Link zum Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik
Über das EZEF
Verleih
Veranstaltungen
EZEF-News
EZEF Fiominfo
EZEF-Arbeitshilfen
Presse-Informationen
Ihr Kontakt zu uns!
Interessante Links
Suchen Sie in unserem Katalog!
Link zur EZEF Startseite

Evangelisches Zentrum
für entwicklungsbezogene Filmarbeit



    Link zur eed Startseite

EZEF-Arbeitshilfe



Das Seil (Argamshaa)

Nr. 141

Regie und Buch: Nansalmaagin Uranchimeg, Kamera: Shigshid Binder, Mongolei 1991
Spielfilm, 70 Minuten, sw, Original mit deutschen Untertiteln
Verleih 16mm: EZEF
Verleih Video: verschiedene EMZ (anzufragen bei EZEF)


Inhalt:

Ulan Bator in der Dämmerung. Man sieht eine Gestalt an einem Seil hängen, die Gestalt klettert an einer Hauswand herab und verschwindet in einem Fenster. Es ist Tugulder, ein Zwölfjähriger, der von Diebstählen lebt. Er öffnet die Tür, zwei Männer dringen ein und räumen die Wohnung leer.
Der Junge lebt tagsüber auf der Straße, nachts schläft er zusammen mit anderen Straßenkindern in einem unterkellerten Verschlag. Mit diesen Freunden verbringt er den Tag, sie kaufen Lose, spielen und stehlen. Seinen Verdienst braucht Tugulder für seinen Lebensunterhalt und vor allem will er einen Grabstein für seinen toten Vater kaufen, den er sich in einem Steinmetzbetrieb aussucht. Er leistet eine Anzahlung und gibt den Auftrag, ein Wort in den Stein einzumeißeln.

Er besucht seine Mutter, um zum wiederholten Mal nach dem Grab des Vaters zu fragen. Die Mutter, die inzwischen mit einem anderen Mann zusammenlebt, reagiert sehr abweisend Wie sehr ihn diese Zurückweisung trifft, ist an seinem Gesicht abzulesen.
Ein Polizeibeamter legt Tugulder die Fotos seiner Komplizen vor. Er gibt vor, sie nicht zu kennen. Aber er ist gewarnt. Nachts träumt er, daß er abstürzt und wacht schreiend auf. Und doch steigt er wieder in das Auto von Sainaa, um zum nächsten Einbruch zu fahren.

Auf einem Friedhof lernt er einen alten Mann kennen, der sich ihm väterlich zuwendet und ihn, als er seine Einsamkeit spürt, zu sich nach Hause einlädt. Mit ihm kann sich Tugulder über den Tod des Vaters unterhalten. Als er nach einigen Tagen dem alten Mann wieder begegnet fragt er ihn, ob er als sein Enkel bei ihm leben kann. Der Wahlgroßvater weiß inzwischen, daß der Junge stiehlt und nimmt ihn mit in den Tempel, um ihm andere Werte zu vermitteln und in die Welt des Buddhismus einzuführen.
Als der beste Freund Enchee von einer Diebestour mit Sainaa nicht mehr zurückkommt, ist Toguldur untröstlich. Nun läßt er den Steinmetz den Namen des Freundes in den eigentlich für den Vaters bestimmten Grabstein meißeln, um sein Andenken aufrecht zu erhalten.

Die Diebe suchen und finden den Jungen, der sich ein letztes Mal von einem Hochhaus abseilen läßt. Während er in der Wohnung ist, läutet das Telefon. Er nimmt ab und sagt der Wohnungsbesitzerin, daß in ihrer Wohnung gerade ein Einbruch stattfindet. Sainaa entdeckt den Verrat, lauert Tugulder auf und versucht ihn mit dem Auto zu überfahren. Dabei wird Tugulder verletzt. Die letzte Einstellung des Filmes zeigt aber, wie er sich erhebt und taumelnd auf den Hof des Großvaters zuläuft.


Zum Film:

Der Film zeigt nicht die Naturschönheiten der Mongolei, selbst die Yaks kommen nur als Traumbilder vor. Er zeigt die Verlierer der post-sozialistischen Gesellschaft, die Kinder, die im Transformationsprozeß keinen Platz finden. Der mongolische Titel Argamshaa bedeutet Leibeigenschaft, der deutsche Titel Das Seil wird dem Leben des Jungen und seiner Freunde in doppelter Weise gerecht.

Die mongolische Regisseurin Nansalmaagin Uranchimeg ist 1956 in Ulan Bator geboren und hat an der Moskauer Filmhochschule (Abt. Drehbuch) studiert. Das Seil ist ihre erste Regiearbeit. Der Film erinnert stark an den italienischen Neorealismus und er läßt sogar an die 10 Geboten des dänischen Filmemacherkollektivs Dogma 95 denken, auch wenn er damit direkt natürlich nichts zu tun hat. Jedenfalls ist der Film auch eine Herausforderung an mitteleuropäische Sehgewohnheiten.

 

Hintergründe:

Die Mongolei: Das zentralasiatische Land ist seit 1992 Republik (vorher Volksrepublik) und das achtzehntgrößte Land der Erde, mit 1,6 Personen pro Quadratkilometer sehr dünn besiedelt. Von den 2,5 Millionen Einwohnern leben 61% in Städten, allein in Ulan-Bator 632.000 (1996). Die Hauptsprache ist Mongolisch, 90% der Bevölkerung sind Buddhisten (Lamaisten). (nach: Fischer Weltalmanach, 1998)

Nach dem Ende des Kommunismus sieht sich die Bevölkerung einem radikalen Reformkurs ausgesetzt, der unter anderem zu dem führt, was die Regisseurin in einem Interview Ende 1996 beschreibt. Auf die Frage nach den sozialen Veränderungen antwortet sie: „Als der Film 1991 gedreht wurde, hatte dieser Transformationsprozeß gerade erst begonnen, und wir befinden uns noch mitten in diesem Umbruch. Solch weitreichende Veränderungen bringen zwangsläufig Probleme mit sich. Ich denke, unsere Gesellschaft hat sich noch nicht festgelegt, wohin die Entwicklung gehen soll, sie hat noch keine Orientierung gefunden.“ (vgl. u.).

Familien sind hierarchisch gegliedert, Kinder erweisen den Eltern stets ihren Respekt. Daß Toguldur sein Zuhause verlassen hat und wie seine Mutter mit ihm und er mit seiner Mutter umgeht, zeigt in welchem Ausmaß sich die traditionellen Werte verändern. Gäste sind geachtet, ihnen steht in der traditionelle Jurte der Ehrenplatz zu - wie der alte Mann zu Toguldur sagt "Komm, setzt dich oben hin". Daß die Achtung der Toten eine große Bedeutung hat, zeigt die Suche des Jungen nach dem Grab des Vaters und die Anmerkung des Alten, „man sagt, es ist gut, den Verstorbenen etwas Gutes zu tun.“
Straßenkinder gibt es mittlerweile nahezu in allen Ländern dieser Erde. Die Frage nach der Authentizität ihres Helden Tugulder wird von Nansalmaagin Uranchimeg in dem unten vollständig ausgeführten Innterview so beantwortet: „Das Leben selbst hat mich dazu gebracht. Damals gab es ungefähr 300 Straßenkinder in Ulan Bator. Sie haben sich zum Beispiel in Zügen herumgetrieben. Mittlerweile sind es sehr viel mehr geworden. Ihre Geschichten sprechen für sich.“


Zum Einsatz des Filmes:

Der Film ist für Kinder ab 10 Jahren geeignet. Daß er in keinster Weise Kindern bekannten Filmen oder Fernsehsendungen entspricht, macht seine Herausforderung aus. Eine gute Vor- und Nacharbeit ist deshalb aber unerläßlich.

Daß der Film nicht synchronisiert, sondern untertitelt ist, muß bei einem jugendlichen Publikum auch bedacht werden. Um die Konzentration der Kinder nicht zu stören, sollte entweder ein Erwachsener oder ein Kind mit guter Lesefertigkeit die Untertitel für alle laut vorlesen.
Weil im Film wenig gesprochen wird, stellt die Untertitelung kein Hindernis dar. Daß es nur wenige Dialoge gibt und die Filmemacherin ganz auf die Bilder vertraut, sollte oder kann im Gespräch aber thematisiert werden. Der Film lebt durch seine Bilder - auch wenn die langen Einstellungen für viele Kinder zunächst ungewöhnlich sind. Die sich bei manchen dabei einstellende „Langeweile“ sollte ausgehalten werden, und vielleicht läßt sich auch darüber ins Gespräch kommen.

Damit die kindlichen Zuschauer der Handlung besser folgen können, sollte sie vorher grob skizziert werden, wozu auch die Namen der Hauptpersonen gehört.
Durch seine scheinbare Ereignislosigkeit, bietet der Film eine Fülle von Gesprächsansätzen.

Die meisten Kinder nehmen den Film zunächst als Abenteuergeschichte wahr, in der jemand außergewöhnliche Geschicklichkeit besitzt und in Gefahr gerät. Daß es eine moderne Oliver Twist-Geschichte ist, muß der Erwachsene einbringen.

Daß und wie Tugulder alleine lebt, führt unmittelbar zur Problematik von Straßenkindern. Da dies nicht mehr nur ein Phänomen von Entwicklungsländern, sondern auch in Deutschland allgegenwärtig ist, läßt sich dieser Aspekt des Filmes ausführlich entlang der Erfahrungen und Vorstellungen der Kinder diskutieren.

Der Tod des Vaters des Jungen und das Fehlen eines Ortes des Gedenkens, ist für all die Mädchen und Jungen nachvollziehbar, die den Tod eines Angehörigen erlebt haben. Ihre Erfahrungen können wichtig für die anderen sein und helfen, das Verständnis für eine andere Kultur, ein anderes Wertesystem zu wecken.

Auch der offene Schluß des Filmes bietet verschiedene Anknüpfungspunkte für das Filmgespräch. Ist Tugulder wirklich gestorben und sein taumelnder Gang zum Gehöft des alten Mannes nur seine letzte phantasierte Wunschvorstellung ehe er stirbt? Oder ist er nur schwer verletzt und er kann sich aus eigener Kraft zum Hof des Großvaters schleppen? Wie verstehen die Kinder und Jugendlichen diesen Schluß? Was spricht für die eine oder andere Version der Interpretation des Filmendes? Weshalb hat dies die Regisseurin so offengelassen?

Die meisten Völkerkundemuseen besitzen Zeugnisse mongolischen Alltagslebens. Der Film läßt sich durchaus als Ergänzung zu einem Museumsbesuch einsetzen, da durch ihn Veränderungen, aber auch Konstanten sichtbar werden.

Das Seil ist nicht nur ein interessantes Dokument neueren Filmschaffens in der Mongolei, sondern ebenso ein anrührender Film, sehenswert auch für Erwachsene.

 

Interview mit Nansalmaagyn Uranchimeg zu ARGAMSHAA (DAS SEIL)

F: Die Geschichte von ARGAMSHAA läßt die sozialen Veränderungen erkennen, die die Mongolei nach dem Ende des Kommunismus durchlebt. Zunehmende Kriminalität und wachsende Armut sind dabei offensichtliche Symptome. Was sind die wichtigsten Veränderungen?

A: Als der Film 1991 gedreht wurde hatte dieser Transformationsprozeß gerade erst begonnen, und wir befinden uns noch mitten in diesem Umbruch. Solch weitreichende Veränderungen bringen zwangsläufig Probleme mit sich. Ich denke, unsere Gesellschaft hat sich noch nicht festgelegt, wohin die Entwicklung gehen soll, sie hat noch keine Orientierung gefunden. Dieser Zustand eines Landes wirkt sich natürlich auf das Verhalten und die Befindlichkeit seiner Bürger aus. Vielleicht läßt sich die Situation, in der sich unsere Gesellschaft derzeit befindet, am ehesten mit einer bestimmten Phase in der Entwicklung von Teenagern vergleichen: die Kinder müßen sich verändern; aber es ist nicht leicht, alle sich ergebenden Probleme auf einmal zu lösen. Wir befinden uns derzeit in einem solchen Zwischenstadium. Der Aufbau des Sozialismus in der Mongolei war ein Irrtum, und er dauerte 60 Jahre. Diesen Irrweg zu verlassen, braucht nun auch viel Zeit. Aber meiner Meinung nach ist das Land jetzt auf dem richtigen Weg. In etwa 10 Jahren wird es uns besser gehen.

F: Wie sind Sie auf die Geschichte dieses Filmes gekommen? Ist dies das authentische Schicksal eines Jungen?

A: Das Leben selbst hat mich dazu gebracht. Damals gab es ungefähr 300 Straßenkinder in Ulan Bator. Sie haben sich z.B. in den Zügen herumgetrieben. Mittlerweile sind es sehr viel mehr geworden. Ihre Geschichten sprechen für sich.
Die Idee zu dem Film kam ganz unerwartet. Für mich war der Ausgangspunkt die Idee des Zusammentreffens eines sehr alten mit einem sehr jungen Menschen auf dem Friedhof. Dies war erfunden, bildete aber die Basis des Filmes. Normalerweise verabschieden sich die Menschen an diesem Ort - sie verabschieden sich von den Verstorbenen. Hier aber finden sich zwei einsame Menschen, Tugulder und der alte Mann. Dies war der wirkliche Anfang der Geschichte.

F: Ist der Darsteller des Tugulder selbst ein Straßenkind?
A: Nein, der Junge ist kein Straßenkind. Aber er hat viele Schwierigkeiten zu Hause. Er hat einen Stiefvater, und mit ihm gibt es oft Streit. Die Familie ist auch sehr arm und wohnt in einem sehr armen Stadtteil in der Nähe des Bahnhofs von Ulan Bator. Aber er ist kein Straßenkind. Als ich mit dem Drehbuch fertig war, ging ich auf der Suche nach einem Darsteller auch gezielt in die armen Stadtteile.
Nun unterscheiden sich aber die Dreharbeiten mit Kindern grundlegend von denen mit Erwachsenen. Kinder muß man gerade während der Dreharbeiten spielen lassen. Ich habe dem Jungen nur das in Erinnerung gerufen, was sein Leben an Schwierigkeiten mit sich bringt, wie sein Stiefvater mit ihm umgeht und wie ihn seine Mutter manchmal beschützen muß. Ähnliches geschieht mit ihm in dieser erfundenen Geschichte. Er mußte sich dabei nur an solche Situationen erinnern, um weinen zu können.

F: Können Sie etwas zur Figur des Großvaters sagen?

A: Diese Figur ist für die Geschichte erfunden. Aber es ist ein gewöhnlicher alter Mann, wie man ihn überall treffen kann, in der Mongolei aber eben auch in Japan oder in Deutschland. Nichts wünscht er mehr als ein lebendiges Wesen um sich. Und als er seine Hoffnung schon fast aufgegeben hat, geht sie doch noch in Erfüllung, als er Tugulder trifft. Und gerade diese Freude wollte ich mit diesem Film zeigen.

F: Ich habe den Großvater als ambivalent empfunden. Zögert er, den Jungen in sein Haus aufzunehmen, weil er vor der damit verbundenen Verantwortung zurückschreckt?

A: Also die beiden treffen sich ganz zu Anfang am Friedhof. Natürlich hätte er ihn auch gleich da bei sich aufnehmen können. Aber dann wäre daraus keine Geschichte geworden. Im Film gibt es deshalb die Szene, wo der Milizionär den Alten beiseite nimmt und zu ihm sagt: „Passen sie auf! Dieser Junge wird ein schlechter Mensch werden.“
Denn er weiß daß der Junge ein Dieb ist. Deshalb hat er ihn auch durchsucht. Aber als ihn der Junge fragt, ob er ihn als Sohn aufnehmen könne, zögert der Alte keine Sekunde, so sehr freut ihn diese Frage. Sie verstehen einander. Der Alte konnte an ein solches Glück gar nicht mehr glauben.Ob er ein guter oder ein schlechter Junge ist, hat für ihn bei dieser Entscheidung überhaupt keine Bedeutung mehr.

F: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Religion? Der Alte berät sich ja mit einem Mönch, ehe er den Jungen bei sich aufnimmt.

A: Bei uns sind der Buddhismus und das Alltagsleben ganz eng miteinander verflochten. Für den alten Mann ist diese Dimension ganz wichtig, aber auch ganz selbstverständlich. Ich wollte dies nicht besonders betonen. Ich kann es gar nicht voneinander trennen. Diese Bereiche gehören auch für mich selbstverständlich zusammen.
Die Mongolen sind schon sehr lange Buddhisten, diese Religion ist mit ihrem Leben deshalb sehr eng verflochten. Ich denke oft, daß diese Religion und unsere Lebensart gar nicht voneinander zu trennen sind. Und wie in jeder Religion spielt das Gute eine wichtige Rolle.
Um eine Menschenseele zu retten, mußte sich der Alte an jemanden wenden, den er besser kannte. Und das war sein Buddha. Dies hat mir einfach geholfen, des Figur des alten Mannes darzustellen. Mein Ziel war es dabei nicht, unmittelbar über die Religion in der Mongolei zu sprechen.

F: Ist diese Religiosität auch noch für die jüngeren Leute so selbstverständlich?
A: Die Religion ist bei uns für alle Menschen von großer Bedeutung. Dabei stellt die Astrologie in ihrer religiösen Bedeutung eine wichtige Verbindungen zum Alltag der Menschen her - sie bestimmt wann geheiratet wird, was die Glückstage eines Menschen sind oder wie ein Viehbesitzer mit seinen Herden umherzieht. Wenn es darum geht, wie einem Menschen geholfen werden kann, dann werden immer auch die Sternzeichen berücksichtigt. Bin ich z.B. im Jahr des Affen geboren, dann weiß ich, daß ich an einem bestimmten Tag irgendwohin verreisen muß. Dabei erinnern wir uns sowohl in unglücklichen wie in glücklichen Situationen an diese Zusammenhänge.
Diese religiöse Dimension ist für den Alten ganz wichtig. Er hat nichts mehr vor sich. Alle aus seiner Familie sind schon gestorben. Er hat keine Verwandten mehr um sich. Und natürlich denkt er in seinem Unglück auch nicht an die Kommunistische Partei.

F: Gibt es Organisationen, die sich um Straßenkinder kümmern? Helfen ihnen staatliche Stellen, oder sind sie ganz auf sich selbst angewiesen?

A: Zur Zeit gründen sich viele Organisationen, die solchen Kindern helfen. Z.T. werden sie auch aus Europa finanziert, aber nicht alle. Eine deutsche Organisation namens KARUNA kümmert sich um 50 Straßenkinder in Ulan Bator. Für mehr Kinder haben sie kein Geld. Aber es gibt der letzten Statistik zufolge ungefähr 2000 Straßenkinder, bei einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Millionen Einwohnern.

F: Ein anderes Thema. Europäische Kritiker haben ihren Film oft mit dem Stil des italienischen Neorealismus in Verbindung gebracht. Sie selbst sind in Moskau an der berühmten Filmhochschule WGIK ausgebildet worden. Thematik und Ästhetik ihres Filmes haben auch mich gleich an die Filme von de Sica denken lassen. Was meinen Sie zu diesem Vergleich?

A: Viele haben mich schon danach gefragt. Ich mache mir auch schon Gedanken darüber, aber es war nicht mein Ziel, den italienischen Neorealismus oder irgend etwas anderes nachzuahmen. Dieser Film hat sich vielmehr so ergeben. Wenn man ein Leben ehrlich zeigen will, dann findet man zwangsläufig zu dieser Form von Filmen. Dies ist das ‘Rezept des italienischen Neorealismus’.
Auch die Entscheidung, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen war nur konsequent. Der Film hätte sonst etwas ganz Spezifisches verloren.

F: Haben Sie filmische Vorbilder?

A: Ja, z.B. der japanische Regisseur Akira Kurosawa. Es gibt natürlich auch noch andere. Aber es sind eher Filme, die ich mag, und deren Regisseure ich dann eben sehr schätze. Z.B. ‘Der letzte Kaiser’, für diesen Film habe ich Bertolucci geliebt. Aber als ich dann ‘Der kleine Buddha’ von ihm gesehen habe war ich sehr enttäuscht. Aber man kann natürlich nicht bei allen Filmen ein guter Regisseur sein. Dies gilt natürlich auch für Kurosawa. Nicht alle Filme von ihm gefallen mir. In seiner Jugend hat er sehr gute Filme gemacht, seine letzten waren dagegen schlecht.

F: Wie ist es derzeit um die Kino-Infrastruktur in der Mongolei bestellt? Wie wurde DAS SEIL ausgewertet?

A: Jeder Film hat sein eigenes Schicksal. ARGAMSHAA war gerade fertig, da hörte ich daß einige japanische Filmkritiker in die Mongolei gekommen seien, um eine Auswahl der besten mongolischen Filme seit den 30er Jahren zusammenzustellen. Sechs Filme wurden dabei ausgewählt. ARGAMSHAA war dabei, und ich habe mich darüber natürlich sehr gefreut. So ist mein Film durch die Welt gegangen. Im Ausland ist er vielleicht sogar bekannter als in der Mongolei. Er ist bei uns aber gut angekommen. In Ulan Bator gibt es nur vier Kinotheater. Aber der Film wurden in allen vier Kinos gezeigt.

F: Ist der Verleih staatlich organisiert oder privat?

A: Derzeit ist alles ein großes Durcheinander in der Mongolei. Mit der Filmkunst ist es nicht besser. Zur Zeit kann ich den Film selbst an die Kinos verleihen. Es war jedoch ganz schwierig als der Film gerade fertiggestellt war. Niemand wollte für ihn Verantwortung tragen. Und nur die staatlichen Studios konnten Verleihverträge abschließen. So wurde der Film zunächst auch verliehen. Aber dann sind die Studios aufgelöst worden. Oder sie konnten die Filme nur noch untereinander tauschen. Auf diese Weise wurde der Film auch eigentlich durch einen Zufall in der Mongolei gezeigt. Ein Gremium von 23 Direktoren von Kinotheatern hat ihn in Ulan Bator gesehen, und sechs davon haben Kopien gekauft und den Film dann auch gezeigt.
Auch im Fernsehen wurde der Film zweimal gezeigt. Japan hat die Rechte für das Fernsehen gekauft. Der Film wurde dort mehrfach gezeigt.

F: Woran arbeiten Sie derzeit?

A: Ich habe zur Zeit viele Projekte. Aber vielleicht bleiben sie nur Träume. Letztes Jahr habe ich ein eigenes Drehbuch verfilmen können. Es geht um einen jungen Reiter. Der Film spielt in der mongolischen Steppe. Finanziert wurde er durch das japanische Fernsehen. Außerdem habe ich Pläne zu einer Tragikomödie mit Straßenkindern und zu einer traurigen Geschichte über zwei Verliebte.
Aber es ist derzeit sehr schwierig, Geld für ein neues Projekt zu finden. Dabei ist es in der Mongolei sehr viel billiger Filme zu drehen als im Westen. Mit 100.000 $ konnte ich diesen Spielfilm für Japan drehen.


(Dieses Gespräch wurde von B. Wolpert anläßlich des 16. Augsburger Kinder Film Festes, im November 1996 in Augsburg geführt. Übersetzt wurde es aus dem Russischen von Inna Reinfeldt)

 


Weitere Informationen:

? Unterrichtsmaterialien Mongolei
Verstehen und verstanden werden
 INTERKOM Bonn, Postfach 120 519, 53047 Bonn
 
? Großer Tiger und Christian
Fritz Mühlenweg
dtv München
 
? Oliver Twist
 Charles Dickens


Medienhinweise:

URGA
Regie: Nikita Michalkow, UdSSR/Frankreich 1991
120 Min., f., Spielfilm
Verleih 16mm: EMZ 7,12

GREGORIO
Regie: Grupo Chaski, Peru 1984
90 Min., f., Spielfilm, OmU
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 2-13
Verleih Video:  EMZ 2,6,11,15

GREGORIO UND JULIANA
Regie: Augusto Tamayo, Peru/Deutschland 1995
90 Min., f., Spielfilm
Verleih 16mm: EZEF, EMZ 2,12
Verleih Video:  EMZ 2,4,5,12,13

SALAAM BOMBAY
Regie: Mira Neir, Indien/Frankreich/Großbritannien 1988
113 Min., f. Spielfilm, dt. Fassung
Verleih 16mm: EZEF. EMZ 2,4,7,10
Verleih Video:  EMZ 2,3,10,11,13,15

 

Ursula Pattberg                  Mai 1999


Evangelisches Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit
Kniebisstraße 29, 70188 Stuttgart
Telefon: 0711 - 28 47 243, Fax: 0711 - 28 46 936
Mail: info@ezef.de

Design: i-public Agentur für Kommunikation und Multimedia