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Einmal im Leben ins Kino

Nr. 139


Ein Film über Kinderarbeit in Indien
Regie und Buch: Alice Schmid, Kamera: Romeo Polcan, Schweiz 1998
26 Minuten, Farbe, Dokudrama, Video, VHS
Verleih: EMZ 1-19


Inhalt:

Triwheni bekommt am Dorfrand unter einem Baum die Haare geschnitten. Eine Kinderstimme erzählt dazu, wie der Friseur den Vater überredet hat, ihn und seinen Freund Mohan in die Stadt gehen zu lassen. Dort gibt es Arbeit für die Jungen und die Gelegenheit, oft ins Kino gehen zu können. Der Vater bekommt eine Vorauszahlung für die Arbeit seines Sohnes; alle Kinder beneiden die beiden Jungen um die Möglichkeit, den Ort zu verlassen. Am Dorfrand übergibt der Friseur die Jungen einem Fremden, der mit ihnen zwei Tage lang durch Indien reist. Die Endstation liegt etwa tausend Kilometer vom Heimatdorf entfernt im sogenannten Teppichgürtel von Mirzapur und ist ein dunkler Raum, in dem acht Kinder für einen Mann namens Lurga unter sklavenähnlichen Bedingungen Teppiche knüpfen.
Die beiden Freunde sitzen an einem Knüpfrahmen und werden von Dasra, einem anderen Jungen in die Arbeit des Teppichknüpfens eingewiesen. 2 Fäden, ein Knoten; 10 Knoten, ein Muster. Die Fäden müssen dicht hinter dem Knoten abgeschnitten werden. Dies ist für die Kinder gefährlich, da sie sich dabei oft schneiden. Ihr Arbeitgeber Lurga stoppt das Bluten der Fingerkuppen indem er Schwefel abbrennt. Vier Mädchen und vier Jungen sitzen sieben Tage die Woche in gebückter Haltung vor den Knüpfrahmen, ihr Arbeitstag beginnt meistens um vier Uhr früh. Man sieht ihre kleinen Finger knüpfen, schneiden und Fäden einfügen, man hört sie husten. Sie sind beim Essen zu sehen, das schlecht ist und ihnen nicht nur keine Kraft gibt, sondern körperliche Beschwerden verursacht.
Triwheni erzählt, daß Dasra von Lurga so geschlagen wird, daß er an den Folgen stirbt. Die kranke Sabita wird einfach weggeschickt, niemand weiß, wohin sie gegangen ist. Am nächsten Tag steht ein neues Mädchen da.
Einmal versuchen Triwheni und Mohan zu fliehen, sie werden wieder eingefangen und müssen als Strafe ein unmögliches Arbeitspensum bewältigen. Als sie dies nicht schaffen, schneidet Lurga mit dem Teppichmesser in Triwhenis Knie.
Drei Jahre dauert das Martyrium der beiden Jungen. In dieser Zeit knüpft Triwheni nach eigener Schätzung etwa zwanzig Teppiche. Dann werden die Kinder befreit.
Eingeleitet und beendet wird der Film durch Bilder des 1998 veranstalteten Global March, bei dem zahlreiche Kinder und Erwachsene gegen die Ausbeutung von Kindern protestierten.
Der indische Menschenrechtsaktivist Kailash Satyarti von der South-Asian Coalition on Child Servitude (SACCS) sagt am Ende: "Unser Traum ist sehr einfach. Kein Kind soll mehr in der Landwirtschaft, in kleinen Betrieben oder Fabriken arbeiten müssen. Alle Kinder sollen spielen, lernen und ihre Kindheit genießen können. Deshalb protestieren wir."


Zum Film:

Alice Schmid hat zur Darstellung des Problems der Kinderarbeit die Form des Dokudramas gewählt. Der Junge Triwheni erzählt seine Geschichte und spielt sie gleichzeitig nach. Der Film zeigt in eindringlichen Bildern den Arbeitsalltag der Kinder, die Gewalt, das Nichtvorhandensein von dem, was wir unter Kindheit verstehen. Die Regisseurin beschränkt sich auf diesen Problemkreis und widersteht der Versuchung, allzuviel über gesellschaftliche Zusammenhängen mitteilen zu wollen. Sie verzichtet auch darauf, die Befreiungsaktion der Kinder nach drei Jahren in spektakulären Bildern zu zeigen. Die wiedergewonnene Freiheit und das damit verbundene Glücksgefühl der beiden Freunde vermittelt sie, indem sie die beiden voller Lebensfreude durchs Wasser schwimmend zeigt. Der zu Beginn und am Schluß des Filmes dargestellte Global March läßt erkennen, daß sich nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder selbst an den Protesten gegen ausbeuterische Kinderarbeit beteiligen.


Hintergründe:

Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf arbeiten weltweit etwa 300 Millionen Kinder, genaue Zahlen sind unbekannt. Ein 1991 von UNICEF herausgegebener Bericht nennt für Indien die Zahl von 75 Millionen Kinderarbeitern zwischen 6 und 11 Jahren.
Es gibt eine Reihe internationaler Übereinkommen gegen Kinderarbeit, so unter anderem in der UN-Kinderrechtskonvention den Artikel 32, der folgendes festlegt:
Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes an, vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt und nicht zu einer Arbeit herangezogen zu werden, die Gefahren mit sich bringen, die Erziehung des Kindes behindern oder die Gesundheit des Kindes oder seine körperliche, geistige, seelische, sittliche oder soziale Entwicklung schädigen könnte.
Die Vertragsstaaten treffen Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen, um die Durchführung dieses Artikels sicherzustellen. Zu diesem Zweck und unter Berücksichtigung der einschlägigen Bestimmungen anderer internationaler Überein- künfte werden die Vertragsstaaten insbesondere
            a) ein oder mehrere Mindestalter für die Zulassung zur Arbeit festlegen;
            b) eine angemessene Regelung der Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen vorsehen;
            c) angemessene Strafe oder Sanktionen zur wirksamen Durchsetzung dieses Artikels
                vorsehen.

Die Länder, in denen die meisten Teppiche geknüpft werden, haben diese Konvention ratifiziert; Indien (1992), Pakistan (1990) und Nepal (1990).
Darüber hinaus gibt es in den meisten Ländern nationale Gesetze, die Kinderarbeit verbieten. Diese gesetzlichen Verbote bewirken allerdings auch, daß arbeitende Kinder keine Arbeitneh- merrechte haben.
Der Großteil der Kinderarbeit findet im sogenannten informellen Sektor statt, oft im Familien- verband. Ein weiteres Merkmal der Kinderarbeit ist ihre Unsichtbarkeit.
Kinder werden beschäftigt weil sie billig sind, sich nicht wehren können und leicht zu diszipli- nieren sind. Trotzdem gibt es Kinder, die arbeiten wollen und sich dadurch ihren Schulbesuch finanzieren sowie ihre Familie unterstützen. 


Kinder in der indischen Teppichindustrie
Es gibt keine genauen Zahlen, die ILO schätzte 1991, daß rund 350.000 Kinder unter vierzehn Jahren Teppiche knüpften, dazu kamen noch 70.000 Kinder, die andere Arbeiten im Rahmen der Teppichherstellung ausführten. Die Arbeitsbedingungen werden im Film realistisch beschrieben. Die Teppichherstellung existiert in Indien als Handwerk seit etwa 500 Jahren, die besten Teppiche werden jedoch nicht von Kindern, sondern von erfahrenen Knüpfern hergestellt.
Durch eine steigende Nachfrage, vor allem aus Deutschland, den USA und Italien, ist die Teppichproduktion in Indien seit Mitte der achtziger Jahre sprunghaft angestiegen. Dies hatte einen raschen Zuwachs von Kinderarbeit zur Folge. Im Gegensatz zu anderen Bereichen mit einem großen Anteil an Kinderarbeit lag in den hohen Exportraten der Teppichindustrie eine Chance zur Abschaffung von Kinderarbeit durch Sensibilisierung der VerbraucherInnen.
Darauf beruhte auch die Kampagnenidee, die Kailash Satyarti 1990 entwickelte. Er forderte in Deutschland, dem wichtigsten Importland indischer Teppiche, die Lobbyarbeit gegen Kinderarbeit zu verstärken. Noch im selben Jahr startete Brot für die Welt zusammen mit terre des hommes und später Misereor die "Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie", um die Öffentlichkeit auf das schwere Los der kindlichen Teppichknüpfer aufmerksam zu machen und für Teppiche ohne Kinderarbeit zu werben. Daraus entwickelte sich die Idee des Gütesiegels ‘Rugmark’
‘Rugmark’ ist ein Siegel für Teppiche und wird in Indien seit Ende 1995 durch unabhängige Inspektoren vergeben. Die Produzenten müssen sich verpflichten,
auf illegale Kinderarbeit zu verzichten,
den erwachsenen Knüpfern die gesetzlichen Mindestlöhne zu zahlen,
den Rugmarkkontrolleuren jederzeit und ohne Anmeldung alle Betriebsstätten und die
notwendigen Unterlagen zugänglich zu machen.

Bis November 1998 wurden in Indien über eine Million Teppiche mit diesem Siegel ausge-zeichnet. 200 Exporteure haben eine Lizenz erhalten und ließen an 21.000 Knüpfstühlen Rugmark-Teppiche herstellen. Werden bei einer Kontrolle arbeitende Kinder angetroffen, so verliert der Teppichhersteller diese Lizenz.
In Deutschland bieten inzwischen 29 Importeure solche Teppiche an. Sie verpflichten sich zu einer Lizenzgebühr von einem Prozent des Einfuhrwertes, mit denen Rehabilitationsmaß-nahmen für befreite Kinder wie Triwheni und Mohan finanziert werden. Bis Ende 1998 kamen 1,4 Millionen Mark an Lizenzgebühren zusammen, die für pädagogische, medizinische und soziale Projekte in Indien verwendet werden.
Verbraucherinnen und Verbraucher haben so die Möglichkeit, durch ihr Kaufverhalten zur Abschaffung der Kinderarbeit beizutragen.


Entwicklungsprojekte zugunsten ehemaliger Teppichkinder

Da Armut der Familien der Hauptgrund für Kinderarbeit war und ist, genügt es nicht, die Kinder zu befreien und die Familien dann ohne ökonomische Alternativen zu lassen. Um zu verhindern, daß die Kinder im nächsten ausbeuterischen Arbeitsverhältnis landen, werden im Teppichgürtel von Mirzapur Ausbildungsmaßnahmen finanziert. In 41 alternativen Schul- zentren lernen über 2000 Kinder, die keine staatlichen Schulen besucht haben. Jugendliche können eine Berufsausbildung wie Fahrradmonteur, Schreiner, Schneider, Bienenzüchter u.a. absolvieren. Dazu kommen einkommenschaffende Maßnahmen für die Familien. Diese von Brot für die Welt, Misereor, terre des hommes und UNICEF in Zusammenarbeit mit der indischen Partnerorganisation SACCS finanzierten Projekte haben auch die Mobilisierung und Aufklärung der Familien und einer indischen Öffentlichkeit zum Ziel.
Auf Initiative von Kailash Satyarti startete im Januar 1998 in Manila der Global March against Child Labour, dem sich afrikanische und lateinamerikanische Gruppen anschlossen.
Gemeinsames Ziel war die Konferenz der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Juni in Genf, wo über eine neue Konvention zur Abschaffung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit beraten werden sollte, diese Konvention soll im Herbst 1999 verabschiedet werden.


Zum Einsatz des Filmes:

Der Film zeigt zwar ausschließlich Kinderarbeit in der Teppichindustrie, doch können viele Details, wie z. B. die monotonen Arbeitsabläufe, die Gewalt und der Einstieg in das Arbeitsverhältnis verallgemeinert werden. Der Film kann im Zusammenhang mit der Teppichkampagne als Verbraucherinformation eingesetzt werden. Andererseits läßt sich an ihm auch Kinderarbeit als Phänomen der Modernisierung diskutieren, das heißt immer mehr Kinder geraten in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, was mit Mithelfen in der Landwirtschaft oder dem Hineinwachsen in ein von den Eltern ausgeübtes Handwerk nichts mehr zu tun hat. Kinderarbeit kann vor allem mit Kindern und Jugendlichen sowohl historisch wie auch im Vergleich mit Kinderarbeit heute in Europa diskutiert und bearbeitet werden.
Um den Titel "Einmal im Leben ins Kino" begreiflich zu machen, sollte auf die Bedeutung des Kinos in Indien hingewiesen werden. Allein in Bombay werden jährlich mehr Filme als in Hollywood produziert; Kino ist eine nationale Leidenschaft, die hilft, für wenige Stunden die eigene Misere zu vergessen.


Weitere Informationen

Kontaktadressen:

Brot für die Welt Projektinformation Asien, Stafflenbergstr. 76,70184 Stuttgart, Tel.: 0711/2159-438, Fax 0711/2159-110

Misereor, Mozartstr. 9, 52064 Aachen

terre des hommes, Postfach 4126, 49031 Osnabrück, Tel.: 0541/71010

Transfair e.V. Rugmark-Deutschlandbüro e.V., Remigiusstr. 21, 50937 Köln, Tel.: 0221/9420400, Fax 0221/94204040

Werkstatt Ökonomie,Obere Seegasse 18, 69124 Heidelberg, Tel.: 06221/720296, Fax 06221/781183

 
Materialien:

Infomappe der Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie (Texte und Plakat)
Werkstatt Ökonomie Heidelberg

Vorwärts, Chandani, vorwärts
Arbeitshilfe mit Rezepten, Spielen und Informationen
Misereor Best. Nr. 52 4190

Hände können viel
Brot für die Welt - Lernwege - Handreichung für die Grundschule
Brot für die Welt, Postfach 10 11 42, 70771 Leinfelden-Echterdingen

Projektmappe, Befreiung von Teppichkindern, Indien
Brot für die Welt 1999

Kein Kinderspiel Kinderarbeit
terre des hommes Mai 1998

Indien. Ein Länderheft
terre des hommes April 1998

Daniel Haas
Mit Sozialklauseln gegen Kinderarbeit?
Lit. Verlag

Uwe Pollmann (Hrsg.)
Zum Beispiel Kinderarbeit
Lamuv Verlag

Hans-Martin Große-Oetringhaus/ Peter Strack (Hrsg.)
Verkaufte Kindheit - Kinderarbeit für den Weltmarkt
Verlag Westfälisches Dampfboot

Liebel, Was nützt den arbeitenden Kindern?
in: epd-Entwicklungspolitik 1/98 Dokumentation d/8

 

EINMAL IM LEBEN INS KINO kann für die nichtgewerbliche Arbeit sowohl ausgeliehen werden (s. o.), als auch zu folgenden Konditionen gekauft:

für Schulen, Gruppen, Institutionen mit dem Recht zur öffentlichen Vorführung (aber ohne Verleihrecht) (Ö) DM 58,-- (inkl. MwSt.)

für Institutionen mit dem Recht zur öffentlichen Vorführung und zum nichtgewerblichenVerleih (VÖ) DM 98,-- (inkl. MwSt.)


Medienhinweise:

BITTER ORANGE
Regie: Frederico Füllgraf, Brasilien 1997
29 Min., f. u. sw., Dokumentarfilm
Verleih Video: EMZ 1-19

BRIEFE AN ERWACHSENE
Regie: Alice Schmid, Schweiz 1994
53 Min., f., Dokudrama
Verleih Video: EMZ 1-8,10-19

MANUEL
Regie: Detelf Gumm/Hans-Georg Ulrich, BRD 1989
14 Min, f., Dokumentarfilm
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 6,8,11-13
Verleih Video:  EMZ 2,4,5-7,10,11,12,14,18

DIE SCOOTERFAHRER
Regie: Christian Weisenborn, BRD 1988
15 Min., f., Dokumentarfilm
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 2,4,6-9,11-13
Verleih Video:  EMZ 1,2,4,-7,9-13,15

EIN TREFFEN KLEINER MÄNNER
Regie: Gruppe Chaski, Peru 1987
10 Min., f., Dokumentarfilm
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 1-5, 8-13
Verleih Video:  EMZ 1,2,4,6,7,11,15

WIR KINDER VON MANILA
Regie: Johannes Schäfer, BRD 1993
37 Min., f., Dokumentarfilm
Verleih Video: EMZ 1-5,7,8,10-15,17-19

 

Ursula Pattberg                                                    März 1999



Artikel zuletzt geändert am: Freitag, 7. Dezember 2001 13:36


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