EZEF-Arbeitshilfe
Risse in der Maske (Cracks in the Mask)
Nr. 136
Regie: Frances Calvert, Australien/Deutschland/Schweiz 1997 57 Min., Farbe, Dokumentarfilm, OmU Verleih 16mm: EZEF Verleih Video: verschiedene EMZ (anzufragen bei EZEF)
Zum Thema des Films:
Vor einem Jahrhundert waren die Torres Strait Inseln im Norden Australiens beliebte Forschungsobjekte für Expeditionen und Anthropologen. Als Ergebnis dieser Forschungen blieb den Inselbewohnern vom Bestand ihrer Kulturgegenstände nichts als die Erinnerung an einen Verlust. Die einzigen Menschen, die Masken aus Schildpatt anfertigten, besitzen heute nicht mehr eine davon; die meisten befinden sich in ausländischen Museen. Ephraim Bani, ein "Kulturgelehrter" von den Torres Strait Inseln, fährt mit seiner Frau nach Europa, um in den Museen das kulturelle Erbe seines Volkes aufzusuchen. Vor seiner Reise drückt eine Verkäuferin die Sehnsucht aller Inselbewohner aus: “So werden also wir und unsere Kinder die Masken sehen, die uns vor so langer Zeit genommen wurden.” In Europa findet Ephraim die Masken jedoch als Ausstellungsstücke und Kistenhüter vor. Er forscht nach ihnen und erforscht dabei gleichzeitig die Haltung der WissenschaftlerInnen in den Museen. Mit seiner Suche nach den verlorengegangenen Schildpatt-Masken seiner Kultur hält er uns einen Spiegel vor. So stellt der Film die wichtige und ungelöste Frage nach dem Umgang mit fremdem Kulturgut und zeigt, daß die dicksten Masken Risse bekommen, wenn ein Nachfahre der ehemaligen Besitzer das Museum betritt.
Zu verschiedenen Inhalten:
1. Wenn einer eine Reise tut ...
Als 1898 der Brite Haddon auf die “Cambridge Scientific Expedition” zu den Torres Strait Inseln aufbrach, war sein Ziel u.a., die Lebensgewohnheiten der InselbewohnerInnen zu erforschen und damit auch der Frage nach der eigenen Herkunft nachzugehen. Dazu wurden die InselbewohnerInnen vermessen, ihr Aussehen und ihre Bräuche dokumentiert. Ca. 1250 Objekte nahm Haddon als Beweisstücke und Zeugnisse nach England mit.
Die Bevölkerung ließen die Expeditionsteilnehmer mit dem Verlust zurück. Keine einzige Maske aus dem Panzer der Schildkröte, dem Schildpatt, blieb den Torres Strait InselbewohnerInnen in der Folgezeit. Diesmal nun sind es ein Inselbewohner und seine Frau, die sich auf den Weg in europäische Museen machen, um den verlorengegangenen Objekten ihrer Vorfahren nachzureisen. Ihr geheimer Wunsch: einige Objekte für eine Ausstellung in Australien ausleihen und die stille Hoffnung, einige Masken ihren MitbewohnerInnen zeigen zu können. In den Museen treffen sie auf die gesuchten Objekte, und auch auf die Menschen, die dort arbeiten. Sie beobachten ihre Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Anders als die europäischen Forscher damals kehren Ephraim und Petharie Bani heute ohne volle Taschen heim, hinterlassen uns EuropäerInnen jedoch eindringliche Fragen und Denkanstöße über unseren Umgang mit dem kolonialen Erbe.
2. Masken, die Geschichten schreiben ...
Ephraim Bani weiß Geschichten zu einigen Masken und Objekten seiner Vorfahren, die er in den Sammlungen entdeckt. Im Film erkennbar, erhalten die Objekte durch die erzählten Geschichten für die BetrachterInnen eine andere Bedeutung, eine Präsenz.
Daß Objekte durch Geschichten an “Leben” gewinnen, meint auch Antony Shelton, Royal Pavillon-Museum, Brighton. Seiner Meinung nach besteht die Aufgabe der Museen darin, die Geschichten der Exponate lebendig zu halten und nicht nur die Objekte zu bewahren. Charles Hunt, Aberdeen University-Museum, hebt hervor, daß Gegenstände als Bedeutungsträger auch außerhalb der Welt der Worte gelten. Die Geschichte der Menschheit ist seiner Auffassung nach die Geschichte von den Beziehungen der Menschen zu den Dingen. Die Museen müssen daher mit Hilfe der Objekte diese Beziehungen dokumentieren und erhalten. Auch Antonia Lovelace, Museum Glasgow, bestätigt, wie wichtig Hintergrundgeschichten für Objekte sind, wenn sie es als das Traurigste für ethnographische Objekte an fremden Verweilorten bezeichnet, daß “nicht mehr über sie nachgedacht” würde.
3. Cracks in the Mask: das Problem der Restaurierung ...
Das Ehepaar Bani kehrt mit leeren Händen heim, die Rückkehr der Objekte, selbst als Leihgabe für eine temporäre Ausstellung, ist ungewiss. Die Frage nach der Rückgabe von ethnographischen Objekten aus den europäischen Völkerkundemuseen stellt sich auch hier. Warum sind die Schildpatt-Masken und andere Objekte in den Schauvitrinen und Magazinen der europäischen Museen und nicht in den Händen der InselbewohnerInnen? Welche Bedeutung haben die Stücke hier in den Sammlungen und was sagen sie uns europäischen VerwalterInnen und MuseumsbesucherInnen? Welche Funktion erfüllen sie als Sammler-stücke hier und was würden sie bedeuten, wenn sie in den Besitz ihrer ursprünglichen Kultur zurückkehren könnten?
Ansätze von Rückgabetransfers gibt es, Antonia Lovelace vom Museum in Glasgow stellt aber die klar umrissenen Bedingungen ihres Museums heraus: die Anfragen müssen beinhalten, warum die Objekte zurückgegeben werden sollen und was genau mit ihnen geschehen soll. Weitere Reaktionen der Museumsleute im Film fallen sehr bedeckt aus; von Fall zu Fall müsse da entschieden werden ...
Die Risse in den Masken sind unübersehbar. Dort, wo sich die Masken befinden, sprechen die BesucherInnen ihre Sprache nicht, und da, wo ihre Sprache gesprochen wird, sind sie nicht mehr vorhanden.
4. Was tun mit dem kolonialen Erbe?
Ethnologische Museen müssen ihre Aufgabe neu überdenken. In den Begegnungen von Ephraim Bani und seiner Frau mit den Objekten im Beisein der KuratorInnen stellt sich die Frage nach dem Selbstverständnis der Häuser besonders deutlich. Pauschale Erklärungen der Masken und Bemerkungen über die Ästhetik einzelner Gestaltungselemente von Seiten der KuratorInnen stehen der Freude und dem Hintergrundswissen von Ephraim Bani gegenüber. Der Film gibt durch Stellungnahmen einzelner KuratorInnen Einblicke in die Arbeitsansätze verschiedener europäischer Völkerkundemuseen. Jaques Hainard, Neuchâtel, vertritt die Meinung, daß die Objekte hier ohnehin nicht vollständig in ihrer Bedeutung erfasst werden können. Nach Auffassung seines Museums müssen sich die KuratorInnen die Objekte in den Ausstellungen zunutze machen, indem sie z.B. die Exponate (Beispiel Schmuck der Tuareg) mit dem Ziel einsetzen, auf ironische Art den europäischen Umgang mit ihnen darzustellen (Kaufhausathmosphäre), wollen sie die Problematik reflektieren. Damit machen sie die europäische Kultur, nicht die Exponate oder die andere Kultur, zum Ausstellungsinhalt. Andere Museen, wie das Royal Pavillon-Museum in Brighton, sehen ihre Aufgabe darin, durch die Präsentation der Ethnographika aus Afrika, Lateinamerika und Asien ihre Geschichts-trächtigkeit zu beweisen und damit dem kolonialen Gedankengut von der Primitivität dieser Völker gegenzusteuern. Die im Film vertretenen Museen stehen für unterschiedliche Konzepte, alle sind dabei bemüht, ihrer Arbeit in einer postkolonialen Zeit Sinn zu geben.
Die Tatsache, daß in den europäischen Museen Objekte anderer Kulturkreise vorhanden sind, gibt uns hier die Chance der Auseinandersetzung mit den Objekten und ihrer Kultur. Wenn sie jedoch damit gleichzeitig den Angehörigen ihrer eigenen Kultur entzogen werden, ist an diesem Zustand etwas falsch.
Entwicklungspolitische Relevanz
Mit der Problematik der geraubten Kulturgüter greift der Film ein Thema auf, das in der entwicklungspolitischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bisher weitgehend vernachlässigt wurde.
Die Schildpatt-Masken der Torres Strait Inselbewohner stehen beispielhaft für den Verlust der Kulturgüter während der Kolonialzeit. Vielen Völkern in Asien, Afrika oder Lateinamerika erging es ähnlich: kunstvoll geschaffene Gegenstände, die häufig der Ausübung von Kulten dienten, Statuen, Masken und Schmuckstücke, die Werte und Schönheitsbegriffe ihrer Gesellschaften verkörpern, aber auch Dokumente, die wichtige Zeugnisse der eigenen Geschichte sind, wurden von Eroberern, Missionaren und Händlern zusammengerafft und nach Europa verfrachtet. Nach Schätzungen der UNESCO befinden sich heute 25-30 Millionen Kunst- Kult- und Gebrauchsgegenstände von Sammlerwert in den europäischen Museen, während viele Völker über kein einziges Objekt mehr verfügen. Was in den Völkerkundemuseen lagert, wird bis heute selbstverständlich als "europäisches Eigentum" betrachtet. Obwohl andere Völker - anders als im Film dargestellt - durchaus vehement auf die Rückgabe einzelner bedeutender Objekte drängen, existieren bis heute dafür keine formaljuristischen Bestimmungen, die die Rückgabe auch nur in Einzelfällen regeln könnten. Bisher handelt es sich ausschließlich um 'Good-Will-Aktionen', wenn Regierungen sich entschließen, einzelne Objekte zurückzugeben. So müssen beispielsweise junge Afrikaner, die die Kunstschätze ihrer Kultur kennenlernen wollen - wie der Vertreter der Torres Strait Inselbewohner -, nach London, Paris, Brüssel oder Berlin reisen. Dort befinden sich die Völkerkundemuseen, deren Gründungszweck darin bestand, die Sammlungen fremder Kulturgüter adäquat zu archivieren, um das Kulturerbe zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Bei den Besuchen des Vertreters der Torres Strait Inseln und den Gesprächen mit den europäischen Experten wird jedoch erkennbar, daß das noch immer weitverbreitete Selbst-verständnis der europäischen Museen, die sich als legitime Hüter des kulturellen Erbes verstehen, dringend hinterfragt werden muß. Der Film weist auf einige grundsätzliche Probleme ethnologischer Museen und deren Präsentationsformen hin. Für alle Kunst- und Kultobjekte gilt, daß sie aus ihrem Zusammenhang gerissen und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden, um zur Illustration fremder Kulturen ausgestellt zu werden. Die absolute Mehrheit der Sammlungsgegenstände wird jedoch nicht öffentlich präsentiert, son-dern lagert - wie auch ein Großteil der Masken im Film - in den Depots der Museen. Sie geben sich also als Schatzkammern zu erkennen, für die der Besitz fremder Kulturgüter im Vordergrund steht.
Aber auch das Selbstverständnis und die Kompetenz der europäischen Experten für die Präsentation der Objekte in den Museen greift der Film auf: während die Kuratorin in Glasgow zugibt, daß ihr die Bedeutung einiger Masken unklar ist und sie neugierig ist, von dem Besucher der Torres Strait Inseln etwas zu erfahren - diesen Besuch also auch als Chance begreift, etwas zu lernen - fühlt sich der Kurator der Südsee-Abteilung im Berliner Völ- kerkundemuseum berufen, dem Vertreter der Torres Strait Inseln Herkunft und Bedeutung der Masken zu erläutern. Als Ephraim Bani ihn bittet, auf ein fiktives (?) Rückgabeanliegen zu reagieren, antwortet er ausweichend.
Spätestens in dieser Szene wird deutlich, daß der Film nicht nur das Problem des Verlustes eigener Kulturgüter aus der Sicht der Betroffenen thematisiert, sondern vorrangig die Frage aufwirft, wie die Europäer dieses fortlaufende Kapitel europäischen Kolonialerbes weiterhin legitimieren wollen.
In den Museen selbst hat man gerade mit der Debatte über das Selbstverständnis begonnen. Die Stellungnahmen von Experten aus verschiedenen europäischen Museen dokumentieren, daß zur Frage der Funktion der Museen innerhalb Europas und ihrer Bedeutung im internationalen Austausch höchst unterschiedliche Positionen existieren.
Der Film kann deshalb auch keine Lösungen anbieten, er stellt nur klar, daß diese Debatte längst überfällig ist und keinesfalls nur auf die zuständigen Museen beschränkt bleiben darf. Der Vertreter der Torres Strait Inselbewohner reist mit leeren Händen ab, die Masken bleiben in den europäischen Museen. Ephraim Bani kam nicht als Bittsteller, er hat nichts gefordert, er hat den Europäern nur den Spiegel vorgehalten. Es sind die Europäer, die ihr Verhältnis zu den Völkern, deren Kulturgüter sie geraubt und vereinnahmt haben, überprüfen müssen, weil der Umgang mit den Kulturgütern in erster Linie etwas über uns selbst aussagt.
Zum Charakter des Films:
Der Film ist halbdokumentarisch und hat surreal-experimentelle Anteile. Frances Calvert nimmt als Regisseurin mehrere Haltungen darin ein. Sie beobachtet (Aufzeichnung der Be- gegnungen und Gespräche zwischen Ephrahim Bani und den KuratorInnen in den Museen); sie dokumentiert (Tagebuchaufzeichnungen von Ephraim Bani, die teilweise aus dem Off eingespielt werden oder auch die Interviews mit einzelnen Kuratoren); an manchen Stellen greift sie auch kommentierend ein (besonders bei den Darstellungen einzelner Masken). Mit diesen unterschiedlichen Mitteln reagiert die Regisseurin auf die Komplexität der Thematik. Die Auseinandersetzung wird durch die Begegnungen und Gespräche einerseits auf der persönlichen Ebene geführt, sie verweist jedoch auch auf die politische Ebene, auf der das koloniale Erbe der Völkerkundemuseen zu behandeln ist.
Dieser Film ist bereits der zweite Film von Frances Calvert mit und über BewohnerInnen der Torres Strait Inseln. Das Filmprojekt ist direkt aus der Realisation des ersten Films "Talking Broken" hervorgegangen, der unter der aktiven Beteiligung der InselbewohnerInnen die Si-tuation dieser australischen Minderheitgruppe darstellt (s.u. Medienhinweise „Talking Broken“)
Über die im Film genannten Völkerkundemuseen hinaus gibt es allein im bundesdeutschen Raum weit über 30 Häuser und ethnologische Abteilungen, die an Museen angegliedert sind. In ihnen befinden sich unzählig viele Objekte aus außereuropäischen Kulturen, in Aus-stellungen, in Magazinen und Studiensammlungen. Jedes größere Museum hat inzwischen eine museumspädagogische Abteilung, die sich um Vermittlungsformen zwischen den Objekten und den BetrachterInnen bemüht. Gruppen können dort Führungen buchen, manchmal mit einem thematischen Schwerpunkt nach Absprache. Projektarbeit und Ver-anstaltungen für verschiedene Zielgruppen können bei den entsprechenden Ansprech-personen angeregt werden.
Literaturhinweise:
- Göttinnen, Gräber und Geschäfte. Von der Plünderung fremder Kulturen Erklärung von Bern, Zürich 1992 - Kunstethnologie. Zum Verständnis fremder Kunst, Ingrid Kreide-Damani, Köln 1992 - Nofretete will nach Hause. Europa - Schatzhaus der "Dritten Welt", Gert v. Paczensky, Herbert Ganslmayr, München 1984 - Rückgabe von Kulturgut. Zur Funktion ethischer Normen internationaler Organisationen im Entscheidungsprozeß, Angelika Schmidt-Herwig, Frankfurt a.M. 1998
weitere Literatur- und Arbeitshinweise bei: - CulturCooperation, Anja Kuhr, Nernstweg 32-34, 22765 Hamburg
Medienhinweise:
- TALKING BROKEN - INSULANER DER TORRES STRASSE Regie: Frances Calvert, Australien/BRD 1990 16mm, 76 Min, f., Dokumentarfilm Verleih: EZEF
- MANDU YENU Regie: Peter Heller, BRD 1984 16mm, 60 Min., f., Dokumentarfilm Verleih: LB Berlin, VG-Verleih der Filmemacher, München
August 1998 Anja Kuhr Clementine Herzog
|