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Die Grille mit dem Maulkorb

Nr. 130

Peter Heller, Sylvie Banuls, Deutschland 1996
Dokumentarfilm, Video VHS, 41 Min., Farbe
Verleih: EMZ 1-19


Inhalt:

In ihrem Dokumentarfilm schildert das Filmemacherpaar Sylvie Banuls und Peter Heller die politische und gesellschaftliche Entwicklung des westafrikanischen Landes Mali am Beispiel der dortigen Radiolandschaft. Sorgten in den herkömmlichen afrikanischen Gesellschaften die Griots, die traditionellen Sänger, entfernt vergleichbar etwa unseren mittelalterlichen Minnesängern, für den Transport von Neuigkeiten, aber auch die Weitergabe des Kulturgutes, so übernahm im 20. Jahrhundert mehr und mehr der Hörfunk wichtige Funktionen der Griots. In Ländern mit hoher Analphabetenquote wie Mali stellt das Radio das billigste und effektivste Medium der Massenkommunikation dar: Vor allem die ärmeren Menschen können noch immer nicht lesen, also Zeitungen nur mit Hilfe Lesekundiger nutzen, und sich andererseits Fernsehgeräte nicht leisten.

Heller und Banuls zeigen weiter, wie die erste Regierung unter Modibo Keita nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht im Jahr 1960 sich des Radios bediente, um für ihre sozialistischen Ziele zu werben. Als das Militär 1968 mit Unterstützung westlicher Länder die Macht an sich riß, sank der Rundfunk vom Mittel zur „Volkserziehung“ zum bloßen Propaganda- und Manipulationsinstrument herab. Ende der achtziger Jahre machte sich neuer Widerstand gegen die ständige Bevormundung durch das korrupte Militärregime von Moussa Traoré bemerkbar. Auf Flugblättern und in Untergrundzeitungen forderte eine erstarkende Demokratiebewegung Meinungsfreiheit und andere Menschenrechte. Piratensender trugen zur gleichen Zeit maßgeblich dazu bei, eine kritische Öffentlichkeit zu schaffen.

Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam auch das Ende der Diktatur von Traoré. 1992 wurde bei den ersten freien Wahlen mit Alpha Oumar Konaré ein einstiger oppositioneller Radiomacher und Historiker zum Staatspräsidenten gewählt. Rund 35 Jahre nach der Befreiung von der Kolonialmacht hat die Demokratie-Bewegung eine erstaunlich lebendige Landschaft freier Medien hervorgebracht, die zugleich die Vielfalt der politischen Strömungen widerspiegeln. In keinem anderen Land dieser afrikanischen Region gibt es heute so viele Radiostationen wie in Mali. Die vom Publikum begrüßte Medienblüte dürfte nach Ansicht der Filmemacher dabei helfen, die demokratischen Verhältnisse in dem armen Wüstenstaat zu stabilisieren.
Gestaltung:

Der 41-minütige Dokumentarfilm, dessen Untertitel „Eine Mediengeschichte aus Afrika“ lautet, ist der erste Beitrag einer dreiteiligen Filmreihe zum Thema „Afrikas zweiter Frühling“. Darin skizzieren die Filmemacher den demokratischen Aufbruch etlicher afrikanischer Länder in der ersten Hälfte der neunziger Jahre. Im bewußten Kontrast zur gängigen medialen Darstellung Afrikas als „schwarzer Katastrophenkontinent“ haben sich Banuls/Heller zum Ziel gesetzt, uns die Rückbesinnung der Afrikaner auf die eigene Geschichte ebenso zu verdeutlichen wie die Versuche, dies mit modernen demokratischen Strukturen zu verknüpfen. Eine Mitteilung des WDR-Fernsehens beschreibt das Anliegen des Regieduos folgendermaßen: „Sie waren auf der Suche nach eben diesem neuen historischen Empfinden, das auch an vielen Ecken Afrikas blüht und um das sowohl Politiker wie einfache Bauern kämpfen, als Basis für eine demokratische Zukunft.“

Formal folgen die Autoren den eingespielten Regeln eines Fernsehfeatures: In weitgehend chronologischer Reihenfolge wird die politische Entwicklung Malis seit der Unabhängigkeit von Frankreich skizziert, wobei Augenzeugenberichte lebendige Eindrücke und ein Off-Kommentar das notwendige zeitgeschichtliche Basiswissen vermitteln. Zwischen die farbigen Aufnahmen aus der Jetztzeit wird verschiedentlich Schwarz-Weiß-Filmmaterial, das offenbar aus Wochenschauen stammt, eingeschnitten. Für gelegentliche humoristische Akzente sorgen eingestreute Anekdoten.
So erzählt Gerd Meuer, ein deutscher Journalist, der im Auftrag des Bundespresseamtes mehrere Jahre als Entwicklungshelfer beim Staatsrundfunk in Mali mitarbeitete, wie er einstmals aus einer Aufzeichnung einer Propagandarede des chinesischen Botschafters gegen die westlichen Kapitalisten 125 Mal das Wort „amerikanisch“ in dem Ausdruck „amerikanischer Imperialismus“ herausschneiden mußte, weil die malische Regierung wenigstens ein gewisse „Neutralität“ bewahren wollte.
Ergänzt wird dies durch ein Interview mit dem ehemaligen Chefzensor Adbul Sy, der auch am Ende des Films nochmals zu Wort kommt, wo er von seinen Bemühungen berichtet, seine Kinder davon abzuhalten, die amerikanische Serie Dallas zu sehen.

Der „Maulkorb“ im Titel des Films weist darauf hin, daß der Hörfunk lange Jahre der Zensur unterworfen war. Je rühriger die Demokratiebewegung in den achtziger Jahren wurde, umso weniger beachtete sie diesen „Maulkorb“, der die öffentliche Präsentation abweichender Meinungen verhindern sollte. Das einstige Instrument der „Volkserziehung“ wandelte sich so nach und nach zum Sprachrohr der Oppositionsbewegung.

 


Kritik:

Bei allem Verständnis für das Anliegen der Filmemacher, den Klischees des sogenannten Afropessismus, am Beispiel der erfreulichen Entwicklung in Mali ein Ensemble positiver Ansätze entgegenzustellen: Ihr durchgängig optimistischer Ton trübt ein wenig den Blick auf fortbestehende Probleme und strukturelle Defizite wie die wirtschaftliche Misere, den inneren Konflikt mit aufständischen Tuareg im Norden, den berechtigten Forderungen der Opposition nach mehr demokratischer Teilhabe und andere politische Spätfolgen der 23jährigen Diktatur. Angerissen wird dies allerdings etwa durch den Hinweis des Staatspräsidenten auf die immer noch erschreckend hohe Analphabetenrate von 75 Prozent sowie die mehrmals erwähnten Finanzierungsschwierigkeiten der vorhandenen und neu entstehenden freien Radios und Zeitungen. Die von den Autoren geradezu euphorisch gelobte Medienvielfalt ist zwar ein wichtiger Katalysator und Kontrollfaktor der
 demokratischen Entwicklung, sie kann jedoch keineswegs demokratische Verhältnisse garantieren, die Einhaltung der dazugehörigen „Spielregeln“ eingeschlossen. Die enormen Umwälzungen in den Nachfolgestaaten des einstigen Warschauer Paktes haben dies ja zu Genüge gezeigt. So geriet Mali denn auch nach Fertigstellung des Films in eine ernste politische Krise. Im April 1997 fand eine Parlamentswahl statt, die vom Verfassungsgericht wegen schwerer Unregelmäßigkeiten für ungültig 
erklärt wurde. Vor einer neuen Abstimmung im Juli riefen 18 Oppositionsparteien zum Wahlkoykott und zu Behinderungen auf. Bei einer Demonstration der Opposition in der Stadt San wurden am Wahltag zwei Menschen getötet und etwa 50 Gegner der Regierung festgenommen.

In mehreren Städten kam es zu Brandstiftungen und Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei. Der ebenfalls vom Oppositionsbündnis boykottierte zweite Urnengang im August endete erwartungsgemäß mit einem klaren Sieg der regierenden Allianz für Demokratie in Mali (Adema) von Präsident Konaré, der selbst im Mai für eine zweite und damit letzte Amtszeit wiedergewählt worden war. Im September 1997 trat die Regierung von Ministerpräsident Ibrahim Boubacar Keita zurück. Die Opposition forderte rasche Neuwahlen.

 


Hinweise zum Einsatz:

Die leicht verständliche Darstellung und der informative off-Kommentar dürften einem jungen Publikum den Zugang zu einem der ärmsten Länder Afrikas erleichtern. Als möglicher Einstieg zur Diskussion über die Rolle des Radios für die Landbevölkerung bietet sich die besonders anschauliche Schlußpassage des Films über eine kleine Radiostation der Fulbe an. Wie wichtig das eigene Radio für dieses Hirtenvolk für den Lebensalltag sein kann, verdeutlicht die Aussage eines Marktbesuchers: „Wenn ein Tier aus der Herde verloren geht, hilft das Radio.“

Praktische Lebenshilfe leistet der Sender auch für eine Imbißinhaberin: Nachdem sie im Programm für ihren Marktstand geworben hat, kamen mehr Kunden zu ihr. Profitieren können vom Radio inbesondere die Frauen - sie erhalten hier nützliche Informationen etwa über die gesundheitlichen Risiken der Beschneidung und über Methoden der Empfängnisverhütung. In einer übergeordneten Perspektive hat der Dogon-Sender vor allem dazu beigetragen, das Selbstbewußtsein der Bauern nicht zuletzt gegenüber den „Herrschenden“ zu stärken.
Ein weiterer Ansatzpunkt für ein Filmgespräch ist die Rolle des Griot in traditionellen afrikanischen Gesellschaften. Gleich zu Beginn des Films trägt ein off-Sprecher zu einem malischen Musikstück folgenden Text vor, der die Bedeutung dieser umherwandernden Chronisten beschreibt: „Gott schuf die Welt, Gott schuf die Menschen und seine Trommeln, doch mehr als alle hat er ausgezeichnet den Griot. Denn er gab ihm das gute Wort: Fad ist der Reis ohne Soße, flach die Erzählung ohne Lüge, und langweilig bleibt die Welt ohne den Griot.“ Lange vor dem Einzug der Rundfunkantennen seien die singenden Chronisten da gewesen, heißt es im Filmkommentar später. „Schon seit ewigen Zeiten sind sie die Mittler und Meister der Worte, das Gedächtnis der Gesellschaft und ihrer mündlichen Überlieferung.“

Anknüpfend an die Funktion der Griots als „alleinige Bewahrer von Geschichte und Geschichten“ in schriftlosen Gemeinwesen lassen sich leicht Vergleiche zu heutigen Medien in modernen Gesellschaften ziehen.
Die Autoren stellen dabei die These auf: „Medien haben stets der Herrschaft zu dienen“ - und belegen dies mit den zwischengeschnittenen Lobgesängen der Griotte Mongo Tafe, die den Ruhm und die Fähigkeiten der wechselnden Machthaber besingt. Dagegen könnte man die dominierende Rechtsauffassung über die Rolle der Medien als sogenannte vierte Gewalt in Demokratien westlichen Musters stellen: Medien haben der Kontrolle der Herrschaft zu dienen.

Als Impulsfragen für ein Filmgespräch bieten sich an:

- Was bedeutet der Filmtitel? Wer ist die Grille? Und was soll der Maulkorb bezwecken?
- Wieso haben die Autoren ihren Film im Untertitel „Ein wahres Märchen über Freiheit und Medien aus Mali“ genannt?
- Warum ist gerade das Radio und nicht der Fernseher als Massenmedium in Mali so erfolgreich?
- Warum sind die vielen Radiostationen in Mali so wichtig für die Entwicklung demokratischer Verhältnisse?
- Was ist mit dem Begriff ‘Afropessimismus’ gemeint?
- Gibt es freie Radios wie das der Dogon auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern (Offene Kanäle, Bürgerradios)?
- Wer hat selbst solche Radioprogramme hierzulande schon einmal gehört? Worin unterscheiden sie sich von geläufigen Programmen der öffentlich-rechtlichen Anstalten und der Privatsender? Wer würde gern einmal bei einem solchen Radio mitarbeiten?

 

Zur Regie:

Der 1946 in Prag geborene Peter Heller absolvierte eine Fotografenlehre und besuchte die Münchner Filmakademie. Anschließend realisierte er Fernsehbeiträge in Kolumbien und Malaysia. Seit Mitte der siebziger Jahre dreht er Dokumentarfilme, wobei der Schwerpunkt auf Afrika liegt. Der 1978 gedrehte dokumentarische Essay „Die Liebe zum Imperium“ kann als die beste filmische Studie über den deutschen Kolonialismus in Ostafrika betrachtet werden (weitere Filme zu Tanzania und Deutschland: „Mbogos Ernte“ (1980) und „Usambara - das Land wo Glaube Bäume versetzen soll“ (1980). Eine zweite Serie von Dokumentarfilmen entstand in der zweiten Hälfte der 80er Jahre im westafrikanischen Kamerun („Mandu Yenu“, „Shatfon - Das Erbe der Frauen“, „Die Mulattin Else“ und „African Lady“)

Der vielfach ausgezeichnete Regisseur ist auch sonst als Journalist und Autor vor allem im Themenbereich Medien und Dritte Welt hervorgetreten. Große Aufmerksamkeit fanden zum Beispiel sein sozialkritischer Dokumentarfilm „Aufstieg und Fall des Medienzaren Hugenberg“, die provokative Dokumentation „Dschungelburger“ (1985), über Fehlentwicklungen beim Fast Food, oder „Der Pornojäger“, ein engagiertes dokumentarisches Porträt eines österreichischen Sittenwächters, aus dem Jahr 1989.
Die aus Frankreich stammende und seit 1990 in München lebende Sylvie Banuls studierte Ethnologie und Kunstgeschichte in Straßburg und Paris. Nach Tätigkeiten als Journalistin arbeitete sie bei Filmprojekten mit. Einer ihrer Themenschwerpunkte ist ebenfalls Afrika, wie der Film „Adalil, die Herrin der Zelte“ (1990) belegt.
Banuls und Heller sind verheiratet und haben zwei Kinder. Sie drehen sowohl gemeinsam als auch getrennt Filme. So stellte Banuls Mitte der neunziger Jahre „Die Sache mit Danielle“, ein poetisches Porträt einer lesbischen Winzerin in der französischen Provinz, sowie „Verdammte Deutsche?“ fertig, während Heller die Dokumentationen „Der Tod des Ares“, eine Studie über die männliche Lust am Kriegsspiel realisierte.
1995/96 realisierten sie dann gemeinsam die Filmreihe „Der Herbst des Despoten“, „Die Grille mit dem Maulkorb“, „Freiheit, Gleichheit, Mütterlichkeit“ und „Verdammte Deutsche“. Peter Heller übernahm die Produktion und Silvie Banuls mit einer weiteren Cutterin den Schnitt. Über die gemeinsame Arbeit in Afrika sagte Heller in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (3. 5. 1995): „Drehpläne nach den Ferienplänen eines Zwölfjährigen zu machen und nach einem Kleinkind, das im Sommer wegen Typhus und Malaria auf keinen Fall nach Afrika soll, das sind andere Probleme. Das Afrika-Projekt zeigt unsere Widersprüche als Filmfamilie am besten.“


Altersempfehlung: ab 16 Jahren

 

Adressaten:

Schulklassen (Sek.II), Gemeindeveranstaltungen, Jugend- und Erwachsenbildung, Dritte-Welt-Gruppen, Schwerpunktveranstaltungen zu Afrika und zur Medienkompetenz


Stichworte:

Demokratisierung in Afrika, Medien


Literaturhinweise:

? Fischer (1982): Gold, Salz und Sklaven. Die Geschichte der großen Sudanreiche Gana, Mali, Songha.
? K. Barth (1986): Mali. Eine geographische Landeskunde.
? E. Poulton: Die Gesellschaft gestaltet den Frieden in Nordmali. In: Tageszeitung (Berlin), 15. 11. 1996
? „Partizipativer Hörfunk“ - Schwerpunktheft von epd-entwicklungspolitik, Heft 12/13/1995; Hrsg: GEP, Frankfurt
? Kommunikation und Medien, Jörg Becker; in: Globale Trends 1988, S. 379-397, Frankfurt 1997 (Fischer Taschenbuch)

 

Medienhinweise:

Die Liebe zum Imperium
Peter Heller, BRD 1978
60 Min., sw, Dokumentarfilm
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 2-13, 15
Verleih Video: EMZ 11

Die Mulattin Else
Peter Heller, BRD 1988
60 Min., Farbe, Dokumentarfilm,
Verleih 16mm: EMZ 12

GUELWAAR
Ousmane Sembène, Senegal 1992
105 Min., Farbe, Spielfilm, O.m.U.
Verleih 16mm: EZEF
Verleih Video: EMZ 2, 8,12

XALA
Ousmane Sembène, Senegal 1974
120 Min., Farbe, Spielfilm, O.m.U.
Verleih 16mm: EZEF
Verleih Video: EMZ 8, 12

SANKOFA
Haile Gerima, USA/BRD/Ghana/Burkina Faso 1993,
125 Min., Farbe, Spielfilm, O.m.U.
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 8

 

Dezember 1997                    Reinhard Kleber



Artikel zuletzt geändert am: Donnerstag, 25. Oktober 2001 14:45


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