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Das Lied der Vögel (Para recibir el canto de los pájaros)

Nr. 128

Jorge Sanjinés, Bolivien 1995
Spielfilm, 97 Min., Farbe, 16mm, Orginalfassung (Aymara und Spanisch) mit dt. U.Titeln
Verleih 16mm: EZEF


Inhalt:
Ein Filmteam aus La Paz kommt zu Dreharbeiten in ein Dorf im bolivianischen Andenhochland. Die Filmemacher wollen einen Film über die Ankunft der spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert drehen. Die Dorfbewohner sollen als Komparsen mitwirken und die Opfer der von den Konquistadoren begangenen, ideologisch und religiös verbrämten Grausamkeiten spielen. Obwohl die Filmemacher vorab mit dem Dorfvorsteher gesprochen hatten und jedem Statisten ein Honorar anbieten, weigern sich die Dorfbewohner, sich an den Dreharbeiten zu beteiligen. Eine französische Anthropologin (gespielt von Geraldine Chaplin), die seit Jahren mit dem Dorfheiler zusammenlebt, bietet an, zwischen Drehteam und Dorfgemeinschaft zu vermitteln. Als Ausländerin wird sie aber von den Cineasten, die sich selbst für kulturell sensibel und politisch bewußt halten, nicht ernst genommen. Die Filmemacher verlieren kostbare Zeit, bis schließlich die Bewohner eines Nachbardorfes überredet werden können, im Film mitzuspielen. Die Stimmung im Drehteam ist an einem Tiefpunkt angelangt.
Die Filmemacher, die gekommen waren, um mit ihrem Film das koloniale Verhalten der Spanier zu kritisieren, beginnen mehr und mehr, ein ähnliches Verhalten an den Tag zu legen und die Indigenas als Menschen zweiter Klasse zu behandeln. Auf der Suche nach Motiven filmen sie die Dorfbewohner gegen ihren Willen bei der Vorbereitung eines überlieferten Rituals; der Produktionsleiter versucht, sich eine Aymara-Frau gefügig zu machen; Mitglieder des Drehteams gehen in einer Pause auf die Jagd und schießen auf "heilige" Vögel, die die indianischen Musiker inspirieren und vom Dorf mittels einer Zeremonie geehrt werden sollten. Daraufhin eskaliert die Situation. Als die Dorfbewohner nachts mit Fackeln in der Hand das Haus umringen, in dem sich das Drehteam aufhält, denken die Filmer an einen Racheakt der Dorfgemeinschaft und legen ihre Waffen griffbereit, um sich gegen den vermeintlichen Angriff zu wehren, während die Aymara nur in einem Ritual um Vergebung für das Verhalten des Drehteams bitten wollen.
Auch die aufkeimende Liebe zwischen der Dorflehrerin, die nach ihrer Ausbildung wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist, und dem Bruder des Produktionsleiters scheitert. Beide schaffen es nicht, die ihnen durch Herkunft und Gesellschaft auferlegten Barrieren zu überwinden. Doch erst nach dem letzten, großen Konflikt nehmen die Filmemacher das Angebot der französischen Anthropologin an, zwischen Drehteam und Dorfgemeinschaft zu vermitteln. Schließlich dürfen die Cineasten auch dem großen Fest zu Ehren der Vögel beiwohnen. Doch der Toningenieur versucht vergeblich, die "heiligen" Gesänge der Vögel aufzunehmen. Er kann sie nicht hören. Als der Film abgedreht ist, zieht das Drehteam ab. Zum Abschied erhalten die Filmer Geschenke von der Dorfgemeinschaft, unter anderem ein Amulett, eine "illa", das den Mestizen die Gabe verleihen soll, zukünftig das Lied der Vögel zu vernehmen.


Zum Film:
Das Lied der Vögel ist als Parabel auf die verschiedenen Seiten der ethnischen Diskriminierung im heutigen Bolivien zu verstehen. Statt offener Anklage versucht Sanjinés, den Blick der ZuschauerInnen auf die vielen Schattierungen zu lenken, die die komplexen und historisch gewachsenen Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen des Landes prägen. Schonungslos thematisiert er sowohl die arrogante Haltung der vermeintlich fortschrittlichen Intellektuellen gegenüber den Indigenas, die sich doch nicht auf deren Weltsicht und interne Organisationsprinzipien einlassen wollen, als auch die Gegenreaktion einiger "indigenistas", die nach Jahrhunderten der Unterdrückung den Kontakt zur westlichen Welt verweigern wollen. Selbst die Liebe, die überall dazu beiträgt, Brücken zu bauen, kann die Kluft zwischen indianischer Welt und Mestizengesellschaft nicht überwinden.
In "Das Lied der Vögel" gibt es keine positiv besetzten Hauptdarsteller/innen, die den Zuschauern eine eindeutige Identifikation ermöglichten. So scheitert etwa die Liebe zwischen der indianischen Dorflehrerin und dem Bruder des Produzenten unter anderem an dem Unverständnis und den Vorurteilen der indianischen Dorfgemeinschaft. Jedoch gelingt es Sanjinés nicht immer, den Figuren die notwendige Tiefe zu geben. Zum Teil wirken die Figuren deshalb etwas holzschnittartig, bzw. die Geschichte hölzern. Im Presseheft der Gruppe Ukamau heißt es: "Die Mestizengesellschaft wird repräsentiert durch die Filme-macher. Da ist zum Beispiel der Produzent Pedro Barron, der den dumpfen Rassismus verkörpert. Dann ist da Shirley, die blonde Assistentin, die so weit von der Realität entfernt ist, daß sie nie etwas begreifen wird, Pepe, der Kameramann, der sich für links hält und sich brüstet, daß er auf der Seite der Indios steht aber schnell dazu bereit ist, zum Gewehr zu greifen, wenn er sich von ihnen bedroht fühlt. Dann ist da noch Yimena, die vielleicht am reifsten ist und sich während der Dreharbeiten von ihrem Lebenspartner, dem Regisseur Rodrigo entfernt, weil dieser im Moment der Gefahr auch bereit ist, Gewalt gegen die Bauern anzuwenden, obwohl er sich immer als progressiv dargestellt hat. Und dann ist da noch Catherine, die französische Anthropologin, die mit einem Heiler verheiratet ist und eine würdevolle, menschliche Person verkörpert. Als Ausländerin hat sie es geschaftt, unser Land mehr zu respektieren und zu lieben, als viele Bolivianer, weil sie frei von Vorurteilen ist."
Die Figur der Anthropologin, die den Pariser Mai erlebte, dann inspiriert von der Aussicht auf einen Sieg der Revolution nach Bolivien ging und schließlich in einem Andendorf mit einem "Kallawaya", einem Magier, zusammenlebt zeigt, daß eine wirkliche, transkulturelle Verstän-digung die Bereitschaft voraussetzt, vorurteilsfrei auf andere zuzugehen. Sie verkörpert die Botschaft "der Weg ist das Ziel" - eine Botschaft, die sich radikal von der seiner frühen Filme unterscheidet, in denen Sanjinés nicht ohne den pädagogischen Zeigefinger auskommt, der der geballten Faust entwächst. Ob der Appell zu mehr Toleranz und Verständigung gehört wird, das läßt der Film offen.
Mit dem Film verarbeitet Jorge Sanjinés Erfahrungen, die er 1968/1969 bei den Dreharbeiten zu "Das Blut des Condor" im Quechua-Dorf Charazani gemacht hatte. Dort stießen die Filme-macher bei ihrer Ankunft zuerst auf jenes unverhohlene Mißtrauen der Dorfgemeinschaft, obwohl der Dorfvorsteher zuvor die Zusage gegeben hatte, daß sie mit der Unterstützung der Dorfbevölkerung rechnen könnten. Trotz mehrfacher, insistierender Bitten war niemand dazu bereit, an den Dreharbeiten teilzunehmen. Schon im Morgengrauen waren im Dorf nur noch die Frauen und Kinder anwesend; die Männer waren zur Arbeit auf den weit abgelegenen Feldern aufgebrochen. Schließlich stimmte die Dorfgemeinschaft zu, in einer "jaiwaco"-Zeremonie die Coca-Blätter zu befragen. Nachdem der Yatiri des Dorfes danach zu der Ansicht kam, daß die Anwesenheit der Filmemacher dem Dorf nicht schaden würde, war die Situation gerettet. "Bis zu diesem Moment hatten wir nicht begriffen, daß die Indios dem Wohl der Gemeinschaft absolute Priorität einräumten. Wir hatten nicht verstanden, daß für sie wie für ihre Vorfahren das, was für die Gemeinschaft nicht gut war, auch für den Einzelnen nicht gut sein konnte", schrieb Sanjinés später. "Danach konnte niemand den Beschluß umstossen. Weder die Intrigen des Dorf-Vorstehers, noch das althergebrachte Mißtrauen der Indios gegenüber den Weißen und den Mestizen. Freiwillige bevölkerten den Drehort, aber auch unterernährte Kinder, Mütter, die keine Milch für ihre Kinder hatten und Tuberkulosekranke."
Auch dieser Film von Sanjinés erregte in Bolivien großes Aufsehen. Obwohl der Film die Begegnung der verschiedenen kulturellen Sphären als ein vielschichtiges Spannungs-verhältnis darstellt und zur Verständigung und zur Toleranz aufruft, wies ein Teil der bolivianischen Oberschicht den Vorwurf des Rassismus strikt zurück. Auch in der bolivianischen Presse löste "Das Lied der Vögel" scharfe Kontroversen aus. Neben kritischen Kommentaren überwogen aber die Stimmen, die den Film zum Anlaß nahmen, das Verhältnis zwischen der indigenen Bevölkerung und der weißen bzw. Mestizen-Oberschicht zu analysieren. Und das, genau das hatte Sanjinés mit dem Film bezweckt.


Zur Filmästhetik:
Filmsprachlich führt "Das Lied der Vögel" die Suche nach einer eigenen, lateinamerikanischen Filmästhetik fort. Sanjinés wurde vor allem durch sein Konzept der "integrierten Plansequenz" bekannt. Durch lange, vor allem durch die Totale gekennzeichnete Einstellungen und eine eher lineare und wenig fragmentierte Erzähltechnik, die das Kollektiv und nicht das Individuum in den Vordergrund stellt, versucht Sanjinés, den Sehgewohnheiten der andinen Bevölkerung Rechnung zu tragen.
Die durch die Kontinuität von Raum und Zeit geprägte Weltsicht der Aymara und Quechua reflektiert er in einer eher bedächtigen Kameraführung mit wenig Schnitten, wenig Zoom, nachvollziehbaren Kamerabwegungen. Besonders gegen Ende des Films fallen jedoch einige harte Schnitte auf, die den Filmrhythmus dem westlichen Kino wieder näher bringen. Schuld daran ist vielleicht die Tatsache, daß die insgesamt 12 Wochen dauernden Dreharbeiten immer wieder unterbrochen werden mußten und sich schließlich über drei Jahre hinzogen.
Einmal wurde das Hochland beispielsweise von einer Frostperiode heimgesucht, die die ehemals grünen Berge über Nacht gelb werden ließen, und das Drehteam zum Abbrechen zwang. Dann wieder waren es finanzielle Gründe, die eine Weiterarbeit unmöglich machten. Gerade einem filmsprachlichen Ansatz, der mit einer geschlossenen, vom Kollektiv und von dessen Dynamik abhängigen Dramaturgie arbeitet, können diese Unterbrechungen nicht zuträglich sein. So ist "Das Lied der Vögel" filmsprachlich vielleicht nicht der gelungenste Film von UKAMAU, aber dennoch ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über das Spannungs-verhältnis zwischen Kino, Kultur und Politik in Lateinamerika.


Didaktische Hinweise:
Die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen der bolivianischen Gesellschaft haben nicht nur historische, wirtschaftliche und politische Hintergründe, sondern sind - wie Sanjinés beschreibt - auch von ethnisch-kulturellen Faktoren geprägt.
Der Film blättert so ein Themenspektrum auf, zu dem es auch in unserer Gesellschaft genügend Anküpfungspunkte gibt. Denn auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre ist die "multikulturelle Gesellschaft" noch längst nicht verwirklicht. Auch hier wäre eine Verständigung zwischen verschiedenen Gruppen notwendig, die die Bereitschaft voraussetzt, mit Toleranz auf den jeweils anderen zuzugehen. Insofern erlaubt der Film neben der Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart Boliviens auch eine Beschäftigung mit der Frage, wie Ausgrenzung und Intoleranz bei uns überwunden werden können. In seinem Film nennt Sanjinés eine Reihe von Voraussetzungen für eine wirkliche interkulturelle Kommunikation: neben dem Wissen über die Lebensweise und Wertvorstellungen der jeweils anderen, erfordert sie die Bereitschaft, sich dem jeweils anderen vorurteilsfrei zu nähern. Fragen in diesem Zusammenhang wären etwa: wodurch unterscheiden sich die Konflikte zwischen indianischer und Mestizengesellschaft in Bolivien von den Konflikten zwischen ausländischer und deutscher Bevölkerung? Welche Parallelen gibt es? Welche Vorurteile existieren auf beiden Seiten? Welche wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sollten berücksichtigt werden? Wer könnte bei uns eine Vermittlerrolle übernehmen? (Etwa bei Konflikten zwischen Jugendlichen türkischer und deutscher Herkunft) Wie könnte eine Verständigung zwischen den verschiedenen Gruppen aussehen? Welche Modelle sind denkbar? Welche Ängste und Hindernisse beim Einzelnen müssen dabei überwunden werden?


Schlagworte:
Kolonialismus, Rassismus, interkulturelle Kommunikation


Literaturhinweise:
Terre des Hommes: Länder-Information Bolivien, Osnabrück 1993
Pampuch, Thomas/Echalar, Agustín: Bolivien. Beck Verlag München, 1993
Nohlen, Dieter/Mayorga, René Antonio: Bolivien, aus: Handbuch Dritte Welt, Bd. 2, herausgegeben von Dieter Nohlen u. Franz Nuscheler, Hamburg 1992
Bolivia, Sago Informationsblätter 1995/1996, herausgegeben vom SAGO-Informationszentrum Bolivien e.V., Kottbusser Damm 101, 10967 Berlin
"Interkulturelle Kommunikation und interkulturelles Training - Problemanalysen und Problemlösungen" in: Materialien zum internationalen Kulturaustausch Nr. 33/1994, Ergebnisse einer Arbeitstagung in der ev. Akademie Bad Boll
Presseheft (ausführliche Dokumentation über die Grupo Ukamau), Hrsg.: EZEF


Medienhinweise:
Ukamau - So ist es!
Jorge Sanjinés,Bolivien 1966, 75 Min., 16mm, sw., Spielfilm, (dt. Snchronfassung)
Verleih 16mm: EZEF

Blut des Condors (YAWAR MALLKU)
Jorge Sanjinés Bolivien 1969, 78 Min., 16mm, sw., Spielfilm, OmU
Verleih 16mm: EZEF

Die geheime Nation (La Nación Clandestina)
Jorge Sanjinés Bolivien 1989, 128 Min., 16mm, f., Spielfilm,
Verleih 16mm: EZEF

Bettina Lutterbeck                                                                                                    Juni 1997


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