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Filmtipps zum Thema Kurdistan

von Bernd Wolpert, erschienen in: SüdZeit, Januar 2001

Nach der Festnahme von Abdullah Öcalan scheint sich die Lage im türkischen Teil Kurdistans entspannt zu haben. Aber die Nachrichten, die von dort kommen sind widersprüchlich und zeugen nach wie vor von einer hochproblematischen Haltung der türkischen Regierungspolitik. In über zehn Jahren Krieg, so zitiert die Frankfurter Rundschau eine Untersuchungskommission des türkischen Parlaments, seien 3428 Dörfer zerstört und 2,5 Millionen Menschen vertrieben worden; 35.000 Menschen seien dabei ums Leben gekommen.

Wie stark dieser Konflikt die türkische Gesellschaft prägt und auch den Alltag der Menschen im Westen des Landes beeinflusst, steht im Zentrum des Filmes "Reise zur Sonne". Gedreht hat ihn die junge türkische Regisseurin Yesim Ustaoglu. Der Film erzählt die Geschichte der Freundschaft eines jungen Kurden und eines jungen Türken, der - seiner dunkler Hautfarbe wegen - für einen Kurden gehalten wird.
Ein Zufall führt Mehmet und Berzan in Istanbul zusammen. Mehmet arbeitet bei den städtischen Wasserwerken und ist damit beschäftigt, mit Hilfe seines guten Gehörs, Rohrbrüche im maroden Leitungsnetz aufzuspüren. Berzan verkauft auf der Straße Musikkassetten und hofft, bald das nötige Geld beisammen zu haben, um heimkehren und heiraten zu können.
Durch die Verkettung unglücklicher Umstände geraten sie ins Visier der Polizei. Mehmet wird verhaftet und mißhandelt. Wieder in Freiheit verliert seinen Job. Berzan wird nach einer Demonstration verhaftet und kommt im Polizeigewahrsam ums Leben. Nur mit der mutigen Unterstützung seiner Freundin Arzu gelingt es Mehmet, die Leiche seines Freundes ausgehändigt zu bekommen. Mit dem Sarg macht er sich auf den Weg, seinen Freund wenigstens tot zurück nach Hause zu bringen. Auf der langen einsamen Reise in den Osten, der Sonne entgegen, zeigt sich ihm ein Land, das er immer weniger versteht.
Der Film wurde im Februar1999 - am Tag nach der Festsetzung und Auslieferung des PKK-Führers Öcalan - im Rahmen der Berlinale unter strengen Sicherheitsvorkehrungen uraufgeführt. Bei der streng bewachten Pressekonferenz war Yesim Ustaoglu von einigen Journalisten bedrängt worden, politische Grundsatzerklärungen abzugeben. Aus guten Gründen hatte sie sich jedoch geweigert, dieser Forderung nachzukommen. Stattdessen nahm sie schlicht für sich in Anspruch, sich mit der sozialen Wirklichkeit ihres Landes auseinanderzusetzen. Und zu dieser Realität gehöre in Istanbul nun einmal die prekäre Arbeits- und Lebenssituation kurdischer Zuwanderer aus dem Südosten des Landes. Und dazu gehörten auch die willkürlichen Polizeimaßnahmen gegen all jene, die irgendwie mit kurdischen Angelegenheiten in Verbindung gebracht würden.
Der Film wird bei der Berlinale gleich zweifach ausgezeichnet - mit dem Preis Blauer Engel, als "bester europäischer Film über ein brisantes aktuelles Thema" und mit dem Friedensfilmpreis. Ohne ideologisch Stellung zu nehmen, so die Begründung zur Preisverleihung, sei es der Regisseurin gelungen, sich den völkerrechtlichen Konflikten in der Türkei anzunähern und die Zuschauer für die Brisanz der Menschrechtsverletzungen zu sensiblisieren.
Im Februar diesen Jahres - wieder während der Berlinale - finden Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Botschaftsbesetzung statt, und die Regisseurin wird mit dem Templeton-Filmpreis 1999 ausgezeichnet, der von der Konferenz Europäischer Kirchen und Interfilm vergeben wird.

Während "Reise zur Sonne" das Augenmerk gerade auch darauf richtet, mit welch bleiernem Gewicht der bewaffnete Konflikt im Südosten der Türkei auf dem ganzen Land lastet, konzentriert sich der Dokumentarfilm "Diyarbakir - Ich schäme mich, ein Jurist zu sein" ganz auf die prekäre Menschenrechtslage ebendort. Im Mittelpunkt stehen zwei türkische Rechtsanwälte, die wegen ihres Engagements verhaftet und gefoltert worden waren, ehe sie nach Deutschland flüchten konnten, wo sie politisches Asyl erhielten. Weil sie sich weigerten, bei der Verteidigung ihrer Mandanten die kurdische Sprache zu verleugnen, gerieten die beiden selbst ins Gefängnis, wo sie misshandelt und gefoltert wurden. Ihr biografischer Rückblick entfaltet zugleich eine Chronologie der Ereignisse seit den 50er Jahren, und dem in Hamburg lebenden Autor Karaman Yavuz gelingt damit ein überzeugendes Portrait von zwei Männern, deren ebenso überezeugtes wie überzeugendes Eintreten für die Menschenrechte tief beeindruckt.

Der Hinweis auf drei weitere Spielfilme, die sich aus ganz unterschiedlicher Perspektive mit der Lage der Kurden beschäftigen, darf nicht fehlen: es sind dies "Eine Saison in Hakkari", "Ein Lied für Beko" und "Reise der Hoffnung".
"Eine Saison in Hakkari" erzählt die Geschichte eines jungen Lehrers, der von Istanbul in ein anatolisches Bergdorf strafversetzt wird. Der Film thematisiert die Kurdistan-Problematik nur indirekt, ist aber einer der ersten türkischen Filme, der sich überhaupt damit beschäftigt. Und die Zuwendung, die der Lehrer vor allem den Kindern, aber zunehmend auch den übrigen Dorfbewohnern zuteil werden läßt, nimmt die Zuschauer mit hinein, in den kargen und entbehrungsreichen Alltag der hier lebenden Kurden.

"Ein Lied für Beko" ist der erste Spielfilm, der konsequent in kurdischer Sprache gedreht wurde. Weil dies in der Türkei nicht möglich war, wurde er im benachbarten Armenien gedreht. Der Film erzählt die Geschichte des jungen Beko, der auf der Flucht vor den türkischen Militärs über die Berge in den Irak flieht, wo er Zeuge der Giftgasangriffe wird. Von dort schlägt er sich mit einem schwerverletzten Mädchen bis nach Deutschland durch, wo er um Asyl bittet.

Auch "Reise der Hoffnung" erzählt eine Geschichte der Emigration: ein Bauer bricht mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn in die ferne Schweiz auf, die er nur von einer Postkarte her kennt. Von Schleppern ausgebeutet, findet die lange und beschwerliche Reise ein tragisches Ende an der Schweizer Grenze
(Die Daten der Filme: Genaueres s. Datenbank)

Eine Saison in Hakkari (Hakkari de bir Mevsim), Erden Kiral, Türkei, D 1982, Spielfilm,
104 Min., dt. Fassung, 16 mm

Ein Lied für Beko (Klamek ji bo Beko), Nizamettin Aric, Armenien, D 1992, Spielfilm,
100 Min., Orig. mit dt. UT, 16 mm und VHS

Reise der Hoffnung, Xavier Koller, CH 1990, Spielfilm, 110 Min., Orig. mit dt. UT, 16 mm und VHS
"Reise zur Sonne" (Günese Yolculuk ) Yesim Ustaoglu, Türkei, NL, D 1999, Spielfilm,
104 Min., Orig. mit dt. UT, 16 mm und VHS

Diyarbakir - Ich schäme mich, ein Jurist zu sein,
Karaman Yavuz, Dok.,BRD 1994, 89 Min., Orig. mit dt. UT, 16mm und VHS

Auszuleihen sind die vier Filme über die Evangelische Medienzentrale Württemberg, Stuttgart, Tel. 0711 - 222 76 - 67(bis 70), Fax. 222 76-65. Arbeitshilfen zu den Filmen können kostenlos bei EZEF bezogen werden, Tel. 0711 / 925 77 50 / Fax: 925 77 25

Bernd Wolpert
erschienen in: SüdZeit, Januar 2001
(SüdZeit; Hrsg: Dachverband Entwicklungspolitischer Aktionsgruppen in Baden Württemberg (DEAB) e.V.; Tel: 0711-6453120)


Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit
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