischer Unbeweglichkeit und ökonomischer Starre. Zwar bauten die Spanier eine Exportwirtschaft auf und begannen mit dem Anbau von Kakao, Baumwolle, Tabak, Zucker und Indigo im großen Stil. Restriktive Gesetze des Mutterlandes verhinderten aber die Etablierung eines eigenständigen Marktes in Guatemala. Zum Schutz der eigenen Monopole verbot die spanische Krone die Herstellung und den Export von Produkten, die für sie eine Konkurrenz bedeutet hätten. Darüberhinaus mußten alle Produkte als Rohstoffe exportiert werden, sodaß sich keine Verarbeitungsindustrie entwickeln konnte und den Kolonien war der Handel untereinander untersagt. Der Austausch von Gütern erfolgte über das spanische Mutterland, das die Kolonien mit hohen Abgaben belegte. Die Ausplünderung Amerikas verhinderte bis weit in das 19. Jahrhundert eine eigenständige Entwicklung der Kolonien. Die Kolonien finanzierten damit die industrielle Entwicklung Europas - ein Vorsprung, den die lateinamerikanischen Länder bis heute nicht aufholen konnten.
Die in der neuen Welt entstandene kreolische Elite wurde zunehmend unzufrieden: die Ladinos - wie die spanischsprechenden Nachfahren der Konquistadoren genannt wurden - wollten die Früchte ihrer Arbeit nicht mehr mit der Krone teilen. In einigen zentralamerikanischen Provinzen kam es zu Kämpfen zwischen den Soldaten der kreolischen Oberschicht und den Söldnern der Krone. Guatemala wurde von der Krone 1821 kampflos in die Unabhängigkeit entlassen.

Politik und Wirtschaft seit der Unabhängigkeit

Für die indianische Bevölkerung änderte sich mit der Unabhängigkeit wenig. Auch heute wird Guatemala von einer Regierung regiert, die aus Ladinos besteht - trotz mehrheitlich indianischer Bevölkerung. Die Konflikte um den Boden und die Art seiner Nutzung halten nun schon seit Jahrhunderten an. Zuerst trug die Elite den Kampf um den Boden unter sich aus. Die Existenz unterschiedlicher Interessen der verschiedenen Fraktionen innerhalb der Elite, vor allem die Interessenskonflikte zwischen Großgrundbesitzern und Händlern, führte dazu, daß jahrhundertelang ein Diktator den nächsten aus dem Amt putschte. Die einzige Periode des demokratischen Frühlings unter den Sozialreformern Jacobo Arbenz und Juan José Arevalo (1945 - 1954) wurde mithilfe der USA blutig beendet: die während ihrer Amtszeit angegangene Landreform hatte sich auf die ausgedehnten Ländereien erstreckt, die der legendäre Bananenkonzern "United Fruit Company" in Guatemala besaß. Damit sahen die USA ihre ureigensten Interessen verletzt. Sie diffamierten den guatemaltekischen Reformer Arbenz als Kommunisten und schickten ein Söldnerheer, das dem Putsch gegen Arbenz zum Erfolg verhalf.
Ende 50er Jahre, in der Folge des gescheiterten demokratischen Wandels, entstand die Guerilla, die sich eine gerechte Verteilung von Land, Macht und Reichtum unter allen Guatemalteken auf die Fahnen schrieb. Allerdings hatte die Guerillabewegung in Guatemala nie die Kraft und dieVerankerung in der Bevölkerung erreicht wie in den zentralamerikanischen Nachbarländern. Ein Grund mag darin liegen, daß ihre Initiatoren vor allem Ladinos waren und den Kampf um Land in erster Linie als Klasenkampf betrachteten und darüber die ethnischen und kulturellen Unterschiede vergaßen. Die Reaktion der Diktatoren auf die Guerilla war nackter Terror. Sie überzogen das Land mit einem engmaschigen Netz von rechten Terrorkommandos. Diese geheimen Terrorkommandos, Todesschwadronen genannt, arbeiteten eng mit der staatlichen Armee zusammen und verfolgten nicht nur die Guerilla, sondern vernichteten jede Art von Bewegung, die politische und soziale Forderungen aufstellte. Wer es wagte, sich sozial zu engagieren, höhere Löhne für die Arbeit auf den Plantagen zu fordern oder auf die Einhaltung der Grundrechte zu pochen, hatte sein eigenes Todesurteil gesprochen. 
In den siebziger Jahren erlebte die Repression ihren Höhepunkt. Brennpunkt des blutigen Krieges war das dichtbesiedelte indianische Hochland, wo die Streitkräfte die Basis der Guerilla vermuteten. Mehr als 300.000 Opfer forderte der Krieg gegen die eigene Zivilbevölkerung. Zigtausende vor dem Armeegemetzel flüchtende indianische Bauernfamilien erreichten Anfang der 80er Jahre die mexikanische Grenze, andere wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land. Mehrmals kam es, auch unter dem Druck der Vereinten Nationen, zu Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Guerilla. Seit 1986 amtieren (mit einer kurzen Unterbrechung) wieder zivile Regierungen in Guatemala. Nach langjährigen Verhandlungen stehen die Kriegsparteien derzeit kurz vor Unterzeichnung eines Friedensvertrages. Die Regierung ging dabei auf die Forderungen der Guerilla nach der Einhaltung der Menschenrechte und nach sozialen und politischen Reformen ein. Doch ob der Friedensvertrag auch tatsächlich eingehalten wird, ist fraglich. Denn im Zuge der jahrhundertelangen bewaffneten Auseinandersetzungen hat sich nach den Worten des guatemaltekischen Politologen Armando Maldonado "das Militär als ein Akteur etabliert, der es gewohnt ist, nach eigenen Gesetzen zu herrschen".
An den Ursachen für die Konflikte, an der ungleichen Verteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht, hat sich bislang auch wenig geändert. Die Statistiken über die Besitzverteilung sprechen eine deutliche Sprache: In Guatemala verfügen 2% der Bevölkerung über 70% des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens. Neun Zehntel der Bauern besitzen weniger als 1 Hektar Land. Nach Angaben der guatemaltekischen Regierung stieg der Anteil der absolut Armen im Lande von 71,1% im Jahre 1980 auf 86% im Jahre 1990.  Eine ähnliche Konzentration von Land, Reichtum und Macht in den Händen einiger Weniger findet man fast überall in Lateinamerika. In Guatemala sagen diese Zahlen jedoch auch etwas über Hautfarbe, Sprache und Kultur aus. Die Maya werden im Land ihrer Ahnen immer noch als Menschen zweiter Klasse betrachtet.

Die indianische Bevölkerung in Guatemala

1992 wertete das unabhängige Forschungsinstitut AVANCSO die Grundsatzprogramme der 17 wichtigsten Parteien des Landes aus, die zu den letzten Wahlen angetreten waren. Das Fazit war: Nur eine dieser Parteien hatte die Indios als eine Bevölkerungsgruppe überhaupt erwähnt, in den restlichen Programmen tauchten sie nicht einmal auf. Indianische Werte und Bräuche, so deutet AVANCSO das Ergebnis, würden als Relikt einer längst überwundenen Vergangenheit betrachtet, die es im Zuge des Fortschritts zu überwinden gelte.  
Ein weiteres Indiz für den Stellenwert, der der indianischen Kultur in Guatemala von Regierungsseite zugemessen wird, ist die Tatsache, daß sich bis Anfang der 90er Jahre nur eine einzige staatliche Institution explizit mit Indianerfragen beschäftigte. Das seit den sechziger Jahren dem Bildungsministerium zugeordnete "Seminario de Integración Social" hat die Aufgabe, die Organisationsformen und Gebräuche indianischer Gemeinschaften zu dokumentieren. Die Forschungsergebnisse dieser Institution illustrieren, wie reichhaltig die kulturellen Ausdrucksformen der indianischen Gemeinschaften in Guatemala bis heute sind.
Bis heute werden in Guatemala 22 eigenständige maya-stämmige Sprachen gesprochen. Kaum ein anderes Land vereint derartig viele Sprach- und Kulturgruppen auf so engem Raum. Guatemala ist nur etwa so groß wie die ehemalige DDR und hat knapp 9 Millionen Einwohner. Etwa zwei Drittel davon bezeichnen sich als "Indigenas" oder "Indios". (Beide Worte, insbesondere aber das Wort "Indio" können im Spanischen, je nach Sprecher/in, einen abwertenden Beigeschmack haben).
Jahrhundertelang versuchten die guatemaltekischen Regierungen, Spanisch als die alleinige Verkehrssprache zu etablieren - doch ohne Erfolg. Noch heute ist die Unterrichtssprache an den meisten Schulen Spanisch - auch in den Regionen mit mehrheitlich indianischer Bevölkerung. Doch das Ergebnis war nicht, daß immer mehr indianische Kinder Spanisch lernten, sondern das gleichbleibend viele Eltern ihre Kinder gar nicht erst auf die Schule schickten. So ist der Anteil von Analphabeten unter der indianischen Bevölkerung besonders hoch.
Aufgrund der politischen Verhältnisse konnte in Guatemala erst in den letzten Jahren eine kraftvolle indianische Bewegung entstehen, die neben der Forderung nach einer gerechteren Besitzverteilung auch das Recht auf kulturelle Identität und Selbstbestimmung verteidigt. In einem Land, in dem das Wort "Indio" immer als  Schimpfwort benutzt wird, ist die Einforderung des Grundrechts auf kulturelle Selbstbestimmung als eine weitreichende Forderung zu werten.
Die politischen Träume von Rigoberta Menchú, eine Landreform, ein gemischtes Parlament in Guatemala, in dem Ladinos und Indios gemeinsam über die Zukunft des Landes entscheiden, sind aber nach wie vor weit davon entfernt, Realität zu werden.

Literatur

Burgos, Elisabeth: Rigoberta Menchú - Leben in Guatemala, Lamuv Verlag, Bornheim-Metten 1984

Gabriel, Leo: Aufstand der Kulturen, dtv Zeitgeschichte, München 1987

Irnberger, Harald/Seibert, Ingrid: Zentralamerika: Opfer, Akteure, Profiteure, Lamuv-Verlag, Göttingen 1989

Schlesinger, Stephen/Kinzer, Stephen: Bananen-Krieg. Das Exempel Guatemala, DTV-Sachbuch, München 1986

Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1985

ILA - Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika No. 186, Sondernummer Guatemala, Juni 1995 (anzufordern bei ILA-Info, Heerstr. 5, 53111 Bonn)

Höfer, Bruni/Dieterich, Heinz/Meyer, Klaus (Hg.): Das Fünfhundertjährige Reich. Emanzipation und lateinamerikanische Identität 1492 - 1992, Hamburg 1990

Albert Sterr: Guatemala - lautloser  Aufstand im Land der Maja, Interviews, Analysen, Reportagen, ISP-Verlag, Köln 1994

Medienhinweise:

Unsere Heimat heisst Guatemala
Tonbildreihe von Ellen Häring, Mario Vázquez Valencia, BRD 1987, 9 Min. 50 Dias, f., Realfotos. Verleih: Evangelische Medienzentralen 1 - 13

Todos santos Cuchumatan
Dokumentarfilm von Olivia Carrescia, USA 1982, 42 Min. 16mm, Farbe
Portrait eines Bergdorfes der Mam-Indianer in Guatemala. Die Bewohner fahren zum Großteil als Wanderarbeiter an die Pazifikküste, um dort für einen Hungerlohn zu arbeiten.
Verleih: CON, CineTerz, DFZ, LFD 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, LBS 4 und KMZ 19

Wege des Schweigens
Dokumentarfilm von Felix Zurita, Nicaragua 1987, 59 Min. 16mm Farbe. Film über den Überlebenskampf einer indianischen Gemeinschaft im Hochland, die sich wegen ihrer Verfolgung durch die guatemaltekische Armee den ersten Christen sehr nahe fühlen.
Verleih: Selecta-Zoom, Schweiz.

Die geheime Nation
Spielfilm von Jorge Sanjiné, Bolivien 1989, 128 Min, 16mm, Farbe (OmU). Die Geschichte über den ehemaligen Sargtischler Sebastián Mamani, der für das berüchtigte Innenministerium gearbeitet hat und nun in sein Dorf zurückkehrt.
Verleih: EZEF, Freunde der Dt. Kinemathek, KMZ 9, LBS 1, 7

Die Tochter des Puma
Spielfilm von U. Hultberg u. A. Faringer, Dänemark/Schweden 1994, 101 Min., 16mm, Farbe. Film über das 14-jährige Indianermädchen Aschlop, die einzige Zeugin eines Massakers guatemaltekischer Regierungstruppen auf ihr Heimatdorf.
Verleih: Atlas-Film + Medien Duisburg, KJF Medienverleih

  

Bettina Lutterbeck                                         Oktober 1995



Artikel zuletzt geändert am: Mittwoch, 21. September 2005 15:41


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