EZEF-Arbeitshilfe
Herr Kröterich zu Besuch bei den Schwiegereltern
Nr. 113
(Le crapeaud chez ses beaux parents) Kibushi Ndjate Wooto, Zaire 1991 8 Min., Farbe, Zeichentrickfilm
Inhalt: Der Zeichentrickfilm präsentiert ein traditionelles Märchen aus Zaire, das dem Autor und Regisseur Kibushi Ndjate Wooto (geb. 1957 in Kasaïou, Zaire) in seiner Jugend von seinen Eltern erzählt wurde. Die einfach gebaute, in zwei Hauptteile gegliederte Geschichte reiht inhaltlich ähnliche Episoden aneinander, die von einem Erzähler aus dem Off kommentiert werden. Nach einer kurzen, mit Volksmusik aus Zaire unterlegten Einstimmungsphase setzt das Geschehen ein. Herr Kröterich trifft auf dem Weg zum Dorf seiner Schwiegereltern die Schlange Lomena, die ihn nach dem Ziel seiner Reise fragt. Von Herrn Kröterich eingeladen, ihn zu begleiten, schließt sie sich ihm an. Der gleiche Vorgang wiederholt sich mit einem Stock, einer Termite, einem Huhn, einer Zibetkatze, einer Falle, einem Feuer, dem Regen und der Sonne. Im Dorf angekommen werden die Besucher zum Essen eingeladen, das die Frau des Kröterichs bringt. Doch da nur ein Löffel vorhanden ist und keiner nachgeben will, kommt es zu einem heftigen Streit, der dazu führt, daß sich die Gäste gegenseitig umbringen - und zwar in der gleichen Reihenfolge, in der sie sich der Gruppe angeschlossen haben: der Kröterich wird von der Schlange gefressen, diese vom Stock erschlagen, dieser von der Termite gefressen, die wiederum vom Huhn aufgepickt wird, das von der Zibetkatze verzehrt wird, die von der Falle gefangen wird, die vom Feuer verbrannt wird, das vom Regen gelöscht wird. Am Ende bleiben nur die Sonne, die Frau des Kröterichs und der volle Essentopf übrig. Der Erzähler erklärt zum Schluß mit diesem Kampf der Besucher die bis auf den heutigen Tag reichende Feindschaft der Tierarten und Naturphänomene.
Zur Gestaltung: Der mit dem Preis für den besten Kurzfilm auf dem Filmfestival Fribourg 1992 ausgezeichnete Film wurde von dem Autor in dreimonatiger Arbeit erstellt. Hatte Wootoo in seinem ersten Film ‘Septembre noir’ mit Zeichnungen von Kindern deren Sicht auf die Unruhen in Zaire 1991 geschildert, so ließ er sich bei seinem ersten Zeichentrickfilm - einer von sehr wenigen bisher produzierten afrikanischen Zeichentrickfilmen - wieder von kindlichen Bildern inspirieren und schuf so eine originelle Form, die gerade wegen ihrer Abweichung von der gewohnten Form von Zeichentrickfilmen auch Erwachsene ästhetisch ansprechen dürfte. Auf fernsehgewohnte deutsche Kinder, die die technisch perfekten US-Zeichentrickfilme kennen, wirkt Wotoos Film, der seine an Marionetten erinnernde und deutlich zweidimensionale Figuren vor einem unbewegten Hintergrund agieren läßt, optisch möglicherweise unbefriedigend. Da zudem die nach dem Reihungsprinzip streng parallel aufgebaute Geschichte mit ihrer Personalisierung von Naturphänomenen und dem sinnerklärenden Schluß nur entfernt an die deutschen Kindern vertrauten Zaubermärchen in der Tradition der Brüder Grimm erinnert und zudem deutsche Kinder ätiologische Erzählungen wie die vorliegende eher mit Sagen verbinden, in denen ebenfalls auffällige Erscheinungen, Gebräuche und Namen erklärt werden, könnte ein unvorbereiteter Unterrichtseinsatz leicht zu einer ablehnenden Haltung der Schüler(innen) führen. Deshalb sollte der Einsatz des Filmes gut vorbereitet werden.
Didaktische Überlegungen Prinzipiell eignen sich Märchen aus unterschiedlichen Kulturen mit ihren im Vergleich zu deutschen Märchen ähnlichen Motiven und Themen gut zum interkulturellen Lernen. Kindern von der Grundschule bis etwa in die sechste Klasse können dabei an einer von ihnen geschätzten Erzählform sowohl die Ähnlichkeiten wie auch die Unterschiede verschiedener literarischer Traditionen gezeigt und ihnen so überzeugend die bei allen Verschiedenheiten prinzipielle Gleichwertigkeit unterschiedlicher menschlicher Lebensformen demonstriert werden. Zudem bietet das Einbeziehen von Märchen aus den Ursprungsländern der Eltern von Immigrantenkindern dem Lehrer die Möglichkeit, diese Kinder besser in die Klassengemeinschaft zu integrieren und eröffnet Immigrantenkindern eine Möglichkeit, die Reichhaltigkeit der Ursprungskultur ihrer Eltern ihren Klassenkameraden zu zeigen. Dabei geht es im Sinne einer von Haas beschriebenen ‘Märchenreise um die Welt’ für ein 3. und 4. Schuljahr um eine „Propädeutik eines Erkundens und Erkennens von Welt und Wirklichkeit [...]: Sie öffnet über das Bekanntwerden mit fremden Menschen, Namen, Bräuchen und Landschaften im erzählerischen Raum den Bereich einer vorerst nur ahnungsweise vorhandenen Welt.“1 Zu Recht warnt Haas aber ausdrücklich: „eindeutige spezifische nationale und kulturelle Qualitäten lassen sich natürlich ohne eine - auf dieser Altersstufe nicht zu leistende - Analyse aus den Texten nicht ableiten.“2 Afrikanische Märchen - sinnvoller wäre es eigentlich von Werken der afrikanischen Oralliteratur zu sprechen, da diese weit mehr und zudem vielfältigere Formen aufweist, als den europäischen Märchen entsprechen - weichen allerdings stärker von den deutschen Kindern bekannten europäischen Märchen ab; so sind Tier-, Zaubermärchen oder Schwankerzählungen, nicht in der Deutschen vertrauten Weise voneinander abgrenzbar. Außerdem enthalten viele afrikanische Märchen eine deutlich ausgesprochene Moral und sind so eher der europäischen Fabel vergleichbar. Doch gibt es auch zahlreiche Ähnlichkeiten in den Motiven und Themen und die in Afrika z.T. heute noch lebendige Form des Märchenerzählens in der Dorfgemeinschaft erinnert an die auch in Europa übliche Form der mündlichen Märchentradierung, die in Deutschland in ländlichen Gegenden noch bis in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts lebendig war. Zwar gibt es heute in Deutschland Versuche, diese Tradition - etwa durch die Ausbildung von Märchenerzähler(inne)n - neu zu beleben, aber nahezu allen deutschen Kindern dürften Märchen heute eher aus Büchern, dem Fernsehen und Filmen bekannt sein. Gerade an den Ähnlichkeiten zwischen deutschen und afrikanischen Traditionen sollte bei jüngeren Kindern zunächst angeknüpft werden. Schmitt, der langjährige Erfahrungen im Unterricht zur ‘Dritten Welt’ in der Grundschule hat, etwa fordert für den Unterricht in der Grundschule, daß die „fremde Dritte Welt [...] nicht allzusehr von der vertrauten Vorstellungs- und Erlebniswelt der Kinder abweichen [sollte].“3 In diesem Sinne erscheint es mir sinnvoll, afrikanische Märchen und den Film ‘Herr Kröterich zu Besuch bei den Schwiegereltern’ in eine Unterrichtseinheit zu Märchen einzubetten. Dabei sollte mit deutschen Kindern mit bekannten Märchen begonnen werden, die nicht nur gelesen und nacherzählt werden, sondern auch mit Märchenfilmen, -kassetten verglichen und als Ausgangspunkt für Umgestaltungen - etwa zu einem Hörspiel, einem Comic, einem Plakat oder als Vorlage für ein Rollenspiel - verwendet werden sollten. Bei jüngeren Schülern beliebt ist auch ein (Klassen)Märchenquiz, in dem nach Schülerzeichnungen und/oder Ausschnitten von mitgebrachten Märchenkassetten Märchen erraten werden müssen. In einer zweiten Phase könnten die deutschen Märchen zunächst mit ähnlichen afrikanischen verglichen werden, z.B. findet sich das Märchen vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel in verschiedenen Varianten auch in Afrika. Erst anschließend sollte von den deutschen Kindern vertrauten Märchen stärker abweichende afrikanische Märchen vorgestellt werden, die dann auch wieder im Unterricht vielfältig umgesetzt werden sollten.
Unterrichtsvorschlag zu Oralliteratur aus Zaire: Ähnlichkeiten mit der in zahlreichen Varianten überlieferten europäischen Fabel vom Ochsen und Frosch - aber auch der griechischen Sage um Daidalos und Ikaros4 - hat die folgende traditionelle Erzählung aus Zaire:
Als das Buschferkel fliegen wollte5 Es waren einmal ein Buschferkel und ein Geier, die schlossen Freundschaft. Nur hatte die Sache einen Haken: Der Geier schwebte hoch oben in den Lüften, das Buschferkel dagegen, das damals noch ein sehr schönes Gesicht hatte, lebte auf der Erde und konnte seinen Freund beim Fliegen nur zusehen. Als sich nun der Geier auf einem Baum niederließ, da fragte ihn das Buschferkel: „Freund, wie kann ich denn einmal da oben hinkommen, wo du entlangfliegst? Gib mir doch deine Federn, damit ich auch einmal sehen kann, wie es da oben ist! Ich muß immer hier unten bleiben. Seit ich geboren bin, bin ich noch nie dort gewesen, wo du immer fliegst.“ - „Gut, mein Freund“, antwortete der Geier, „ich gebe dir meine Federn.“ Man nahm also das Buschferkel, bestrich es mit Teer, und an seine Vorderbeine klebte man die Federn des Geiers. Als das geschehen war, flog das Buschferkel auf! Da warnte der Geier: „Du flieg nicht höher, als du jetzt bist! Wenn du darüber hinausgehst, ist es zuviel!“ So flog das Buschferkel davon. Ach, war das eine schöne Aussicht! Aber als es so hoch war, wie der Geier gewöhnlich flog, da wollte es immer noch höher. Sein Freund rief: „Flieg nicht höher als ich! Wenn die Sonne zu sehr wärmt, dann schmilzt, was wir dir angeklebt haben, und dann kannst du etwas erleben!“ Doch das Buschferkel fand es zu schön, so zu schweben, und es flog immer höher. Der Geier sagte: „Ach, da oben, wo wir das Buschferkel sehen, da wärmt die Sonne zu stark, und wenn das Angeklebte schmilzt, dann muß das Buschferkel heute sterben.“ Und bald darauf schmolz auch schon der Teer, der die Federn hielt. Die Federn lösten sich vom Leib des Buschferkels und fielen ab. Da stürzte das Buschferkel nach unten, huu! Mit dem Kopf zuerst fiel es auf die Erde, so daß sich sein Gesicht völlig abstumpfte und die Schnauze weit klaffte. Da kam der Nachtaffe, sah das Buschferkel liegen und staunte. „Ach, wie hast du dich nur umgebracht?“ Vor lauter Staunen riß er die Augen übermäßig weit auf, und von da an blieben seine Augen so riesig. Auch der Ziegenmelker kam und lachte schrecklich über das Buschferkel, weil es auf alle Warnungen nicht gehört hatte. Von diesem Lachen bekam er einen großen Schnabel. Darum also hat der Nachtaffe so große Augen, weil er über das Buschferkel staunte, und der Ziegenmelker hat einen so großen Schnabel, weil er es auslachte. Ein Vergleich mit der europäischen Fabel - im folgenden in der Version von La Fontaine - sollte sowohl die Gemeinsamkeiten (ähnliche Moral: Wer sich selbst überschätzt, kann zu Schaden kommen) wie auch die Unterschiede (andere Tiere; Lyrik / Prosa; knapp / ausführlich; Lehre: am Beispiel des Fehlverhaltens des Frosches wird Kritik am Feudalismus geübt / zur Belehrung über das individuelle Fehlverhalten tritt eine Erklärung des charakteristischen Aussehens einiger Tiere) herausarbeiten:
Der Frosch, der so groß sein wollte wie ein Ochse6 Ein Fröschlein, als es einen Ochsen sah, fand, stattlich stehe dieser da. Es selber war nicht größer als ein Ei; begierig dehnt und bläht und plagt es sich, daß es dem Biest an Größe ähnlich sei. Schau, Bruder, ruft es, schau auf mich, hab ich’s erreicht, ist es genug? - O nein. - Und nun? - Noch nicht. - Und jetzt? Sag’s frei! - Es fehlt noch viel. - Der arme Knirps macht Zug um Zug und platzt mit lautem Knall entzwei. Das Fröschlein hat in aller Welt Verwandte: Mit Großmannssucht baut jeder Biedermann, der kleinste Fürst hält sich Gesandte
Zur - möglicherweise aber auch vor die - Analyse sollten Versuche des Umschreibens - etwa Ausbau der Fabel zu einer ausführlicheren Geschichte oder Verkürzung der Geschichte aus Zaire zu einer Fabel - treten. Denkbar sind auch die Umsetzung in eine Bildgeschichte oder einen Comic, aber auch in ein Rollenspiel oder ein Hörspiel, zu dem Kinder geeignete Musikstücke entweder mitbringen oder selbst spielen. Sowohl Ähnlichkeiten mit dem u.a. von den Brüdern Grimm (KHM 187) und Bechstein7 veröffentlichten Märchen vom Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel wie auch mit dem Grimm-Märchen vom Froschkönig (KHM 1) weist die folgende traditionelle Erzählung aus Zaire auf, die das in der afrikanischen Oralliteratur häufige Motiv des Tierbräutigams mit einem belehrenden Schluß verbindet:
Wie die Schildkröten zusammenhielten8 Es war einmal ein Mann, der hatte eine Tochter, und viele Männer kamen, um sie zu heiraten. So machte sich auch der Buschbock auf und hielt um sie an; aber sie wies ihn ab. Die Antilope erschien mit derselben Absicht und wurde ebenfalls abgewiesen. Als die Antilope fort war, kam die Schildkröte, um das Mädchen zu heiraten, und da sie ihm gefiel, stimmte man sofort zu. Aber die Antilope war damit nicht zufrieden: „Morgen gehe ich noch einmal zu jenem Mädchen; ich will es unbedingt heiraten!“ Angekommen, fragte sie: „Wie kommt denn das, Mädchen; mich weist du einfach so ab, und ausgerechnet die Schildkröte ziehst du vor?“ Da antwortete die Tochter: „Nein, du gefällst mir auch sehr gut, es liegt an meinem Vater.“ Also suchte die Antilope den Vater auf. Der sagte: „Ach, mir ist einer so lieb wie der andere als Schwiegersohn. Machen wir’s so: Ihr lauft um die Wette, und der Sieger bekommt meine Tochter. Wann werdet ihr kommen?“ - „Am Sonnabend“, schlug die Antilope vor. „Gut, das geht in Ordnung“, schloß der Vater. Die Antilope ging nach Hause und verkündete: „Diesen Sonnabend ist meine Hochzeit mit jenem Mädchen; es liebt mich und lächelt mir zu!“ Als die Schildkröte das hörte, erklärte sie: „Ich komme auch am Sonnabend.“ - „Na, dann mußt du dich aber beeilen; sie haben gesagt: ‘Wer morgen als erster ankommt, darf das Mädchen heiraten!’“ - „Und wann soll der Lauf losgehen?“ - „Morgens vor Sonnenaufgang.“ Dann trennten sie sich. Da berief die Schildkröte alle ihre Verwandten und erklärte ihnen die Angelegenheit. Eine Schildkröte mußte gleich da bleiben, wo sie waren, mit den andern machte sie sich auf und ließ immer nach einer gewissen Strecke eine zurück, und den letzten Posten, dicht beim Hause des Mädchens, nahm sie selbst ein. Die Aufstellung nahm die ganze Nacht in Anspruch. Jede mußte sich verstecken und konnte dann noch etwas schlafen. So gab es überall unterwegs eine Schildkröte. Noch vor Tagesanbruch machte sich die Antilope auf. Sie traf eine Schildkröte und rannte an ihr vorbei, um als erste bei dem Mädchen anzukommen. Sie lief und sprang, was sie konnte. Nach einer Weile rief sie: „He, Schildkröte!“ Da antwortete eine weit vor ihr: „Ich bin hier, du rufst ja von weit dahinten!“ Die Antilope raste weiter. Nach einer gewissen Strecke rief sie wieder: „He, Schildkröte!“ Weit vor ihr antwortete es: „Ooo, das ist ja ganz dahinten, wo du rufst! Los, vorwärts!“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Schon hing ihr die Zunge aus dem Mund! An einer Wegabzweigung hielt sie an und rief von neuem: „He, Schildkröte!“ Da antwortete es ihr aus dem nächsten Dorf. Und als sie dort ankam, hieß es weit vor ihr: „Ach, von dahinten rufst du! Beeil dich doch!“ So erreichte sie endlich das Haus des Mädchens, und wer wartete an der Veranda? Die Schildkröte! „Na, ich bin schon lange hier und habe bereits Maisbrei gegessen“, sagte sie. Die Antilope wußte nicht, was sie tun sollte, und ließ sich ganz erschöpft fallen. So heiratete die Schildkröte jenes Mädchen, während die Antilope das Nachsehen hatte. Und warum? Weil die Schildkröten zusammenhielten. Wenn wir Menschen so zusammenhalten, dann können wir Großes erreichen; aber wenn jeder nach seinem Kopf geht, dann müssen wir versagen, wie die Antilope versagt hat.
Nach der Beschäftigung mit diesem Text, der z.B. szenisch dargestellt oder als Anlaß für das Erfinden eines Dialoges zwischen der Antilope und ihren Verwandten genutzt werden könnte, könnte der Film „Herr Kröterich zu Besuch bei den Schwiegereltern“ gezeigt werden. Vor dem Ansehen könnten die Schüler nach Vorgabe des Titels über den Inhalt spekulieren, während des Films könnten sie in Stichworten die Handlung festhalten und anschließend nacherzählen, besprechen und evtl. selbst darstellen. Der Film selbst könnte als Anregung dienen, in Form einer Bildgeschichte eigene ‘Märchenfilme’ herzustellen, die dann mit Musik und Text - auf einer Kassette aufgenommen - vertont werden könnten. Denkbar ist auch eine Umsetzung in ein Puppenspiel. Die folgende Beschreibung, wie und zu welchem Zweck Märchen in Afrika erzählt wurden - und z.T. in ländlichen Gegenden auch heute noch erzählt werden - soll dazu anregen, eigene Gestaltungsversuche vor einem ‘mitgehenden Klassenpublikum’ zu machen, wobei allerdings klargestellt werden muß, daß dies von den Kindern nicht für Klamauk genutzt wird: In den traditionellen Gemeinschaften waren es nicht nur die Großmütter, die abends den Kindern Märchen erzählten, sondern der ‘Märchenerzähler’ war eine beliebte Gestalt im ganzen Dorf und versammelte jung und alt um sich, wenn er seine Märchen vortrug. Sein Auftritt kam einem geradezu theaterähnlichen Ereignis gleich: Von Trommeln oder Musikinstrumenten begleitet, erzählte er die Märchen nicht nur wortreich, sondern stellte sie dar. Durch Mimik, Gesten, Nachahmen von Tierlauten und den Stimmen der handelnden Personen verlieh er seiner Erzählung Leben. Häufig reagierten die Zuschauer durch Rufe, Fragen oder emotionale Äußerungen auf sein Spiel. Die Märchen erklärten Erscheinungen der natürlichen Umwelt, sie waren aber vor allem moralisch wegweisend: Verhalten gegen die Normen der Gemeinschaft wird, oft durch Eingreifen der Geister, bestraft, Verstöße gegen Tabus ziehen Mißgeschick und Untergang nach sich. In den Gestalten des vorbildlichen und ungehorsamen Kindes wird vorgeführt, was gute und was böse Taten nach sich ziehen.9 Während der gesamten Unterrichtseinheit sollte im Klassenzimmer eine Afrikakarte hängen und die Schüler sollten ermuntert werden, weitere Informationen zu Afrika zu sammeln (z.B. über Tiere, Pflanzen, Reiseziele, aber natürlich auch über Musik, Kunst, Kultur und Wirtschaft), wobei sich eine Zusammenarbeit mit anderen Fächern (Erdkunde, Biologie, Bildende Kunst, Musik, Religion) anbietet. Je nach Interesse - und zur Verfügung stehender Zeit - könnte so die Unterrichtseinheit in ein Afrikaprojekt übergehen. Die Unterrichtsergebnisse könnten in einer ‘Dokumentation’ auf plakatgroßen Papierbögen im Klassenzimmer und/oder im Schulhaus ausgestellt werden. Sollte es ein vertieftes Interesse an Zaire geben, können die autobiographischen Erinnerungen des im Zaire der fünfziger und sechziger Jahre aufgewachsenen und heute in Deutschland lebenden Jean Jérôme Chico-Kaleu Muyemba ausgewertet werden.
Literaturhinweise Quellenhinweise: 1) Gerhard Haas: Eine Märchenreise um die Welt. Eine Unterrichtsanregung. In: Praxis Deutsch Heft 103 (September 1990) S. 27 2) ebd. S. 26 3) Rudolf Schmitt: Wie dann? Einige Prinzipien für die Dritte-Welt-Erziehung in der Grundschule. In: ders., Brunhilde Marquardt-Mau, hrsg.: Chima baut sich eine Uhr. Dritte-Welt-Erziehung im Sachunterricht: Thema Zeit. Weinheim und Basel: Beltz, 1990 S. 23 4) Abgedruckt in der Nacherzählung von Richard Carstensen in: unterwegs. Lesebuch 6. Schuljahr. Stuttgart u.a.: Klett, 1992 S. 91-93 (Ursprünglich erschienen in: Griechische Sagen. Bearbeitet und ergänzt von Richard Carstensen. Reutlingen: Ensslin und Laiblin, 1954) 5) Als das Buschferkel fliegen wollte. In: Wolfgang Hammer, Rainer Arnold, hrsg.: Als das Buschferkel fliegen wollte. Märchen aus Zaire. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer, 1990 S. 269-270 6) La Fontaine: Der Frosch, der so groß sein wollte wie ein Ochse. In: Reinhard Dithmar, hrsg.: Fabeln, Parabeln und Gleichnisse. München: dtv, 81988 S. 153 7) Abgedruckt in: Lesewelt. Lesebuch Grundschule 2. Schuljahr. Ausgabe für die neuen Bundesländer. Bochum: Kamp, 1991 S. 140-143 (Ursprünglich erschienen in: Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. München: Winkler, 1965) 8) Wie die Schildkröten zusammenhielten. In: Wolfgang Hammer, Rainer Arnold, hrsg.: Als das Buschferkel fliegen wollte. Märchen aus Zaire. Leipzig und Weimar: Gustav Kiepenheuer, 1990 S. 275-277 9) Edith Broszinsky-Schwabe: Kultur in Schwarzafrika. Leipzig u.a.: Urania, 1988 S. 256
Weiterführende Literaturvorschläge: Peter Bräunlein: Kinder- und Jugendliteratur zu Afrika - aus Afrika?! In: Diskussion Deutsch Heft 138 (August 1994) S. 266-271 [enthält u.a. Hinweise auf deutsche Ausgaben afrikanischer Märchen] ders.: Märchenreise nach Afrika. In: Praxis Deutsch Heft 134 (November 1995) S. 33-42 [enthält u.a. weitere afrikanische Versionen des Wettlaufs vom Hasen und Igel] Wolfram Frommlet: Kaum ‘O-Töne’ im Radio. Afrikanische Erzähltradition und neue Medien. In: blätter des iz3w Heft 153 (November 1988) S. 26-33 [gibt einen ersten Eindruck der gegenwärtigen Situation in Afrika] Walter Michler: Afrika. Wege in die Zukunft. Unkel/Rhein: Horlemann, 1995 [stellt u.a. die gegenwärtigen Auseinandersetzungen in Zaire dar] Praxis Deutsch Heft 103 (September 1990) ‘Märchen heute’ [viele Unterrichtsvorschläge zu Märchen i.a.] Pädagogisches Landesinstitut Brandenburg, hrsg.: Interkulturelle Erziehung. Teil 3: Kindheit eines Schwarzafrikaners. Ludwigsfelde 1993 (PLIB-Werkstattheft 19 - Bezugsadresse: Pädagogisches Landesinstitut Brandenburg (PLIB), 14974 Ludwigsfelde) [Der in Deutschland lebende Autor Jean Jérôme Chico-Kaleu Muyemba erzählt anschaulich über seine Kindheit und Jugend im Zaire der fünfziger und sechziger Jahre.] Jos Schnurer: „Vor einem Affenhaus schlägt man keine Purzelbäume“. Sprichwörter als Zugang zum Verständnis afrikanischer Kulturen. In: Eine Welt in der Schule H. 4 (Dezember 1994) S. 16-22
Altersempfehlung: Kinder zwischen 8-12 Jahren Adressaten: Schulklassen, Gemeindeveranstaltungen Stichworte: Afrikanische Märchen
Januar 1996 Peter Bräunlein
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