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Die Multiknolle - Karriere einer Ackerfrucht

Nr. 144
Regie: Joerg Altekruse, BRD 1998
Dokumentarfilm, 44 Min., Farbe, Video VHS
Verleih: EMZ 2-15, 17-19


Inhalt:


Der Film beschreibt den Weg der Kartoffel von einer giftigen Wildpflanze des bolivianischen Urwalds bis  zu einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Welt. 3000 Jahre Kultivierung durch indianische Bauern sowie eine  rund 500-jährige Weiterentwicklung in Europa haben die Kartoffel zu dem gemacht, was sie heute ist.

Durch die Züchtung neuer Hochleistungssorten eignet sie sich ideal zur Verarbeitung durch die Nahrungsmittelindustrie. Zudem ist die Kartoffel auch für die Gentechnik als Lieferant nachwachsender Rohstoffe und Energien sowie für die Herstellung von Impfstoffen und Arzneimitteln von großem Interesse.

Der Film stellt zugleich die Kehrseite dieser Entwicklung dar: Es wird gezeigt, wie die  Wandlung der Kartoffel zum Industrieprodukt und zur Handelsware zwangläufig eine Standardisierung der Sorten nach sich zieht. Die unausweichliche Folge ist die Verödung der Sortenvielfalt. Die Entwicklung neuer Sorten wird aus Kostengründen langfristig nur noch in den Händen weniger Saatgut-Konzerne liegen. Aber auch durch den Einbau sogenannter „Genschalter“ wäre eine totale Abhängigkeit der weltweiten Kartoffelproduktion von wenigen Saatgut-Konzernen eine durchaus realistische Perspektive.

Der Film führt den Zuschauer zu einer Reihe von Orten, an denen Geschichte, gegenwärtige Situation und Zukunftsperspektiven der Multiknolle „Kartoffel“ deutlich werden:


Kartoffelernte in der Lüneburger Heide:

Es werden Erntemaschinen bei der Arbeit gezeigt. Anbau und Ernte  der Kartoffeln wurden von Vertragslandwirten im Auftrag der Firma Pepsi-Cola durchgeführt. Geerntet werden Hochleistungsknollen, die als Saatgut nach Rumänien geliefert werden. Dort sollen Vertragsbauern daraus den Rohstoff für eine Pommes Frites-Fabrik in Bukarest produzieren. Durch den welweiten Handel mit Saatkartoffeln wird ein jährlicher Umsatz von 300 Milliarden Mark erzielt.


Gut Windeby in Schleswig Holstein:

Hier wird die Züchtung neuer Kartoffelsorten durch Auslese betrieben. Etwa 40 wertbestimmende Merkmale sind bei jeder Kartoffel zu berücksichtigen. Ziel der Züchtung ist es, möglichst viele davon im Genstamm einer Sorte zu vereinen. 8 bis 12 Jahre dauert es, so der Leiter des Gutes, Karsten Buhr, bis eine Sorte marktreif ist. Für das Züchtungsziel ist natürlich der geplante Verwendungszweck ausschlaggebend. Das wird am Beispiel der Herstellung von Kartoffelchips deutlich gemacht.


Guatemala in Südamerika:

Zwei Wissenschaftler aus den USA und aus Holland sind in der Heimat der Kartoffel auf der Suche nach wilden Vorfahren der kultivierten Sorten. Im 3000 m hoch gelegenen feuchtwarmen Regenwald hoffen sie auf Arten zu stoßen, deren Genbestand zur „Verbesserung“ der Kultursorten genutzt werden kann. „Besser“ bedeutet hier: mehr Ertrag pro Hektar, geringerer Bedarf an Insektiziden und Fungiziden. Fände man z.B. eine Art, die gegen den Krautfäule-Pilz resistent ist, so könnten dadurch gewaltige Summen für Spritzmittel und  Ernteausfälle eingespart  werden.

Deswegen werden die Wisenschaftler von einem staatlichen Konrolleur der guatemaltekischen Regierung begleitet. Von jeder Wildknolle, die sie der Erde entnehmen, muß ein Duplikat in Guatemala zurückbleiben. Auf diese Weise versucht man sich gegen Genpiraterie zu schützen. Sollte ein Gen aus diesen Knollen später in den Konzernlabors der sortenarmen Industriestaaten in ein lukratives Patent umgemünzt werden, so ist die Regierung Guatemalas am Gewinn zu beteiligen.

Doch den Wissenschaftlern läuft die Zeit weg. Überbevölkerung und in deren Gefolge die Abholzung der Regenwälder haben den Lebensraum für wilde Kartoffelsorten sehr eingeschränkt, was einen enormen Verlust an Artenvielfalt zur Folge hat.

Aber auch alte Kultursorten werden nur noch selten angebaut, weil die Märkte der südamerikanischen Städte immer stärker von europäischen Hochleistungssorten dominiert werden. Inzwi-schen zahlen südamerikanische Bauern teure Lizenzen nach Europa, für eine Pflanze, die ihre Vorfahren in geduldiger Arbeit kultiviert haben.


Irland:

Nach ihrer Einführung in Europa wurde die Kartoffel in Irland schnell zum Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung. Als dann vor 150 Jahren ein eingeschleppter Pilz die gesamte Ernte vernichtete, hatte das eine katastrophale Hungersnot zur Folge, der 1 Million Menschen zum Opfer fielen. Diese Katastrophe war deshalb so verheerend, weil in Irland nur eine einzige Sorte angebaut worden war. Erst die Einführung neuer Sorten aus  Südamerika ermöglichte den erneuten Anbau von Kartoffeln in Irland. Aber man zog daraus Konsequenzen: Die irische Katastrophe markiert den Beginn des staatlich kotrollierten Kartoffelanbaus - auch in Deutschland.


Bundesamt für Sortenschutz in Hannover:

Etwa 150 Sorten sind derzeit durch das Bundesamt geprüft und zugelassen. Anbau und Handel anderer Sorten (z.B. alter Kultursorten, die aus dem amtlichen Register herausgenommen wurden) ist nicht erlaubt. Allerdings werden solche Sorten in Genbanken gesammelt. Etwa 2000 Sorten lagern derzeit in der „Deutschen Kartoffel-Genbank in Rostock“.

Jeder Züchter muß neue Kartoffelsorten  anmelden und prüfen lassen. Zugelassene Sorten sind dann über 12 Jahre geschützt. Landwirte, die diese Sorte anbauen wollen, zahlen beim Erwerb der Pflanzkartoffeln die Lizenzgebühren an den Züchter mit. Die frühere Praxis, das Saatgut aus der Vorjahresernte abzuzweigen, ist daher streng verboten und wird mit hohen Strafen belegt. Amerikanische Konzerne gehen noch einen Schritt weiter und bauen in ihre Produkte sogenannte „Genschalter“ ein, die erst durch spezielle Spritzmittel aktiviert werden. Damit haben sie die totale Kontrolle über ihre Kunden.

Eine Gegenbewegung markiert die „Internationale Arche-Bewegung zur Rettung alter Kultursorten“. Was einmal aus dem amtlichen Register herausgenommen wurde, ist mit einem Bann belegt. Der Anbau solcher Sorten ist daher nur als Hobby im eigenen Garten möglich. In den Handel dürfen sie nicht gelangen.


Amsterdamer Kartoffelbörse -  die Kartoffel als Handelsgut:

Gehandelt werden Einheiten zu 25 Tonnen in „Standartqualität“. Ein Drittel des europäischen Marktes wird über die Amsterdamer Börse kontrolliert. Handelshäuser, Pommes-Fabrikanten und Kartoffelerzeuger werden hier durch Makler miteinander ins Geschäft gebracht. Solche Börsen erzwingen geradezu die Vereinheitlichung der Sorten. 40% aller europäischen Kartoffeln hören inzwischen auf den Namen „Bintje“.

Interesse an standardisierten Sorten hat vor allem die Nahrungmittelindustrie. Nachdem zunächst Trockenprodukte wie Pürree und Knödel den Markt eroberten, liegt heute das Schwergewicht auf der Produktion von Tiefkühlprodukten im Fast-food-Bereich. 50% der  europäischen Kartoffelernte gehen inzwischen durch eine Fabrik. Die Kartoffel ist der ideale Grundstoff für Fertiggerichte in Fabrik-Qualität. Die einzigen Voraussetzungen sind standardisierte Rohware und billige Energie.


Emsland-Stärkefabrik - die Kartoffel als nachwachsender Rohstoff:

Die jährliche Kartoffelproduktion übersteigt den Bedarf an Speisekartoffeln bei weitem. Daher wird die Kartoffel längst auch industriell genutzt. Ein Fünftel der deutschen Kartoffelernte (6000 Tonnen täglich)  werden in der Emsland-Stärkefabrik verarbeitet. Hier  kommen  besonders stärkereiche Sorten zum Einsatz, die für den Verzehr viel zu mehlig sind. Die gewonnene Kartoffelstärke geht zum größten Teil in Papierfabriken zur Herstellung von Hochglanzpapieren, aber es können auch Folien oder andere Produkte daraus hergestellt werden. Allerdings ist man aufgrund des niedrigen Ölpreises gegenüber petrochemischen Produkten (trotz besserer Umweltverträglichkeit) noch nicht konkurrenzfähig. Das könnte sich allerdings ändern, wenn es gelänge, die Stärkekartoffeln gentechnisch zu optimieren.

Eine weitere Nutzung findet die Kartoffel bei der Herstellung von Bioalkohol. Dieser kann in Brenn-stoffzellen sogar zur Stromerzeugung verwendet  werden.


Köln, Max-Planck-Institut - die Genkartoffel als Impfstoff?

Derzeit wird im Kölner  Max-Planck-Institut noch Grundlagenforschung betrieben. Je genauer die Kenntnisse über den Sitz einzelner Gene sind, desto leichter wird es sein, die Kartoffeln nach eigenen Wünschen zu verändern. Aber grundsätzlich können implantierte Gene in der Kartoffel alles mögliche produzieren, z. B auch Arzneimittel und Impfstoffe. Kartoffelbrei gegen Kinderlähmung - das ist nach Auffassung des Institutsleiters Professor Wolfgang Rohde bald schon keine Utopie mehr.

Die Zukunft der Multiknolle, so scheint es, hat gerade erst begonnen. Als gesundes und schmackhaftes Nahrungsmittel aber ist die Kartoffel in Gefahr.

 

Kommentar:

Der Film von Jörg Altekruse bietet eine Fülle von Informationen rund um die Kartoffel. Einige Aspekte sollen im folgenden näher beleuchtet werden:

1.      Die Ambivalenz einer industriellen Nutzung der Kartoffel als Multiknolle wird im Film deutlich herausgearbeitet. Einerseits liegen in der Produktion der Kartoffel als nachwachsendem Rohstoff faszinierende Möglichkeiten. Kompostierbare Folien, Energie aus Bio-alkohol - das könnten wünschenswerte Beiträge zum Umweltschutz sein. Voraussetzung für die wirtschaftliche Realisierbarkeit solcher Projekte ist allerdings die gentechnische Optimierung der Kartoffel. Eine andere Position bezieht hier Dr. Konrad Schüler (Leiter der Kartoffelgenbank in Gr. Lüsewitz). Seine Stellungnahme ist m.E. eine der eindrücklichsten Passagen dieses Filmes. Für ihn stellen gentechnische Experimente nur eine theoretische Spielerei dar: „Man kann sich die Natur nicht hernehmen wie einen Baukasten und sich alles Mögliche synthetisch zusammenbasteln. Pflanzen sind mehr als nur die Summe ihrer Gene - viel zu komplex für überhebliche Basteleien.“ 

2.      Besorgniserregend ist der dramatische Verlust an Sortenvielfalt. Der Film nennt dafür im Wesentlichen drei Gründe:
- Standardisierung der Kartoffelproduktion in den Industrienationen,
- Vernichtung natürlicher Lebensräume für wilde Kartoffelsorten in den Ländern
   Lateinamerikas
- und schließlich ein weltweiter Handel mit Pflanzkartoffeln von Hochleistungssorten, die
   (selbst in Lateinamerika) alte Kultursorten zunehmend von den Märkten verdrängen.  

3.      Für den uninformierten Verbraucher ist es überraschend, wie weit die Reglementierungen des staatlich kontrollierten Kartoffelanbaus gehen. So sehr der Schutz neugezüchteter Sorten einleuchten mag, so wenig begreiflich ist die Tatsache, daß alte Kultursorten, die einmal aus dem amtlichen Register herausgefallen sind, für Anbau und Handel gesperrt bleiben.

4.   Ein beunruhigender Aspekt ist die gängige Praxis, Gene und Genome zu lizensieren und zu patentieren. Damit wird der Allgemeinheit der Zugriff auf Teile der Schöpfung verwehrt. Dramatisch wird dieser Aspekt, wenn Pflanzgut außerdem mit Genschaltern versehen werden. Eine totale Kontrolle der weltweiten Kartoffelernte durch wenige Biokonzerne kann nicht im Interesse von Produzenten und Verbrauchern liegen.

 

Didaktische Hinweise:

Folgende Aspekte des Films bieten sich für eine gesonderte Behandlung im Unterricht an:

·        Welche Haltung ist im Hinblick auf die industrielle Nutzung der Kartoffel, vor allem bei der Frage gentechnischer Veränderungen, angemessen? Damit sind eine Reihe schwieriger ethischer Fragen verbunden. Z.B.:
- Ist es angesichts des Hungers in der Welt vertretbar, ein Nahrungsmittel als industriellen
  Rohstoff zu verwenden?
- Wie sind Chancen und Risiken der Genmanipulation zu bewerten?

·        Welche Konsequenzen hätte es, wenn die Kontrolle über die Nahrungsmittelproduktion eines Tages in den Händen weniger Konzerne liegen würde?

·        Die entscheidende didaktische Aufgabe wird sein, den Zusammenhang zwischen dem eigenen Konsumverhalten und der derzeitigen Nahrungsmittelproduktion deutlich zu machen. Produziert wird nur, was auch konsumiert wird. Was in den Regalen liegen bleibt, wird vom Markt genommen. Das macht deutlich: Über Konsumverhalten ist eine Einfluß-nahme auf die Produktion möglich.

·        Solche Erkenntnisse sollten nicht nur theoretisch behandelt werden. Die Multiknolle bietet hervorragende Möglichkeiten für die Durchführung praktischer Projekte. Denkbar wäre hier beispielsweise der hobbymäßige Anbau alter Kultursorten (z.B. im Schulgarten).

·        Im kirchlichen Raum entstehen mehr und mehr Initiativen, die den Anbau von Kartoffeln als kollektive Aufgabe in Gemeinden oder Kirchenkreisen praktizieren. Diese Initiativen haben das Ziel, möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, Verantwortung für die Produktion ihrer Nahrungsmittel zu übernehmen und das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen. Solche Projekte sind im Prinzip an jedem Ort durchführbar (Informationen über Kon-taktadresse „Aktion Kirchenkreiskartoffeln“).

 

Kontaktadressen:

Dr. Karsten Buhr, Saka Ragis Pflanzenzucht GbR, 24340 Windeby; Tel.: 04351-49 40

Gernot Riedel, Gärtnerei Ökokiste (Arche Bewegung /alte Kartoffelsorten) Am kleinen Moordamm 1, 28357 Bremen; Tel.: 0421-27 59 39

Günter Herms, Geschäftsführer der Fa. Emslandstärke, 49824 Emlichheim; Tel.: 05943-81-0

Prof. Dr. Wolfgang Rohde, Max-Planck-Institut für Kulturpflanzenforschung, Carl-von-Linne-Weg 10, 50829 Köln; Tel.: 0221-50 62 420

Gustav Schumann, Bundessortenamt, Hauptstraße 1, 31319 Rethmar;Tel.: 05138-60 86-15

Egon Wurr, Natura GmbH, Poststraße 4, 48499 Salzbergen (Verpackung aus Kartoffelstärke) Tel.: 05976-94 78 0

Dr. Konrad Schüler, Kartoffel-Genbank der IPK Gatersleben, 18190 Groß Lüsewitz; Tel.: 03820-98 05 25

Aktion Kirchenkreiskartoffeln, Christian Castel, Berliner Str. 14, 31180 Ahrbergen; Tel.: 05066-43 06

 
Literaturhinweise:

Michael Flittner; Sammler, Räuber und Gelehrte, die politischen Interessen an pflanzengene- tischen Ressourcen, Campus-Verlag, Frankfurt a. Main, 1995

Beiträge der Bundesrepublik Deutschland zu pflanzengenetischen Ressourcen; in: Berichte zur Landwirtschaft, Hrsg.: Bundeslandwirtschaftsministerium, Bonn 1996

Kollektive geistige Eigentumsrechte und Biodiversität, Hrsg.: Gesamthochschule Kassel, Fachbereich 6, Kassel 1997 (ISBN 3-88122-898-5)

Leben und Leben lassen, Biodiversität und Ökonomie im Widerstreit, in: Ökozid, Focus-Verlag, Gießen 1995 (ISBN 3-88349 409-7)

Guten Appetit – Schlechter Hunger, Unterrichtsmaterial zum Handbuch der Welternährung, Hrsg.: Deutsche Welthungehilfe, Bonn, 1998 / Adresse: Adenauer-Allee 134, 53133 Bonn, Tel.: 0228-22 88 0 und Fax: 22 07 10
 

Medienhinweise:

Der Samenkrieg
Regie: Michael Busse / Maria Rosa Bobbi, BRD 1995
43 Min., f., Dokumentarfilm
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 1,2,6,7,9-13
Verleih Video:  EMZ 10-13

Gentechnisch behandelte Lebensmittel
Regie: E. Weinberger, A/BRD 1996/97, FWU
30 Min.,f., Dokumentarfilm
Verleih: verschiedene Bildstellen

Tatort Tropen – Wer profitiert von der Artenvielfalt?
Regie: Th. Weidenbach, BRD 1996, FWU
Verleih: verschiedene Bildstellen und Medienzentralen

 

Christian Castel                                                                              September 1999



Artikel zuletzt geändert am: Donnerstag, 15. November 2001 12:20


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