EZEF-Arbeitshilfe
Das Modell und die Armen
Nr. 155 Bibi Russell - der Engel von Bangladesh Cristina Seitz-Ferro, Deutschland 1998 29 Minuten, Farbe, Reportage, Video VHS Verleih: verschiedene EMZ – anzufragen bei EZEF
Der Film erzählt die Geschichte einer bengalischen Designerin, die in Europa als Model Karriere gemacht hat, und ihren Landsleuten über die Produktion ihrer Kollektionen eine Entwicklungschance bieten will. Bibi Russell ist ein Mensch mit Charisma, eine erfahrene, schöne Frau, Mitte Vierzig, die in zwei Welten zu Hause ist, einer reichen Familie im Armenhaus Bangladesh und in Londons gestylter Modewelt. Im Taxi unterwegs erzählt sie: „Nach dem asiatischen Schönheitsideal war ich zu groß, zu dünn und zu dunkelhäutig. Deswegen war ich überrascht, als man sich in Europa nach mir umdrehte.“ - Sie habe als Model viel gelernt und stehe dazu, damit Geld verdient zu haben. Vor fünf Jahren ist Bibi nach Bangladesh zurückgekehrt, hat ihre Karriere als Top-Model beendet, um ihren Traum zu verwirklichen, um mit den Menschen ihrer Dörfer zusammen zu arbeiten. Dahin nimmt der Film uns mit. Ihr Traum fesselte sie bereits von Kindheit an. Als Mädchen ist sie durch die Dörfer gezogen, hat Stoffdruck gelernt, gezeichnet, Blumen arrangiert und dafür auch die Schule geschwänzt. Früh erhält ihre kreative Ader Raum. Mit 10 Jahren bekommt sie ihre eigene Nähmaschine, auf der sie ihre Kleider selbst näht. Schon hier entwickelt sich ihr Leben auf das zu, was sie heute beschäftigt. Die Reise führt weiter in das Geschäftsviertel von Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesh, in das Büro und die Schneiderei von Bibi Productions, wo ihre eigene Kollektion entsteht. In ihrem Team einige sind junge Bengalen, die sie selbst angelernt hat. Sie arbeitet ausschließlich mit den handgemachten Stoffen einheimischer Weber. Mit den traditionellen Mustern wagt sie sich in das internationale Fashion-Business. Szenenwechsel nach London: Als 19-Jährige kam sie nach Europa und hat darum gekämpft, auf einer Modeschule in London angenommen zu werden. Bei der Abschlußprüfung reißen sich die Starfotografen um sie, als sie ihre eigenen Kreationen vorführt. Sie erscheint auf den Titelseiten der Modejournale, macht als Model Karriere. Sie studiert die Modebranche, heiratet einen Engländer, hat einen englischen Paß. Aber im Innern bleibt sie Bengalin. Diesmal begleitet sie ein ganzes Team aus Dhaka nach London, die meisten reisen zum ersten Mal mit einem Flugzeug. Bibi Russell hat die Chance, mit ihrer eigenen Kollektion die London Fashion Week zu eröffnen, ein grosses Ereignis. Sie hat die hangemachten Stoffe mitgebracht, ihre modernen Designs, die eindeutig den Touch ihrer Kultur tragen, und die Laien-Models und Musiker, die begeistert für ihre Sache kämpfen. Die Show wird noch einmal geprobt, dei Models geschmickt. Die Designerin ist bereit, sich der Kritik der Fachwelt zu stellen. Sie sieht es als ihre Chance, den 1998 von der grossen Überschwemmungskatastrophe betroffenen Landsleuten zu helfen. Bibi Russell ist eine selbstbewußte Frau, die Anderen Perspektiven schafft: „Man muss wissen, woher man kommt, was man lernen will, was man erreichen will.“ In der Zeit als Model ist sie immer wieder aus der verrückten Modewelt nach Hause gefahren, um normal zu sein, um Menschen zu sehen, die ein Lächeln haben. Sie gaben ihr die Kraft für das Hin und Her. Die Kollektion nennt sie „Sterne von Bangladesh“ nach den Sternen bengalischer Nächte. Es sind siebenendige Sterne, wie sie die Einheimischen von Zigarettenschachteln kennen. Ihre Kreationen entstehen aus der Beziehung der Designerin zu den Menschen ihrer Heimat. Sie liebt ihr Lächeln, das Strahlen ihrer Augen. Sie erkennt ihren inneren Reichtum trotz materieller Armut. Dem Auftritt folgt der Applaus. Außer in London tritt sie auch in Paris und San Francisco auf. Die Filmautorin, Cristina Seitz-Ferro, blendet zurück nach Dhaka, auf den Weg zum Büro. Der ehemalige Star hat den Kampf gegen die Demütigungen der Armut aufgenommen. Unter dem Image des Almosenempfängers leidet die Designerin fast am stärksten. Im Büro sind alle konzentriert dabei. Für ihr Team hat die Geschäftsfrau jene ausgesucht, die genug Selbstvertrauen und Glauben an ihr Projekt mitgebracht haben. Bibi sieht die junge Generation als desorientiert, an mangelndem Selbstvertrauen leidend. Die Modeschaffende zeigt ihnen, dass „Mode eine ganz wichtige Sache ist“ und man auch mit kleinen Dingen hier Geld verdienen kann. Bangladesh werde nur aus der Armut herausfinden, wenn es die dörfliche Wirtschaft voran bringt, glaubt Bibi Russell. Sie will den Menschen eine Chance geben, mit Mode Geld zu verdienen nach dem Motto „fashion for development“. Die Handwerker können in den Dörfern viel billiger leben als in Städten wie Dhaka, wo sie vielleicht nur als Rikscha-Fahrer unter ihrem Niveau arbeiten können. Deswegen bringt sie ihre Aufträge in die Dörfer. In den letzten fünf Jahren sollen an die 35.000 Weber, Färber und Näher durch ihr Projekt Arbeit gefunden haben. Bibi verbringt viel Zeit mit den Webern, will nachvollziehen wie sie arbeiten, ihnen neue Impulse geben. Nach 20 Jahren in der Modebranche weiß sie, was auf dem Markt ankommt. Mit der ländlichen Bevölkerung fühlt die Designerin sich verbunden, hat Vertrauen in ihr Können und ihre Kraft. Sie besucht das Wellblechhaus von Shahan Ali, einen Weber, der für sie arbeitet. Er hat den Sprung aus der Armut geschafft, hat bereits sechs Webstühle und kann anderen Arbeit geben. Sein Haus ist verbessert, die Kinder können zur Schule gehen. Bibi Russell lebt als Alleinstehende in einer islamischen Umgebung von ihrem Mann getrennt. Sie hat eine starke Beziehung zu ihrer Mutter, einer aufgeschlossenen, hilfsbereiten Frau. Sie essen gemeinsam am schön gedeckten Tisch. Bei ihr schöpft sie immer wieder Kraft für ihre Arbeit. „Ich brauche ihre Unterstützung mehr als sie meine“, kommentiert sie. Bibi sieht sich sehr von ihrem Vater geprägt, einem Politiker, der sich für die Unabhängigkeit Bangladeshs von Pakistan eingesetzt hat. Er habe ihr Wesen erkannt und sie gewähren lassen. Von ihm habe sie gelernt, Land und Menschen zu lieben. Mit einem Mädchen besucht sie das Grab ihres Vaters wie vor jeder wichtigen Entscheidung. Der Kampf um Unab-hängigkeit und Furcht vor Repressionen der Zentralregierung gab den Ausschlag für die Flucht der Familie nach London. Ihr Elternhaus habe Gästen immer offen gestanden, so dass sie mit vielen Menschen in Kontakt gekommen sei. Szenenwechsel zum Shitalakkha-Fluss: Menschen waschen sich, waschen Wäsche oder das Vieh. Ihr Leben und Schicksal ist eng mit der Natur verbunden. Die Landwirtschaft profitiert von den Nährstoffen, die das Hochwasser bringt. Zugleich leiden die Bewohner unter den verheerenden Folgen der wiederkehrenden Überschwemmungen. Bei der letzten großen Hochwasserkatastrophe haben 7000 Weber alles verloren. Durch einen Hilferuf an die UNESCO kann das bekannte Model für die Betroffenen 20.000 $ mobilisieren. In der Nähe im Dorf Rupganj leben die Jamdani-Weber, die sie besucht. Bibi Russell will traditionelle Techniken des Textilhandwerks bewahren. Die Jamdani-Stoffe und Musselin haben Bangladesch nämlich berühmt gemacht. Jamdani ist ein ganz feiner Stoff, halb transparent mit Motiven wie Vögeln oder Pflanzen, die von den Webern selbst entworfen werden. Man sieht Kinder an den Webstühlen arbeiten. Jamdani-Stoff ist etwas sehr Exklusives. Sechs Meter zu weben, kann zwei Monate dauern. Nur 10 Prozent ihrer Kollektion wären daher aus Jamdani. Nur ganz wenige Weber beherrschen noch das Handwerk des Musselin, denn die englischen Kolonialherren hätten den Lehrern die Finger abgehackt als sie das Land verließen, so dass sie ihr Handwerk nicht weitergeben konnten. Auch die traditionellen Stickereien sind kompliziert und fordern sehr geschickte Finger. Wer das beherrschen wolle, müsse es von klein auf lernen. Bibi Russell meint, dass es sich für die Kinder lohne, es zu lernen. Seiden- und Baumwollgarne läßt die Designerin auf traditionelle Weise mit Naturfarben färben, damit die Techniken nicht in Vergessenheit geraten. Wie jeden Freitagnachmittag kommen Straßenkinder zu ihr. Den Straßenkindern gibt sie kein Geld, sondern spornt sie an, etwas zu tun. Um 50 Kinder kümmert sie sich, 30 von ihnen gehen zur Schule. Seitz-Ferro zeigt, wie sie gemeinsam zu einer traditionellen Tanzvorführung singen. Bibi erzählt, dass sie Kinder liebt und in ihnen diejenigen sieht, die in Zukunft die Welt gestalten werden. Zum Schluß ist Bibi Russell allein, denkt über ihr Leben nach. „Ich habe meine Kollektion den Sternen gewidmet. Sie stehen für die Menschen, die immer im Hintergrund arbeiten, ohne jemals Anerkennung zu finden. Ihnen habe ich alles gewidmet.“
Kritik
Bibi Russell ist ein Mensch, der seiner inneren Stimme folgt, der Verantwortung für die soziale Gemeinschaft übernimmt und sich für die Entwicklung des Landes engagiert. Daher ist sie ein Vorbild für andere. Die Filmautorin Cristina Seitz-Ferro porträtiert sie als Visionärin, die sich von ihren inneren Bildern leiten läßt und sie realisiert. In welchem Menschen schlummern keine Träume, keine Wünsche nach Gerechtigkeit, nach Gemeinschaft, nach Selbstverwirklichung? Das weckt Sym-pathien. Der Film zeichnet Bibi Russell als „den Engel von Bangladesh“, die ihre Heimat bei den Armen sieht, sich mit ihnen auf eine Ebene stellt, obwohl sie gesellschaftlich zur Oberschicht zählt und die Not der Armen nicht teilt. Seitz-Ferro beschreibt ihren familiären Hintergrund als prägend für die freiheitsliebende und weltoffene Individualistin, die ihrem Land wie ihr Vater verbunden ist. Immer wieder betont die Filmautorin, ihre tiefe die Beziehung zur Landbevölkerung. Es wirkt fast etwas dick aufgetragen. Dass sie ihre Karriere aufgegeben hat, kam nicht unüberlegt. Schließlich werden Top-Models auch älter und sind dann weniger gefragt. Die Geschäftsfrau Bibi Russell, die mit ihrem gestalterischen Talent der armen Landbevölkerung neue Wirtschaftschancen und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen will, erscheint als Multitalent, die ihr Unternehmen alleine managt und die Angestellten selbst anlernt. Das ist außergewöhnlich. In ihrem Büro arbeiten rund 20 MitarbeiterInnen. Dazu kommen die NäherInnen in der Schneiderei. Das Unternehmen „Bibi Productions“ bleibt für den Zuschauer im Vagen. Es bleibt unklar, wie die Arbeit organisiert ist und wie die Produkte vermarktet werden. Was die Armen auf dem Land durch ihre Arbeit verdienen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten, sind brisante Fragen, weil Bekleidung in großem Stil für den Export meist unter Sweatshop-Bedingungen hergestellt werden (s.u.). Das kann auf dem Land natürlich besser sein. Laut Bibi Russell gibt es eine Million Handweberfamilien, in denen je 5 bis 10 Personen mitarbeiten. Die Zahl der 35.000 Färber, Weber, Näher(-Innen), die ihr in den letzten Jahren zugearbeitet haben, erklärt Cristina Seitz-Ferro aus der Zusammenarbeit mit wechselnden Entwicklungsorganisationen wie Grameen Uddog oder Proshika, die im Film aber nicht vorgestellt werden. Grameen Uddog ist eine Tochter der Gramee-Bank, die Kleinkredite vergibt. Proshika ist eine regierungsunabhängigge Entwicklungsorganisation, die auf "Empowerment" der armen Landbevölkerung setzt. Bei grossen Aufträgen sollen diese Parnter sehr viele Weber erreichen und Qualitätskontrolle betreiben. Die Grameen Uddog habe Bibi Russell in der Organisation und im Marketing der ersten Kollektion unterstützt, so Ferro. - Aktuell abeite Bibi Russell auch mit Jute Accessoires, handgeschöpftem Papier und diversen anderen Dingen. Nicht unter 40.000 Menschen sollen laut ihren Angaben durch sie Arbeit finden. (s.a. www.bangladeshshowbiz.com/bibi/bibi_contact.html) Neben ganz exklusiven Kollektionen erarbeitet Bibi Russell parallel weniger teure. Fürs Marketing orientiert sie sich nach Westen und kann ihre Kontakte aus der Zeit als Model nutzen. Denn in Asien sei die Konkurrenz zu groß, so Ferro. Auf internationalen Modeschauen stellt sie ihre Kollektionen vor. Für den englischsprachigen Raum und der Europäische Union hat sie Vertreter, die ihre Kollektionen vertreiben. Ihre exklusive Kollektion zielt auf ein kleines, auserlesenes Publikum. Um mit ihrer einfacheren Kollektion große Stückzahlen in kurzer Zeit zu produzieren, braucht sie dagegen externe Partner. Es ist für ihr Unternehmen eine große Herausforderung bestimmte Qualitätsstandards, wie sie sich für exklusive Mode entwickelt haben, unter den extrem schwierigen Bedingungen der Heimarbeit zu realisieren. Das betrifft auch die Echtheiten der Naturfärbungen. Der Film vermittelt, dass ihre Kollektion „Stars of Bangaldesh“ in der Modewelt in Europa ankommt. Sie wirkt als tragbare, vielschichtige und fröhliche Mode mit schönem Farbenspiel und fließenden Stoffen, die viele traditionelle Stilelemente enthält. Vieles spricht für ihren Erfolg: Traditionelle Stilelemente haben ihren festen Platz im Repertoire der Modeschaffenden. Außerdem ist der Trend zur Natürlichkeit schon längerfristig präsent. Russell arbeitet daran, die Stoffmuster den wechselnden Modeströmungen anzupassen. Derzeit ist zudem Exklusivität en vogue, edle Naturstoffe wie handgefärbte Seiden oder transparente Materialien. Dem kommt zu gute, dass Kleidung wieder stärker als Statussymbol genutzt wird. Handgemachtes wird aber nicht per se mehr geschätzt als maschinell Gefertigtes. Ihre Designermode muss exklusiv vermarktet werden und ihren Preis haben, damit am Anfang der Kette noch etwas ankommen kann. Bibi Russell will alte Kulturgüter retten, wie die Technik der Jamdani -Weberei oder der Naturfärberei. Dabei steht sie den traditionellen Produktionstechniken nicht besonders kritisch gegenüber. Technologisch gesehen handelt es sich um Nischenprodukte. Brisant ist das Thema Kinderarbeit, weil auch Kinder an der Herstellung ihrer Stoffe beteiligt sind. Aus ihrer Sicht sollten Kinder zur Schule gehen. Für Bibi Russell steht aber nicht in Frage, dass sie mit Web- und Stickarbeiten zum Familieneinkommen beitragen sollten und die traditionellen Techniken mit bewahren sollen. Das Problem bleibt ungelöst. Zu unterscheiden ist die Mithilfe von Kindern in der Familie von Fabrikarbeit wie in einer Weberei. Auch die Naturfärberei auf traditionelle Weise sieht sie nicht als Eingriff in die Natur an, selbst wenn ihre verstärkte Nachfrage lokal zu erheblicher Gewässerbelastung führen. Außerdem ist der Arbeitsschutz kein Thema. Die Färber stehen ohne Schutz mit barer Haut in den belasteten Spülwässern. Ein modernes Herangehen fordert jedoch, angepaßte Technologien anzuwenden, um einerseits das ökologische Gleichgewicht zu erhalten und andererseits den Gesundheitsschutz der Arbeitenden zu bedenken.
Hintergrund
Wo steht Bangladesh in der Entwicklung heute? Bangladesh zählt zu den ärmsten Volkswirtschaften mit einem Brutto-Inland-Produkt/Kopf von 350 US$ 1997-98. 48 Prozent leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze (Human development report 1997). Die soziale Absicherung erfolgt durch die Familie. Es besteht keine Schulpflicht. Armut, unzureichende Hygiene und das tropische Klima beeinträchtigen die Gesundheit. Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung oder Tuberkulose dominieren. Das Bevölkerungswachstum und der Mangel an Boden haben dazu geführt, dass sich Ackerbau und Siedlungen immer weiter in das Mündungsdelta von Ganges und Brahmaputra vorgeschoben haben. Die Volkswirtschaft des Landes ist von der Landwirtschaft geprägt. Viele Betriebe gehören zur Klein- und Heimindustrie, nur wenige sind große oder mittlere Betriebe. Im letzten Jahrzehnt haben sich die Produktion der Textil- und Lederindustrie neben der Chemie- und Nahrungs-mittelindustrie etwa verdoppelt. Doch der inländische Markt hat nur eine sehr begrenzte Aufnah-mefähigkeit. Das Textilhandwerk, wie es im Film gezeigt wird, stammt aus der vorindustriellen Zeit. Seit Beginn des industriellen Zeitalters ist der Aufwand an menschlicher Arbeit, um Garn oder Gewebe herzustellen, jeweils alle 75 Jahre um einen Faktor 10 reduziert worden. Trotzdem spielt die Handweberei in Bangladesh noch eine Rolle, zum Beispiel für hochwertige Saris. Selbsthilfeprojekte auf dem Lande setzen bei der Verarbeitung der Stoffe an. Durch Nähun-terricht und die Verteilung bzw. Finanzierung von Nähmaschinen sollen Frauen Kleidung für sich und andere herstellen lernen bzw. in der Bekleidungsindustrie Beschäftigung finden. Ganz im Gegensatz zum Nachbarn Pakistan gibt es kaum die Spinnereien und Webereien, weil im Land nur wenig Baumwolle angebaut wird und es nicht lohnt, diese einzuführen. Die Tex-tilindustrie arbeitet erfolgreich mit importierten Halbfertigwaren. Daraus entstehen Fertigwaren, Wirkwaren und Handarbeitsartikel für den einheimischen Markt und den Export. In der exportorientierten Produktion von Fertigtextilien und Strickwaren sind über 3500 Beklei-dungsfabriken entstanden. Hier arbeiten 1,8 Millionen ArbeiterInnen, zu 80 % Frauen, die vom Land kommen. In den letzten zehn Jahren haben sich die Exporterlöse für Fertigtextilien und Strickwaren auf über 4 Mrd. US$ vervierfacht und liefern damit den größten Teil der Deviseneinnahmen des Landes. Bis 2005 erwartet die Regierung hier ein Ansteigen der Be-schäftigung um weitere 1,7 Mio. Schwieriger wird die Situation, wenn die Quoten des Multifaserabkommens nach 2005 auslaufen und Bangladesh den leistungsfähigen Konkurrenten China, Indien und Pakistan ausgesetzt sein wird. Einen Spielraum zur Erhöhung der inländischen Wertschöpfung sehen die Experten in der Verstärkung der inländischen Produktion von Garnen, Stoffen und Accessoires, die für Fertigtextilien noch zu 70 % importiert werden. Die wichtigsten Ausfuhrmärkte für Bangladesh sind die EU und die USA. Durch den Boykott von Waren, die mit Kinderarbeit produziert werden, waren im Jahr 1995 die Textilexporte in die USA vorübergehend gefährdet. (Wolf-Peter Zingel / Südasien Institut Universität Heidelberg, s.a. Wirtschaftshandbuch Asien Pazifik 2000/2001, Hamburg, Ostasiatischer Verein e.V.)
In der Regel sind die Arbeitsbedingungen in der exportorientierten Bekleidungsindustrie Bang-ladeschs äußerst schlecht, wie die Clean Clothes Campaign dokumentiert hat (www.clean-clothes.org, www.saubere-kleidung.de). Viele Arbeitsverhältnisse sind ausbeuterischer Natur, ohne Qualifizierungschancen, ruinieren die Gesundheit und gewähren kein ausreichendes Auskommen. In Bangladesh wird zu Niedrigstlöhnen konfektioniert. Eine Untersuchung der Arbeitsbe-dingungen in Asien benennt den Lohn für einen 12-Stunden-Tag im Juli 1998 mit 63 p, weniger als die bekannte Statistik von Werner International Management angibt (28 p/h für 1996). (vgl. Duncan Green: Fashion Victims, CAFOD, London 1998) Die Gewerkschaften kämpfen um einen freien Tag in der Woche und freie Gewerkschaften in den Freihandelszonen (EPZ’s). Die Internationale Textilgewerkschaft ITGLWF klagt die Untätigkeit der Regierung an, die es vernachlässigt, Gesundheits- und Sicherheitsstandards in Bekleidungsbetrieben durchzusetzen, denn die Kette der Brandkatastrophen reißt nicht ab. Im letzten Jahr haben wieder 84 Menschen durch Feuer in Dhakas Bekleidungsfabriken ihr Leben verloren. (ITGLWF 8/2001)
Zum Einsatz des Films
Der Film eignet sich für ein breites Publikum, zum Beispiel für junge Erwachsene, aber auch für Kinder. Er stellt keine besonderen Voraussetzungen an fachliches Wissen. Er kann Jugendlichen anschaulich machen, wie früher Textilien produziert wurden und einen Einstieg geben, auf einem kleinen Handwebrahmen selbst etwas zu weben oder ein Museum zum Thema zu besichtigen wie das Haus der Handweberei in Sindelfingen. (Interessenge-meinschaft Handweberei, Corbeil-Essonnes-Platz 4, 71063 Sindelfingen, Tel. 07031-80 39 06, Büro: Frau Naumann)
Jugendliche können der Frage nachgehen: Wer bietet heute noch handgewebte Stoffe an, woher kommen und was kosten diese? (z.B.: Weltläden, Panda Versand, Ettlingen, www.panda.de, Handwebermarkt in Weyarn bei München/September, Kokate im Wendland/Pfingsten, Kölner Kunsthandwerkermarkt und Europäischer Kunsthandwerkermarkt, Aachen) Die unterschiedlichen Entwicklungschancen für Jugendliche in Nord und Süd werden ange-sprochen, Kinder an Knüpfstühlen und Straßenkinder. Das Thema Kinderarbeit kann vertieft werden (s.u.), oder man könnte Kontakt zu einer Schule in Bangladesh aufnehmen. Die GHS in Epfendorf betreibt z.B. einen Austausch mit einer Grundschule in Ruhea, Bangladesh. Vgl. die beiden Seiten: http://ghwrs.epfendorf.schueler.bei.t-online.de/skript/projekte/bangladesh.htm sowie www.virtualbangladesh.com/
Jugendliche sind auf der Suche nach ihrem Bekleidungsstil und probieren verschiedene Stilrichtungen wie Ethno-Stil aus. Der Film kann in die Frage münden: wie werden unsere Kleider normalerweise gemacht? Dazu gibt es eine Fülle von Materialien für den Unterricht (s.u.).
Der Film kann junge Erwachsene auch dazu anregen, über den eigenen Traum nachzudenken, sich die Fragen nach dem woher komme ich, wohin will ich zu stellen und was muss ich dazu noch lernen?
Literaturhinweise
Zeichen setzen gegen Kinderarbeit. Ein Informationsmaterial für Weltläden und Gruppen, Fair Trade e.V. (Hrsg.), Wuppertal 1998, 67 S., Bezug: Fair Trade e.V. Gewerbepark Wagner/Bruch 4, 42279 Wuppertal, Fax: 0202-64 89 235, Tel. 64 89-221, e-mail: info@fairtrade.de
Vom Leben und Arbeiten der Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika: Sie halten die Fäden in der Hand, Misereor (Hrsg.) – Materialien für die Schule für Bildungsarbeit und Freizeitpädagogik 15, Arbeitsmappe mit Broschüren und Postern 1994, Bischöfliches Hilfswerk Misereor e.V., Mozartstr. 9, 52064 Aachen, Tel/Fax: 0241-47 98 642, e-mail: MVGvertr@aol.com
Wer mehr darüber vermitteln will, wie Mode gemacht wird, dem sei die Schweizer Unterrichts-einheit: Kleider, Mode, Märkte empfohlen. Hrsg: Erklärung von Bern, Greenpeace Schweiz, Schulstelle der Hilfswerke, ropress, Zürich 1995, ISBN: 3-905550-14-8, Bezug: EvB, Quel-lenstr. 25, Postfach 177, CH-8031 Zürich, Tel. 0041-1-27 16 434, Fax: 0041-1-27 26 060
Hintergründe zu Kleidung, Ökologie, Ökonomie und Gesundheit für die Sekundarstufe II und Erwachsenenbildung liefert das Unterrichtsmaterial „In Hülle und Fülle" von der Stiftung.
Themenheft Textil und Bekleidung, Hrsg. BUND, Redaktion Globus, Stuttgart 1996; darin u.a.: Reise in die Naturfärberei, Monika Balzer, S. 37f
Verbraucher Institut, Berlin 1999, ISBN 3-923798-77-6, Bezug: Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., Markgrafenstr. 66, 10969 Berlin, Tel. 030-25 80 00, Fax: 25 80 02 18, e-mail: info@vzbv.de, www.vzbv.de
Arbeitshilfen für die Jugendarbeit bietet der BDKJ mit der Mappe: Jugend, Kleidung, Mode – vom Baumwollfeld zur Altkleiderkiste. Bezug: Amt für Jugendarbeit der EKIR, Mainzer Str. 73, 56068 Koblenz, Tel. 0261-34 830, Fax: 12 675
Jeansparcour-Aktionskoffer enthält 20 Infotafeln aus Stoff zur textilen Kette und Tips zur Unterrichtsgestaltung: Initiative Solidarische Welten e.V. – Weltladen Marburg, Roter Graben 2, 35037 Marburg, Tel./Fax: 06421-68 62 44
Das Buch „Gezähmte Modemulties“ von Bettina Musiolek (Hg.) enthält ein Kapitel über die Realität von Arbeitsnormen in Bangladesh am Beispiel von H&M und C&A, S. 39-47, Brandes & Apsel / Südwind, Frankfurt 1999, ISBN 3- 86099-185-X
Hintergrundinformationen zur Nachhaltigkeit von Bekleidung liefert das Buch „Gerechte Kleidung, Fashion öko fair, Ein Handbuch für Verbraucher“ von Monika Balzer, 482 S., Hirzel Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-7776-1010-0
Medien
GEHEIMAKTE T-SHIRT Der Schweizer Öko-Mode auf der Spur Sigrid Faltin / Peter Ohlendorf, Deutschland 1996 30 Min., f., Reportage, Video Verleih: EMZ 1-19 OBURONI WAWU Die Kleider der toten Weissen Franziska Strobusch / Boris Terpinc, Deutschland 1995 55 Min., f., Dokumentarfilm Verleih 16mm: EZEF Verleih Video: EMZ 1-19
MBOGOS ERNTE (Nachfolgefilm) Peter Heller, BRD 1979/80 63 Min., f., Dokumentarfilm Verleih 16mm: EZEF, EMZ 2,4,6,7,10-12
Monika Balzer Oktober 2001
Artikel zuletzt geändert am: Donnerstag, 3. Januar 2002 16:07
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